{"id":724,"date":"2005-08-08T17:36:11","date_gmt":"2005-08-08T15:36:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=724"},"modified":"2016-03-06T10:59:04","modified_gmt":"2016-03-06T09:59:04","slug":"mitbestimmung-ein-deutscher-sonderweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=724","title":{"rendered":"Mitbestimmung ein deutscher Sonderweg?"},"content":{"rendered":"<p>Eine Studie belegt: In anderen europ&auml;ischen L&auml;nder haben die Arbeitnehmer teilweise sogar noch mehr Mitspracherechte als hierzulande.<br>\nDie Mitbestimmung in Deutschland sei ein &bdquo;Investitionshindernis in einer globalisierten Welt&ldquo;. Deswegen, so meint die Lobby der Wirtschaft, m&uuml;sse eine &bdquo;Reform&ldquo; her und deshalb setzte der Kanzler eine durch die Arbeitgeberseite dominierte &bdquo;Mitbestimmungskommission&ldquo; ein.<br>\nDeren Auftrag soll es wohl sein, diesen &bdquo;Fremdk&ouml;rper&ldquo; (Peter Glotz) aus den deutschen Betrieben zu entfernen. In einer Studie f&uuml;r die Hans-B&ouml;ckler-Stiftung schaut Hellmuth Gohde &uuml;ber den Tellerrand hinaus und belegt, dass unsere Nachbarn, etwa das wirtschaftlich erfolgreichere Schweden, weitergehende Beteiligungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Arbeitnehmer bieten als das angeblich so reformbed&uuml;rftige deutsche Mitbestimmungsgesetz.<br>\n<!--more--><br>\nWegen der Mitbestimmung machten Investoren einen Bogen um deutsche Firmen. Ausl&auml;ndische Investoren verst&uuml;nden nicht, dass Unternehmensentscheidungen hierzulande nicht ausschlie&szlig;lich nach Gesichtspunkten des wirtschaftlichen Erfolgs oder der Wertsteigerung f&uuml;r Anteilseigner getroffen werden. Au&szlig;erdem sch&auml;dige die deutsche Unternehmensmitbestimmung die Interessen der Anteilseigner. Gewerkschaftsvertreter mit Aufsichtsratsmandat vertr&auml;ten nicht die Interessen des betreffenden Unternehmens. Mit solchen oder &auml;hnlichen Argumenten dr&auml;ngt die Wirtschaftslobby und mit ihr CDU\/CSU und nat&uuml;rlich FDP auf eine &bdquo;Reform&ldquo; der Betriebsverfassung und des Mitbestimmungsgesetzes aus dem Jahre 1976. <\/p><p>Die Bundesregierung nahm ihre Rolle auf der Anklagebank ohne Gegenwehr an und setzte unter dem Vorsitz des ehemaligen CDU-Generalsekret&auml;rs und s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Kurt Biedenkopf eine &bdquo;Mitbestimmungskommission&ldquo; ein, in der die Machtverh&auml;ltnisse zwischen Kapital- und Arbeitnehmervertretern schon mal so verteilt sind, wie man sich das wohl k&uuml;nftig f&uuml;r die gesamte Wirtschaft vorstellt:<br>\nNur drei von neun Mitgliedern dieser Kommission sind Vertreter der Arbeitnehmerschaft. (siehe <a href=\"?p=720\">NachDenkSeiten<\/a>) <\/p><p>Der Korrumpierungsversuch bei Betriebsr&auml;ten von VW mit gesponserten Freudenhausbesuchen oder angebliche Bonuszahlungen an Arbeitnehmervertreter bei der Commerzbank sind ein gefundenes Fressen f&uuml;r viele Medien, an vorderster Stelle Springers BILD-Zeitung, eine Kampagne gegen die Mitbestimmung zu starten (und damit auch von der um sich greifenden Raffgier von Managern abzulenken). <\/p><p>&Uuml;ber den Beitrag der Mitbestimmung &bdquo;zu Stabilit&auml;t und Berechenbarkeit, zu Flexibilit&auml;t und Innovationskraft von Betrieben sowie zu Motivation, Engagement und Verantwortung der Besch&auml;ftigten&ldquo; (Ludger Pries in der FR v.28.7.05) oder &uuml;ber ihre Bedeutung f&uuml;r die Erschlie&szlig;ung zus&auml;tzlicher Wissenspotentiale und f&uuml;r die Akzeptanzbildung bei der betrieblichen Umsetzung redet &ndash; au&szlig;er unter den Gewerkschaftsvertretern &ndash; kaum jemand mehr. <\/p><p>Der Hinweis, dass das Betriebsverfassungsgesetz ein Reflex auf die Abschaffung des Betriebsr&auml;tegesetzes durch die Nazis war und zur Abwehr von Sozialisierungsbestrebungen (auch im Ahlener Programm der CDU) nach dem Zweiten Weltkrieg gegen&uuml;ber der mit Hitler verfilzten Gro&szlig;industrie eingef&uuml;hrt wurde, gilt als hinterw&auml;ldlerisch. <\/p><p>Die Funktion