{"id":72775,"date":"2021-05-26T10:54:31","date_gmt":"2021-05-26T08:54:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72775"},"modified":"2022-02-14T15:29:46","modified_gmt":"2022-02-14T14:29:46","slug":"ein-brutaler-gefaengniswaerter-hat-kein-recht-danach-zu-fragen-wie-er-sich-gegen-den-widerstand-der-gefangenen-zu-verteidigen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72775","title":{"rendered":"\u201eEin brutaler Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter hat kein Recht, danach zu fragen, wie er sich gegen den Widerstand der Gefangenen zu verteidigen hat\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Noam Chomsky im Exklusivinterview.<\/strong> Der amerikanische Linguist <strong>Noam Chomsky<\/strong> gilt nicht nur als einer der weltweit bekanntesten Intellektuellen der Gegenwart, sondern ist auch f&uuml;r seine differenziert kritische Haltung zur Politik des Staates Israel bekannt. <strong>Emran Feroz<\/strong> hatte die Gelegenheit, mit Chomsky ein Exklusivinterview f&uuml;r die NachDenkSeiten zu f&uuml;hren &ndash; ein Gespr&auml;ch zu den aktuellen Entwicklungen in Nahost, den historischen Wurzeln des Konflikts und eine Einordnung der j&uuml;ngeren US-Nahost-Politik.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7229\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-72775-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=72775-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210526_Ein_brutaler_Gefaengniswaerter_und_ein_Gefangener_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sie geh&ouml;ren zu den bekanntesten Experten des israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikts im Nahen Osten und zu den gr&ouml;&szlig;ten westlichen Kritikern Israels. Wie bewerten Sie die j&uuml;ngste Eskalation?<\/strong><\/p><p>Es gibt immer neue Wendungen, doch im Grunde genommen handelt es sich hierbei um eine alte Geschichte, die vor rund einem Jahrhundert begann und nach dem Sechs-Tage-Krieg und den israelischen Eroberungen im Jahr 1967 neue Formen annahm. Man entschied sich damals f&uuml;r die Expansion und zog diese gegen&uuml;ber Sicherheit und einem diplomatischen Abkommen vor. Die Vereinigten Staaten unterst&uuml;tzten diesen Schritt in jeglicher Hinsicht. Sie h&auml;tten den Konflikt schon l&auml;ngst l&ouml;sen k&ouml;nnen, doch der politische Wille hat hierf&uuml;r gefehlt. <\/p><p>W&auml;hrenddessen bewegte sich die dominierende Tendenz innerhalb der zionistischen Bewegung in Richtung eines langfristigen Zieles: Der Vertreibung der Pal&auml;stinenser und ihre Ersetzung durch j&uuml;dische Siedler, die als &bdquo;rechtm&auml;&szlig;ige Besitzer des Landes&ldquo; betrachtet werden und nun nach einem &bdquo;Jahrtausend des Exils&ldquo; zur&uuml;ckkehren. Lord Arthur James Balfour, der Verfasser der gleichnamigen Deklaration (1917) und jener Mann, der den Juden eine &bdquo;nationale Heimst&auml;tte&ldquo; in Pal&auml;stina versprach, war mit diesem Projekt zufrieden. Er war der Meinung, dass das zionistische Bestreben wichtiger sei als die W&uuml;nsche und Vorstellungen der damals 700.000 Pal&auml;stinenser, die in jenem historischen Land beheimatet waren. <\/p><p><strong>Sie vergleichen also die gegenw&auml;rtigen Entwicklungen mit den damaligen Vertreibungen von Pal&auml;stinensern?<\/strong><\/p><p>Es handelt sich um die Fortf&uuml;hrung der damaligen Politik. Der Zionismus war schon immer opportunistisch. Sofern es m&ouml;glich ist, adaptieren die israelische Regierung sowie die gesamte zionistische Bewegung Strategien des Terrors und der Vertreibung. Falls die Bedingungen es nicht zulassen, wird auf sanftere Mittel zur&uuml;ckgegriffen. Vor einem Jahrhundert geschah dies mittels eines Wachturms und eines Zauns. Bald wurden daraus Siedlungen und vor Ort wurden Fakten geschaffen. Die Menschen wurden verjagt und vertrieben und der israelische Staat ist entstanden. Nat&uuml;rlich hat alles, was heute geschieht, mit diesen Ereignissen zu