{"id":72130,"date":"2021-05-04T12:30:38","date_gmt":"2021-05-04T10:30:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72130"},"modified":"2021-05-04T14:20:21","modified_gmt":"2021-05-04T12:20:21","slug":"die-querdenker-und-die-linke-und-was-ist-mit-den-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72130","title":{"rendered":"Die Querdenker und die Linke. Und was ist mit den Gewerkschaften?"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Corona-Krise ist nicht nur die Linke weitgehend abgetaucht. Auch die Gewerkschaft, also der Deutsche Gewerkschaftsbund\/DGB &uuml;bt sich vor allem in Schweigen. Medial ist ganz viel von Querdenkern die Rede und von all denen, die sich dagegenstellen. Auffallend still ist es jedoch um die Gewerkschaften. Gibt es sie noch? Sind sie nicht der Rede wert? Von <b>Wolf Wetzel<\/b><br>\n<!--more--><br>\nGanz n&uuml;chtern muss man festhalten, dass der DGB eine zentrale Rolle im Pandemiegeschehen spielt. Der DGB deckt &ndash; rein beruflich &ndash; das gr&ouml;&szlig;te Feld des Pandemiegeschehens ab, das Berufsleben. Nat&uuml;rlich hat er auf die Opfer der Pandemie hingewiesen, die &bdquo;Held*innen an der Front&ldquo; gelobt und auch ein bisschen Geld gefordert. Aber hat sich der DGB ausdr&uuml;cklich und klar zu den Corona-Ma&szlig;nahmen ge&auml;u&szlig;ert?<\/p><p>Hat er etwas dazu gesagt, dass seine Mitglieder nach der Arbeit nicht mehr ins Caf&eacute;, ins Kino d&uuml;rfen, weil selbst bei Einhaltung der AHA-Regeln ein Infektionsrisiko nicht auszuschlie&szlig;en ist? Hat der DGB etwas dazu gesagt, dass seine Mitglieder nach der Arbeit auf keiner Parkbank sitzen d&uuml;rfen, weil diese sich in einer Verweilverbotszone befindet?<\/p><p>Hat der DGB seinen Mitgliedern erkl&auml;rt, wie bekloppt man sein muss, all das hinzunehmen, und gleichzeitig alles daf&uuml;r tut, dass seine Mitglieder acht Stunden und mehr in geschlossenen R&auml;umen, mit ganz vielen Kollegen einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind, das deutlich h&ouml;her ist als im Privatbereich?<\/p><p>Man muss wissen: Was im Privatbereich gilt, was es dort an Einschr&auml;nkungen, Sanktionen und Verboten gibt, gilt nicht f&uuml;r den Produktionsbereich, schon gar nicht f&uuml;r die Schl&uuml;sselindustrien, wo man bekanntlich nicht im Home-Office Autos montieren, Maschinen bauen und Computer herstellen kann. Denn der Unternehmerverband hat ausdr&uuml;cklich davor gewarnt, dieselben Ma&szlig;st&auml;be an Corona-Ma&szlig;nahmen in Gro&szlig;-Unternehmen anzulegen. Und diese Warnung wurde ganz schnell verstanden. Bis heute gibt es keine einzige Verordnung wie im Privatbereich. Alles was im Privatbereich sanktioniert ist, ist im Produktionsbereich im Flow. Alle medizinischen Erkenntnisse, die f&uuml;r den Privatbereich gelten, sind im Produktionsbereich Schall und Rauch.<\/p><p>Man darf nicht in ein Caf&eacute;, das sich an alle AHA-Regeln h&auml;lt. Aber man darf arbeiten gehen, wo es keine Verordnungen gibt, keine Sanktionen, wo alle Schutzma&szlig;nahmen im Belieben der Unternehmen liegen! Dass Gro&szlig;-Unternehmen keine Skrupel haben, ihre Extra-Legalit&auml;t zu behaupten und zu verteidigen, ist nicht furchtbar neu.