{"id":727,"date":"2005-08-10T16:11:34","date_gmt":"2005-08-10T14:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=727"},"modified":"2016-03-06T10:51:02","modified_gmt":"2016-03-06T09:51:02","slug":"die-steuerfinanzierung-der-sozialen-sicherungssysteme-ein-unsicherer-und-hochst-gefahrlicher-rettungsanker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=727","title":{"rendered":"Die Steuerfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme &#8211; ein unsicherer und h\u00f6chst gef\u00e4hrlicher Rettungsanker"},"content":{"rendered":"<p>Vor allem von CDU\/CSU und von der Wirtschaftslobby, aber auch von sich eher &bdquo;links&ldquo; verstehenden Anh&auml;ngern eines allgemeinen &bdquo;Grundeinkommens&ldquo; wird eine teilweise oder gar &uuml;berwiegende Finanzierung von sozialer Risikoabsicherung aus Steuermitteln statt aus nach Einkommen gestaffelten Beitr&auml;gen der Versicherten propagiert. Vorgebliches Hauptmotiv ist der Glaube, dass so die Lohnnebenkosten gesenkt werden k&ouml;nnten und dadurch die Wirtschaft wieder angekurbelt werden k&ouml;nnte. Eine tr&uuml;gerische Hoffnung!<br>\n<!--more--><br>\nDass damit eine betriebswirtschaftliche Froschperspektive eingenommen wird und nicht die volkswirtschaftliche Gegenrechnung dar&uuml;ber aufgestellt wird, welche Effekte die daf&uuml;r notwendige Gegenfinanzierung &uuml;ber Steuern ausl&ouml;sen w&uuml;rde, stellt Gerhard B&auml;cker in einem Beitrag der FR unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=708842&amp;ref=\/ressorts\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=708842&amp;ref=\/ressorts\">&ldquo;Nur eine Schraube zu drehen, bringt nicht viel&rdquo;<\/a> dar. <\/p><p>Die Senkung der Lohnnebenkosten ist nach schwarz-gelb-gr&uuml;n-rotem Glaubensbekenntnis, nach dem die Steuersenkungen in H&ouml;he von &uuml;ber 60 Milliarden nichts bewirkten, der letztverbliebene Strohalm mit dem man sich aus dem Sumpf der Arbeitslosigkeit ziehen will. Durch die Entlastung der Arbeitgeber von der parit&auml;tischen Finanzierung, so der Glaube, w&uuml;rden diese wieder mehr investieren und, weil Arbeit billiger w&uuml;rde, wieder mehr Arbeitnehmer einstellen. Die Lohnempf&auml;nger sollen damit mehr &bdquo;Netto&ldquo;-Lohn in der Tasche haben und wieder mehr kaufen k&ouml;nnen und damit die Binnennachfrage steigen lassen, was wiederum die Investitionen rentabel macht, weil mehr Produkte gekauft werden. So die Hoffnung.<br>\n(Daran scheint offenbar nicht einmal Angela Merkel zu glauben, wenn das so einleuchtend w&auml;re, w&uuml;rde sie sicher nicht mehrfach Brutto und Netto verwechselt haben.) <\/p><p>Dass sich dieses Mehr an &bdquo;Netto&ldquo;-Lohn aber sehr rasch in ein Minus in der privaten Haushaltskasse verwandelt, dar&uuml;ber wird geflissentlich nicht gesprochen. So hat etwa die Senkung der parit&auml;tische finanzierten Krankenversicherungsbeitr&auml;ge um 0,9% schon unmittelbar zu einem Anstieg des privat zu finanzierenden Beitrags um 0,45% gef&uuml;hrt. Auch dass die Praxisgeb&uuml;hr &bdquo;cash&ldquo; auf den Tisch gelegt werden muss, dass f&uuml;r nicht rezeptpflichtige Medikamente oder f&uuml;r Kuren mehr aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss, dass das Krankengeld k&uuml;nftig privat abgesichert werden muss, dass die Riester-Rente, die die Lohnnebenkosten senken soll, &uuml;ber die keineswegs gesenkten Beitr&auml;ge f&uuml;r die gesetzliche Rente hinaus das Netto-Einkommen weiter verringert, weil die Beitr&auml;ge zus&auml;tzlich das Portemonnaie belasten, das wird nur allzu gerne jedenfalls aus der privaten Bilanz f&uuml;r den Lohnempf&auml;nger herausgenommen.<br>\nDie Absicherung der durch sinkende Beitr&auml;ge (vor allem wegen der Lohnsenkungen) und weniger Beitragszahler (vor allem wegen des R&uuml;ckgangs sozialversicherungspflichtiger Arbeitspl&auml;tze) immer kleiner werdenden Renten soll, wie die Allparteienkoalition das m&ouml;chte, durch private Kapitalvorsorge dann &bdquo;eigenverantwortlich&ldquo; (einige meinen sogar &bdquo;verpflichtend eigenverantwortlich&ldquo;) erfolgen.