{"id":72745,"date":"2021-05-25T11:08:42","date_gmt":"2021-05-25T09:08:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72745"},"modified":"2021-06-01T10:08:40","modified_gmt":"2021-06-01T08:08:40","slug":"bei-dem-einen-ist-es-staatsterrorismus-bei-dem-anderen-ein-kleinerer-fauxpas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72745","title":{"rendered":"Bei dem einen ist es \u201eStaatsterrorismus\u201c, bei dem anderen ein kleinerer Fauxpas"},"content":{"rendered":"<p>Die mediale und politische Aufregung &uuml;ber die erzwungene Zwischenlandung eines Ryanair-Jets im wei&szlig;russischen Minsk kennt keine Grenzen. CDU-Politiker Norbert R&ouml;ttgen spricht von &bdquo;einem unfassbaren Fall Staatsterrorismus&ldquo;, die EU bereitet bereits Sanktionen gegen Wei&szlig;russland vor. Das Hyperventilieren erstaunt. Als die USA 2013 Druck auf EU-Staaten aus&uuml;bten, um das Dienstflugzeug des bolivianischen Pr&auml;sidenten Morales zu einer Landung in Wien zu zwingen, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17846\">um den an Bord vermuteten US-Dissidenten Edward Snowden zu inhaftieren<\/a>, blieb jeglicher Protest aus. Stille herrschte auch nach einem vergleichbaren Fall im Jahre 2016, als die Ukraine ein Flugzeug zur Landung zwang und einen sich an Bord befindlichen Maidan-Kritiker festnahm. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1575\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-72745-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=72745-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210525_Bei_dem_einen_ist_es_Staatsterrorismus_bei_dem_anderen_ein_kleinerer_Fauxpas_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Am 2. November 2013 trat der bolivianische Pr&auml;sident Evo Morales in seinem Dienstflugzeug die R&uuml;ckreise von einem Gipfeltreffen in Moskau an. US-Geheimdienste hegten damals den Verdacht, Morales k&ouml;nnte den von den USA gesuchten Whistleblower Edward Snowden an Bord haben. Daraufhin &uuml;bten die USA massiven diplomatischen Druck auf mehrere EU-Staaten aus. Washington forderte, die EU solle ihren Luftraum f&uuml;r den  bolivianischen Staatsjet sperren, um ihn so zu einer Landung zu zwingen. Dort solle man dann das Flugzeug &bdquo;inspizieren&ldquo;. Die EU-Staaten Frankreich, Italien, Spanien und Portugal folgten diesem Wunsch. Morales&rsquo; Flugzeug musste in Wien notlanden und durfte erst nach einer Kontrolle, die sp&auml;ter zur &bdquo;freiwilligen Nachschau&ldquo; umdeklariert wurde, den Flug fortsetzen. Edward Snowden war zum Gl&uuml;ck nicht an Bord. W&auml;re er es gewesen, h&auml;tten die &Ouml;sterreicher ihn sicherlich auf Basis eines Amtsersuchens aus Washington festgenommen und in die USA &uuml;berstellt. <\/p><p>Diese Nachricht schaffte es zwar in die Medien, wurde dort jedoch abwiegelnd gerechtfertigt. Die kritischsten Zwischent&ouml;ne werteten die blamable Aktion als diplomatischen Fauxpas. Dass die EU-Staaten einen Akt von &bdquo;Staatsterrorismus&ldquo; begangen h&auml;tten, war damals nirgends zu h&ouml;ren. Der SPIEGEL, der sich seit Sonntag f&ouml;rmlich mit schrillen Artikeln zu Wei&szlig;russland &uuml;berschl&auml;gt und offen Sanktionen fordert, fand damals sogar Experten, die dem Vorgehen Washingtons und der EU-Staaten <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/morales-eklat-juristen-geben-den-verweigerern-recht-a-909246.html\">einen Persilschein ausstellten<\/a>.<\/p><blockquote><p>\nJeder Staat hat die ausschlie&szlig;liche Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber sein Staatsgebiet und den Luftraum. Er bestimmt allein, wer hinein darf und wer nicht.&rdquo; Der Potsdamer V&ouml;lkerrechtler Andreas Zimmermann, Experte f&uuml;r Diplomatenrecht, fasst es so zusammen: &ldquo;Wenn der Staat sagt, ein Flugzeug darf nicht durchfliegen, dann darf es nicht durchfliegen.&rdquo; [&hellip;]<br>\nZur Landung zwingen d&uuml;rfte ein Staat ein Flugzeug nur aus schwerwiegenden Gr&uuml;nden &ndash; wenn etwa der Verdacht besteht, dass die Maschine zur Spionage oder als Terrorwaffe missbraucht wird. F&uuml;r eine Durchsuchung am Boden hingegen gen&uuml;gt zufolge laut Giemulla schon der Verdacht eines Verbrechens. &Ouml;sterreichs Sicherheitsbeh&ouml;rden h&auml;tten also die Maschine inspizieren d&uuml;rfen.