<\/p><p><b>Hand in Hand &hellip; mit den Bossen<\/b><\/p><p>Aber was machen die (Einzel-)Gewerkschaften? Wehren sie sich dagegen, dass die Arbeitnehmer im 8-Stunden-Tag alle dem ausgesetzt sind und zur &bdquo;Belohnung&ldquo; abends zuhause bleiben d&uuml;rfen? Sch&uuml;tzen die Gewerkschaften ihre Mitglieder vor dieser Schizophrenie? Drohen sie wie der Arbeitgeberverband?<\/p><p>Und wie verhalten sich die Gewerkschaften zur verabschiedeten Versch&auml;rfung des Infektionsschutzgesetzes, in dem u.a. eine Ausgangssperre ab 22 Uhr festgeschrieben wurde, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz &uuml;ber 100 liegt? Warum &auml;u&szlig;ert sich der DGB nicht zu dem Positionspapier der Gesellschaft f&uuml;r Aerosolforschung (GaeF) vom 19. Februar 2021, das sehr eindeutig festh&auml;lt, dass die Ansteckungsgefahr in geschlossenen R&auml;umen sehr gro&szlig; ist (&bdquo;<i>Die &Uuml;bertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenr&auml;umen statt.<\/i>&ldquo;), hingegen im Freien sehr gering?<\/p><p>Warum sagen die Gewerkschaften nichts zu dem Irrsinn, dass man die Einschr&auml;nkungen im Freizeitbereich versch&auml;rfen will, obgleich genau diese Ma&szlig;nahmen auf das Pandemiegeschehen wenig Einfluss haben, weil sie den kleinsten Bereich des Infektionsgeschehens abdecken? Wir wissen es, nicht erst seit der Corona-Pandemie: Die Gewerkschaften sind eher Co-Piloten der Standort- und Unternehmenslogik, als dass sie sich dagegenstellen.<\/p><p>Jetzt kann man das der Schw&auml;che zuschreiben, der fehlenden Kampfbereitschaft der Belegschaft. Kann man. Aber man darf dabei nicht verschweigen, dass fast alle Einzelgewerkschaften diese Ohnmacht miterzeugen und gar st&auml;rken. Sie stellen sich sogar vor die Unternehmen und verteidigen deren Corona-Leugner-Politik. Als man es nicht mehr ganz verschweigen konnte, dass Corona auch vor Fabriken und Gro&szlig;raumb&uuml;ros nicht Halt macht, kam ganz wachsweicher Druck auf, auch die Unternehmen in die Corona-Ma&szlig;nahmen einzubeziehen. Wer kam dem laut um sich schlagenden Unternehmerverband zu Hilfe? Ja, erraten: Die Gewerkschaften.<\/p><p>Als so ganz langsam d&auml;mmerte, dass zur Eind&auml;mmung des Infektionsgeschehens nicht nur Ma&szlig;nahmen im Privatbereich notwendig sind, sondern eben &uuml;berall dort, wo die meisten Menschen die meiste Zeit zusammen verbringen, eben bei der Lohnarbeit, wagte man einen kurzen Blick hinter die verschlossenen Fabriktore. Sogar ein CDU-Mann wie Thorsten Frei, Unionsfraktionsvize im Bundestag, wagte das fast Unsagbare:<\/p><p>&bdquo;<i>Wir sollten uns die Frage stellen, ob letztlich nicht ein kompletter Lockdown von zwei bis drei Wochen besser ist als eine endlose H&auml;ngepartie<\/i>&ldquo;, sagte er dem Magazin Der Spiegel.<\/p><p>Nun fing die H&uuml;tte aber zu brennen an. Raten Sie einmal, wer ganz schnell die Feuerwehr spielte und mit L&ouml;schschaum so gar nicht sparte?<\/p><p>&bdquo;Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) h&auml;lt es zwar ebenfalls f&uuml;r n&ouml;tig, dass &sbquo;<i>alle nicht erforderlichen Kontakte eingeschr&auml;nkt werden<\/i>&lsquo;. DGB-Chef Reiner Hoffmann ist aber derzeit gegen Betriebsschlie&szlig;ungen in gro&szlig;em Stil: &sbquo;<i>Um die ohnehin angespannte Wirtschaft nicht weiter zu belasten und die Besch&auml;ftigung der Menschen zu sichern, sollten Betriebe unter Wahrung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes ge&ouml;ffnet bleiben<\/i>&lsquo;, sagte er &sbquo;nd &ndash; Die Woche&lsquo;. Nach seiner Einsch&auml;tzung &sbquo;<i>haben die letzten zehn Monate gezeigt, dass Betriebe &ndash; von der Fleischindustrie abgesehen &ndash; keine Infektionstreiber sind<\/i>&lsquo;.