{"id":72598,"date":"2021-05-20T09:10:43","date_gmt":"2021-05-20T07:10:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72598"},"modified":"2021-05-20T10:35:26","modified_gmt":"2021-05-20T08:35:26","slug":"ayuso-und-ayusadas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72598","title":{"rendered":"Ayuso und Ayusadas"},"content":{"rendered":"<p>Ein halbwegs koh&auml;rentes Bild von Isabel D&iacute;az Ayuso zu zeichnen, die gerade als &bdquo;Erdrutsch-Siegerin&ldquo; aus den Wahlen der autonomen Region Madrid hervorgegangen ist, ist schwierig. Es gibt wenig verl&auml;ssliches Material zu ihrer Person und ihrem Werdegang. Und seit ihrem Eintritt in die Rechtspartei PP vor &uuml;ber 15 Jahren liegen einige Abschnitte ihres Lebens bis hin zu m&ouml;glichen Verwicklungen in kriminelle Aktivit&auml;ten des PP genauso im Nebel wie in der Partei insgesamt. Von <strong>Eckart Leiser<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAyuso war bis zu ihrer Nominierung als Spitzenkandidatin f&uuml;r die Wahlen der autonomen Region Madrid vor knapp zwei Jahren selbst in ihrer Partei eine weitgehend unbekannte Figur. Sie wurde immer als &bdquo;Kreatur&ldquo; wahrgenommen: Erst als Proteg&eacute; von Pablo Casado, Chef des PP, seinerzeit Vorsitzender von &bdquo;Nuevas Generaciones&ldquo;, der &bdquo;Jungen Union&ldquo; des PP. Sp&auml;ter nahm sie dann Ex-Pr&auml;sident Jos&eacute; Mar&iacute;a Aznar unter seine Fittiche, Gr&uuml;nder von FAES. FAES versteht sich selbst als rechten &bdquo;think tank&ldquo;, wird allerdings von der digitalen Zeitung DCML als &bdquo;Fabrik f&uuml;r die Herstellung von mittelm&auml;&szlig;igen rechten Politikern&ldquo; bezeichnet (so ging aus ihr der Chef der faschistischen Partei, Abascal, hervor).<\/p><p>Aber konkret: Woher kommt diese Isabel D&iacute;az Ayuso? Sie wurde 1978 in Madrid geboren, im Reiche-Leute-Viertel Chamber&iacute;, in das der Vater aus einem Dorf in der Provinz Avila gezogen war. Er gr&uuml;ndete eine Firma nach der anderen. Alle scheiterten. Er stirbt v&ouml;llig &uuml;berschuldet und mit schwerer Demenz. Immerhin schaffte man es noch, seine zwei H&auml;user in Madrid und Avila  rechtzeitig vor der Pf&auml;ndung zu retten und als &bdquo;Geschenk&ldquo; seinen zwei Kindern zu &uuml;berschreiben. Immer noch wird gegen Ayuso wegen &bdquo;Verheimlichung von Verm&ouml;genswerten&ldquo; ermittelt.<\/p><p>Nach ihrem Studium der Publizistik in Madrid, das sie 2002 mit einem Master abschlie&szlig;t, startet Ayuso 2005 ihre Ochsentour durch verschiedene untergeordnete Posten in der Regierung der autonomen Region, die ihr Parteifreunde verschaffen. Zwischen 2008 und 2011 platziert sie die damalige Pr&auml;sidentin Esperanza Aguirre in einem gut bezahlten Job in &bdquo;Madrid Network&ldquo;, einem dieser korrumpierten &ouml;ffentlich-privaten Unternehmen, die zu dieser Zeit entstehen. Ayusos Versuche, aus der PP-Kelleretage in die Politik einzusteigen, fruchten nicht. Zwar gelangt sie 2011 auf die Liste f&uuml;r die Wahlen zum Madrider Parlament, wird aber nicht gew&auml;hlt. <\/p><p>Sie hat jedoch Gl&uuml;ck: Als eine Abgeordnete im gleichen Jahr auf ihr Mandat verzichtet, r&uuml;ckt Ayuso nach. &Auml;hnliches Gl&uuml;ck