{"id":72159,"date":"2021-05-05T13:12:48","date_gmt":"2021-05-05T11:12:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72159"},"modified":"2021-05-05T16:34:02","modified_gmt":"2021-05-05T14:34:02","slug":"mit-blumen-durch-den-metalldetektor-tausende-gedachten-am-2-mai-in-odessa-den-toten-des-brandes-im-gewerkschaftshaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72159","title":{"rendered":"Mit Blumen durch den Metalldetektor &#8211; Tausende gedachten am 2. Mai in Odessa der Toten des Brandes im Gewerkschaftshaus"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend das Gedenken an die Opfer der Nationalisten von den Beh&ouml;rden schikaniert wurde, konnten zeitgleich Anh&auml;nger der Rechtsextremen ungehindert durch die Stadt marschieren. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nAuf dem Asphalt vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa lagen am 2. Mai 2021 neun lange Reihen mit Blumen. Damit gedachten B&uuml;rger aus Odessa den 42 Menschen, die am 2. Mai 2014 in und vor dem Geb&auml;ude starben:  erstickt, verbrannt, erschossen oder totgepr&uuml;gelt. <\/p><p>Alle 42 Toten geh&ouml;rten zum Anti-Maidan. Eine Horde von ukrainischen Ultranationalisten hatte das Gewerkschaftshaus, in das sich Regierungskritiker gefl&uuml;chtet hatten, mit Molotow-Cocktails in Brand gesteckt und war gleichzeitig mit Kn&uuml;ppeln in das Geb&auml;ude eingedrungen, um Jagd auf &bdquo;Separatisten&ldquo; zu machen (dazu der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LXRIuVNGmds\">Film &bdquo;Lauffeuer&ldquo;<\/a> von Ulrich Heyden und Marco Benson ) .<\/p><p><strong>Fast wie an einem Familiengrab<\/strong><\/p><div class=\"imageWrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210505-2Mai2014-Odessa-Vor-dem_Gewerkschaftshaus-von-Odessa-Foto-Vit-Hassan-2021.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210505-2Mai2014-Odessa-Vor-dem_Gewerkschaftshaus-von-Odessa-Foto-Vit-Hassan-2021.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Immer wieder gingen Frauen durch die Blumenreihen und ordneten die einzelnen Str&auml;u&szlig;e. Es war fast wie vor einem Familiengrab. Nur, dass diese Familie Tausende, ja Zehntausende Mitglieder hat. Es sind die Menschen in Odessa, die von der Regierung eine Antwort fordern. Sie soll endlich die T&auml;ter und Hinterm&auml;nner des Brandanschlages vom 2. Mai 2014 finden und vor Gericht stellen. <\/p><p>Die Blumen wurden sorgsam geordnet. Doch alle ahnten, dass dieses farbenfrohe Bild, dieser Ausdruck von Seelenschmerz schon Stunden sp&auml;ter verschwinden wird. Und genauso war es. <\/p><p>In der Nacht auf den 3. Mai s&auml;uberten Unbekannte &ndash; vermutlich ukrainische Nationalisten &ndash; den Platz vor dem Metallzaun. Keine einzige rote Tulpe blieb verschont. Es war wie die nochmalige S&auml;uberung Odessas von &bdquo;Terroristen&ldquo;, &bdquo;Separatisten&ldquo; und &bdquo;Moskau-Freunden&ldquo;. Ebenso wurden die Menschen, die sich am 2. Mai 2014 ins Gewerkschaftshaus gefl&uuml;chtet hatten, von den Nationalisten und auch von f&uuml;hrenden ukrainischen Politikern, wie Julia Timoschenko, genannt. <\/p><p><strong>Journalist: &bdquo;Kontrollen waren strenger als am Flughafen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wer am 2. Mai 2021 zum Gewerkschaftshaus ging, um Blumen f&uuml;r die 42 Toten niederzulegen, wusste, dass er sich einer