\n<\/p><\/blockquote><p>Sollten diese Expertisen zutreffen, dann h&auml;tte auch Wei&szlig;russland das Recht gehabt, den Ryanair-Jet zur Landung zu zwingen und den Oppositionellen Roman Protasewitsch an Bord zu verhaften. Nach wei&szlig;russischem Recht steht Protasewitsch unter Tatverdacht f&uuml;r diverse Straftatbest&auml;nde, die ihm zur Last gelegt werden. Selbstverst&auml;ndlich kann man die Strafverfolgung als politisch einordnen. Das trifft auf den Fall Snowden aber genauso zu.<\/p><p>Wie der Blogger Thomas R&ouml;per <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2021\/alle-fakten-ueber-die-landung-des-ryanair-fluges-in-minsk-und-die-verhaftung-des-oppositionellen\/\">berichtet<\/a>, hat es auch 2016 einen vergleichbaren Fall gegeben. Damals war es die Ukraine, die ein in Kiew gestartetes Flugzeug kurz vor der wei&szlig;russischen Grenze zur Umkehr zwang. An Bord war der Publizist Armen Martirosyan, der unter anderem zuvor prorussisch aus dem Donbass berichtete und als Kritiker des Regierungsumsturzes in Folge der Maidan-Proteste galt. Auch damals waren Kampfflugzeuge aufgestiegen, die das Flugzeug zur Landung zwangen. Zur&uuml;ck in Kiew wurde Martirosyan aus dem Flieger gezerrt, festgenommen und durchsucht. Sp&auml;ter durfte er das Land verlassen und lebte bis zu seinem Tod im letzten Jahr im russischen Exil.<\/p><p>&Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass Proteste der EU gegen diese Form von &bdquo;Staatsterrorismus&ldquo; der Ukraine damals ausblieben. Deutsche Medien ignorierten diesen Vorfall sogar komplett. Es gab keine Sanktionen gegen die Ukraine, so wie es drei Jahre zuvor auch keine Sanktionen gegen die USA wegen des Morales-Zwischenfalls gab.<\/p><p>Doppelte Standards. Es wird skrupellos mit zweierlei Ma&szlig; gemessen. Was bei dem Einen &bdquo;rechtlich einwandfrei&ldquo; ist, ist bei dem Anderen &bdquo;Staatsterrorismus&ldquo;, und die Medien geben einmal mehr den Takt vor. Wer sich beispielsweise die Berichterstattung der ARD in den letzten beiden Tagen angeschaut hat, wird dort nicht einmal einen Hauch von Zweifel an der Richtigkeit der transatlantischen Interpretation des Vorfalls vernommen haben. Stattdessen der allgegenw&auml;rtige Ruf nach &bdquo;Sanktionen&ldquo; &ndash; m&ouml;glichst hart und m&ouml;glichst lange; so lange, bis Wei&szlig;russland &bdquo;demokratisch&ldquo; ist, also so lange, bis es einen Regime Change gegeben hat.<\/p><p>Die Hintergr&uuml;nde bleiben derweil im Dunkeln. Wer ist Roman Protasewitsch und auf welcher Payroll steht er? Ein 26-J&auml;hriger, der noch bis vor kurzem ein Mediennetzwerk mit zahlreichen Vollzeitmitarbeitern gef&uuml;hrt hat? Woher stammte das Geld? Seit 2019 betrieben Protasewitsch und Co. ihren YouTube- und Telegram-Kanal Nexta aus dem polnischen Exil heraus und sogar die Wikipedia <a href=\"https:\/\/ru.wikipedia.org\/wiki\/Nexta\">schreibt<\/a>, dass der Kanal kein neutrales journalistisches Medium sei, sondern vor allem zur Koordinierung der Proteste gegen die wei&szlig;russische Regierung fungierte. Welche Rolle haben da westliche Geheimdienste gespielt? Ist die Aufregung deshalb so gro&szlig;, weil Protasewitsch eine Schachfigur des Westens bei ihrem Ziel, die wei&szlig;russische Regierung zu st&uuml;rzen, war? Gute Medien w&uuml;rden diese Fragen stellen und ihnen nachgehen. Schlechte Medien schalten auf Propaganda. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, in welchem Zustand sich unsere Medien befinden. <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/44b40f02f0ea4ef1a5fb0466b7359987\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die mediale und politische Aufregung &uuml;ber die erzwungene Zwischenlandung eines Ryanair-Jets im wei&szlig;russischen Minsk kennt keine Grenzen. CDU-Politiker Norbert R&ouml;ttgen spricht von &bdquo;einem unfassbaren Fall Staatsterrorismus&ldquo;, die EU bereitet bereits Sanktionen gegen Wei&szlig;russland vor. Das Hyperventilieren erstaunt. 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