der Mitbestimmung als Eingrenzung der Unternehmer&uuml;bermacht im Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit anzusprechen, gilt inzwischen geradezu als linksradikal, jedenfalls aber als traditionalistisch. <\/p><p>Die von den Modernisierern st&auml;ndig wiederholte Behauptung, die Mitbestimmung sei ein Hindernis f&uuml;r ausl&auml;ndische Investoren, ist durch nichts belegt. Im Gegenteil: Von den 727 Unternehmen, in deren Aufsichtsr&auml;ten Arbeitnehmervertreter sitzen, geh&ouml;ren 30 Prozent einer ausl&auml;ndischen Muttergesellschaft, so eine Studie der Uni M&uuml;nchen. Das best&auml;tigt auch das Berliner Wissenschaftszentrum f&uuml;r Sozialforschung: Eine Befragung von Managern der 400 gr&ouml;&szlig;ten deutschen Tochtergesellschaften ausl&auml;ndischer Unternehmen hat ergeben, dass die Mitbestimmung kein ausschlaggebender Standortfaktor ist; wichtiger seien Marktgr&ouml;&szlig;e und -dynamik, das Vorhandensein von guter Infrastruktur und qualifizierten Arbeitskr&auml;ften. <\/p><p>Dass gerade angesichts der Globalisierung und des Einflusses gro&szlig;er Kapitalsfonds bei Kapitalgesellschaften Mitbestimmung als &bdquo;internalisierende Regelsetzung&ldquo; (Werner Tegtmeier) gegen&uuml;ber den nach kurzfristiger Rendite &bdquo;hedgenden&ldquo; Fonds eher ein ausgleichendes Element f&uuml;r ein nachhaltiges Wirtschaften darstellt und deshalb gerade angesichts der internationalen Mobilit&auml;t der Finanzinvestoren eher gest&auml;rkt als abgeschliffen werden m&uuml;sste, gilt als nationalstaatlich r&uuml;ckw&auml;rts gewandt. <\/p><p>Wenn in Deutschland etwas als reformierungsbed&uuml;rftig abgestempelt werden soll, muss die von der Wirtschaft vor gut zehn Jahren gezielt aufgebrachte &bdquo;Globalisierung&ldquo; herhalten. Schon um diese ideologische Waffe zu entsch&auml;rfen, ist es verdienstvoll, dass Hellmuth Gohde eine Studie f&uuml;r die Hans-B&ouml;ckler-Stiftung erstellt hat, in der er mit der Behauptung gr&uuml;ndlich aufr&auml;umt, Deutschland st&uuml;nde mit seinen Mitbestimmungsregelungen in Europa v&ouml;llig alleine da. <\/p><p>Es gebe einen &bdquo;bunten Strau&szlig; an Beteiligung&ldquo;. So habe etwa Schweden &bdquo;die geringste Regelungsintensit&auml;t im Arbeitsrecht bei gleichzeitig weit &uuml;berdurchschnittlichem Niveau an Beteiligungsm&ouml;glichkeiten&ldquo;. In dem uns gegenw&auml;rtig gleichfalls immer wieder als beispielhaft vorgehaltenen &Ouml;sterreich sind Besch&auml;ftigte und Unternehmen &bdquo;Zwangsmitglieder&ldquo; in ihren jeweiligen Kammern, was z.B. zum Ergebnis hat, dass 99% der Besch&auml;ftigten von Tarifvertr&auml;gen erfasst werden. In Italien oder Frankreich sei zwar die Mitbestimmung nicht gesetzlich geregelt, daf&uuml;r gebe es ein von den Verfassungen garantiertes umfassendes Streikrecht mit den bekannten betrieblichen Konflikten und der deutlich h&ouml;heren Bereitschaft zu Streiks zur Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen.<br>\nSelbst das &bdquo;neue&ldquo; Europa in Ost- und S&uuml;dosteuropa sei keineswegs mitbestimmungsfrei. <\/p><p>Lesen Sie selbst nach: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2005_13_04-05_MB.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 432 KB] zu http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2005_13_04-05_MB.pdf\">hier [PDF &ndash; 432 KB]<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-B6997361\/hbs\/hs.xsl\/107.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-B6997361\/hbs\/hs.xsl\/107.html\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/hbs\/hs.xsl\/32006.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/hbs\/hs.xsl\/32006.html\">hier<\/a>.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie belegt: In anderen europ&auml;ischen L&auml;nder haben die Arbeitnehmer teilweise sogar noch mehr Mitspracherechte als hierzulande.<br \/> Die Mitbestimmung in Deutschland sei ein &bdquo;Investitionshindernis in einer globalisierten Welt&ldquo;. 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