strengen Prozedur unterziehen musste. Der Platz war hermetisch von Polizisten abgesperrt und Zugang gab es nur an einer Stelle durch einen Metalldetektor. Fr&uuml;hmorgens schn&uuml;ffelten Sp&uuml;rhunde die um den Platz liegenden Parkfl&auml;chen &bdquo;nach Sprengstoff ab&ldquo;, wie die Polizei sagt. <\/p><p>Vit Hassan, ein Journalist aus Tschechien, der extra zu den Gedenkfeierlichkeiten nach Odessa gefahren ist, erz&auml;hlt mir am Tag danach, &bdquo;die Kontrollen waren strenger als am Flughafen&ldquo;. <\/p><p>Der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymir Selenski hatte letztes Jahr noch via Facebook sein Beileid f&uuml;r die Toten von Odessa ausgesprochen. Doch in diesem Jahr schwieg der ukrainische Pr&auml;sident zum 2. Mai. Doch bekannte Politiker der in der Rada vertretenen Russland-freundlichen &bdquo;Oppositionsplattform&ldquo; legten vor dem wuchtigen Geb&auml;ude Blumen nieder.<\/p><p>Kurz vor 16 Uhr lie&szlig;en Aktivisten vor dem Gewerkschaftsgeb&auml;ude wie jedes Jahr wei&szlig;e Tauben und schwarze Luftballons in die Luft steigen. Die Menschen riefen, &bdquo;wir vergessen nicht, wir verzeihen nicht.&ldquo;<\/p><p>Vit Hassan berichtet, die Stimmung sei &bdquo;sehr emotional&ldquo; gewesen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Einige Menschen weinten. F&uuml;r mich war das ein sehr starker Eindruck. Ich fotografierte eine Fau, die Blumen niederlegte. Sie war 80 Jahre alt. Sie beugte sich zum Asphalt und stand dabei auf einem Bein. Das schaffe noch nicht mal ich, mit meinen 44 Jahren. Ich war sehr beeindruckt. Ich fotografierte die Szene. Es war mein sch&ouml;nstes Foto aus Odessa.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>In Gruppen von 20 Personen zur Gedenkfeier<\/strong><\/p><p>Die Polizei lie&szlig; die Menschen nur mit Verz&ouml;gerung, in Gruppen von 20 Personen, auf das Kulikow-Feld vor dem Gewerkschaftshaus. Die Polizei begr&uuml;ndete diese Strenge mit Corona-Sicherheitsregeln. Aber die Trauernden kennen dieses Spiel. Die Macht f&uuml;rchtet nichts so sehr, wie Menschenansammlungen vor dem Gewerkschaftshaus. Man f&uuml;rchtet eindrucksvolle Bilder, die ihren Weg auch in ausl&auml;ndische Medien finden. <\/p><p>In Anspielung auf den Marsch der Nationalisten, der zeitgleich ohne Sicherheitsabst&auml;nde durch die Stadt zog, witzelten die Menschen mit verbittertem Unterton, &bdquo;bei den Nationalisten wirkt das Virus nicht?&ldquo;<\/p><p><strong>Der &bdquo;Marsch der Sch&uuml;tzer von Odessa&ldquo;<\/strong><\/p><p>Um kurz nach zw&ouml;lf Uhr mittags, w&auml;hrend Hunderte vor dem Gewerkschaftshaus Blumen niederlegten, begann ein paar Stra&szlig;enz&uuml;ge weiter auf dem Kathedralen-Platz der &bdquo;Marsch der Sch&uuml;tzer von Odessa&ldquo;. Teilnehmer waren Ultranationalisten und Faschisten. Sie zogen zum Schewtschenko-Park in Hafen-N&auml;he. <\/p><div class=\"imageWrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210505-Nationalisten-Marsch-in-Odessas-am-2ten-Mai-2021-Foto-Vit-Hassan.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210505-Nationalisten-Marsch-in-Odessas-am-2ten-Mai-2021-Foto-Vit-Hassan.