<\/p><p>Auch IG-Bau-Chef Robert Feiger zeigt &sbquo;<i>Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass die Politik das Wirtschaftsleben so weit wie m&ouml;glich am Laufen halten will, um einen erneuten Einbruch zu verhindern. Ein solcher w&uuml;rde am Ende auch Arbeitspl&auml;tze kosten<\/i>&lsquo;. (&hellip;)<\/p><p>Die m&auml;chtige IG Metall stellt sich ebenfalls gegen einen harten Lockdown: &sbquo;<i>In den mitbestimmten Betrieben haben unsere Betriebsr&auml;te Hygienekonzepte durchgesetzt, die Besch&auml;ftigte wirksam sch&uuml;tzen. Daher halten wir gro&szlig;fl&auml;chige Betriebsschlie&szlig;ungen derzeit nicht f&uuml;r zielf&uuml;hrend<\/i>&lsquo;, sagte ein Sprecher. (Das andere Risiko, Neues Deutschland vom 16.01.2021)<\/p><p>Zu dieser Form der &bdquo;Mitbestimmung&ldquo; &auml;u&szlig;erte sich Hans-Christian Lange, Vorsitzender der Band- und Leiharbeitergewerkschaft Social Peace, ganz anders:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Die Stimmung dort wird immer gereizter, denn viele arbeiten auf engem Raum unter st&auml;ndig steigendem Druck und f&uuml;hlen sich nicht genug gesch&uuml;tzt vor dem Virus. Nicht nur bei den Leiharbeitern in der Fleischindustrie steigen die Infektionszahlen dramatisch angesichts der dort miesen Arbeits- und Wohnbedingungen. Von den gro&szlig;en Gewerkschaften war zu den Missst&auml;nden im Metallbereich nicht viel zu h&ouml;ren.&ldquo; (Strittiges Signal der IG Metall zum 1. Mai, NDS vom 1. Mai 2021)<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Jetzt knallt es in der IG-Metall, die Sektkorken ganz oben und die Wut ganz unten: Bernd Osterloh, der wichtigste IG-Metall-Boss im VW-Konzern, wechselt auf einen Vorstandsposten der LKW-Tochter von VW, Traton. Dort wird er dem Personalvorstand angeh&ouml;ren und die anstehenden K&uuml;ndigungen exekutieren. Die einen werfen ihm nun Verrat vor. Andere werden bitter feststellen, dass er gar nicht so richtig die Seite gewechselt hat. Denn auch als Angeh&ouml;riger des IG-Metall-Establishments vertrat er vor allem Konzerninteressen und das mit einem Gehalt von &bdquo;bisher zeitweise ungeheure 750.000 &euro; im Jahr&ldquo; (s.o.). Auch das ist nicht neu, sondern hat Kontinuit&auml;t in der IG-Metall. Sein Vorg&auml;nger, der VW-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert, hat das ganz offen und schn&ouml;rkellos so formuliert:<\/p><blockquote><p>\n<i>&bdquo;Ich und die anderen (&hellip;) Wir haben die Aufgaben von Managern &uuml;bernommen.&ldquo; (s.o.)<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p><b>Doppeltes Spiel<\/b><\/p><p>Es kommt noch etwas dazu: Die Gewerkschaft deckt nicht nur die &bdquo;Corona-Leugner-Strategie&ldquo; der Unternehmen. Sie kann sich auch ganz schnell umziehen, um auf der &bdquo;anderen&ldquo; Seite mutig mit aufzulaufen, um dann lautstark gegen die &bdquo;Corona-Leugner&ldquo; auf der Stra&szlig;e zu demonstrieren.