{"id":7262,"date":"2010-11-04T09:09:25","date_gmt":"2010-11-04T08:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7262"},"modified":"2014-02-17T11:34:15","modified_gmt":"2014-02-17T10:34:15","slug":"es-braut-sich-was-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7262","title":{"rendered":"Es braut sich was zusammen"},"content":{"rendered":"<p>Weniger die Tatsache, dass Obamas Demokratische Partei, bei den &bdquo;midterm Elections&ldquo;, von 256 Sitzen im Repr&auml;sentantenhaus auf 185 Sitze geschrumpft und die Republikaner sich von 179 Sitze auf 239 Sitze verbessert haben und damit die Mehrheit in der gr&ouml;&szlig;ten Kammer des US-Kongresses gewonnen haben (<a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/14\/0,3672,8125006,00.html\">die Kongresswahlen in Zahlen<\/a>), sondern wie der Wahlkampf gef&uuml;hrt wurde, l&auml;sst aufschrecken. Neben dem gro&szlig;en Geld und der Wall Street, die hinter den Republikanern standen, war die inhaltliche Auseinandersetzung vor allem von der sogar noch weit rechts von der Republikanischen Partei stehenden Tea-Party-Bewegung gepr&auml;gt. Gegen die Macht des Bundesstaats, gegen Steuererh&ouml;hungen, gegen Bankenregulierung, gegen die Gesundheitsreform und gegen alles Sozialstaatliche, gegen Einwanderung das waren die Themen, mit denen die Rechtspopulisten die Stimmung im Lande vergiftet haben.<br>\nBeim Siegeszug des Rechtspopulismus steht jedoch Amerika nicht alleine, in ganz Europa erleben wir ein Anwachsen rechtskonservativer bis rechtsextremer Str&ouml;mungen. Ein Vergleich mit dem Ende der zwanziger Jahre dr&auml;ngt sich auf. Auch nach der ersten Weltwirtschaftskrise gab es in der Welt eine Welle des Rechtspopulismus. Und zum Ungl&uuml;ck &ndash; wie in vielen Staaten, so auch vor allem in Deutschland &ndash; zu wenig Demokraten, die noch daran glaubten, dass die Demokratie die wirtschaftlichen und sozialen Probleme l&ouml;sen k&ouml;nnte. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIn Europa toleriert der rechtsradikale Anti-islamist Geert Wilders genauso die von VVD und CDA gestellte konservative Regierung wie die D&auml;nische Volkspartei die liberal-konservative Koalition im Kopenhagener Folketing. Selbst in Schweden gelang den &bdquo;Schweden-Demokraten&ldquo; der Sprung ins Parlament. Die franz&ouml;sische Front National des Rechtsextremisten Le Pen hat zur Wahl von Nicolas Sarkozy aufgerufen und ihm zum Sieg verholfen. In Italien regiert der &bdquo;Unternehmerpopulist&ldquo; Berlusconi mit der ausl&auml;nderfeindlichen Lega Nord. Die postfaschistische Alleanza Nazionale macht sich breit.<br>\nIn England hat sich der marktradikale David Cameron gegen die Labour Party durchgesetzt. Zwar haben rechtspopulistische Parteien, wegen des dortigen Mehrheitswahlrechts (noch) keine Chance ins Parlament zu gelangen, doch die British National Party hat bei Kommunalwahlen beachtliche Erfolge erzielt.<br>\nIn &Ouml;sterreich war die ausl&auml;nder- und islamfeindliche FP&Ouml; unl&auml;ngst bei den Wahlen in Wien der gro&szlig;e Gewinner und bei der Parlamentswahl vor zwei Jahren kamen die rechtspopulistischen Parteien FP&Ouml; und J&ouml;rg Haiders BZ&Ouml; auf fast 30 Prozent der Stimmen.<br>\nFast &uuml;berall in Europa &ndash; vielleicht bis derzeit noch auf Spanien und Portugal &ndash; haben sich rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien etabliert. In Ungarn regiert der rechtskonservative B&uuml;rgerbund Fidesz mit einer Zweidrittelmehrheit und baut im Eiltempo demokratische Strukturen ab. In Polen hat die ultrakatholische Liga Polnischer Familien einen starken Einfluss.