tun. Man kann sie nicht einfach ausblenden. Heute ist es ebenjener Staat, der pal&auml;stinensische Familien aus ihren H&auml;usern, in denen sie seit Generationen leben, vertreibt. Die juristischen Rechtfertigungen hierf&uuml;r, die es innerhalb Israels gibt, sind absolut rassistisch. Das R&uuml;ckkehrrecht der Pal&auml;stinenser steht nicht zur Debatte. Selbst eine R&uuml;ckkehr zu dem, was von den H&auml;usern &uuml;briggeblieben ist, wird nicht gestattet. Das Ziel der israelischen Regierung ist die Errichtung eines &bdquo;Gro&szlig;israels&ldquo;, das weite Teile Jerusalems und die umgebenden arabischen D&ouml;rfer, das Jordantal sowie einen gro&szlig;en Teil des Westjordanlandes beinhaltet. Das Schicksal der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung, die in diesen Gebieten lebt, interessiert die Verantwortlichen nicht. Sie werden als Menschen zweiter Klasse betrachtet. <\/p><p><strong>Gruppierungen wie die Hamas agieren in diesem Kontext wohl weniger zum Vorteil der Pal&auml;stinenser. Wie denken Sie &uuml;ber die Hamas?<\/strong><\/p><p>Die Hamas ist eine ziemlich schreckliche Organisation. Der Weg, wie man mit ihren Raketen umzugehen hat, ist allerdings zweiseitig. Man sollte die m&ouml;glichen Gr&uuml;nde f&uuml;r einen Beschuss im Vorfeld eliminieren. Wir sollten nicht vergessen, dass die Hamas reagierte, nachdem das israelische Milit&auml;r betende Muslime in der Al-Aqsa-Moschee angegriffen hat. Sie verk&uuml;ndete eine Deadline und meinte, dass sie mit dem Raketenbeschuss nicht aufh&ouml;ren w&uuml;rde, sofern die Angriffe auf die Moschee fortgesetzt werden w&uuml;rden. Ein fundamentaler L&ouml;sungsansatz w&auml;re die Beendigung der brutalen Gefangenschaft des Gaza-Streifens, der praktisch unbewohnbar ist. Es gibt darin keine Hoffnung auf ein angemessenes &Uuml;berleben. Ein brutaler Gef&auml;ngnisw&auml;rter und Folterer hat kein Recht, danach zu fragen, wie er sich gegen den gelegentlichen Widerstand der Gefangenen zu verteidigen hat.<\/p><p><strong>Mittlerweile sind Sie in den USA nicht der Einzige, der sich derart israelkritisch &auml;u&szlig;ert. &bdquo;Palestinian lives matter&ldquo;, schrieb der ehemalige Pr&auml;sidentschaftskandidat Bernie Sanders vor Kurzem in der New York Times. Hat sich der Diskurs ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>Ja, eine Diskursverschiebung hat stattgefunden. Das ist sehr zu begr&uuml;&szlig;en. Der Grund hierf&uuml;r ist die jahrelange, harte Arbeit von Aktivisten, Journalisten und Intellektuellen, die auf die Lage vor Ort aufmerksam machten, sowie das ignorante Verhalten der israelischen Regierung, die aus ihrer Brutalit&auml;t keinen Hehl macht. <\/p><p><strong>Wie bewerten Sie das Verhalten der US-Regierung in diesem Kontext?<\/strong><\/p><p>Da wird sich nicht viel ver&auml;ndern. Erst vor Kurzem, ja, in diesen Tagen schloss die Biden-Administration einen Waffendeal mit Israel in H&ouml;he von 735 Millionen Dollar ab. Ohne die Unterst&uuml;tzung aus Washington w&auml;re die massive Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser kaum m&ouml;glich. Donald Trump ging allerdings noch weiter als die meisten US-Pr&auml;sidenten. Er stellte der israelischen Regierung einen Persilschein f&uuml;r ihre Verbrechen aus. Ein gro&szlig;er Beitrag hierf&uuml;r waren die Abraham Accords, ein Abkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Diktaturen. Das Abkommen war ein wichtiger Bestandteil von Trumps geostrategischer Vision, der Schaffung einer reaktion&auml;ren Allianz brutaler und repressiver Staaten, die von Washington gef&uuml;hrt wird und unter anderem Jair Bolsonaros Brasilien, Narendra Modis Indien, Viktor Orb&aacute;ns Ungarn und andere, &auml;hnliche Staaten beinhalten soll. Im Nahen Osten gelten neben Israel das tyrannische Sisi-Regime in &Auml;gypten sowie die Diktaturen in Marokko, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain zu den wichtigen Verb&uuml;ndeten. <\/p><p><strong>Denken Sie, dass diese Au&szlig;enpolitik auch unter Biden fortgesetzt wird?