<\/p><p>So auch an dem Tag, als Querdenker in Stuttgart demonstrieren wollten und eine &bdquo;Querfront&ldquo; aus Stadtregierung, Gerichten und &bdquo;Stuttgart gegen Rechts&ldquo; daf&uuml;r sorgte, dass diese Demonstration verboten wurde.<\/p><p>Der DGB zeigte sich an diesem Tag mutig und zeigte Kante &hellip; gegen die Querdenker &hellip; f&uuml;r die Spurgeraden. Das Gewerkschaftshaus war reichlich &bdquo;geschm&uuml;ckt&ldquo; mit Transparenten, die mal so richtig zeigten, was in einer k&auml;mpferischen Gewerkschaft steckt. Man hatte ja reichlich Reserven angelegt, die man nun in die &bdquo;Schlacht&ldquo; werfen konnte. Auf der Web-Seite von &bdquo;Stuttgart gegen Rechts&ldquo; kann man es sehen:<\/p><p><strong>&bdquo;<i>Corona existiert. Die Krise l&ouml;sen wir gemeinsam. Aber niemals mit Nazis.&ldquo;<\/i><\/strong><\/p><p>Das klingt wie der &bdquo;Wachturm&ldquo;! Ach ja, Gott, pardon, Corona existiert. Was Sie nicht sagen! Also doch!? Okay, wenn das so ist und nun gewerkschaftseigenes Wissen ist, dann stellt sich nur noch die Frage: Existiert Corona auch in den Betrieben? Gelten dann dort andere Regeln als au&szlig;erhalb? Kann uns das einmal ein schlauer Gewerkschaftsfunktion&auml;r erkl&auml;ren?<\/p><p>Und gleich darauf folgt der Knaller: <i>Die Krise l&ouml;sen wir gemeinsam<\/i>. Ach ja? Echt? Wie war das in der letzten Krise 2008ff, in der Finanzkrise? Hat da nicht &Auml;hnliches auf den Transparenten gestanden, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen, dass diese Parole den Kampf bestimmt, um so etwas auch durchzusetzen? Keine Frage, man kann so einen Kampf verlieren, aber man muss ihn erst einmal beginnen, oder?<\/p><p><i>Die Krise l&ouml;sen wir gemeinsam<\/i>. Ja doch, wenn man sich ein bisschen umdreht und die Parole von hinten anschaut &hellip; k&ouml;nnte etwas dran sein: Bis heute haben alle Gewerkschaften gek&auml;mpft, zusammen mit den Unternehmen, dass Corona in den Betrieben so gut wie nicht existiert, dass die Unternehmen von &sbquo;unn&ouml;tigen\/weiteren Belastungen&lsquo; befreit sind, damit die Gewinne explodieren, und zwar gewaltig, auch im Jahr 2020: &bdquo;Der Volkswagen-Konzern hat das schwierige Gesch&auml;ftsjahr 2020 mit einem Milliarden-Gewinn abgeschlossen: Rund 8,8 Milliarden Euro bleiben nach Steuern in der Kasse.&ldquo; (ndr.de vom 16.3.2021)<\/p><p>&bdquo;Mit einer Umsatzrendite von 14,6 Prozent d&uuml;rfte <i>Porsche<\/i> der am besten verdienende Serien-Fahrzeughersteller der Welt sein. Die Mitarbeiter, die vor einem Jahr in ihrer Kurzarbeitsphase mit der freudigen Nachricht &uuml;berrascht wurden, dass sie f&uuml;rs Vorjahr eine Pr&auml;mie von 10.000 Euro erhalten (was entsprechende Diskussionen in Politik und Gesellschaft entfacht hatte), bekommen nach der &uuml;berraschenden Aufholjagd im Corona-Jahr wieder einen hohen Bonus. Pro Mitarbeiter w&uuml;rden bis zu 7850 Euro bezahlt, k&uuml;ndigte Porsche-Vorstandschef Oliver Blume in der Pr&auml;sentation an, ohne ins Detail zu gehen.