{"id":72782,"date":"2021-05-26T12:13:51","date_gmt":"2021-05-26T10:13:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72782"},"modified":"2021-06-01T10:14:08","modified_gmt":"2021-06-01T08:14:08","slug":"wer-geht-wie-mit-seinen-dissidenten-um","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72782","title":{"rendered":"Wer geht wie mit seinen Dissidenten um?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Doppelstandards bei den Reaktionen auf die erzwungene Landung einer Ryanair-Maschine in Minsk.<\/strong> Die medial gesch&uuml;rte Aufregung um den vermeintlichen &bdquo;Staatsterrorismus&ldquo; nimmt kein Ende. Bereits gestern erinnerten die NachDenkSeiten daran, dass man hierbei doppelte Standards anlegt. <strong>Winfried Wolf<\/strong> hat diesen Aspekt f&uuml;r die NachDenkSeiten noch einmal aufgegriffen und anhand mehrerer Beispiele vertieft.<br>\n<!--more--><br>\nDas, was Alexander Lukaschenko am 23. Mai mit der RyanAir-Maschine und mit dem Regime-Kritiker Roman Protassewitsch und dessen Freundin Sofia Sapega veranstaltete, ist ohne Wenn und Aber zu verurteilen. Protassewitsch verdient die Unterst&uuml;tzung der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit; seine Freilassung und diejenige seiner Begleiterin muss durch eine breite Mobilisierung der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit erreicht werden. Wobei Wertungen, wie sie jetzt bereits in den westlichen Medien verbreitet werden, wonach das angebliche &bdquo;Schuldeingest&auml;ndnis&ldquo; von Protassewitsch &bdquo;offensichtlich unter Folter&ldquo; zustande gekommen und eine &bdquo;gebrochene Nase&ldquo; zu erkennen gewesen sei, einige Fragezeichen gerechtfertigt erscheinen lassen. Jedenfalls gibt es daf&uuml;r bislang keinerlei Belege. Unabh&auml;ngig davon erscheint die Einsetzung einer unabh&auml;ngigen Untersuchungskommission und eine unaufgeregte Herangehensweise, die eine neue Versch&auml;rfung der West-Ost-Spannungen vermeidet, wichtig. Die Solidarit&auml;t mit der Bev&ouml;lkerung in Belarus und mit denen, die in diesem Land die Menschenrechte verteidigen, ist insbesondere auch nach der erzwungenen Landung der RyanAir-Maschine und der Verhaftung des Bloggers Protassewitsch dringend geboten.<\/p><p>Mehr als fragw&uuml;rdig sind jedoch die Emp&ouml;rung, die westliche Politikerinnen und Politiker &uuml;ber die Behandlung des Bloggers durch das Lukaschenko-Regime &auml;u&szlig;ern, und Behauptungen von der &bdquo;Einmaligkeit&ldquo; des Vorgehens der belarussischen Regierung. Wir erleben ein weiteres Mal eine Dokumentation von Doppelstandards.<\/p><p>In der offiziellen Erkl&auml;rung der EU hei&szlig;t es, es handle sich hier um &bdquo;einen <em>einmaligen<\/em> Versuch [der Regierung in Minsk; W.W.], die Stimmen der Opposition zum Schweigen zu bringen&ldquo;. <\/p><p>US-Au&szlig;enminister Antony Blinken erkl&auml;rte, &bdquo;unabh&auml;ngige Medien und Journalisten&ldquo; seien &bdquo;eine wesentliche S&auml;ule unserer Rechtsordnung&ldquo;. Die USA unterst&uuml;tzten die Forderungen der belarussischen Opposition, &bdquo;die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheitsrechte&ldquo; zu respektieren.