hatte sie dann 2019: Die Pr&auml;sidentin Cristina Cifuentes, Nachfolgerin von Ignacio Gonz&aacute;lez, wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt, musste ihrerseits wegen eines gef&auml;lschten Mastertitels zur&uuml;cktreten. Gegen Widerstand in der Partei setzte damals deren Chef Pablo Casado die Kandidatur Ayusos durch. Ihr Wahlergebnis war das seit Jahrzehnten schlechteste. Aber in Koalition mit der Partei Ciudadanos wurde sie dann doch zur Pr&auml;sidentin gew&auml;hlt. Nach wenig mehr als einem halben Jahr reduzierte sich ihre Arbeit auf das Management der Pandemie. Das Ergebnis hatte Spanien im letzten Jahr schockiert: etwa die Altenheime mit 6200 Toten, eine um 53 Prozent h&ouml;here Mortalit&auml;t als in den &uuml;brigen Altenheimen Spaniens. Ayuso zieht sich f&uuml;r l&auml;ngere Zeit nach einer Corona-Infektion in ein Luxushotel zur&uuml;ck, vermutlich auf Einladung von Kiko Sarasola, Hotelkettenbesitzer. Sie l&auml;sst im Schnellverfahren und mit Hilfe des Milit&auml;rs eine Art Riesenlazarett f&uuml;r Corona-Patienten in den Messehallen errichten, zur Erweiterung der als Folge der Privatisierung des Gesundheitswesens dezimierten Madrider Krankenhauskapazit&auml;ten. Leider gab es dann daf&uuml;r kein Personal. Schlie&szlig;lich f&uuml;hrt an einem Lockdown der Schulen kein Weg mehr vorbei, und um den aus den Armenvierteln kommenden Sch&uuml;lern die Schulspeisung zu ersetzen, erhalten Fastfoodketten gut bezahlte Auftr&auml;ge zur Lieferung von Pizzas und Hamburgern frei Haus. Erst nach &ouml;ffentlichem Aufschrei wird eine andere L&ouml;sung gesucht. Immerhin hatte Ayuso eine bisher nicht umgesetzte Gesetzesidee: auch schon den schwangeren Frauen, derem F&ouml;tus also, ein Kindergeld zu gew&auml;hren. Konkret betrachtet ist ihre Zeit als Regierungschefin der autonomen Region Madrid eine Serie von Skandalen und Misserfolgen. <\/p><p>Wenn Ayuso politisches Talent hat, besteht es in ihren permanenten Versuchen, all diese Misserfolge in Tr&uuml;mpfe umzum&uuml;nzen, und zwar unter dem Label &bdquo;Freiheit&ldquo;. Sie h&auml;lt Bars und andere St&auml;tten der Unterhaltung offen (womit auch die Zahlung einer Corona-Unterst&uuml;tzung wegfiel), bis die Zentralregierung wegen &uuml;berbordender Inzidenzen deren vor&uuml;bergehende Schlie&szlig;ung anordnet. Keine Rede, in der Ayuso nicht den Madrider &bdquo;Lebensstil&ldquo; preist und von dem mit Ausgangssperren unvertr&auml;glichen Madrider Nachtleben schw&auml;rmt. Sie wird nicht m&uuml;de, geradezu eine Madrider Identit&auml;t zu erfinden. Ein Satz zu dieser Identit&auml;t ging viral: &bdquo;Du kannst hier Deinen Arbeitgeber und Deinen Partner wechseln und ihn niemals wiedertreffen.&ldquo; Solche S&auml;tze, &bdquo;Ayusadas&ldquo; genannt, kommen an. W&auml;hrend des Lockdowns vermisste sie sogar die n&auml;chtlichen Autostaus im Stadtzentrum, sind doch auch diese f&uuml;r sie Teil der Madrider Identit&auml;t. Inzwischen wird Madrid als Partyhauptstadt Europas gefeiert, zum Stolz von Ayuso. Das Hotel- und Gastst&auml;ttengewerbe hat sie zur &bdquo;Heiligen Isabel&ldquo; ernannt.