&ldquo; (faz.net vom 19.3.2021)<\/p><p><b>Wenn man an einem Ende ganz stark quetscht &hellip;<\/b><\/p><p>Mit der Pandemie haben wir wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass die Gesundheit oberste Priorit&auml;t in unserem Land hat und dass dieses sehr edle Ziel massive und einschneidende Einschr&auml;nkungen rechtfertigt. Das ist das Narrativ, vor dem wir alle, fast alle, in Knie gehen, und das alle anderen zu Ketzern und Egoisten macht, die sich diesem Kanon widersetzen. Und da es ja um unser aller Wohl geht, tun wir es alle zusammen, in Solidarit&auml;t, egal, wie gro&szlig; die Unterschiede waren und sind. So ist die Erz&auml;hlung, die landauf, landab verbreitet wird &ndash; selbst wenn sie mehr Kratzer bekommt.<\/p><p>Es gibt kaum einen besseren Ort als die Gro&szlig;betriebe, wo man zeigen kann, dass die ganzen Ma&szlig;nahmen zur Bek&auml;mpfung der Pandemie um ein gro&szlig;es &sbquo;schwarzes Loch&lsquo; herum erlassen werden. Denn all das Gerede von Solidarit&auml;t und Zusammenstehen h&ouml;rt an den gro&szlig;en Fabriktoren auf. Die Produktion l&auml;uft seit Langem auf Hochtouren und nichts darf sie aufhalten, selbst Verordnungen zum Schutz vor der Pandemie nicht.<\/p><p>Das wissen selbstverst&auml;ndlich auch Virologen. Dass das wissenschaftlicher Irrsinn ist, wissen sie auch. Wie vereinbaren sie das dennoch mit ihrem Berufsethos? Wie gelingt, auf Gefahren aufmerksam zu machen (im Privatbereich) und die allergr&ouml;&szlig;ten Gefahren in der Arbeitswelt zu verschweigen und in Kauf zu nehmen?<\/p><p>Man sollte diesen Spagat an einem sehr guten Beispiel erkl&auml;ren, an einem Mann, der sicherlich in seinem Fach ausgezeichnete Kenntnisse aufweisen kann. Dazu geh&ouml;rt ganz sicher der Virologe Christian Drosten, Professor, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charit&eacute; in Berlin, der ganz lange das Corona-Gesicht der Bundesregierung war. Auch wenn er auf den Bundespressekonferenzen nicht mehr zu h&ouml;ren ist, ist er nach wie vor &ouml;ffentlich aktiv, zum Beispiel in Podcasts, wo er zur aktuellen Situation Stellung nimmt.<\/p><p>Wie schl&auml;gt man ein Ei auf, ohne die Schale kaputt zu machen?<\/p><p>Christian Drosten ist viel zu klug, um dieses &bdquo;schwarze Loch&ldquo; Arbeitsleben zu leugnen. Wie gelingt es ihm also, etwas zu sagen, ohne es (wirklich) zu sagen? H&ouml;ren wir Herrn Drosten genau zu. Es lohnt sich. Mit Blick auf die beschlossene &bdquo;Bundesnotbremse&ldquo; f&uuml;hrt er aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Wir haben da im Moment &uuml;ber all die Verhandlungen mit verschiedenen Interessengruppen gegen&uuml;ber der Politik in Deutschland eine etwas schief verteilte Situation. Wir wissen alle, das Arbeitsleben ist relativ wenig eingeschr&auml;nkt. Das Freizeitleben ist stark eingeschr&auml;nkt. Das ist die Gewichtung, die wir in Deutschland gesamtgesellschaftlich so gew&auml;hlt oder erreicht haben. Nat&uuml;rlich ist das, was jetzt als Bundesnotbremse bezeichnet wird, dann noch mal eine st&auml;rkere Versch&auml;rfung in den Bereichen gerade au&szlig;erhalb dieses Wirtschaftslebens, wenn es eben um Ausgangssperren geht. (&hellip;). Das sind so Gebiete, in denen eigentlich schon Reduktionen gemacht worden sind und wo man jetzt noch mal die Reduktionen verst&auml;rkt. Man h&auml;tte das nat&uuml;rlich auch anders w&auml;hlen k&ouml;nnen. Man h&auml;tte auch in anderen Gebieten des Erwerbslebens, der Wirtschaft st&auml;rkere Reduktion machen k&ouml;nnen. (&hellip;) Wenn man solche Ma&szlig;nahmen gleichm&auml;&szlig;ig in allen Bereichen verteilt, dann haben Sie auch eine st&auml;rkere Gesamtwirkung, als wenn man nur an einem Ende ganz stark quetscht und am anderen Ende alles noch so l&auml;sst wie vorher.