{"id":7276,"date":"2010-11-08T09:58:45","date_gmt":"2010-11-08T08:58:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7276"},"modified":"2014-02-17T11:33:15","modified_gmt":"2014-02-17T10:33:15","slug":"staatsschulden-als-permanente-einnahmequelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7276","title":{"rendered":"Staatsschulden als permanente Einnahmequelle"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Seit Jahren hat in Deutschland die Kreditfinanzierung &ouml;ffentlicher Ausgaben eine miserable Presse. Die Kampagne hat zumindest in formaler Hinsicht Fr&uuml;chte getragen: Das Grundgesetz enth&auml;lt seit 2009 (anscheinend) strikte Vorschriften, um Budgetdefiziten einen Riegel vorzuschieben. Jedoch empfiehlt sich ein weniger verkrampfter Umgang mit Staatsschulden, denn sie erf&uuml;llen nicht nur eine wichtige Funktion im Wirtschaftskreislauf, sondern sie erh&ouml;hen bei vern&uuml;nftigem Gebrauch auch die Wohlfahrt der Bev&ouml;lkerung.&ldquo;<br>\nZu diesem interessanten Text von Prof. Dr. Fritz Helmedag, Lehrstuhlinhaber an der Fakult&auml;t f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften der Technischen Universit&auml;t Chemnitz, schickte uns NachDenkSeiten-Leser G.K. die folgenden Anmerkungen.<br>\n<!--more--><br>\nProf. Dr. Fritz Helmedag schreibt weiterhin:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es erhebt sich &uuml;berdies die Frage, ob dem Staat in Depressionsphasen nicht direkt der Zugang zu Notenbankkrediten offen stehen sollte. Aktuell wird im Euroraum &ndash; anders als etwa in den USA &ndash; eine besonders irrationale Form der Liquidit&auml;tsversorgung praktiziert. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise erhalten die Gesch&auml;ftsbanken im Rahmen eines Mengentenders mit Vollzuteilung jedes gew&uuml;nschte Volumen an Zentralbankgeld f&uuml;r 1% Zins. Unterdessen ist es sogar erlaubt, Staatspapiere mit gesenkter Bonit&auml;tseinstufung als Sicherheit zu bieten. Damit kauft die Zentralbank auf dem Sekund&auml;rmarkt Titel, die sie aber nicht unmittelbar vom Emittenten erwirbt. Dies ist ein Bankenbereicherungsprogramm allererster G&uuml;te: Die Kreditinstitute decken sich mit h&ouml;herverzinslichen Staatsanleihen ein, die sie zur preisg&uuml;nstigen Refinanzierung an die Notenbank weiterreichen; ein Gesch&auml;ft ohne Risiko. Vor diesem Hintergrund sollte es der Europ&auml;ischen Zentralbank erlaubt sein, den L&auml;ndern etwa in Proportion zur Unterbesch&auml;ftigung unmittelbar zinsg&uuml;nstige Darlehen zu gew&auml;hren. In der Literatur wird sogar an negative Zinsen gedacht.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.tu-chemnitz.de\/wirtschaft\/vwl2\/downloads\/paper\/helmedag\/Staatsschulden.pdf\">TU Chemnitz [PDF &ndash; 174 KB]<\/a><\/p><p>Der Beitrag Fritz Helmedags zeigt an Hand konkreter Zahlen anschaulich die volkswirtschaftlichen Auswirkungen, die aus den Finanzierungssalden (Finanz&uuml;berschuss oder -defizit) der Privathaushalte, der Unternehmen, des Staates und des Auslands (Leistungsbilanzsaldo) resultieren. Fritz Helmedag: &ldquo;Offenbar spiegelt ein Finanzierungsplus bei den Privaten ein Defizit des Staates oder des Auslands wider. Die verst&auml;rkte Geldverm&ouml;gensakkumulation der Haushalte (die definitorisch mit der Ersparnis &uuml;bereinstimmt) und der Unternehmen korrespondiert mit der Steuer(senkungs)politik nach der Jahrtausendwende. &Uuml;berdies zeigt die Kreislaufanalyse, dass Fehlbetr&auml;ge