<\/p><p>Ihr Wahlerfolg ist rational daher nur schwer zu verstehen, wobei bei dessen Bewertung soziologisch differenziert werden sollte: Die hohe Wahlbeteiligung findet sich vorwiegend in den Reiche-Leute-Vierteln im Norden der Hauptstadt und der autonomen Region Madrid. Die Mobilisierung der sozialistischen Stammw&auml;hler im S&uuml;den war dagegen nur m&auml;&szlig;ig erfolgreich. Au&szlig;erdem ist die jahrzehntelange Zerrissenheit der Madrider Sozialisten auch dieses Mal trotz ihres konsensbesessenen Kandidaten Gabilondo nicht wirklich &uuml;berwunden worden. Hinter dem Wahlerfolg steht wohl ein schon die Franco-Diktatur st&uuml;tzendes B&uuml;ndnis zwischen den inzwischen &bdquo;hippen&ldquo; und modernen &bdquo;Hidalgos&ldquo; aus Chamber&iacute; mit ihren SUVs (diese waren im letzten Jahr in den Protest-Autokorsos gegen die Lockdowns auf dem Paseo de Castellana zu besichtigen), und dem verschreckten traditionell katholischen Kleinb&uuml;rgertum. Diesem kann Pedro S&aacute;nchez ohne weiteres als Kommunistenfreund und Pablo Iglesias als Beelzebub verkauft werden. Beiden Gruppen gemeinsam ist, dass bei ihnen die Demokratie nie angekommen ist. F&uuml;r sie sind letztlich der K&ouml;nig und die Streitkr&auml;fte die Garanten f&uuml;r ihren sozio&ouml;konomischen Status bzw. die Rettung Spaniens vor dem Untergang. Das Schreckgespenst f&uuml;r beide Gruppen ist die Republik. Sollte nicht unter diesen Bedingungen und ab einem bestimmten Niveau von Dummheit &ndash; fragt Gerardo Tec&eacute; <a href=\"https:\/\/ctxt.es\/es\/20210501\/Firmas\/35965\/#.YJU6czvcQm0.telegram\">in der digitalen Zeitung ctxt.es<\/a> &ndash; das demokratische Tabu des W&auml;hler-Bashings etwas gelockert werden? <\/p><p>Der Ayuso-&bdquo;Hype&ldquo; wurde neben den Medien in erster Linie von der Frivolit&auml;t der Madrider Geld-Eliten angefeuert, denen Ayusos Triage-Politik in den Altenheimen einfach &bdquo;wurscht&ldquo; war. Das verkn&uuml;pfte sich mit den frivolen Flirts Ayusos mit den Faschisten, in S&auml;tzen wie: &bdquo;VOX steht uns nicht als Gegner gegen&uuml;ber, sondern an unserer Seite&ldquo;. Warum dann noch VOX w&auml;hlen? Deren Zuwachs hielt sich deshalb in Grenzen. Die Barbesitzer, ohne einen Cent Unterst&uuml;tzung durch den Staat und eine traditionelle Abteilung des Kleinb&uuml;rgertums, steuerten dieser Frivolit&auml;t ihre eigene bei: &bdquo;Freiheit hei&szlig;t, in der Bar ein Bier trinken zu k&ouml;nnen&ldquo;. Folge: Inzidenz in Madrid aktuell 150, in Barcelona 80. Jedenfalls ist Madrid ein Mikrokosmos, von dem nur schwer auf die politische Zukunft Spaniens extrapoliert werden kann. Regionale F&uuml;hrer der Rechtspartei und selbst der Parteivorsitzende Pablo Casado sind vom Erfolg Ayusos eher verschreckt. Wenn die linke Regierung in Madrid jetzt nicht den Kopf verliert, ist die Chance f&uuml;r einen politischen Wandel in Spanien noch nicht verspielt.<\/p><p>Titelbild: Diego_Radames\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein halbwegs koh&auml;rentes Bild von Isabel D&iacute;az Ayuso zu zeichnen, die gerade als &bdquo;Erdrutsch-Siegerin&ldquo; aus den Wahlen der autonomen Region Madrid hervorgegangen ist, ist schwierig. Es gibt wenig verl&auml;ssliches Material zu ihrer Person und ihrem Werdegang. 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