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Und abschlie&szlig;end redet er mehr wie ein Berater, als ein Virologe:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Na ja, also man kann das mehr in den Blick nehmen. Man kann an diesen Stellen auch Ma&szlig;nahmen der Kontaktreduktion verh&auml;ngen. Aber das h&auml;tte nat&uuml;rlich Auswirkungen auf bestimmte Wirtschaftszweige. Da geht es um Lieferketten und Produktion und so weiter. Das sind eben Bereiche der Wirtschaft, die man nicht von zu Hause vom Homeoffice machen kann. Da schl&auml;gt nat&uuml;rlich auch durch, dass die Personen, die in diesen Wirtschaftszweigen arbeiten, sozial nicht so gut dastehen und nat&uuml;rlich auch in Stadtteilen wohnen, wo vielleicht der Wohnraum g&uuml;nstiger ist und so weiter. Alle diese Dinge bedingen sich nat&uuml;rlich. Die kann man so beschreiben. Sollte man aber nicht als Wissenschaftler tun, sondern vielleicht eher aus anderen Kompartimenten der Gesellschaft. Kann man auch kritisieren und anprangern. Und man kann &Auml;nderungen fordern. Aber ich glaube, im Moment ist es vor allem wichtig, dass man sich klarmacht, wie es ist.&ldquo;<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Der Kampf gegen die Pandemie, der Kampf gegen die v&ouml;llig untragbaren und unhaltbaren Einschr&auml;nkungen im Privatbereich, die immer absurdere Ausma&szlig;e annehmen m&uuml;ssen, um einen Handlungsbedarf zu demonstrieren, den man an zentraler Stelle ganz generell aussetzt, muss die Konfrontation mit den Gewerkschaften einschlie&szlig;en. Sie sind ihren Mitgliedern verpflichtet, also alles zu tun, damit auch ihre Gesundheit nicht gef&auml;hrdet wird, ganz egal, was die Wertsch&ouml;pfungskette dazu sagt.<\/p><p><b>Was tun?<\/b><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<i>Das Virus geht nicht nachts spazieren, sondern tags&uuml;ber arbeiten. Ausgangssperre f&uuml;r das Kapital.&ldquo; (Antifa United, Frankfurt)<\/i>\n<\/p><\/blockquote><p>Fast jeder Gewerkschaftsfunktion&auml;r hat auf den 1.-Mai-Kundgebungen ein Hohelied auf die Pflegekr&auml;fte gesungen und vielleicht sogar eine Lohnerh&ouml;hung angemahnt. Das erinnert an den j&auml;hrlich stattfindenden Karnevalszug, der Bonbons in die Menge wirft. Die Gewerkschaft wei&szlig; doch ganz genau, nicht erst seit der Corona-Krise, dass man sich vern&uuml;nftige Forderungen an die Backe schmieren kann, wenn man nicht den Druck so stark erh&ouml;ht, dass etwas in diese Richtung geschieht!<\/p><p>Warum initiiert sie nicht Demonstrationen vor all den privaten und staatlichen Verwaltungsstellen, die f&uuml;r diese miesen Arbeitsbedingungen und eine ebenso miese Entlohnung verantwortlich sind? Dazu k&ouml;nnten all jene dazukommen und sich tatkr&auml;ftig beteiligen, die sich solidarisch mit den &bdquo;Held*innen&ldquo; seit einem Jahr erkl&auml;ren. Dann w&auml;re Solidarit&auml;t kein Wort auf L&ouml;schpapier, sondern etwas Erlebbares, wof&uuml;r man sich auch ein wenig einsetzen muss.