{"id":72603,"date":"2021-05-20T10:00:59","date_gmt":"2021-05-20T08:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72603"},"modified":"2021-05-20T16:47:13","modified_gmt":"2021-05-20T14:47:13","slug":"die-pandemie-hat-die-stationaere-versorgung-zu-keinem-zeitpunkt-an-ihre-grenzen-gebracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72603","title":{"rendered":"\u201eDie Pandemie hat die station\u00e4re Versorgung zu keinem Zeitpunkt an ihre Grenzen gebracht.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Satz im Titel stammt vom Expertenbeirat des Bundesgesundheitsministeriums. Er best&auml;tigt das, was Kritiker des Krisenmanagements seit langem sagen und wof&uuml;r sie sich als &bdquo;Verschw&ouml;rungsspinner&ldquo; beschimpfen lassen m&uuml;ssen. Zu ihnen geh&ouml;rt der Internist Matthias Schrappe, der seit Beginn der Krise gegen allzu scharfe und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Corona-Ma&szlig;nahmen aufbegehrt. Seine neueste Analyse wirft allerhand unbequeme Fragen auf: Warum ist Deutschland f&uuml;hrend bei der Zahl der Covid-19-Intentivpatienten? Wo sind Tausende Notfallbetten geblieben und was wurde aus den ganzen F&ouml;rdermillionen? F&uuml;r seine Thesen bezieht er Pr&uuml;gel, gerade weil er es damit in den Medienmainstream geschafft hat. Das allerdings ist neu und ein Zeichen, dass sich die Diskussion um Sinn und Unsinn der Lockdownpolitik nicht mehr aufhalten l&auml;sst. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4141\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-72603-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=72603-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210520_Die_Pandemie_hat_die_stationaere_Versorgung_zu_keinem_Zeitpunkt_an_ihre_Grenzen_gebracht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Bei der Deutschen Interdisziplin&auml;ren Vereinigung f&uuml;r Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), beim Marburger Bund Bundesverband und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) m&uuml;ssen am Wochenende die Dr&auml;hte hei&szlig;gelaufen sein. Am Sonntag hatte eine Expertengruppe um den Gesundheits&ouml;konomen Matthias Schrappe eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.matthias.schrappe.com\/index_htm_files\/thesenpapier_adhoc3_210517_endfass.pdf\">Adhoc-Stellungnahme<\/a>&ldquo; zur intensivmedizinischen Versorgung publiziert, die reichlich Brisanz birgt. Auf 32 Seiten t&uuml;rmt sich ein ganzer Berg an Belastendem auf: So seien die Zahlen zu den Notfallkapazit&auml;ten in deutschen Kliniken manipuliert, es zeigten sich Anhaltspunkte f&uuml;r Subventionsbetrug und der Umgang mit Covid-19-Patienten liefere Hinweise einer im internationalen Vergleich einzigartigen &bdquo;&Uuml;berversorgung&ldquo;. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/plus231167815\/Intensivstationen-Es-geschehen-seltsame-unverstaendliche-Dinge.html\">Im Interview mit &bdquo;Welt&ldquo;-Online<\/a> (hinter Bezahlschranke) legte Schrappe nach: &bdquo;Es geschehen bei den Intensivstationen seltsame, unverst&auml;ndliche Dinge.&ldquo; Begleitend lancierte das Springer-Blatt einen Beitrag, der das Bild von den unter einer Covid-19-&Uuml;berlast &bdquo;vollgelaufenen&ldquo; Intensivstationen ins Wanken bringt. Betitelt hat die Redakteuerin Elke Bodderas ihren ebenfalls nicht kostenfrei erh&auml;ltlichen Artikel mit: <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/plus231138847\/Auslastung-der-Intensivstationen-Immer-schoen-bei-der-Wahrheit-bleiben.html\">&bdquo;Immer sch&ouml;n bei der Wahrheit bleiben!