{"id":7281,"date":"2010-11-08T17:04:24","date_gmt":"2010-11-08T16:04:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7281"},"modified":"2014-02-17T11:32:08","modified_gmt":"2014-02-17T10:32:08","slug":"die-privatisierung-der-politik-markt-und-wettbewerb-steuern-die-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7281","title":{"rendered":"Die Privatisierung der Politik \u2013 Markt und Wettbewerb steuern die Bildung"},"content":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der 66. P&auml;dagogischen Woche des GEW-Bezirksverbandes L&uuml;neburg in Cuxhaven-Duhnen, am 5. November 2010. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Ich m&ouml;chte das mir gestellten Thema &bdquo;Privatisierung&ldquo; unter zwei Aspekten behandeln:  <\/p><p>Zuerst werde ich einen kritischen Blick auf die markt- und wettbewerbsgesteuerte &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; werfen (I.).<br>\nDanach will ich in der gebotenen Knappheit versuchen, die Triebkr&auml;fte f&uuml;r den Paradigmenwechsel von der staatlich verantworteten, sich selbst verwaltenden Hochschule zur wettbewerbsgesteuerten &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule aufzuzeigen (II.) und dabei schlie&szlig;lich den Einfluss des bertelsmannschen Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE)  beleuchten . (III.)<\/p><ol type=\"i\">\n<li>\nIch spreche also zun&auml;chst zum Paradigmenwechsel von der sich selbst verwaltenden zur &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo;. Und ich beginne mit einem Zitat eines der wichtigsten Vorreiters f&uuml;r die &ndash; wie ich das nenne &ndash; funktionelle Privatisierung der Hochschule.\n<p>Folie 1<br>\nKein anderes Land mache &bdquo;Freiheit mit dieser Konsequenz zur Grundlage seiner Hochschulpolitik&ldquo;, so r&uuml;hmte der fr&uuml;here nordrhein-westf&auml;lische Innovationsminister Andreas Pinkwart in einer von seinem Ministerium herausgegebenen Brosch&uuml;re<\/p>\n<p>Folie 2<br>\nunter dem Titel &bdquo;Hochschule auf neuen Wegen&ldquo; das nordrhein-westf&auml;lische Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz.<\/p>\n<p>Anmerkung: Wenn ich keine spezielle Quelle benenne, beziehe ich mich auf den Aufsatz Pinkwarts in der genannten Brosch&uuml;re. Er ist zum Gl&uuml;ck auch unter der neuen Ministerin immer noch <a href=\"http:\/\/www.innovation.nrw.de\/downloads\/MagazinHochschulen.pdf\">im Internet abrufbar [PDF &ndash; 1.5 MB]<\/a><\/p>\n<p>(Ich habe einleitend schon darauf hingewiesen, dass ich mich in meinem Referat vor allem auf das NRW-Hochschulfreiheitsgesetz und auf die Begr&uuml;ndung des dortigen Innovationsministers beziehe, weil ich dieses Gesetz nicht nur am besten kenne, sondern weil Pinkwart das Konzept der unternehmerischen Hochschule am klarsten beschrieben hat. )<\/p>\n<p>Nebenbei bemerkt:<br>\nPinkwart ist wohl der Auffassung, dass er mit der Abwahl er schwarz-gelben Koalition in NRW seine hochschulpolitische Mission erf&uuml;llt hat, denn vor wenigen Tagen hat er erkl&auml;rt, dass er sich aus allen politischen &Auml;mtern zur&uuml;ckziehen wolle und die Leitung der privaten Handelshochschule Leipzig (HHL), einer sich selbst so nennenden Graduate School of Management &uuml;bernehmen wird. <\/p>\n<p>Auch bei Privatisierungstendenzen im Schulbereich wird Ihnen aufgefallen sein, dass der Begriff &bdquo;Freiheit&ldquo; eine zentrale Rolle bei der Umw&auml;lzung des Bildungswesens einnimmt. Das Pathos der Freiheit ist geradezu das wichtigste Lockmittel f&uuml;r die Betroffenen.