<\/strong><\/p><p>Die Biden-Administration hat dieses politische Programm &uuml;bernommen und einige Schritte widerrufen. Die US-Hilfe f&uuml;r den Gazastreifen wurde wiederhergestellt. Trump hatte sie in brutaler Art und Weise abgeschnitten, nachdem er behauptete, die Pal&auml;stinenser seien &bdquo;nicht dankbar genug&ldquo; gewesen. Doch ansonsten bleibt der Trump-Kushner-Plan weiterhin intakt. Er k&ouml;nnte allerdings mehr und mehr zerbr&ouml;ckeln, falls die israelische Regierung ihre Angriffe auf pal&auml;stinensische Gl&auml;ubige in der Al-Aqsa-Moschee fortsetzt oder weiterhin ihr brutales Machtmonopol durchsetzt.<\/p><p><strong>Nun steht ja vorerst ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas.<\/strong><\/p><p>Ich bef&uuml;rchte, dass er uns lediglich zum f&uuml;rchterlichen Status quo zur&uuml;ckbringen wird. <\/p><p><strong>Israel und Pal&auml;stina sind gegenw&auml;rtig nicht die einzigen Konfliktherde. Was f&uuml;r andere Eskalationsszenarien stehen uns bevor?<\/strong><\/p><p>Selbst w&auml;hrend der Corona-Pandemie r&uuml;steten die Vereinigten Staaten massiv auf. Die Biden-Administration will diesen Pfad nicht verlassen, sondern sucht vielmehr nach weiteren Eskalationen. Sie ist bereits f&uuml;r mehrere gef&auml;hrliche und provokative Aktionen gegen&uuml;ber anderen Atomm&auml;chten verantwortlich. Das darf es nicht geben, denn solche Dinge k&ouml;nnen immer eskalieren. Man spielt mit der eigenen Vernichtung und mit jener der gesamten Menschheit. Ein Atomkrieg bedeutet das Ende unserer Existenz. Die Provokationen, von denen ich spreche, spielen sich an der Grenze zu Russland und im s&uuml;dchinesischen Meer ab. Falls uns jemand aus dem All beobachtet, denkt er sich wohl, dass wir vollkommen den Verstand verloren haben. Wir spielen mit unserer eigenen Zerst&ouml;rung. Doch in all diesen F&auml;llen gibt es auch M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Diplomatie und Verhandlungen. Diese m&uuml;ssen unbedingt wahrgenommen werden. Man muss Entscheidungen treffen. Soll die menschliche Zivilisation auf diesem Planeten erhalten bleiben oder nicht? Darum geht es hier und nicht um weniger.<\/p><p>Titelbild: deepspace\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Noam Chomsky im Exklusivinterview.<\/strong> Der amerikanische Linguist <strong>Noam Chomsky<\/strong> gilt nicht nur als einer der weltweit bekanntesten Intellektuellen der Gegenwart, sondern ist auch f&uuml;r seine differenziert kritische Haltung zur Politik des Staates Israel bekannt. <strong>Emran Feroz<\/strong> hatte die Gelegenheit, mit Chomsky ein Exklusivinterview f&uuml;r die NachDenkSeiten zu f&uuml;hren &ndash; ein Gespr&auml;ch zu den aktuellen Entwicklungen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72775\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":57975,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209,20],"tags":[1460,1269,302,822,1557,1878,303,2039,1800,1556,1281],"class_list":["post-72775","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-landerberichte","tag-biden-joe","tag-chomsky-noam","tag-gaza","tag-hamas","tag-israel","tag-naher-osten","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik","tag-trump-donald","tag-usa","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/shutterstock_125767211.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72775","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=72775"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72775\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80813,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72775\/revisions\/80813"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/57975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=72775"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=72775"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=72775"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}