{"id":7252,"date":"2010-11-03T17:22:33","date_gmt":"2010-11-03T16:22:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7252"},"modified":"2015-12-16T14:41:00","modified_gmt":"2015-12-16T13:41:00","slug":"die-traumwelt-massgeblicher-journalisten-die-pluralitaet-unseres-medienangebots","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7252","title":{"rendered":"Die Traumwelt ma\u00dfgeblicher Journalisten: Die Pluralit\u00e4t unseres Medienangebots"},"content":{"rendered":"<p>Es ist immer wieder erstaunlich, wie rosig Journalisten ihre eigene Welt sehen. Und wie schnell und konsequent sie ihren politischen Einfluss missachten, weil es offenbar zu ihrem Selbstverst&auml;ndnis geh&ouml;rt, den Einfluss von Medieninterventionen auf politische Entscheidungen klein zu schreiben. Das letzte Beispiel betrifft Obama und die Niederlage der Demokraten in den USA. Zwei andere Beispiele habe ich hautnah selbst erlebt. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nHeute erschien bei Spiegel online ein Kommentar von Gregor Peter Schmitz zu den US-Kongresswahlen. Er war &uuml;berschrieben mit: &bdquo;Abrechnung mit Mr. Perfect&ldquo;. Der Einstieg lautete folgenderma&szlig;en: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Barack Obama hat das Wahldebakel der Demokraten zu verantworten. Der scheinbar gro&szlig;e Kommunikator hat kein Gesp&uuml;r f&uuml;r die Stimmung im Land entwickelt. Jetzt muss er sich neu erfinden, wie einst Vorg&auml;nger Bill Clinton. Doch kann er das?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die zitierte &bdquo;Stimmung im Land&ldquo; erscheint in diesem Kommentar als etwas, was sich halt so ergeben hat, als etwas objektives, weshalb der Kommentator Barack Obama empfiehlt, sich in die Mitte r&uuml;ckend dieser Stimmung anzupassen, so wie Bill Clinton dies getan habe.<\/p><p>Dass diese Stimmung auch (!) ein Ergebnis einer massiven Kampagne ist, die von einem Medienunternehmer, von Murdocs Konzern, gesteuert ist und das Land bewusst nach rechts r&uuml;ckt, erfahren die Leser dieses Kommentars nicht. Dabei w&auml;re es f&uuml;r Gregor Peter Schmitz nicht allzu schwer gewesen, seinen Kommentar etwas differenzierter zu schreiben. Er h&auml;tte die Szene beobachten m&uuml;ssen oder auch nur einen recht aufschlussreichen Essay des amerikanischen &Ouml;konomen Krugman <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/meinung\/fox-news-bezahlt-us-republikaner\/-\/1472602\/4732662\/-\/view\/printVersion\/-\/index.html\">lesen m&uuml;ssen<\/a>.<\/p><p>Krugman skizziert anders als der Spiegel Online-Journalist die sonderbaren Erscheinungen des zur&uuml;ckliegenden Wahlkampfes. Er skizziert in seinem Beitrag &bdquo;Fox News bezahlt US-Republikaner&ldquo; den Einfluss Murdocs auf die Karrieren republikanischer Politiker, auf die TeaParty und das Engagement seines Medienimperiums. Von Pluralit&auml;t kann keine Rede sein und von einer objektiv zustande gekommenen Stimmung gegen Obama auch nicht. Obamas Fehler jedenfalls reichen f&uuml;r diese Niederlage nicht aus. <\/p><p>Aber die Existenz solcher einseitigen und sich nicht gegenseitig aufhebenden und balancierenden Kampagnen passt nicht in das Weltbild der deutschen Journalisten. Es gibt sie noch, ein paar kritische Journalisten. Es gibt sogar noch ein paar, die kritisch dem eigenen Milieu und Berufsstand gegen&uuml;ber sind. Aber auch jenseits des rechtskonservativen Milieus deutscher Medienschaffender herrscht ein anderer Glaube. Man glaubt an Pluralit&auml;t und hilfsweise an die Vorstellung, wie in einer Pendelbewegung hebe die eine Kampagne die andere in ihrer Wirkung auf. <\/p><p>Am 30. April dieses Jahres war ich auf einem Kongress von Medienjournalisten in Leipzig, um dar&uuml;ber zu referieren, was Medienjournalismus leisten m&uuml;sste. Am 6. Mai konnten Sie dieses Referat in den NachDenkSeiten <a href=\"?p=5448\">nachlesen<\/a>. In der Zeitschrift Message, Internationale Zeitschrift f&uuml;r Journalismus, Ausgabe 3-2010, die Mitveranstalter des Kongresses war, wurde eine Kurzfassung abgedruckt. Meine vergleichsweise harmlose und freundliche Leistungsanforderung durfte aber