<\/p><p>Der &ouml;sterreichische Kanzler Sebastian Kurz forderte &bdquo;Konsequenzen&ldquo; f&uuml;r die Regierung in Minsk. Der Vorsitzende des Ausw&auml;rtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Norbert R&ouml;ttgen, sprach von der &bdquo;Entf&uuml;hrung eines Flugzeuges&ldquo;, die &bdquo;von Moskau abgesegnet worden&ldquo; sei. Und die deutsche Kanzlerin erkennt einen &bdquo;beispiellosen Vorgang&ldquo;.<\/p><p>Vergleichen wir drei Vorg&auml;nge aus j&uuml;ngerer Zeit, die einige Parallelen zur Politik, wie sie derzeit von der Regierung in Belarus praktiziert und zu Recht verurteilt wird, aufweisen.<\/p><p><em>Thema &bdquo;Die Opposition zum Schweigen bringen und die Politik der EU&ldquo;.<\/em> Im Oktober 2017 votierte in Katalonien in einem Referendum eine Mehrheit f&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit Kataloniens vom spanischen Zentralstaat. Seither gab es (im Dezember 2017 und im Februar 2021) zwei weitere demokratische Wahlen, in denen jeweils die Parteien, die f&uuml;r eine katalanische Unabh&auml;ngigkeit eintreten, eine Mehrheit errangen. Die Regierung in Madrid reagierte auf das Referendum und auf die Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen mit Polizeigewalt, mit Verhaftungen f&uuml;hrender Unabh&auml;ngigkeitsvertreter und deren Verurteilung zu langj&auml;hrigen Haftstrafen. Sie wird dabei von der EU unterst&uuml;tzt. Zwei f&uuml;hrende katalanische Politiker, Carles Puigdemont und Oriol Junqueras, wurden im Mai 2019 ins Europaparlament gew&auml;hlt. Sie k&ouml;nnen jedoch ihr Mandat in Stra&szlig;burg und Br&uuml;ssel nicht aus&uuml;ben. Der Letztgenannte befindet sich in Madrid im Gef&auml;ngnis. Der Erstgenannte muss im Exil in Belgien leben, da er bei einer R&uuml;ckkehr nach Spanien ebenfalls verhaftet und zu einer langj&auml;hrigen Strafe verurteilt werden w&uuml;rde. Vor wenigen Wochen, am 8. M&auml;rz 2021, hob das Europ&auml;ische Parlament die Abgeordnetenimmunit&auml;t von Puigdemont auf. Damit wird seine Auslieferung an Spanien erleichtert. <\/p><p><em>Bilanz:<\/em> Die EU und ihre Einrichtungen gestatten es einem Mitgliedsland, die demokratische &ndash; absolut gewaltfreie &ndash; Opposition systematisch zu unterdr&uuml;cken. Sie leistet dabei aktiven Beistand. W&auml;hrend die EU die Unabh&auml;ngigkeit des Kosovo (und dessen Abspaltung von Serbien) unterst&uuml;tzte und neue Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen der schottischen Nationalisten (mit einer Abspaltung von Gro&szlig;britannien) indirekt unterst&uuml;tzt (obgleich ein Referendum ein negatives Resultat erbrachte), lehnt sie im Fall Katalonien eine solche Unabh&auml;ngigkeit ab und leistet Beihilfe bei der gewaltsamen Unterdr&uuml;ckung der demokratischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung. <\/p><p><em>Thema: &bdquo;Die Verteidigung unabh&auml;ngiger Medien und die Politik der US-Regierung&ldquo;.<\/em>  Seit mehr als einem Jahrzehnt wird der australische Enth&uuml;llungsjournalist  Julian Assange seiner Freiheitsrechte beraubt &ndash; in den Jahren 2010 bis 2019 befand er sich in London zwangsweise in der Botschaft Ecuadors. Seit April 2019  befindet er sich in britischen Gef&auml;ngnissen, &uuml;berwiegend in einem Hochsicherheitsgef&auml;ngnis, dabei monatelang unter den Bedingungen der Isolationshaft. Die US-Regierung fordert die Auslieferung von Assange in die USA, wo ihm lebensl&auml;ngliche Haft und schlimmstenfalls die Todesstrafe