&ldquo;<\/a>  <\/p><p>Das war offenbar zu viel der Unbotm&auml;&szlig;igkeit. In einer <a href=\"https:\/\/www.divi.de\/presse\/pressemeldungen\/pm-intensivstationen-haben-grossartige-arbeit-geleistet\">gemeinsamen Erkl&auml;rung<\/a> vom Montag wiesen die attackierten Verb&auml;nde die Vorw&uuml;rfe &bdquo;aufs Sch&auml;rfste zur&uuml;ck&ldquo;. Das betrifft insbesondere die Unterstellung, ein &bdquo;Spiel der Angst&ldquo; zu betreiben, offizielle Statistiken zu verf&auml;lschen oder &bdquo;rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln&ldquo;. Viele der Anw&uuml;rfe basierten &bdquo;auf Fehleinsch&auml;tzungen und mangelnder Kenntnis der tats&auml;chlichen Lage in Kliniken&ldquo;. Auch <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/inland\/117595-ueberlastete-intensivstationen-doch-nur-fake-news\/\">Hanno Kautz<\/a>, Sprecher des Bundesministeriums f&uuml;r Gesundheit (BMG), verwahrte sich am Montag in der Bundespressekonferenz gegen die Anschuldigungen: Der &bdquo;sehr starke Vorwurf&ldquo;, dass Leute auf Intensivstationen aufgenommen w&uuml;rden, die eigentlich gar nicht dorthin geh&ouml;rten, sei &bdquo;nicht belegt und deshalb zur&uuml;ckzuweisen&ldquo;. Als &bdquo;abwegig und nicht zutreffend&ldquo; bezeichnete SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die Angriffe. Auf Twitter &auml;u&szlig;erte er: &bdquo;Jetzt werden Legenden gebildet. Covid-Infizierte w&auml;ren aus Geldgier intensivmedizinisch versorgt worden. Man habe Daten manipuliert, um Druck auf Politik zu machen. Das ist unw&uuml;rdig.&ldquo; <\/p><p><strong>Kein Gesundheitsnotstand<\/strong><\/p><p>Was hat sich Schrappe so Schlimmes erlaubt, das die geballte Emp&ouml;rung der deutschen Lockdown-Fraktion verdient? Zun&auml;chst etwas zu seiner Person: Der 66-j&auml;hrige Mediziner war 2002 bis 2005 Hauptamtlicher &Auml;rztlicher Direktor des Marburger Universit&auml;tsklinikums, zwischen 2007 und 2011 Generalbevollm&auml;chtigter des Aufsichtsrates des Klinikums der Universit&auml;t Frankfurt am Main sowie seit 2005 Mitglied im Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Von 2007 bis 2011 fungierte er als dessen Stellvertretender Vorsitzender. Schrappe ist also nicht Irgendwer. Namhaft sind zum Teil auch die neun Mitstreiter seiner Autorengruppe, die sich seit Beginn der Pandemie in einer Reihe von Ver&ouml;ffentlichungen gegen das Krisenmanagement der Bundesregierung und die Unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der harten Corona-Ma&szlig;nahmen gewendet hatte. Unter ihnen befindet sich zum Beispiel Klaus P&uuml;schel, der bis vor einem halben Jahr das Institut f&uuml;r Rechtsmedizin am Universit&auml;tsklinikum Hamburg-Eppendorf geleitet hatte. Den Unmut der Politik hatte er durch den Alleingang auf sich gezogen, Covid-19-Tote zu obduzieren. <\/p><p>Unbequem ist Schrappes Team also schon l&auml;nger. Blo&szlig; wurde dessen Thesen bis dato nicht die ganz gro&szlig;e Aufmerksamkeit zuteil. Mit der &bdquo;Welt&ldquo;-Berichterstattung liegen die Dinge pl&ouml;tzlich anders. Auf einmal wird in aller &Ouml;ffentlichkeit diskutiert, was bisher immer ein Tabuthema war: Die Frage n&auml;mlich, ob die politisch Verantwortlichen und ihre wissenschaftlichen Berater die Bedrohungslage durch das Virus &uuml;berdramatisiert haben und die Lockdown-Strategie &uuml;bers Ziel hinausgeschossen ist. Dabei gibt es f&uuml;r Schrappes Haupteinwand, wonach das deutsche Gesundheitssystem im Verlauf der Krise niemals vor dem Kollaps stand, inzwischen sogar eine hauptamtliche Best&auml;tigung. In einer am 30. April