<\/p><p>Und auch in Deutschland k&ouml;nnten sich 18 Prozent vorstellen eine Partei zu w&auml;hlen, deren <a href=\"?p=6652\">Vorsitzender Thilo Sarrazin hie&szlig;e<\/a>. Der politische Diskurs hat sich in den letzten Monaten sp&uuml;rbar nach rechts verlagert. <\/p><p>Zwar gibt es &ndash; wie z.B. mit der Tea-Party-Bewegung in den USA &ndash; nationale und historisch bedingte Besonderheiten bei der Auspr&auml;gung des Rechtspopulismus, doch in der der Tendenz gibt es viele Gemeinsamkeiten. Der Rechtspopulismus wendet sich <strong>gegen<\/strong> alles, was er als politisch links definiert. So gilt etwa die Gesundheitsreform in den USA  f&uuml;r die Rechtskonservativen als &bdquo;Sozialismus&ldquo;. Die Rechtsau&szlig;en schl&uuml;pfen in die Rolle derjenigen, die &bdquo;kein Blatt vor den Mund nehmen&ldquo;, die sich auszusprechen trauen, was &bdquo;die schweigende Mehrheit&ldquo; denkt oder f&uuml;hlt. Ihr Stil ist parolenhaft, demagogisch, sie argumentieren mit emotionalisierendem Freund-Feind-Denken und sie tun so als h&auml;tten sie einfache L&ouml;sungen f&uuml;r die politischen Probleme zu bieten. Sie spielen vor allem mit latenten &Auml;ngsten der Menschen. Das sch&uuml;ren von &Auml;ngsten gegen&uuml;ber Ausl&auml;ndern und den Folgen der Immigration spielt dabei die wichtigste Rolle. Politische Unzufriedenheit, materielle Not, Status&auml;ngste und Orientierungslosigkeit der &bdquo;Modernisierungsverlierer&ldquo; verschaffen einfachen Rezepten und demagogischen F&uuml;hrungsfiguren Geh&ouml;r.<\/p><p>Der Rechtspopulismus findet fast &uuml;berall in den Boulevard-Medien einen wichtigen Resonanzboden, das gilt f&uuml;r Springers Bild-Zeitung genauso, wie f&uuml;r Murdochs Fox News. <\/p><p>Auffallend ist, dass vor allem das &bdquo;Gro&szlig;e Geld&ldquo; wie in den USA den Rechtspopulismus massiv unterst&uuml;tzt oder wie bei uns stillschweigend duldet oder gar mit Sympathie verfolgt.<br>\nDie zumindest wohlwollende Duldung des Rechtspopulismus durch das Finanzkapital oder durch die Wirtschaftsoligopolisten hat sein Grundmotiv darin, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die Wut von den Gewinnern der Krise auf Minderheiten, also auf Ausl&auml;nder oder auf vermeintlich faule &bdquo;Sozialschmarotzer&ldquo; abgelenkt werden kann. Denn es sind vor allem die Verlierer bei der zunehmenden Spaltung der Gesellschaften und die vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichten, die nach rechts schwenken. Die Gro&szlig;wirtschaft und die Rechtspopulisten verbindet weiter &ndash; wenn auch aus unterschiedlichen Motiven &ndash; eine Abwehrhaltung gegen &bdquo;diesen&ldquo; Staat. Bei der Wirtschaft aus dem Glauben an den Markt, der alles besser kann als der Staat. Bei den &bdquo;Verlierern&ldquo; aus dem Gef&uuml;hl, dass die Politik nur Klientel bedient und die Politiker sich nur selbst bedienen und damit aus dem Verlust an Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie. <\/p><p>In Amerika l&auml;sst sich an der &bdquo;Abstrafung&ldquo; Obamas der Mechanismus ablesen, warum ein noch vor zwei Jahren von den Massen begeistert unterst&uuml;tzter Hoffnungstr&auml;ger scheitern muss. Obama hat versprochen mit dem System Bush ein Ende zu machen. Er ist f&uuml;r einen &bdquo;Change&ldquo; gew&auml;hlt worden. Doch ins Amt gew&auml;hlt, hat er zwar &ndash; wie etwa bei der Gesundheitsreform oder mit leichten Steuererleichterungen &ndash; eine stattliche Anzahl von sogar einigerma&szlig;en erfolgreichen Anl&auml;ufen zu einem Wechsel gemacht, aber letztlich konnte er das Gef&uuml;hl vieler seiner Kernw&auml;hler nicht nehmen k&ouml;nnen, dass nach wie vor die Wall Street die finanz- und wirtschaftspolitische Macht im Lande hat. Er hat vor allem wirtschaftspolitisch keine erkennbare Alternative aufzeigen k&ouml;nnen, die vor allem den mit der Finanz- und Wirtschaftskrise aus ihren H&auml;usern und ihren Jobs Vertriebenen Hoffnung h&auml;tte machen k&ouml;nnen. Warum wurden nur die Banken gerettet und nicht die Masse der Menschen, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten? Zocken die Banker nicht munter weiter? Zu sehr hat Obama auf die &uuml;berparteiliche Zusammenarbeit mit den Republikanern gesetzt, so dass der versprochene Wechsel offenbar f&uuml;r Viele nicht mehr sichtbar war.