<\/p>\n<p>Nun ist es ist aber so, dass kaum ein anderer Begriff in der Menschheitsgeschichte so unterschiedlich gebraucht und auch so oft missbraucht wurde, wie der Begriff der Freiheit.<\/p>\n<p>Man tut also gut daran, wenn von &bdquo;Freiheit&ldquo; die Rede ist, immer auch nach der schon von Immanuel Kant herausgearbeiteten Unterscheidung zwischen &bdquo;positiver&ldquo; und &bdquo;negativer&ldquo; Freiheit zu fragen. <\/p>\n<p>Einfacher ausgedr&uuml;ckt: Man sollte immer auch fragen:<br>\n&bdquo;Freiheit von was oder Freiheit von wem&ldquo;. <\/p>\n<p>Stellt man die Kantsche Frage, gegen&uuml;ber wem Freiheit gewonnen wurde, so wird man feststellen &ndash; so meine These &ndash;, dass die weit &uuml;berwiegende Mehrheit der Lehrenden und Studierenden in der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; &ndash; gemessen an ihren fr&uuml;heren Lehr-, Forschungs- und Lernfreiheiten &ndash; wesentlich &bdquo;unfreier&ldquo; sein wird und schon ist, als zuvor. <\/p>\n<p>Nach der Auslegung des Bundesverfassungsgerichts gew&auml;hrt Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes zum einen jedem, der wissenschaftlich t&auml;tig ist oder t&auml;tig werden will &ndash; also auch Studierenden &ndash; zun&auml;chst ein individuelles Freiheitsrecht.<br>\nZum anderen leitet das Gericht aus diesem subjektiven Grundrecht mittelbar eine institutionelle Garantie der Universit&auml;t ab. Damit sich Forschung und Lehre ungehindert in dem Bem&uuml;hen um Wahrheit entfalten k&ouml;nnen, ist die Wissenschaft selbst zu einem von staatlicher Bevormundung freien Bereich autonomer Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers erkl&auml;rt worden.<\/p>\n<p>Was jedoch h&auml;ufig unterschlagen wird: Das Bundesverfassungsgericht hat gleichzeitig klar gestellt, dass dem Staat auf dem Gefilde der Universit&auml;ten weder Unt&auml;tigkeit gestattet, noch dass er sich damit begn&uuml;gen kann, sie zu finanzieren und die Hochschulen im &Uuml;brigen sich selbst zu &uuml;berlassen. Mit dem Instrument des Gesetzes muss er in den Hochschulen f&uuml;r Strukturen sorgen, die Wissenschaftsfreiheit, und die freiheitssichernde institutionelle Autonomie gew&auml;hrleisten.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Von der Autonomie der Wissenschaft zur Autonomie der Institution<\/strong>\n<p>Das Leitbild der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; wechselt diesen auf die individuelle Wissenschaftsfreiheit und nur mittelbar als &bdquo;institutionelle Garantie&ldquo; auch auf die Hochschule bezogenen Autonomiebegriff und verengt ihn auf die Institution Hochschule, ja noch mehr auf die Hochschulleitung.<\/p>\n<p>Die Hochschule als &bdquo;autonomes&ldquo; Unternehmen soll einerseits vom Staat weitgehend befreit sein, aber andererseits  soll das individuelle Freiheitsrecht zu freier Forschung und Lehre der &bdquo;Freiheit des Wettbewerbs&ldquo; &uuml;berantwortet werden.<br>\nN&auml;mlich der Freiheit des Wettbewerbs um die Einwerbung von &uuml;ber die staatliche Grundfinanzierung hinausgehenden Drittmitteln und von privat aufgebrachten Studiengeb&uuml;hren. An der Einwerbung von Geld soll sich also k&uuml;nftig vor allem wissenschaftliche Qualit&auml;t und gute Ausbildung messen. <\/p>\n<p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, ich wende mich nicht gegen einen Wettbewerb um die besten Forschungsleistungen. Einen solchen Wettbewerb unter Wissenschaftlern hat es immer gegeben. Wissenschaft &ndash; zumal an einer von der Allgemeinheit getragenen Hochschule &ndash; ist genuin auf den Wettstreit um die richtige Antwort &ndash; pathetisch gesagt &ndash; auf