<br>\n&Auml;hnliches sehen Schwarz und Gr&uuml;n auch noch f&uuml;r die Pflegeversicherung vor. Ganz zu schweigen von der FDP, die die komplette Risikoabsicherung zur Privatangelegenheit machen will, nach dem Motto: Jeder kann &bdquo;frei&ldquo; w&auml;hlen, wie viel ihm seine Gesundheit oder seine Alterssicherung wert ist. <\/p><p>Man setzt dabei offenbar darauf, dass die &bdquo;Pisa-gesch&auml;digten&ldquo; Deutschen das kleine Plus beim Netto-Lohn nicht mehr mit dem gro&szlig;en Minus bei den &ndash; jetzt allerdings &ndash; privaten &bdquo;Lohn-Zusatz-Kosten&ldquo; verrechnen k&ouml;nnen. Oder anders: Man verkauft die Leute f&uuml;r zu dumm, um diese Rechentricks zu Lasten ihres eigenen Geldbeutels zu durchschauen. Und da sich das Volk eben nicht verschaukeln lassen will, bockt es gegen&uuml;ber solchen &bdquo;Reformen&ldquo;. <\/p><p>Der Gedanke der Steuerfinanzierung von Sozialleistungen &ndash; nicht allein nur zur Senkung von Lohnnebenkosten, sondern zur Gew&auml;hrleistung einer allgemeinen &bdquo;Grundsicherung&ldquo;oder einem &bdquo;bedingungslosen Grundeinkommen&ldquo; &ndash; hat in letzter Zeit weit &uuml;ber das konservative Lager hinaus bis hinein zu Bewegungen wie Attac oder in den Feuilletons eine zunehmende Faszination gewonnen.<br>\nGerhard B&auml;cker, weist mit nachvollziehbaren Argumenten darauf hin, dass es sich beim Systemwechsel von der Senkung der Lohnnebenkosten hin zur Gegenfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme durch Steuererh&ouml;hungen, jedenfalls was die rechnerischen Besch&auml;ftigungseffekte angeht, volkswirtschaftlich (und eben nicht einzelwirtschaftlich) betrachtet eher um eine unsichere Kalkulation handelt. Nach Simulationsrechnungen ergibt sich bei einer Beitragssenkung um einen Punkt und einer Gegenfinanzierung durch Anhebung der Mehrwertsteuer eine Schwankungsbreite, die zwischen 170.000 Arbeitsplatzverlusten bis zu 129.000 zus&auml;tzlichen Arbeitspl&auml;tzen liegt. Ein ziemlich risikobehafteter Weg also. Und daf&uuml;r will man noch das ganze Durcheinander bei der Umstellung des Systems in Kauf nehmen? Zugespitzt m&uuml;sste man sogar sagen: Es handelt sich um eine weitere Schummelei. <\/p><p>Denn das nur geringf&uuml;gig steigende Netto-Einkommen w&uuml;rde gleich wieder durch eine Steuererh&ouml;hung gemindert. (Welche unsozialen und die Nachfrage zus&auml;tzlich hemmenden Auswirkungen eine Mehrwertsteuererh&ouml;hung mit sich br&auml;chte, <a href=\"?p=557\">haben wir an anderer Stelle ausgef&uuml;hrt<\/a>.) <\/p><p>Hinter den vordergr&uuml;ndig so einschmeichlerischen Vorschl&auml;gen zur Steuerfinanzierung von sozialen Transferleistungen stecken jedoch noch viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahren, um nicht zu sagen geradezu der Versuch der Rosst&auml;uscherei.<br>\nDass es dabei haupts&auml;chlich um die Entlastung der Arbeitgeberseite geht, wurde schon erw&auml;hnt.<br>\nHinzu kommt noch: Der Anteil der Lohn- und Einkommensteuer am gesamten Steueraufkommen hat sich seit Jahrzehnten gegen&uuml;ber den Steuern aus Kapitaleink&uuml;nften erh&ouml;ht und wird sich, wenn die politisch aktuellen Vorschl&auml;ge umgesetzt w&uuml;rden, noch weiter erh&ouml;hen. (Der Anteil der Lohnsteuer ist von 1977 bis 2002 von 30 auf 36% gestiegen, w&auml;hrend der Anteil der Gewinn- und Verm&ouml;genssteuer am gesamten Steueraufkommen von 29% auf 14% gefallen ist.) Gleichzeitig sind die Spitzensteuers&auml;tze von 53 auf 42% gesenkt worden oder sollen nach dem Willen von CDU\/CSU (und selbstredend FDP) sogar noch weiter gesenkt werden.<br>\nDas hei&szlig;t: W&uuml;rden k&uuml;nftig Sozialleistungen aus Steuermitteln finanziert, so tr&uuml;gen gerade die mittleren Lohn- und Einkommensbezieher die Hauptlast. <\/p><p>Das gr&ouml;&szlig;te Risisko ergibt sich jedoch daraus: Im Steuerrecht gilt das sogenannte &bdquo;Non-Affektationsprinzip. Anders als bei Geb&uuml;hren wird die Steuer grunds&auml;tzlich nicht zweckbezogen erhoben, sondern sie flie&szlig;t in den allgemeinen Haushalt und unterliegt somit der j&auml;hrlichen Disponibilit&auml;t des Haushaltsgesetzgebers, d.h. der politischen Entscheidung.