in diesem Heft offensichtlich nicht alleine stehen. Das hat vermutlich etwas damit zu tun, dass selbst meine harmlose Kritik unter den anwesenden Journalisten und Medienwissenschaftlern <a href=\"?p=5538\">Emp&ouml;rung ausl&ouml;ste<\/a>. Also wurde der Journalist Hans Leyendecker, leitender Redakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung, und der angesehene Medienwissenschaftler und fr&uuml;here Medienjournalist Volker Lilienthal um Stellungnahmen zu meinem Text gebeten. Leider gibt es diese Texte nicht als Dateien. Deshalb bin ich darauf angemessen, einige markante Bemerkungen zu zitieren:<\/p><p><strong>Hans Leyendecker:<\/strong><br>\n&bdquo;Es h&auml;ngt bei vielen Themen oft von der Position des Betrachters ab, ob es sich um eine Kampagne oder um Aufkl&auml;rung handelt.&ldquo;<br>\n&bdquo;Die Themen, die M&uuml;ller offenkundig interessieren, verraten nicht viel &uuml;ber den Zustand der Medien.&ldquo; &ndash; Anmerkung AM: Pr&uuml;fen Sie die Bedeutung dieser Aussage selbst, indem Sie die NachDenkSeiten verfolgen oder die oben verlinkte Rede nachlesen.<br>\n&bdquo;Die Begriffe &sbquo;Pressekonzentration&ldquo;, &sbquo;BildKampagne&rsquo;, &sbquo;Spiegel-Kampagne&rsquo;klingen irgendwie verbraucht. Nur mal ein Hinweis zum Thema Pressekonzentration: der WAZ-Konzern dominiert im Ruhrgebiet, was oft und gern beklagt wird. Aber w&auml;re ein Blatt wie die Westf&auml;lische Rundschau noch auf dem Markt, wenn ein kleiner Provinzverleger allein das Sagen h&auml;tte? &hellip; Das Blatt bleibt nicht trotz WAZ-Konzentration, sondern wegen der WAZ-Konzentration auf dem Markt.&ldquo; &ndash; Anmerkung AM: So harmlos kann man das Problem der Konzentration der Medien in NRW sehen. Aber wohl nur, wenn man die Freundschaft zum Chef der WAZ Bodo Hombach pflegen will.<\/p><p><strong>Aussagen von Volker Lilienthal:<\/strong><br>\n&bdquo;Ob die behaupteten Instrumentalisierungen der Medien, ob deren Einbindung in &sbquo;strategisch geplante Kampagnen&rsquo; (These 5) bewiesen werden kann, erscheint h&ouml;chst fragw&uuml;rdig.&ldquo; &ndash; AM: beachtlich!<br>\n&bdquo;Moderne Journalisten lassen sich nicht mehr in solch durchschaubarer Weise steuern. Auch steht die faktische Pluralit&auml;t unseres Medienangebotes, innerhalb dessen eine politische Tendenz durch Widerspruch konterkariert wird, dagegen.&ldquo;<\/p><p>Beide Autoren sind nicht dem rechtskonservativen Lager zuzuordnen. Beide Autoren haben ein Bild von unserer Medienlandschaft, &uuml;ber das man sich nur wundern kann. Wenn Sie sich mit einer kritischen Sicht auseinander setzen wollen, dann st&ouml;bern Sie in den NDS, in unserem <a href=\"?page_id=6820\">kritischen Jahrbuch<\/a> oder nutzen Sie das einschl&auml;gige <a href=\"?page_id=4080\">Kapitel 21 von &bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> &uuml;ber das Verschwinden kritischer Medien.<\/p><p>Interessant ist nicht nur die Behauptung, wir lebten in einer pluralen Medienwelt. Interessant ist auch die Behauptung, die Lage habe sich in den letzten Jahren verbessert. Genau die gleiche These begegnete mir im Gespr&auml;ch mit Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen im Deutschlandfunk am vergangenen Freitag. Siehe hier:<\/p><p><strong>Wie Kampagnenjournalismus unsere Gesellschaft pr&auml;gt<\/strong><br>\n<em>Moderation: Christian Floto<\/em><br>\nIn den ber&uuml;chtigten Berliner Kuschelkreisen kommen sich Politik, Verb&auml;nde und Medien nahe. In diesen Runden, als Hintergrundgespr&auml;che getarnt, werden Politiker und Lobbyisten los, was die Journalisten sp&auml;ter zu Papier bringen sollen. &hellip;.<br>\nQuelle 1: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/kulturgespraech\/1290072\/\">dradio.de<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/aodflash\/player.php?station=1&amp;broadcast=727303&amp;datum=20101029&amp;playtime=1288372515&amp;fileid=caa39c96&amp;sendung=727303&amp;beitrag=1290072&amp;\/\">dradio.de<\/a><\/p><p><strong>Nachtrag:<\/strong><br>\nZur Situation in den USA kam gerade noch eine interessante Mail eines NachDenkSeiten-Nutzers an. Wir geben sie einfach wieder:<\/p><blockquote><p>Was in den USA im Fernseh- und Radiojournalismus (&ldquo;talk radio&rdquo;) vonstatten geht, ist unglaublich. Objektive Berichterstattung wird zunehmend durch sog. Meinungsberichterstattung abgel&ouml;st.