den Wettstreit um Wahrheit angelegt. <\/p>\n<p>Pinkwarts Bild vom Wettbewerb ist nicht das Bild vom Wettstreit um Wahrheit: Es ist das Bild einer Hochschule, die wie ein Unternehmen ihre &bdquo;Produkte&ldquo; und &bdquo;Waren&ldquo; &ndash; also ihre Forschungsleistungen sowie ihre Aus- und Weiterbildungsangebote &ndash; auf dem Markt an kaufkr&auml;ftige Nachfrager abzusetzen hat: n&auml;mlich an zahlungskr&auml;ftige Forschungsf&ouml;rderer und Auftraggeber, an Stifter und Sponsoren &ndash; und<br>\nan Studierende, die nunmehr &bdquo;Kunden&ldquo; sein sollen und deshalb f&uuml;r die eingekaufte &bdquo;Ware&ldquo; namens Studium zur Kasse gebeten werden.<\/p>\n<p>So ist z.B. die Drittmittelquote von 2005 bis 2008 an den Hochschulen von 20,1 % auf &uuml;ber ein Viertel (25,1%) gestiegen. <\/p><\/li>\n<li><strong>Management statt Selbstverwaltung<\/strong>\n<p>Folie 3<br>\nIn der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule soll nicht mehr aufgrund von &bdquo;Entscheidungen in den Gremien&ldquo; (in denen nach Pinkwarts Urteil nur blockiert wurde und &bdquo;demotivierende Bedingungen&ldquo; herrschten),<br>\nsondern es soll von einem &bdquo;modernen Management&ldquo; &ndash; so Pinkwart &ndash; nach den Gesetzen des &bdquo;Wettbewerbs&ldquo; und der &bdquo;Konkurrenz&ldquo; auf dem<br>\nWissenschafts- und Ausbildungsmarkt entschieden werden. <\/p>\n<p>Folie 4<br>\nAber nicht nur die Universit&auml;t selbst soll &bdquo;unternehmerisch&ldquo; agieren, sondern auch die Lehrenden und Forschenden sollen zu (Zitat) &bdquo;Unternehmern innerhalb der unternehmerischen Hochschule&ldquo; werden. <\/p>\n<p>Bei Entscheidungen unter Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck sind nat&uuml;rlich ausgiebige und oft langwierige Diskussionen in Selbstverwaltungsgremien, wie Pinkwart sagt, nur &bdquo;b&uuml;rokratische H&uuml;rden&ldquo; und &bdquo;Hemmnisse&ldquo; die es &bdquo;aus dem Weg zu r&auml;umen&ldquo; gelte. Die Hochschule im Wettbewerb bedarf vielmehr, so Pinkwart, &bdquo;klare, handlungsf&auml;hige und starke Leitungsstrukturen&ldquo;, oder &ndash;  wie der fr&uuml;here Minister weiter meint &ndash; &bdquo;ein modernes Management&ldquo;, das rasch Entscheidungen treffen und umsetzen kann. <\/p>\n<p>Horizontale oder &bdquo;Bottom-up&ldquo;- Strukturen demokratischer oder kooperativer Interessenvertretung m&uuml;ssen in diesem neuen Leitbild der Hochschulen konsequenterweise von vertikalen &bdquo;Top-down&ldquo;-Entscheidungsbefugnissen der Hochschulleitung abgel&ouml;st werden. Die &bdquo;unternehmerische&ldquo; Hochschule braucht &ndash; laut Pinkwart &ndash; wie ein auf &bdquo;den Zukunftsm&auml;rkten&ldquo; agierendes Unternehmen ein &bdquo;professionelles Management&ldquo; mit effizienten Entscheidungsbefugnissen und rascher Entscheidungskraft. <\/p>\n<p>Folie 5<br>\nEine Hochschulleitung n&auml;mlich, die von der Spitze aus in alle Bereiche des Unternehmens &ndash; als (Zitat)  &bdquo;Arbeitgeber und Dienstherr&ldquo; des (Zitat) &bdquo;Personals&ldquo; (ehemals Hochschullehrer genannt) und bis hinein in die (Zitat) &bdquo;Ausbildungsverh&auml;ltnisse&ldquo; (ehemals Studium genannt) &ndash; durchentscheiden kann. <\/p>\n<p>Die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; bedeutet also den R&uuml;ckzug der staatlichen Verantwortung zugunsten von eher autokratischen, der einzelunternehmerischen Wettbewerbslogik unterworfenen Leitungsstrukturen und Aufsichtsr&auml;ten.