<br>\nWas das f&uuml;r ein Risiko darstellt, l&auml;sst sich an einem aktuellen Beispiel aufzeigen: Weil f&uuml;r diesen Herbst ein Loch in der Rentenkasse von gerade mal 500 Millionen Euro klafft, die &uuml;ber den Bundeshaushalt gedeckt werden muss, h&ouml;ren wir doch t&auml;glich aus allen Kan&auml;len apokalyptische Klagen dar&uuml;ber, wie riesig und angeblich unbezahlbar die Anteile etwa f&uuml;r die Zusch&uuml;sse f&uuml;r die Rentenversicherung am Gesamthaushalt und am Steueraufkommen sind. Schon heute wird gesagt, dass kein Weg daran vorbei f&uuml;hre, die Renten drastisch zu senken, wenn der Staat noch handlungsf&auml;hig bleiben wolle und der Sozialhaushalt nicht die Staatsfinanzen vollends strangulieren solle. Dar&uuml;ber hinaus h&ouml;ren wir zunehmend &uuml;ber Horrorszenarien, dass die Haushalte komplett zusammenbrechen werden, wenn erst die Pensionslawine in Gang k&auml;me und dass deshalb die Beamtenpensionen dramatisch gesenkt werden m&uuml;ssten <\/p><p>Was muss man daraus folgern:<br>\nWenn erst einmal Sozialleistungen statt aus parit&auml;tisch finanzierten leistungsbezogenen Beitr&auml;gen aus allgemeinen Steuern finanziert w&uuml;rden, dann w&uuml;rde der Anteil f&uuml;r Sozialtransfers am Gesamthaushalt noch um ein Vielfaches gr&ouml;&szlig;er werden. Man stelle sich einmal vor, welche Debattenlage &uuml;ber die den Staat &bdquo;erdr&uuml;ckende&ldquo; Soziallast wir dann erst h&auml;tten.<br>\nAls einziger Ausweg blieben Steuererh&ouml;hungen, die nach heutiger Betrachtung der steuerpolitischen Vorschl&auml;ge zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil von den Normalverdienern getragen werden m&uuml;ssten. Man stelle sich aber vor, welche Kampagnen gegen die zu hohe Steuerlast und eine noch viel h&ouml;here Staatsquote dann erst gestartet w&uuml;rden. <\/p><p>Im Ergebnis h&auml;tten wir einen noch massiveren und wohl f&uuml;r keine Regierung mehr aushaltbaren politischen Druck auf die Senkung von staatlich finanzierten Sozialleistungen insgesamt. Wenn es gut ginge, dann w&uuml;rde das auf eine staatliche Garantie von existenzsichernden Minimalleistungen hinauslaufen, sowohl bei der Gesundheitsvorsorge, bei der Grundsicherung (oder dem Grundeinkommen) als auch bei der Altervorsorge. Der Zwang zur Eigenvorsorge f&uuml;r eine Absicherung &uuml;ber dem Existenzniveau w&auml;re unausweichlich und damit w&auml;ren wir endg&uuml;ltig dort angekommen, wo uns die Systemver&auml;nderer schon heute hinbringen wollen: Der &bdquo;Sozialstaat&ldquo; sichert allenfalls noch das Existenzminimum (und daf&uuml;r sollen ja nach einem j&uuml;ngsten Urteil des Berliner Sozialgerichts 345 Euro pro Monat ausreichen), der Rest bleibt der Eigenverantwortung &uuml;berlassen. <\/p><p>Die Versicherungswirtschaft w&uuml;rde sich die H&auml;nde reiben, aber Armut und Not f&uuml;r diejenigen, denen es f&uuml;r eine private Vorsorge nicht reicht, griffen in einer vollends gespaltenen Gesellschaft um sich.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor allem von CDU\/CSU und von der Wirtschaftslobby, aber auch von sich eher &bdquo;links&ldquo; verstehenden Anh&auml;ngern eines allgemeinen &bdquo;Grundeinkommens&ldquo; wird eine teilweise oder gar &uuml;berwiegende Finanzierung von sozialer Risikoabsicherung aus Steuermitteln statt aus nach Einkommen gestaffelten Beitr&auml;gen der Versicherten propagiert. Vorgebliches Hauptmotiv ist der Glaube, dass so die Lohnnebenkosten gesenkt werden k&ouml;nnten und dadurch die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=727\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,13,145,137],"tags":[290,273],"class_list":["post-727","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-sozialstaat","category-steuern-und-abgaben","tag-binnennachfrage","tag-privatvorsorge"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/727","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=727"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/727\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31896,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/727\/revisions\/31896"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=727"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=727"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=727"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}