{"id":72434,"date":"2021-05-16T11:30:33","date_gmt":"2021-05-16T09:30:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72434"},"modified":"2021-05-16T12:15:58","modified_gmt":"2021-05-16T10:15:58","slug":"ein-besuch-im-serbischen-valjevo-80-jahre-nach-dem-deutschen-ueberfall-1941","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72434","title":{"rendered":"Ein Besuch im serbischen Valjevo \u2013 80 Jahre nach dem deutschen \u00dcberfall 1941"},"content":{"rendered":"<p>Die Nato-Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und die t&auml;glichen Berichte von den Bombardierungen serbischer St&auml;dte hatten den Autor <strong>Bernd Duschner<\/strong> 1999 tief aufgew&uuml;hlt. Als Vater von drei, damals noch kleinen, Kindern empfand er die Luftangriffe auf St&auml;dte und ihre Bewohner als ein unertr&auml;gliches Verbrechen. &Uuml;ber Wochen verteilte er deshalb in seiner Stadt Pfaffenhofen an der Ilm selbstverfasste Flugbl&auml;tter und gewann schlie&szlig;lich &uuml;ber Hundert B&uuml;rger, darunter mehrere Stadtr&auml;te und den B&uuml;rgermeister, daf&uuml;r, einen gemeinsamen Aufruf in der Lokalzeitung &bdquo;Schlu&szlig; mit den Bombardierungen, zur&uuml;ck zum Verhandlungstisch!&ldquo; zu ver&ouml;ffentlichen. Kurz Kriegsende gr&uuml;ndete er mit Freunden den Verein &bdquo;Freundschaft mit Valjevo e.V.&ldquo; und brachte am 5. Oktober 1999 den ersten Hilfstransport in das serbische Valjevo. Mitte April hat Duschner die Stadt wieder besucht. Nachstehend sein Bericht.<br>\n<!--more--><br>\nVor 80 Jahren, am 6. April 1941, begann mit der Bombardierung Belgrads der &Uuml;berfall des faschistischen Deutschlands auf Jugoslawien. Dreieinhalb lange Jahre Besatzung, gepr&auml;gt von r&uuml;cksichtsloser Auspl&uuml;nderung des Landes und zahllosen Massakern an der Zivilbev&ouml;lkerung, folgten. Das war die Rache der herrschenden Klasse in Deutschland daf&uuml;r, dass die dortige Bev&ouml;lkerung ihre damalige Regierung umgehend gest&uuml;rzt hatte, nachdem diese dem gegen die Sowjetunion gerichteten Dreim&auml;chtepakt beigetreten war.  <\/p><p>Seit dem Krieg der Nato gegen Serbien 1999 hatte unser Verein jedes Jahr f&uuml;r Sch&uuml;lergruppen aus dem stark bombardierten Valjevo ein einw&ouml;chiges Besuchsprogramm in Pfaffenhofen organisiert. Seit dem vergangenen Jahr war das nicht mehr m&ouml;glich gewesen. Weil wir auch in Krisenzeiten unsere freundschaftlichen Beziehungen weiterf&uuml;hren m&ouml;chten, habe ich im April die   Stadt Valjevo besucht. Dort konnte ich der Stadtb&uuml;cherei B&uuml;cher von Peter Handke und dem &bdquo;Centar za Porodicni mestaj&ldquo;, das Waisen betreut, eine Palette mit 260 Paar Schuhe eines namhaften bayerischen Herstellers f&uuml;r Kinder und Jugendliche &uuml;bergeben.<\/p><p><strong>Unaufgeregt durch die Pandemie<\/strong><\/p><p>Bei der Einreise hatte ich meinen negativen PCR-Test vorgezeigt. Anschlie&szlig;end konnte ich ohne Quarant&auml;ne knapp 3 Wochen in Serbien verbringen und herumreisen. Das Land hat die Pandemie bisher deutlich besser verkraftet als die EU-Staaten. Sein Bruttoinlandsprodukt ging 2020 nur unwesentlich um 1% (Deutschland minus 4,9%) zur&uuml;ck. Das erkl&auml;rt sich u.a. aus dem h&ouml;heren Anteil von Landwirtschaft und konsumnaher Zweige wie der Lebensmittelindustrie an seiner Volkswirtschaft, einem gut durchdachten St&uuml;tzungsprogramm f&uuml;r die Unternehmen und, nicht zuletzt, aus dem Verzicht auf einen weiteren Lockdown. Den hatte es in Serbien nur im Fr&uuml;hjahr 2020 gegeben. Zwar wird auf die Einhaltung allgemeiner Hygienevorschriften geachtet und es ist Vorschrift, innerhalb geschlossener R&auml;ume einen Mund-Nasenschutz zu tragen. Einzelhandel, Hotels, Restaurants (zeitweise nur der Au&szlig;enbereich), Fitnesscenter und kulturelle Einrichtungen wie Museen, Bibliotheken und Theater aber blieben ge&ouml;ffnet. N&auml;chtliche Ausgangssperren, f&uuml;r Spahn und S&ouml;der so wichtig, weil sie offensichtlich glauben, ab 21 Uhr w&uuml;rden sich die Viren &uuml;ber unseren St&auml;dten sammeln und auf Spazierg&auml;nger st&uuml;rzen, gibt es nicht.  <\/p><p>An den serbischen Schulen wird derzeit im Wechselunterricht jeweils nur die halbe Klasse unterrichtet. Auf Corona-Tests und die damit verbundene st&auml;ndige Ver&auml;ngstigung der Sch&uuml;ler wird verzichtet. Einen Mund-Nasenschutz, so das Bildungsministerium per Rundschreiben, m&uuml;ssen die Sch&uuml;ler im Unterricht nur aufsetzen, wenn sie sich zu Wort melden. Trotzdem fallen auch hier die Infektionszahlen und entspannt sich die Situation in den Krankenh&auml;usern, wie die Daten des zust&auml;ndigen staatlichen Batut-Instituts belegen. Serbien hat sich fr&uuml;hzeitig um Impfstoff gek&uuml;mmert. Es hat sich dabei nicht von politischen Vorgaben aus Br&uuml;ssel und Berlin bevormunden lassen. Impfwilligen B&uuml;rgern wie ausl&auml;ndischen Besuchern wird neben Pfizer und Astra-Zeneca auch der dort weitaus beliebtere russische Sputnik V und der herk&ouml;mmlich entwickelte nichtgenetische chinesische Impfstoff von Sinopharm angeboten. Anfang Mai waren bereits 22% der Bev&ouml;lkerung vollst&auml;ndig geimpft (Deutschland 8,3%). Offizielle Stellen sind stolz, dass sich ein &bdquo;Impftourismus&ldquo; nach Serbien entwickelt und das Institut f&uuml;r Virologie Torlak in Belgrad mit der eigenen Herstellung von Sputnik V begonnen hat. Im t&auml;glichen Leben, den Zeitungen und den Gespr&auml;chen in der Bev&ouml;lkerung aber spielt die Infektionskrankheit bei weitem nicht die Bedeutung wie bei uns. Andere Themen stehen im Vordergrund. Geselliges Beisammensein ist der Bev&ouml;lkerung unver&auml;ndert wichtig und das l&auml;sst sie sich nicht nehmen. <\/p><p><strong>Bekenntnisse zu seinen Freiheitshelden<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber viele Jahrhunderte hinweg hat die serbische Bev&ouml;lkerung f&uuml;r ihre Unabh&auml;ngigkeit k&auml;mpfen m&uuml;ssen, zun&auml;chst gegen die T&uuml;rken, dann gegen die herrschende Klasse in Deutschland, die das Land bis heute als ihren Hinterhof und als notwendiges Sprungbrett auf dem Weg zur Weltmacht betrachtet. Es lohnt sich, das eindrucksvoll gestaltete Museum von Valjevo zu besuchen. Mit  einer F&uuml;lle interessanter Ausstellungsobjekte und Dokumente zeichnet es die Geschichte dieser in einem Talkessel am Fluss Kolubara gelegenen Stadt nach.   <\/p><p>Auch heute ehrt Valjevo die T&ouml;chter und S&ouml;hne der Stadt, die sich in besonderer Weise f&uuml;r die Entwicklung, die Kultur und Freiheit ihres Landes eingesetzt haben. Viele Statuen auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen und spezielle Parks sind ihrer Erinnerung gewidmet. So geehrt wird u.a. General Zivojin Misic. Er hatte im 1. Weltkrieg in der ber&uuml;hmten Kolubaraschlacht Ende 1914 den Mittelm&auml;chten ihre erste empfindliche Niederlage beigebracht. Mit eigenen Statuen geehrt wird eine Vielzahl antifaschistischer Freiheitsk&auml;mpfer wie u.a. Zikica Jovanovic &bdquo;Spanac&ldquo; und Dragojlo Dudic. Jovanovic verteidigte als Mitglied der Internationalen Brigaden die Republik in Spanien und verlor als Partisan im Kampf gegen die nationalsozialistischen Besatzer 1941 sein Leben. Dragojlo Dudic hatte Partisaneneinheiten in Valjevo geleitet und war Pr&auml;sident der &bdquo;Republik von Uzice&ldquo;. 67 Tage lang war sie im Herbst 1941 das erste von den Faschisten befreite Gebiet in Europa. Eine Neuausgabe seines Tagebuches aus dieser Zeit ist 2020 erschienen. Ein Denkmal an einer Hauptstra&szlig;e hat Valjevo auch Milenko Pavlovic errichtet. Der Offizier verlor am 4. Mai 1999 sein Leben. Mit verzweifeltem Heldenmut hatte er sich mit seiner MIG 21 den Geschwadern der Nato entgegengestellt, die die Stadt bombardierten. Er hinterlie&szlig; Frau und zwei S&ouml;hne. 2019 hat Serbien seinen Milit&auml;rflughafen Batajnica ihm zu Ehren in &bdquo;Vojni Aerodrom pukovnik-pilot Milenko Pavlovic&ldquo; umbenannt.<\/p><p>Am aktuellen Nato-Man&ouml;ver &bdquo;Defender Europe 21&ldquo; nimmt Serbien als einziges Balkanland nicht teil. Der serbischen Bev&ouml;lkerung ist Charakter und Zielsetzung der Nato sehr wohl bewusst. Sie hat 1999 nicht vergessen. Das ist gut zu wissen angesichts der zunehmenden Aufr&uuml;stung, st&auml;ndigen Kriegshetze und Provokationen gegen Russland und seinem Volk, dem auch wir die Befreiung vom Faschismus zu verdanken haben. <\/p><p>Titelbild: &copy; Bernd Duschner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nato-Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und die t&auml;glichen Berichte von den Bombardierungen serbischer St&auml;dte hatten den Autor <strong>Bernd Duschner<\/strong> 1999 tief aufgew&uuml;hlt. 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