<br>\nDie &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; der Forschung an einer Hochschule bestimmt sich nicht mehr aus ihrer wissenschaftlichen Anerkennung und ihrem Ruf innerhalb der Scientific Community. <\/p>\n<p>Folie 6<br>\nEin wissenschaftliches Studium bestimmt sich nicht mehr vor allem &ndash; wie das der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zur Qualit&auml;t der Lehre definiert hat &ndash; nach den &bdquo;Prinzipien der Wissenschaftlichkeit&ldquo;, n&auml;mlich einer  fragenden, kritischen Haltung, einem Problem- und Methodenbewusstsein, der Strukturierungsf&auml;higkeit, der Selbst&auml;ndigkeit und des <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/8639-08.pdf\">forschungsorientierten Lernens. [PDF- 360 KB]<\/a><\/p>\n<p>Sondern in der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule erweist sich deren Qualit&auml;t in der (Zitat) &bdquo;Konkurrenz mit ihresgleichen&ldquo;.<\/p><\/li>\n<li><strong>Differenzierung und Hierarchisierung des Hochschulsystems<\/strong>\n<p>Folie 7<br>\nDabei sollen nach Pinkwart die einzelnen Hochschulen (Zitat)&bdquo;das Ziel Qualit&auml;t auf unterschiedlichen Wegen verfolgen. Die eine Hochschule wird sich auf ihre Rolle als Ausbilder und F&amp;E-Partner in ihrer Region konzentrieren. Eine andere Hochschule wird sich an starken europ&auml;ischen Mitbewerbern um technologische Leitprojekte orientieren und mit dem Anspruch antreten, in der internationalen Liga der Spitzenforschung mitzuspielen&ldquo;. (Zitat Ende)<\/p>\n<p>Die Zielvorstellung von Innovationsminister Pinkwart entspricht also in etwa dem amerikanischen Hochschulsystem mit einer hierarchisch tief gestaffelten Hochschullandschaft &ndash; mit einigen wenigen Elitehochschulen mit Ausbildungsangeboten f&uuml;r den Nachwuchs der gesellschaftlichen &bdquo;Elite&ldquo; und der gro&szlig;en Masse von Hochschulen ganz unterschiedlicher Qualit&auml;t f&uuml;r die gro&szlig;e Masse der Studierenden. <\/p>\n<p>Damit die Gesetze des Wettbewerbs auch wirken k&ouml;nnen, m&uuml;ssen &ndash; dem Glaubensbekenntnis des Markt- und Wettbewerbsliberalismus folgend &ndash; der Staat, die Politik, die Selbstverwaltungsgremien oder sonstige nicht marktg&auml;ngige gesellschaftliche Anforderungen aus dem Wettbewerbsgeschehen m&ouml;glichst weitgehend herausgehalten werden.<br>\nSo soll denn auch das Parlament k&uuml;nftig allenfalls noch der Zahlmeister f&uuml;r die Grundfinanzierung der Hochschulen sein, der (Zitat) &bdquo;Zusch&uuml;sse&ldquo;(!) gew&auml;hrt, die durch zus&auml;tzliche Einnahmen der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; erg&auml;nzt werden m&uuml;ssen. <\/p><\/li>\n<li><strong>Hochschulrat mit &bdquo;Fachaufsicht&ldquo;<\/strong>\n<p>An Stelle des demokratisch legitimierten Ministeriums oder des Parlaments als rahmensteuernde Aufsichtsorgane wird der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule, wie bei einem in Form einer Aktiengesellschaft konstituierten Wirtschaftsunternehmen, eine Art Aufsichtsrat &ndash; die Hochschulr&auml;te &ndash;  dem Management der Hochschule mit einer nie gekannten umfassenden &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; an die Seite gestellt. <\/p>\n<p>Pinkwart meint nun, mit dem im Gesetz vorgesehenen Auswahlverfahren f&uuml;r die Hochschulr&auml;te &ndash; bei dem die Vertreter der Hochschule allerdings in der Minderheit sind &ndash; sei &bdquo;die demokratische Legitimation der Hochschulratsmitglieder gesichert&ldquo;. <\/p>\n<p>Was Pinkwart allerdings verschweigt, das ist, dass die Mitglieder eines Hochschulrats in ihren Handlungen und Entscheidungen &uuml;ber ihre gesamte f&uuml;nfj&auml;hrige Amtszeit keiner irgendwie legitimierten Instanz rechenschaftspflichtig sind. <\/p>\n<p>Die Hochschulratsmitglieder entscheiden &uuml;ber das Geld der Steuerzahler und &uuml;ber dessen Verteilung an den Hochschulen nach ihren pers&ouml;nlichen oder ihren gesellschaftspolitischen Interessen und Grundhaltungen.