vom Expertenbeirat des Bundesgesundheitsministeriums vorgelegten <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/presse\/pressemitteilungen\/2021\/2-quartal\/corona-gutachten-beirat-bmg.html\">Analyse<\/a> halten die Verfasser vom Leibniz-Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung und der Technischen Universit&auml;t Berlin (TUB) fest, &bdquo;dass die Pandemie zu keinem Zeitpunkt die station&auml;re Versorgung an ihre Grenzen gebracht hat&ldquo;. Im Gegenteil: &bdquo;Trotz der Aufforderung der Bundesregierung im Fr&uuml;hjahr 2020, planbare Leistungen zu verschieben, konnte die station&auml;re Versorgung in Deutschland 2020 fl&auml;chendeckend gew&auml;hrleistet werden.&ldquo;<\/p><p><strong>Allzeittief bei Bettenauslastung<\/strong><\/p><p>Nach den Befunden nahmen Covid-19-Patienten im Jahresdurchschnitt 2020 nur knapp vier Prozent der Intensivbetten in Anspruch. Die Gesamtauslastung der intensivmedizinischen Abteilungen wird je nach Krankenhaustyp mit zwischen 63 Prozent und 73 Prozent beziffert. Die Bettenbelegung sei auf ein Allzeittief von 67,3 Prozent gesunken, bei den Intensivbetten auf 68,6 Prozent. Die zugrundeliegenden Daten stammen vom Institut f&uuml;r das Entgeltsystem im Krankenhaus GmbH (InEK), &uuml;ber deren Auswertung durch Forscher der TUB die NachDenkSeiten bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70975\">hier<\/a> berichtet hatten. Danach ist die Zahl der erfolgten Behandlungen in deutschen Krankenh&auml;usern von 19,2 Millionen im Jahr 2019 auf 16,8 Millionen, also um 13 Prozent, im ersten Pandemiejahr regelrecht eingebrochen. <\/p><p>Statt der beschworenen &Uuml;berlastung des Systems zeigt sich r&uuml;ckblickend eine nie dagewesene Minderauslastung des Klinikbetriebs. Nat&uuml;rlich ist diese Entwicklung ma&szlig;geblich auf die Vielzahl an abgesagten und aufgeschobenen Operationen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sowie darauf, dass viele Menschen aus Angst vor Ansteckung auf die Inanspruchnahme &auml;rztlicher Hilfe verzichtet haben. Gleichwohl wurde das Freihalten an Kapazit&auml;ten stets mit dem &bdquo;Schreckgespenst&ldquo; eines Corona-Overkills begr&uuml;ndet, der die Kliniken in die Knie zwingen w&uuml;rde. Die Realit&auml;t war ein andere: Betten standen in gro&szlig;em Stil leer, vielerorts wurden Besch&auml;ftigte in Kurzarbeit geschickt und klammheimlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68858\">20 Hospit&auml;ler<\/a> dicht gemacht. <\/p><p><strong>Haltlose Angstkampagne<\/strong><\/p><p>Schrappe bestreitet in seinem Papier nicht, dass einzelne H&auml;user bisweilen an ihre Grenzen gesto&szlig;en sind. Er widerspricht allerdings der politisch und medial zuhauf transportierten Botschaft eines Notstands als Normalfall. Im Text hei&szlig;t es dazu: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Implizit wurde damit gedroht, man m&uuml;sse Patienten &sbquo;ersticken  lassen&lsquo;. Diese Angst-basierte  Kampagne spielte eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der Ma&szlig;nahmen zur Kontakteinschr&auml;nkung. Hinsichtlich ihrer Faktenbasierung lassen sich diese &Auml;u&szlig;erungen jedoch nicht nachpr&uuml;fen, zumindest steht der Dramatik der Aussagen ein deutlicher Mangel an verwertbaren Daten gegen&uuml;ber.