im Budget den Profiten zugute kommen. Der &ouml;ffentliche Kredit bzw. die Nettoexporte haben in den letzten Jahren sogar zunehmend die expansive Aufgabe der Unternehmen &uuml;bernommen. Seit geraumer Zeit verzeichnet dieser Sektor positive Finanzierungssalden, weil die nicht ausgesch&uuml;tteten Gewinne regelm&auml;&szlig;ig die Investitionen &uuml;bertreffen. Eine dem Gemeinwohl verpflichtete Wirtschaftspolitik w&uuml;rde f&uuml;r umgekehrte Verh&auml;ltnisse sorgen, d.h. Steuers&auml;tze erh&ouml;hen und Abschreibungsm&ouml;glichkeiten verbessern.<\/p><p>F&auml;llt der Fiskus als systematischer Schuldenmacher weg, kommen theoretisch (noch) h&ouml;here Ausfuhren in Betracht, um das Niveau der &ouml;konomischen Aktivit&auml;t und damit der Geldverm&ouml;gensbildung zu halten. Dies d&uuml;rfte jedoch praktisch schon am erforderlichen Volumen scheitern, insbesondere wenn im Ausland ebenfalls Sparprogramme aufgelegt werden.&rdquo;<\/p><p>Den neoliberalen Propagandisten in Medien, Politik und &ldquo;Wissenschaft&rdquo;, welche die H&ouml;he der Staatsverschuldung kritisieren und zwecks deren Reduzierung die angeblich ausufernden Sozialleistungen zusammenstreichen m&ouml;chten, sei der von Heiner Flassbeck im Februar 2007 in der Frankfurter Rundschau ver&ouml;ffentlichte Beitrag <a href=\"http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2007\/28.2.07\/Schuldenverrechner.pdf\">&ldquo;Schuldenverrechner&rdquo; [PDF &ndash; 44 KB]<\/a> empfohlen:  <\/p><blockquote><p>&ldquo;F&uuml;r Fernsehjournalisten ist das Ding unbezahlbar. Wann immer sie eine rei&szlig;erische Reportage &uuml;ber Alterung und die B&uuml;rden derselben unter die Menschen bringen wollen, schicken sie schnell eine Kamera zum B&uuml;ro des Bundes der Steuerzahler in Berlin, die dort ein paar Sekunden lang filmt, wie der Schuldenrechner der &ouml;ffentlichen Hand in unglaublichem Tempo vor sich hin rennt und das ganze Volk fr&uuml;her oder sp&auml;ter ins Verderben st&uuml;rzt. (&hellip;) Deutschland hatte im vergangenen Jahr die niedrigste Steuerquote aller Zeiten. Warum wird gerade da der Schuldenrechner so h&auml;ufig bem&uuml;ht, statt zu sagen, es k&ouml;nne etwas im Lande nicht in Ordnung sein, wenn der Staat so gro&szlig;e Aufgaben hat, sich aber ausgerechnet die Wohlhabenden im Land nicht mehr an deren Finanzierung beteiligen wollen? (&hellip;) Perfide wird die Sache aber dadurch, dass man die einzige Art und Weise, wie der Staat das Geld auf Zeit von denen zur&uuml;ckholen kann, auf das er durch seine Steuersenkung verzichtet hat, mit Mitteln wie der Schuldenuhr verteufelt. Dann bleibt &bdquo;nat&uuml;rlich&ldquo; nur die L&ouml;sung, die kleinen Leute via K&uuml;rzung des Sozialhaushalts daf&uuml;r sorgen zu lassen, dass der Staat die zuk&uuml;nftigen Generationen nicht belastet werden. Die Schuldenrechnerei ist besonders d&uuml;mmlich, weil man ja nur eine Uhr daneben stellen m&uuml;sste, die die Einkommen z&auml;hlt, die dem Staat in den letzten Jahren durch seine unverantwortliche Steuersenkungspolitik entgangen sind, und schon w&uuml;rde das Tempo der Uhr erheblich relativiert. Das Beste w&auml;re aber, neben die Schuldenuhr eine Uhr zu stellen, die den Verm&ouml;genszuwachs in jeder Sekunde in Deutschland misst. Unsere Topmanager wissen doch sonst so genau, dass man die H&ouml;he von Schulden immer bewerten muss vor dem Hintergrund der vorhandenen Verm&ouml;genswerte. Dann w&uuml;rden die staunenden Fernsehzuschauer oder die