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Der Kathedralen-Platz hat f&uuml;r die Rechten historische Bedeutung. Von diesem Platz startete am 2. Mai 2014 die Demonstration der Fu&szlig;ballfans und Ultranationalisten &bdquo;F&uuml;r eine einige Ukraine&ldquo;, von der sich im Laufe des damaligen Nachmittags ein Teil abspaltete, zum Gewerkschaftshaus lief, dort Zelte niederbrannte und mit Kn&uuml;ppeln in das Gewerkschaftshaus eindrang, in das sich vor dem herannahenden Mob Regierungskritiker gefl&uuml;chtet hatten. <\/p><p><strong>Gruselkabinett<\/strong><\/p><p>Beim Marsch der Nationalisten gab es keinerlei Corona-Sicherheitsabstand. Er wurde angef&uuml;hrt von einem schwarzen Pickup, an dessem Heck eine gro&szlig;e Flagge mit einer &bdquo;Wolfsangel&ldquo; flatterte. Mehrere ukrainische nationalistische Organisationen nutzen die Wolfsangel exakt in der Form, wie sie von der 2. SS-Panzer-Division &bdquo;Das Reich&ldquo; benutzt wurde. <\/p><p>Um 14 Uhr kommt die Meldung durch die Agenturen, dass in Odessa ein Mann wegen des Tragens kommunistischer Symbole verhaftet und ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Der &bdquo;Marsch der Odessa-Sch&uuml;tzer&ldquo; zieht derweil ungehindert durch die Stadt.<\/p><p>Der Journalist Vit Hassan sichtete auf dem Marsch viele Koloworat-Symbole. Koloworat, das ist eine Mischung aus Sonne und Hakenkreuz. Das Symbol stammt angeblich aus der slawischen Mythologie.<\/p><p>Es ist ein Gruselkabinett, das da durch die Stra&szlig;en der 1794 von Katharina der Gro&szlig;en gegr&uuml;ndeten Stadt zieht. Teilnehmer waren Veteranenverb&auml;nde der &bdquo;Antiterroristischen Operation&ldquo; gegen die Volksrepubliken Lugansk und Donezk. Teilnehmer waren au&szlig;erdem Mitglieder der &bdquo;Nationalen Gegenwehr&ldquo;, der Partei &bdquo;Swoboda&ldquo; und des &bdquo;Nationalen Korpus&ldquo;. <\/p><p>Namhafte F&uuml;hrer rechtsradikaler und nationalistischer Organisationen waren zu dem Marsch extra angereist. Unter den Demonstranten war Andrej Bilezki, Gr&uuml;nder des &bdquo;Nationalen Korpus&ldquo;, und der Leiter der &bdquo;Organisation ukrainischer Nationalisten&ldquo; (OUN), Nikolai Kochaniwski. Vertreten waren auch Mitglieder der vom ehemaligen ukrainischen Pr&auml;sidenten Petro Poroschenko gegr&uuml;ndeten Partei &bdquo;Europ&auml;ische Solidarit&auml;t&ldquo; und Mitglieder des &bdquo;Maidan Selbstschutz&ldquo; aus Kiew.<\/p><p>Der Journalist Vit Hassan hat den Marsch der Nationalisten <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/vithassanphotography\">fotografiert<\/a>. Er sah einen Mann, dessen Kopf mit 12 Hakenkreuzen t&auml;towiert war, und er sah die schwarz-roten Flaggen des Rechten Sektors und Personen mit White-Power-Tattoos. <\/p><p><strong>Tschechischer Journalist: &bdquo;Wer am Tag der Trauer demonstriert, will provozieren&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auf zwei- bis viertausend Teilnehmer sch&auml;tzt der Journalist Vit Hassan den Marsch der Nationalisten: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nazistische Musik wurde nicht gespielt. Stattdessen h&ouml;rte man die Scorpions aus den Lautsprechern. Immer h&ouml;rte man den Ruf &acute;Den Helden Ehre, Ehre den Helden&acute;. Und dann &acute;Wir wollen Frieden. Odessa geh&ouml;rt uns.