<\/p><p>Wie w&auml;re es, wenn (auch) die Gewerkschaft nicht nur die Einsparungen im Gesundheitssektor anprangert, sondern die 20 Krankenh&auml;user und Kliniken, die alleine im letzten Jahr &bdquo;nach Plan&ldquo; geschlossen wurden, zu einem Kristallisationspunkt des Protestes macht? Man k&ouml;nnte einmal mehr deutlich machen, dass der (Gesundheits-)Notstand ein gemachter, ein gewollter, ein scharf kalkulierter ist und wenig mit dem Pandemiegeschehen zu tun hat.<\/p><p>Und was w&auml;re das f&uuml;r ehrlicher Schritt, wenn man in allen (Gro&szlig;-)Unternehmen au&szlig;erordentliche Betriebsversammlungen einberuft, um mit den Arbeitern dar&uuml;ber zu diskutieren, wie man mit der Angst vor Corona in der Arbeitswelt umgeht? Man sollte dazu unbedingt &bdquo;Regierungs-Experten&ldquo; einladen, die den Versammelten erkl&auml;ren, warum ein Acht-Stunden-Tag in der Fabrik ungef&auml;hrlich ist, aber ein Besuch in einem Caf&eacute; (mit allen AHA-Regeln) zu deren Schutz verboten wird?<\/p><p>Dazu w&uuml;rde auch die Einladung von Kritikern der Corona-Ma&szlig;nahmen geh&ouml;ren, die auch zur Rolle der &Ouml;konomie einer Pandemie Stellung nehmen w&uuml;rden. Das w&auml;re doch einmal ein Anfang, der f&uuml;r allerlei &Uuml;berraschungen gut sein wird!<\/p><p>Titelbild: penofoto\/shutterstock.com<\/p><p><u>Quellen:<\/u><\/p><p><i>Das andere Risiko<\/i>, Neues Deutschland vom 16. 1.2021<\/p><p><i>Offener Brief Aerosolwissenschaftler<\/i> vom 11. April 2021: <a href=\"http:\/\/docs.dpaq.de\/17532-offener_brief_aerosolwissenschaftler.pdf\">http:\/\/docs.dpaq.de\/17532-offener_brief_aerosolwissenschaftler.pdf<\/a><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/mdr-thueringen\/offener-brief-aerosolforscher-100.html\">mdr.de\/mdr-thueringen\/offener-brief-aerosolforscher-100.html<\/a><\/p><p><i>Strittiges Signal der IG Metall zum 1. Mai, <\/i>Bernd Osterloh, NDS vom 1. Mai 2021<i>:<\/i><i> <\/i><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72052\">nachdenkseiten.de\/?p=72052<\/a><\/p><p><i>Coronavirus Update<\/i>, Folge 86, Korrina Henning (Wissenschaftsredakteurin\/NDR Info) und Christian Drosten (Virologe\/Charite Berlin), S.19\/20: <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/info\/86-Coronavirus-Update-Das-Beispiel-Indien,podcastcoronavirus308.html#Bundesnotbremse\">ndr.de\/nachrichten\/info\/86-Coronavirus-Update-Das-Beispiel-Indien,podcastcoronavirus308.html#Bundesnotbremse<\/a><\/p><p><i>Kreative Buchf&uuml;hrung. Intensivbetten kommen und gehen &ndash; wie es in die Bilanz passt<\/i>, Ralf Wurzbacher: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72019\">nachdenkseiten.de\/?p=72019<\/a><\/p><p><i>B&uuml;ndnis warnt vor mehr als 30 Klinikschlie&szlig;ungen<\/i>: <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/122735\/Buendnis-warnt-vor-mehr-als-30-Klinikschliessungen\">aerzteblatt.de\/nachrichten\/122735\/Buendnis-warnt-vor-mehr-als-30-Klinikschliessungen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Corona-Krise ist nicht nur die Linke weitgehend abgetaucht. Auch die Gewerkschaft, also der Deutsche Gewerkschaftsbund\/DGB &uuml;bt sich vor allem in Schweigen. Medial ist ganz viel von Querdenkern die Rede und von all denen, die sich dagegenstellen. Auffallend still ist es jedoch um die Gewerkschaften. Gibt es sie noch? 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