staunenden Touristen vor dem B&uuml;ro des Steuerzahlerbundes in Berlin aber sehen, dass die Verm&ouml;gensuhr viel schneller l&auml;uft als die Schuldenuhr und w&uuml;rden sich vielleicht fragen, wieso das bei ihnen pers&ouml;nlich eigentlich nicht der Fall ist. Dann w&uuml;rden die Leute vielleicht auch fragen, was denn mit den Verm&ouml;gen geschieht und warum die ber&uuml;hmten &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;, die den Staat &uuml;ber Jahre gedr&auml;ngt haben, Steuern f&uuml;r sie zu senken, damit sie mehr leisten k&ouml;nnen, nun dem Staat das Geld in Form von Staatsanleihen zur&uuml;ckgeben. Viele von denjenigen, die vom Staat in den vergangenen Jahren so gro&szlig;z&uuml;gig bedacht wurden, haben offenbar gar nicht gewusst, was sie mit dem Geld machen sollen, das da so unverhofft in ihre Taschen gesp&uuml;lt wurde.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>In einem deutschen Radiokommentar zu den US-Zwischenwahlen hie&szlig; es, &ldquo;nicht nur die Republikaner&rdquo; kritisierten die &ldquo;wirkungslosen US-Konjunkturprogramme&rdquo; Obamas, welche die Staatsschulden nach oben getrieben h&auml;tten. Dies kann man nur als dreist bezeichnen. Zum einen: Die in Deutschland Heiligenstatus genie&szlig;enden Exporte profitieren nicht unwesentlich von den US-Konjunkturprogrammen. Zum anderen: Obama hatte von der Bush-Administration bereits einen hochdefizit&auml;ren Staatshaushalt &uuml;bernommen. Bushs Kriege im Irak und in Afghanistan, die Steuergeschenke und die Klientelpolitik der Bush-Administration zu Gunsten der US-&ldquo;Eliten&rdquo; sowie die Folgen des neoliberalen US-Finanzkapitalismus tragen hierf&uuml;r die Verantwortung. Auch die desastr&ouml;sen Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise f&uuml;r den US-Staatshaushalt gehen ganz ma&szlig;geblich auf das Konto der von den Republikanern und ihnen nahestehenden Kreisen propagierten Finanz- und Wirtschaftspolitik. Und: Wer f&uuml;r den kr&auml;ftigen Anstieg des US-Haushaltsdefizits die US-Konjunkturprogramme verantwortlich macht, unterschl&auml;gt unbewusst oder gar wissentlich, dass die US-Staatsverschuldung seit dem offenen Ausbruch der Krise ganz ma&szlig;geblich von den exorbitant teuren US-Bankenrettungspaketen nach oben getrieben wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Seit Jahren hat in Deutschland die Kreditfinanzierung &ouml;ffentlicher Ausgaben eine miserable Presse. Die Kampagne hat zumindest in formaler Hinsicht Fr&uuml;chte getragen: Das Grundgesetz enth&auml;lt seit 2009 (anscheinend) strikte Vorschriften, um Budgetdefiziten einen Riegel vorzuschieben. Jedoch empfiehlt sich ein weniger verkrampfter Umgang mit Staatsschulden, denn sie erf&uuml;llen nicht nur eine wichtige Funktion im Wirtschaftskreislauf, sondern sie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7276\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[134,123,30],"tags":[507,364,637,325,278],"class_list":["post-7276","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzen-und-waehrung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-ezb","tag-flassbeck-heiner","tag-staatsanleihen","tag-staatsschulden","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7276"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7276\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7278,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7276\/revisions\/7278"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}