&acute; Viele Teilnehmer waren in Milit&auml;rklamotten erschienen. Wer am Tage der Trauer um die Toten vom Gewerkschaftshaus demonstriert, will provozieren. Wenn man in Tschechien mit Hakenkreuzen gesehen wird, dann wird man in einer Sekunde verhaftet&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Doch offenbar gelten in der fr&uuml;her weltoffenen Stadt Odessa seit 2014 andere Regeln. <\/p><p><strong>Festnahme des tschechischen Journalisten durch Geheimdienstbeamte<\/strong><\/p><p>Vit Hassan berichtet, er sei am Rande der Nationalisten-Demo, w&auml;hrend er fotografierte, von zwei M&auml;nnern in Zivil festgenommen worden. Die beiden M&auml;nner erkl&auml;rten nicht, warum die Festnahme erfolgte und f&uuml;r welchen Dienst sie arbeiten: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie nahmen mich mit Gewalt an den Armen und f&uuml;hrten mich zu einem Polizeiauto. Sie erkl&auml;rten nicht, warum. Auf der Polizeiwache guckten sie alle 500 Fotos in meiner Kamera an. Sie wollten auch meine Facebook-Seite sehen. Au&szlig;erdem wollten sie sehen, welche Ukrainer ich mit meinem Handy angerufen habe. Sie machten Fotos von meinen ukrainischen Kontakten. Au&szlig;erdem fotografierten sie meine Fotos von meinem spanischen Journalisten-Kollegen, mit dem ich in Odessa war. Sie verh&ouml;rten mich eine halbe Stunde, warum ich nach Odessa gekommen bin. Das Verh&ouml;r war freundlich, aber die Festnahme war grob. Die erste Frage war, ob ich Waffen in meiner Tasche habe. Dabei war klar, dass ich von der Presse war. Ich hatte einen Helm mit der Aufschrift Presse.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Journalist aus Odessa: Ohne Aufkl&auml;rung liegt die Schuld beim Staat<\/strong><\/p><p>Juri Tkatschow, ein bekannter Journalist aus Odessa, schrieb auf dem Telegram-Messenger:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Solange die Organisatoren der Trag&ouml;die vom 2. Mai nicht gefunden, genannt und bestraft werden, wird die Schuld f&uuml;r das Geschehene beim ukrainischen Staat liegen. Wenn jemand denkt, dass das alles vorbeigeht und vergessen wird, wird das nicht so sein. Solche Dinge bleiben in der Geschichte f&uuml;r Jahrhunderte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dem ist nur hinzuzuf&uuml;gen, dass die Bundesregierung auch einen Teil der Verantwortung daf&uuml;r tr&auml;gt, ob das Massaker von Odessa aufgekl&auml;rt wird. Es g&auml;be viele M&ouml;glichkeiten, auf ukrainische Politiker in dieser Hinsicht Druck auszu&uuml;ben. Doch bisher wurde keines dieser Mittel angewandt. <\/p><p>In Berlin will man auch nicht verstehen, dass das Massaker von Odessa nicht nur Bedeutung f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von Deutschland zur Ukraine, sondern auch f&uuml;r das Verh&auml;ltnis zwischen Deutschland und Russland hat. Nach meinem Eindruck ist der Gro&szlig;teil der Russen entsetzt, dass Deutschland, &bdquo;das Land der Demokratie&ldquo;, zum Massenmord an Russland-freundlichen Aktivisten in Odessa schweigt. In den letzten Jahren reagierten meine russischen Gespr&auml;chspartner zudem verwundert darauf, dass unser Odessa-Film &bdquo;Lauffeuer&ldquo; nicht im deutschen Fernsehen gezeigt wurde.<\/p><p>Titelbild und Beitragsbilder: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/vithassanphotography\">Vit Hassan<\/a><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c64746f84914471890d8fc67f5400c11\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend das Gedenken an die Opfer der Nationalisten von den Beh&ouml;rden schikaniert wurde, konnten zeitgleich Anh&auml;nger der Rechtsextremen ungehindert durch die Stadt marschieren. 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