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Vor Verh&auml;ngung der sogenannten Bundesnotbremse war es insbesondere DIVI-Pr&auml;sident Gernot Marx, der wiederholt vor &bdquo;Kliniken am Limit&ldquo; warnte und die Notwendigkeit noch drastischerer Ma&szlig;nahmen beschwor. In besagtem &bdquo;Welt&ldquo;-Artikel kommen hingegen mehrere Fachleute zu Wort, die das ganz anders sehen. &bdquo;Deutschland hatte zu keinem Zeitpunkt auf den Intensivstationen ein Problem&ldquo;, lie&szlig; sich etwa der Virologe Alexander Kekul&eacute; zitieren. Mit Blick auf die derzeitige Situation &auml;u&szlig;erte G&ouml;ran Kauermann, Dekan der Statistischen Fakult&auml;t der Ludwig-Maximilians-Universit&auml;t M&uuml;nchen: &bdquo;Insgesamt sehen wir w&auml;hrend der dritten Welle keine starke Dynamik auf den Intensivstationen.&ldquo; Und der Epidemiologe Klaus St&ouml;hr bemerkte, &bdquo;man hatte immer genug Betten&ldquo; und weiter: &bdquo;Zum Zeitpunkt der gr&ouml;&szlig;ten gesundheitlichen Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg hat es viele Vorteile, in Deutschland zu wohnen. Sechs von zehn Intensivbetten sind immer noch frei f&uuml;r alle, die operiert werden wollen und m&uuml;ssen.&ldquo;  <\/p><p><strong>Weltmeister Deutschland <\/strong><\/p><p>Im Gespr&auml;ch mit der &bdquo;Welt&ldquo; verglich Schrappe die hiesige Situation mit der in anderen Staaten:  <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir sind in jeglicher Hinsicht Europa- oder sogar Weltmeister. Wir haben die l&auml;ngste Liegedauer, die h&ouml;chste Krankenhausdichte, die h&ouml;chste Zahl von Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, wir haben mehr als dreimal mehr Intensivbetten als Frankreich mit 7.000 Betten. (&hellip;) Wir &auml;ngstigen uns auf hohem Niveau.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nun waren die Intensivbetten in Deutschland im Laufe der Krise niemals bis zum Anschlag voll und die sogenannte Notfallreserve wurde auch nie beansprucht. Trotzdem gab es durchaus Momente, in denen die Grenzen immerhin in Reichweite r&uuml;ckten. Und w&auml;ren die Prognosen, etwa des Modellierers Kai Nagel von der TU Berlin, wonach im Mai mit Inzidenzen von 2.000 zu rechnen w&auml;re, tats&auml;chlich eingetreten, h&auml;tten die Best&auml;nde wom&ouml;glich auch nicht ausgereicht. Blo&szlig; hat sich dieses Horrorszenario nicht im Entferntesten bewahrheitet, so wenig wie an der Aussage Karl Lauterbachs etwas dran w&auml;re, dass die intensivmedizinisch Behandelten &bdquo;im Durchschnitt 47 bis 48 Jahre alt&ldquo; w&auml;ren. &bdquo;Die H&auml;lfte von denen stirbt. Viele Kinder verlieren ihre Eltern. Das ist eine Trag&ouml;die.&ldquo; Lauterbach beschied mittlerweile selbst, mit seiner steilen These, wonach die Erkrankten immer j&uuml;nger w&uuml;rden, daneben gelegen zu haben. Seiner Attraktivit&auml;t als Talkshowgast tat dies trotzdem keinen Abbruch.  <\/p><p><strong>Mangelhafte Daten <\/strong><\/p><p>Wie Schrappe anhand neuerer Erkenntnisse des Robert Koch-Instituts (RKI) und des DIVI-Intensivregisters ermittelt hat, mache die Altersgruppe der 30- bis 40-J&auml;hrigen &bdquo;keine drei Prozent aller Covid-Patienten auf Intensivstation aus&ldquo;. Absolut entspreche das &bdquo;etwa 130&ldquo; Betroffenen, w&auml;hrend 7,8 Prozent zwischen 40 und 49 Jahre alt seien, 22 Prozent bis zu 59 Jahre und der &bdquo;Hauptteil&ldquo; &auml;lter als 60 Jahre, bei einem Median von 65 Jahren. Wenngleich in j&uuml;ngerer Zeit geh&auml;uft von den Medien kolportiert, sei &bdquo;ein erh&ouml;htes relatives Risiko f&uuml;r eine Hospitalisierung (&hellip;) in den j&uuml;ngeren Altersgruppen nicht zu erkennen&ldquo;. Wobei der Internist moniert, dass entsprechende Angaben zum mittleren Alter der Behandlungsf&auml;lle &bdquo;bis zum 6. Mai (!)