droht. Das &bdquo;Verbrechen&ldquo; von Assange besteht in erster Linie darin, dass er Ton-, Bild- und Text-Dokumente auf der Enth&uuml;llungsplattform Wikileaks ver&ouml;ffentlichte, die Kriegsverbrechen, begangen durch die US-Armee, dokumentieren. Der Schweizer Jurist Nils Melzer, zugleich Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen &uuml;ber Folter, wirft den Beh&ouml;rden Gro&szlig;britanniens und der USA vor, Assange im britischen Gef&auml;ngnis der &bdquo;wei&szlig;en Folter&ldquo; auszusetzen, also der systematischen psychischen Zersetzung.<\/p><p><em>Bilanz:<\/em> Die US-Regierung verfolgt dann unerbittlich investigative Journalisten, wenn diese Kriegsverbrechen und systematische Verletzungen der Menschenrechte, begangen durch die USA selbst, zum Thema haben. Auch die neue Regierung unter Joe Biden und Antony Blinken h&auml;lt an der Forderung nach Auslieferung von Julian Assange fest. An Assange wird ein Exempel statuiert, dessen zentrale Botschaft lautet: Wer &uuml;ber Kriegsverbrechen des Westens berichtet, ist seiner k&ouml;rperlichen Unversehrtheit nicht mehr sicher.<\/p><p><em>Thema: &bdquo;Flugzeugentf&uuml;hrung und die Konsequenzen&ldquo;.<\/em> Anfang Juli 2013 befand sich der damalige bolivianische Pr&auml;sident Evo Morales auf dem R&uuml;ckflug von Moskau nach Bolivien. Beim Flug &uuml;ber &ouml;sterreichisches Territorium wurde seine Maschine zur Landung in Wien gezwungen. Die genauen Umst&auml;nde, wie die Maschine zu Boden gebracht wurde, wurden nie ermittelt. Festzustehen scheint, dass mehrere EU-Staaten den Luftraum ihrer jeweiligen L&auml;nder f&uuml;r den &Uuml;berflug der Pr&auml;sidentenmaschine sperren lie&szlig;en. Veranlasst wurde dies durch Druck der US-Regierung. Die Regierung in Washington vermutete in dem Flugzeug den Whistleblower Edward Snowden. Snowden, der viele Jahre lang f&uuml;r US-Geheimdienste gearbeitet hatte, hatte Enth&uuml;llungen &uuml;ber die weltweiten, umfassenden Bespitzelungsma&szlig;nahmen der US-Geheimdienste, bei denen es ebenfalls um Kriegsverbrechen ging, berichtet. Evo Morales und seine Begleitung &ndash; darunter der bolivianische Verteidigungsminister &ndash; mussten zw&ouml;lf Stunden lang auf dem Flughafen Wien ausharren, bis die bolivianische Maschine wieder abheben und den R&uuml;ckflug nach Bolivien antreten konnte. W&auml;hrend des erzwungenen Aufenthalts von Morales in Wien bezeichnete der bolivianische Vizepr&auml;sident in La Paz die Ma&szlig;nahme als &bdquo;Kidnapping&ldquo;. Mehrere lateinamerikanische Regierungen &auml;u&szlig;erten sich in &auml;hnlicher Weise. Der damalige &ouml;sterreichische &Ouml;VP-Au&szlig;enminister Michael Spindelegger betonte, dass die &ouml;sterreichischen Beh&ouml;rden &bdquo;das Flugzeug gr&uuml;ndlich durchsucht&ldquo; h&auml;tten &ndash; was eindeutig internationalem Recht widersprach. Es seien jedoch, so Spindelegger damals, &bdquo;nur bolivianische B&uuml;rger an Bord&ldquo; gewesen. Der direkte Nachfolger Spindeleggers im Amt des &ouml;sterreichischen Au&szlig;enministers war im &Uuml;brigen der aktuelle &Ouml;VP-Kanzler Sebastian Kurz. <\/p><p>Wenn heute im Zusammenhang mit den Ereignissen in Belarus ein Vergleich mit der erzwungenen Landung der Maschine von Evo Morales im Jahr 2013 mit der Begr&uuml;ndung abgelehnt wird, damals habe es doch &bdquo;keine Verhaftung eines Passagiers&ldquo; gegeben, dann &uuml;berzeugt dies in keiner Weise. Es gab damals aus einem einzigen Grund keine Verhaftung,: Es befand sich kein demokratischer Whistleblower an Bord. W&auml;re Snowden an Bord gewesen, dann h&auml;tten ihn die &ouml;sterreichischen Beh&ouml;rden ohne Zweifel verhaftet. Eine Auslieferung in die USA h&auml;tte unmittelbar auf der Tagesordnung gestanden. <\/p><p><em>Bilanz:<\/em> Die EU stellte auch in diesem Fall unter Beweis, dass sie gegen&uuml;ber der US-Regierung h&ouml;rig ist. Sie dokumentierte, dass sie zum Ergreifen von illegalen, v&ouml;lkerrechtswidrigen Ma&szlig;nahmen wie Freiheitsberaubung bereit ist, die sogar das Kidnappen eines zivilen Flugzeugs mit einschlie&szlig;en. Das Kriterium hierbei sind nicht internationale Werte und Gesetze, sondern ausschlie&szlig;lich die W&uuml;nsche der Regierung in Washington.<\/p><p>Im &Uuml;brigen demonstrierte die EU mit dem Kidnapping der bolivianischen Pr&auml;sidentenmaschine der rechten und rechtsextremen Opposition in Bolivien, dass sie keinerlei Respekt vor dem bolivianischen Pr&auml;sidenten hat. Was dann auch eine Ermunterung f&uuml;r einen gegen Morales gerichteten Milit&auml;rputsch war. Einen solchen gab es im November 2019.  Prompt gratulierte damals der US-Pr&auml;sident Donald Trump umgehend den Putschisten mit den Worten: &bdquo;Die Vereinigten Staaten applaudieren dem bolivianischen Volk f&uuml;r seinen Wunsch nach Freiheit und dem bolivianischen Milit&auml;r f&uuml;r sein Festhalten an seinem Eid.&ldquo; (Der Standard, Wien, 12. November 2019). Die deutsche Bundesregierung wiederum, die in Bolivien erhebliche wirtschaftliche Interessen, insbesondere beim Lithium-Abbau, hat, sah noch im Januar 2020 die Putschisten fest im Sattel und erkl&auml;rte damals: &bdquo;Die Bundesregierung hat den R&uuml;cktritt von Pr&auml;sident Evo Morales zur Kenntnis genommen und begr&uuml;&szlig;t, dass das Machtvakuum durch Ausrufen von Jeanine &Aacute;&ntilde;ez zur &Uuml;bergangspr&auml;sidentin beendet wurde.&ldquo; (Bundestagsdrucksache 19\/16877).<\/p><p>Es war dann eher Gl&uuml;ck, dass Evo Morales im Rahmen des Milit&auml;rputsches nicht &ndash; wie 1973 der demokratisch gew&auml;hlte chilenische Pr&auml;sident Salvador Allende &ndash; ermordet wurde und dass er in Mexiko ein einigerma&szlig;en sicheres Land fand, das ihm Asyl bot. Bei den Wahlen am 18. Oktober 2020 eroberte seine Partei MAS trotz massiven Unterdr&uuml;ckungsma&szlig;nahmen seitens der rechtsgerichteten Milit&auml;rs  mehr als 55 Prozent der W&auml;hlerstimmen. Morales konnte am 10. November des letzten Jahres in seine Heimat zur&uuml;ckkehren.<\/p><p>Im Gegensatz zu dem Engagement von EU und deutscher Regierung f&uuml;r die Opposition in Belarus verdient der Kampf um Demokratie und Menschenrechte in Bolivien (oder in Katalonien) offensichtlich nicht die Unterst&uuml;tzung von Ursula von der Leyen und Angela Merkel. Doppelstandards eben.<\/p><p>Titelbild: Lightspring\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die Doppelstandards bei den Reaktionen auf die erzwungene Landung einer Ryanair-Maschine in Minsk.<\/strong> Die medial gesch&uuml;rte Aufregung um den vermeintlichen &bdquo;Staatsterrorismus&ldquo; nimmt kein Ende. 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