<br>\n&nbsp;<br>\nDer schlimmste und zugleich einer der erfolgreichsten unter diesen TV- und Radio-Moderatoren ist neben dem Radio-Einpeitscher Rush Limbaugh derzeit sicher Glenn Beck, der auf Fox News eine der meist gesehenden Sendungen des Senders moderiert. Das Format kombiniert Meinungsjournalismus mit dem&nbsp;Appeal der Personality-Shows und&nbsp;dem Duktus der Fernseh-Prediger.&nbsp;Beck predigt in endlosen Wiederholungsschleifen seine&nbsp;Lehre von den zerst&ouml;rerischen Kr&auml;ften des&nbsp;Wohlfahrtsstaates und der R&uuml;ckf&uuml;hrung der F&uuml;rsorge auf private Wohlt&auml;tigkeit.<br>\n&nbsp;<br>\nEin Eindruck seiner&nbsp;Sendung vom 2.11.: Beck ruft die W&auml;hler wie ein Jahrmarktschreier dazu auf, noch schnell zur Wahl zu gehen; er macht Vorw&uuml;rfe an Menschen, die nicht w&auml;hlen gehen; er geht sp&auml;ter die USA Staat f&uuml;r Staat durch und sagt, wie sich die Arbeitslosigkeit seit der Wahl Obamas vergr&ouml;&szlig;ert hat&nbsp;oder die Zwangsversteigerungen zahlenm&auml;&szlig;ig in die H&ouml;he geschnellt sind; er ruft offen zur Wahl der republikanischen Kandidaten auf.&nbsp;Neben seinem Lieblingsthema des Minimalstaates agitiert er auch gegen liberale Einwanderungsgesetze.<br>\n&nbsp;<br>\nWie geht Beck vor? Er macht sich zu einem Sprecher der tea-party-Bewegung. Dabei beruft er sich auf die allgemeine Politikerverdrossenheit&nbsp;und agitiert geschickt gegen die&nbsp;ruling class (&ldquo;die da oben&rdquo;) im Allgemeinen;&nbsp;er&nbsp;m&ouml;chte also nicht in dem Geruch stehen, nur einseitig die Demokraten abzulehnen. Bei seinen Wahlempfehlungen ruft er dann aber dezidiert f&uuml;r die Wahl der republikanischen Kandidaten auf&hellip; Zu beobachten sind die dramatischen Vereinfachungen und Verf&auml;lschungen, die eigentlich&nbsp;nur f&uuml;r&nbsp;Comedy-Formate und Satire passten: Die zaghafte progressive Sozialdemokratie eines Obama und seiner umstrittenen &ldquo;health care reform&rdquo; wird im besten Fall mit&nbsp;den Reizbegriffen&nbsp;des Sozialismus\/Kommunismus, im schlimmsten Fall&nbsp;dem Nationalsozialismus identifiziert. Die Technik dieser &ldquo;Meinungsmache&rdquo;: Durch die st&auml;ndige Wiederholung des Tabubruchs grenzenloser Demagogie (in allen Varianten: Obama = Satan) und die dezidiert religi&ouml;s-bin&auml;re Metaphorik (gut\/b&ouml;se; Himmel\/H&ouml;lle) nimmt das Publikum als Selbstverst&auml;ndlichkeit an, was eigentlich kein Mensch mit Schulabschluss glauben d&uuml;rfte.<br>\n&nbsp;<br>\nGegen&nbsp;diese rechte TV-Meinungsberichterstattung und die zahlreichen&nbsp;rechtskonservativen&nbsp;Sendungen im talk-radio-Format haben linksprogressive Formate sich nicht etablieren k&ouml;nnen. &ldquo;Air America&rdquo; musste zuletzt&nbsp;Insolvenz anmelden.<br>\n&nbsp;<br>\nZu alledem siehe <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub510A2EDA82CA4A8482E6C38BC79C4911\/Doc~E7F28511D854A4DF195E03A3537BC8A2B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a> und <a href=\"http:\/\/wissen.dradio.de\/us-wahlkampf-scharfmacher-am-mikrofon.36.de.html?dram:article_id=6304&amp;sid=\">dradio.de<\/a>.<br>\n&nbsp;<br>\nVon Glenn Beck kann man sich einmal selbst ein Bild machen, um eine Vorstellung von diesem ungemein erfolgreichen Meinungsjournalismus zu bekommen:<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=B8e39JkaorA\">YouTube<\/a> (Sendung vom 2.11.2010)<br>\n&nbsp;<br>\nBeste Gr&uuml;&szlig;e,<br>\nAndreas G.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist immer wieder erstaunlich, wie rosig Journalisten ihre eigene Welt sehen. Und wie schnell und konsequent sie ihren politischen Einfluss missachten, weil es offenbar zu ihrem Selbstverst&auml;ndnis geh&ouml;rt, den Einfluss von Medieninterventionen auf politische Entscheidungen klein zu schreiben. Das letzte Beispiel betrifft Obama und die Niederlage der Demokraten in den USA. 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