&ldquo; gar nicht erst verf&uuml;gbar gewesen seien. <\/p><p>&Uuml;berhaupt wird in dem Papier ein Defizit an verwertbaren Daten beklagt &ndash; obwohl die Krise schon 15 Monate andauert. Weder gebe das DIVI-Register &bdquo;Auskunft &uuml;ber das Geschlecht, noch werden Daten zu Komorbidit&auml;t und anderen Risikofaktoren zum Zeitpunkt der Intensivpflichtigkeit ver&ouml;ffentlicht&ldquo;. Das mache eine genauere Analyse zu demographischen und klinischen Charakteristika &bdquo;fast unm&ouml;glich&ldquo;. Insofern k&ouml;nne bis heute auch keine Aussage zum Schweregrad der Erkrankung und zum Behandlungsaufwand getroffen werden. Damit bleibe im Unklaren, ob Patienten &bdquo;wegen oder mit SARS-CoV-2&ldquo; auf einer Intensivstation aufgenommen werden. Die zwar weiterhin begrenzten, in j&uuml;ngster Zeit jedoch verbesserten Kennziffern lie&szlig;en aber sehr wohl &bdquo;Zweifel an einer relevanten Verschlechterung der Intensivversorgung aufkommen&ldquo;, konstatieren die Autoren. <\/p><p><strong>Auff&auml;llig viele Intensivpatienten <\/strong><\/p><p>Bezeichnend ist, dass Schrappe, der die unzureichende Datenlage bem&auml;ngelt, jetzt genau daraus ein Strick gedreht wird. Das ZDF machte aus dem Fall dann auch gleich ein <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/panorama\/corona-schrappe-intensivbetten-divi-faktencheck-100.html\">&bdquo;#DiviGate&ldquo;<\/a> und kn&ouml;pfte sich die &bdquo;Nachl&auml;ssigkeiten und Inkonsistenzen seines Papiers&ldquo; vor. Das betrifft insbesondere seine Ausf&uuml;hrungen, wonach die intensivmedizinische Auslastung k&uuml;nstlich und wom&ouml;glich aus finanziellen Gr&uuml;nden hochgehalten werde. Auch hier lohnt der Vergleich mit dem Ausland: Nach der Analyse sind, gemessen an der Sieben-Tage-Melderate, nirgendwo sonst auf der Welt so viele Covid-19-Kranke auf Intensivstation behandelt worden wie hierzulande. Offensichtlich stelle man in Deutschland die Indikation zur Intensivbehandlung &bdquo;deutlich schneller&ldquo; als anderswo, hei&szlig;t es. Dass die Bundesb&uuml;rger schwerer erkrankten als die &uuml;brigen Bewohner Europas, k&ouml;nne dagegen &bdquo;mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden&ldquo;. <\/p><p>Anhaltspunkte daf&uuml;r, dass man in Deutschland vergleichsweise schnell zum Covid-19-Krankenhausfall wird, hatte schon im Februar die Zeitung &bdquo;Die Zeit&ldquo; pr&auml;sentiert. Nach ihrer Recherche sind zwischen 20 und 30 Prozent der Patienten, die in der RKI-Statistik auftauchen, in Wirklichkeit <a href=\"https:\/\/www.nordkurier.de\/politik-und-wirtschaft\/zahl-der-corona-faelle-in-kliniken-uebertrieben-1742474302.html\">aus anderen Gr&uuml;nden im Krankenhaus<\/a> und nur zuf&auml;llig positiv auf Covid-19 getestet worden, ansonsten aber symptomfrei. Selbst auf den Intensivstationen zeige sich dieser Effekt, wobei hier die Quote immerhin noch bei zehn Prozent liege. Auf wen berief sich dabei das Blatt? Auf dieselbe DIVI, die Schrappe nun wegen &bdquo;fehlender Belege&ldquo; an den Pranger stellt. &bdquo;Dies ist eben gerade die St&auml;rke der deutschen Krankenhausstrukturen, die schwerkranken Patienten ad&auml;quat in den Intensivkapazit&auml;ten zu versorgen. Wer daraus eine &sbquo;Fehlversorgung&lsquo; konstruiert, m&uuml;sste gleichzeitig Daten vorlegen, dass die Behandlungsergebnisse in anderen L&auml;ndern gleich gut oder sogar besser waren.&ldquo; Dem sei entgegnet: Warum bringen die deutschen Gesundheitsbeh&ouml;rden nicht endlich Licht ins Dunkel dessen, was bisher wie eine &bdquo;Blackbox Corona&ldquo; wirkt?  <\/p><p>In einer ersten Fassung von Schrappes Adhoc-Stellungnahme war der Anteil der hospitalisierten Covid-19-Patienten auf Intensivstation zum Stichtag 27. April mit 61 Prozent beziffert. Den Wert ermittelte die Gruppe durch Abgleich der RKI-Zahlen zu den Hospitalisierungen mit den t&auml;glich erhobenen DIVI-Daten zur Belegung der Intensivbetten. Allerdings bezieht sich das RKI jeweils auf eine komplette Kalenderwoche, w&auml;hrend das DIVI lediglich Tageswerte heranzieht. Zudem veranschlagt das RKI eine durchschnittliche Verweildauer von Intensivpatienten von neun Tagen. Darauf hingewiesen, hat die Autorengruppe die Quote der Einweisungen unter Ber&uuml;cksichtigung einer Zehn-Tage-Verweildauer auf 41 Prozent herabgesenkt. Aber selbst damit l&auml;ge die BRD noch weit vor L&auml;ndern wie Spanien (24 Prozent), Italien (11 Prozent), Frankreich (29 Prozent) oder der Schweiz (25 Prozent). <\/p><p><strong>Verschiebebahnhof <\/strong><\/p><p>Merkw&uuml;rdig erscheint auch die tendenzielle Zunahme der Gr&ouml;&szlig;e im Zeitverlauf. Am 30. M&auml;rz betrug der Wert nach Schrappes Berechnungen noch 31 Prozent. Warum landen aktuell offenbar mehr Menschen in einem Intensivbett, obwohl alle wesentlichen Krisenindikatoren &ndash; &bdquo;Fallzahlen&ldquo;, Krankenhauseinweisungen und Sterbeziffern &ndash; seit Wochen stabil r&uuml;ckl&auml;ufig sind? Befremdlich mutet &uuml;berdies Schrappes Beobachtung an, wonach die Zahl der Intensivpatienten die der auf Normalstation seit mehreren Wochen in den Schatten stellt &ndash; auch dies mit steigender Tendenz. Am 27. April waren demnach von insgesamt 5.759 Covid-19-Krankenhausf&auml;llen laut RKI 5.063 (bzw. 5.050 laut DIVI) intensivpflichtig. Das entspricht fast 90 Prozent, einen Monat davor waren es noch 44 Prozent. Das sei bei aller Vorl&auml;ufigkeit der Daten wegen m&ouml;glicher Nachmeldungen und der Tatsache, dass nicht von allen Infizierten der Status bekannt ist, ein &bdquo;&auml;u&szlig;erst widerspr&uuml;chlicher Befund&ldquo;. Der &bdquo;Welt&ldquo; sagte Schrappe dazu: &bdquo;K&ouml;nnte es sein, dass manche Krankenh&auml;user sich in Erl&ouml;smaximierung versuchen? Oder ist es f&uuml;r manche Krankenh&auml;user einfacher, Corona-Patienten sofort auf die Intensivstation zu bringen, obwohl sie noch nicht intensivmedizinisch betreut werden m&uuml;ssen?&ldquo; <\/p><p>Die NachDenkSeiten hatten schon Ende April &uuml;ber die auff&auml;llige <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72019\">Fluktuation<\/a> bei den Intensivbetten in Abh&auml;ngigkeit politischer Entscheidungen und vor dem Hintergrund m&ouml;glicher bilanzieller Vorgaben der Krankenh&auml;user berichtet. Schrappes Team ist auch dieser Sache nachgegangen. So seien seit Jahresmitte 2020 &bdquo;nicht nur 10.000 Intensivbetten&ldquo; verschwunden, auch habe man &bdquo;offensichtlich retrospektiv die Zahlen vom letzten Sommer korrigiert&ldquo;. Statt der seinerzeit in der Spitze 34.000 Betten h&auml;tte die DIVI den Bestand mit Meldung vom 1. Mai 2020 r&uuml;ckwirkend auf 30.000 gekappt. Die Beklagte rechtfertigt den Eingriff jetzt damit, &bdquo;im Verlauf der Pandemie die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl der betreibbaren Betten herausgerechnet&ldquo; zu haben. Allerdings erkl&auml;rt dies nicht den Wegfall Tausender weiterer Betten, zumal, wie das Schrappe-Papier festh&auml;lt, &bdquo;angesichts der &sbquo;Triage&lsquo;-Diskussion Anstrengungen zur Ausweitung der Intensivbettenkapazit&auml;t zu erwarten gewesen w&auml;ren&ldquo;. Auf jeden Fall &bdquo;scheint der Abfall der freien Betten eher Folge der Abnahme der Gesamtkapazit&auml;t, denn Folge einer vermehrten Inanspruchnahme durch Covid-19-Patienten zu sein&ldquo;.