<\/p><p>Ganz &auml;hnlich wie bei den sozialdemokratischen Regierungen in Europa und deren Einschwenken auf die herrschende &ouml;konomische Lehre hat auch Obama im Wesentlichen am wirtschafts- und finanzpolitischen Kurs der Bush-&Auml;ra festgehalten (oder sich nicht offensiv genug dagegen abgegrenzt) und wurde deshalb sogar noch f&uuml;r den Scherbenhaufen, dem ihm die Vorg&auml;ngerregierung hinterlassen hat, verantwortlich gemacht werden. <\/p><p>Durch die Angleichung der Volksparteien von links und rechts an den neoliberalen Mainstream verspielten auch die sozialdemokratische Parteien in Europa ihre Chancen. Wenn sie regieren, laufen ihnen ihre Anh&auml;nger weg, weil ihre politischen &bdquo;Reformen&ldquo; f&uuml;r die Masse der Menschen keine Verbesserungen, ja sogar eher Verschlechterungen mit sich bringen und schlie&szlig;lich verlieren sie auch die Wahlen. Das war exemplarisch in Deutschland und Gro&szlig;britannien mit dem Niedergang von SPD und Labour zu beobachten. Und wenn die Sozialdemokraten dann wieder in der Opposition sind, k&ouml;nnen sie mangels wirtschaftspolitischer Alternative bestenfalls wieder auf das Scheitern der Konservativen warten oder von Ausw&uuml;chsen einer Klientelpolitik (so z.B. Steinmeier als SPD-Fraktionschef) oder von Skandalen bzw. Skand&auml;lchen aufgrund von pers&ouml;nlichem Fehlverhalten (siehe z.B. die Abwahl von R&uuml;ttgers in NRW) profitieren. Und wenn dann die Konservativen und Wirtschaftsliberalen wieder abgewirtschaftet haben, beginnt das Wechselspiel des Scheiterns von vorne. (Diesen Gedanken habe ich aus <a href=\"?p=4147\">Heiner Flassbecks Buch &bdquo;Gescheitert&ldquo;<\/a>)<\/p><p>Dieses Wechselspiel des Scheiterns f&uuml;hrt zu Politikverdrossenheit, zu Mitglieder- und Stimmverlust der &bdquo;Volksparteien&ldquo; und zun&auml;chst in die politische Resignation (ablesbar in steigender Wahlenthaltung). Was aber viel schlimmer ist: Dieses Drehen im Kreise, ja noch mehr die Spirale nach unten ist auf Dauer das Einfallstor des Rechtspopulismus und rechtsextremer politischer Kr&auml;fte und Parteien. Sie suchen und finden dann die &bdquo;S&uuml;ndenb&ouml;cke&ldquo;, auf die sich dann Entt&auml;uschung oder gar Zorn vieler Menschen &uuml;ber einen politischen Kurs abladen lassen, der nun seit drei Jahrzehnten und in der Kulmination der Finanzkrise sein Scheitern bewiesen hat. Die neoliberal ausgerichtete Politik gef&auml;hrdet so die demokratische Kultur und letztlich auch die Demokratie als politisches System.<br>\nDa braut sich was zusammen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weniger die Tatsache, dass Obamas Demokratische Partei, bei den &bdquo;midterm Elections&ldquo;, von 256 Sitzen im Repr&auml;sentantenhaus auf 185 Sitze geschrumpft und die Republikaner sich von 179 Sitze auf 239 Sitze verbessert haben und damit die Mehrheit in der gr&ouml;&szlig;ten Kammer des US-Kongresses gewonnen haben (<a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/14\/0,3672,8125006,00.html\">die Kongresswahlen in Zahlen<\/a>), sondern wie der Wahlkampf gef&uuml;hrt wurde,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7262\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,125,174,190],"tags":[578,366,705,729,730],"class_list":["post-7262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-rechte-gefahr","category-usa","category-wahlen","tag-berlusconi-silvio","tag-obama-barack","tag-sarrazin-thilo","tag-tea-party","tag-wilders-geert"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7262"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7264,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7262\/revisions\/7264"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}