<\/p><p><strong>10,2 Milliarden Euro wof&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Derzeit f&uuml;hrt die DIVI noch rund 23.500 Intensivbetten auf, w&auml;hrend Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit Auflage seines &bdquo;Krankenhausentlastungsgesetzes&ldquo; vom M&auml;rz 2020 eine Aufstockung auf bis zu 40.000 angek&uuml;ndigt hatte, davon rund 11.000 als sogenannte Notfallreserve. Laut Schrappe existieren diese nur auf dem Papier und w&auml;ren &bdquo;nie aufgebaut und nie in Betrieb genommen&ldquo; worden. In Zweifel zieht er ferner, dass sich der Bettenr&uuml;ckgang allein mit fehlendem Personal erkl&auml;rt. So habe die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit (BA) &bdquo;eine erhebliche Aufstockung von 43.000 Pflegekr&auml;ften allein im Jahr 2020&ldquo; verzeichnet. Allerdings fehlt es auch hier wieder an Daten, wie viele Intensivpflegekr&auml;fte darunter waren. &bdquo;Eine konzertierte, in der &Ouml;ffentlichkeit sichtbare und nachhaltig verfolgte Aktion der politischen F&uuml;hrung des Landes, Pflegekr&auml;fte zum Wiedereintritt in den Beruf zu bewegen, fand jedenfalls nicht statt&ldquo;, so Schrappe.   Dabei habe die Politik im Jahresverlauf 2020 rund 10,2 Milliarden Euro zus&auml;tzlich ins Krankenhaussystem gepumpt. Die Frage m&uuml;sse erlaubt sein, &bdquo;was mit den F&ouml;rdermitteln geschah&ldquo;. Gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten gab er am Dienstag zu Protokoll: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Alles undurchsichtig, unglaubw&uuml;rdig, Notl&uuml;gen. Ich sehe auf jeden Fall keine Konsistenz der Daten, die ein &sbquo;Erstickungs-Narrativ&lsquo; absichern w&uuml;rde. Wenn man &uuml;berhaupt der Meinung ist, mit einem solchen Narrativ Politik machen zu m&uuml;ssen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Titelbild: Spotmatik Ltd\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0e74a892fabf47178cc502ba44bded68\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Satz im Titel stammt vom Expertenbeirat des Bundesgesundheitsministeriums. Er best&auml;tigt das, was Kritiker des Krisenmanagements seit langem sagen und wof&uuml;r sie sich als &bdquo;Verschw&ouml;rungsspinner&ldquo; beschimpfen lassen m&uuml;ssen. Zu ihnen geh&ouml;rt der Internist Matthias Schrappe, der seit Beginn der Krise gegen allzu scharfe und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Corona-Ma&szlig;nahmen aufbegehrt. Seine neueste Analyse wirft allerhand unbequeme Fragen auf:<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72603\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":72600,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,123],"tags":[373,3062,2853,1222,1164,3069,394,2834],"class_list":["post-72603","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-oekonomisierung","tag-divi","tag-medizinische-ausruestung","tag-pandemie","tag-pflegekraefte","tag-schrappe-matthias","tag-subventionen","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/shutterstock_156022646.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=72603"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72628,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72603\/revisions\/72628"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/72600"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=72603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=72603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=72603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}