<\/p>\n<p>Es besteht noch nicht einmal die M&ouml;glichkeit einer Abwahl oder einer Abberufung eines Hochschulratsmitgliedes bei einem Fehlverhalten.<\/p>\n<p>Inzwischen haben sogar die wichtigsten Propagandisten der Einrichtung von Hochschulr&auml;ten &ndash; n&auml;mlich das bertelsmannsche CHE und der hochschulpolitische Arm der Unternehmerverb&auml;nde, der Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft &ndash;   Defizite erkannt. In einem im September dieses Jahres herausgegebenen &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/Handbuch_Hochschulraete.pdf%20\">Handbuch Hochschulr&auml;te [PDF &ndash; 2.8 MB]<\/a>&ldquo; wird z.B. inzwischen die gesetzliche Regelung einer Abberufung von Hochschulratsmitgliedern verlangt. Es wird zugegeben, dass die Haftung der Mitglieder ungekl&auml;rt ist. Die Ehrenamtlichkeit konfligiere rechtlich mit den zumeist weitreichenden Kompetenzen der Hochschulr&auml;te, deshalb sollten diese f&uuml;r einen &bdquo;individuellen Versicherungsschutz&ldquo;, einer &bdquo;Directors and Officers Versicherung&ldquo;, wie das f&uuml;r das Management von Unternehmen &uuml;blich ist, Sorge tragen und die Hochschulen sollen die entsprechenden Versicherungsbeitr&auml;ge &uuml;bernehmen.<br>\nUnd &ndash; weil in der neuen Hochschulwelt nat&uuml;rlich alles evaluiert werden muss &ndash; sollten sich die Hochschulr&auml;te einer &bdquo;externen Evaluation&ldquo; stellen. Au&szlig;erdem soll das Ministerium externen Hochschulratsmitgliedern zu Beginn ihrer T&auml;tigkeit einen Leitfaden (so w&ouml;rtlich) &bdquo;in Form eines &bdquo;Starter-Kits-f&uuml;r Hochschulr&auml;te&ldquo; zur Verf&uuml;gung stellen.<br>\nEine angemessene Verg&uuml;tung soll die Hochschule den Hochschulratsmitgliedern auch anbieten.<br>\nBis auf solche eher kosmetischen Korrekturen, wird jedoch an Hochschulr&auml;ten als zentrales Steuerungselement der Hochschulen festgehalten. <\/p>\n<p>Im Nieders&auml;chsischen Hochschulgesetz gehen die Kompetenzen des Hochschulrates nach &sect; 52 weniger weit als im nordrhein-westf&auml;lischen Hochschul-Freiheits-Gesetzes. Bei Ihnen haben die Hochschulr&auml;te im Wesentlichen nur Beratungsfunktion.<br>\n&sect; 52<br>\nHochschulrat<\/p>\n<ol>\n<li>Der Hochschulrat hat die Aufgabe,\n<ol>\n<li>das Pr&auml;sidium und den Senat zu beraten,<\/li>\n<li>Stellung zu nehmen zu\n<ol type=\"a\">\n<li>den Entwicklungs- und Wirtschaftspl&auml;nen,<\/li>\n<li>der Gr&uuml;ndung von oder der Beteiligung an Unternehmen,<\/li>\n<li>den Entw&uuml;rfen von Zielvereinbarungen,<\/li>\n<li>den Vorschl&auml;gen des Senats zur Ernennung oder Bestellung vonPr&auml;sidiumsmitgliedern,<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li>den Vorschlag des Senats zur Entlassung von Pr&auml;sidiumsmitgliedern zu best&auml;tigen,<\/li>\n<li>bei Hochschulen, denen nach &sect; 48 Abs. 2 das Berufungsrecht &uuml;bertragen wurde, das Einvernehmen zu Berufungsvorschl&auml;gen zu erkl&auml;ren.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li>Der Hochschulrat ist berechtigt, zu allen die Hochschule betreffenden Fragen Ausk&uuml;nfte vom Pr&auml;sidium und vom Senat zu verlangen.\n<ol>\n<li>Der Hochschulrat besteht aus sieben Mitgliedern, von denen mindestens drei Frauen sein sollen.<\/li>\n<li>Mitglieder sind\n<ol>\n<li>f&uuml;nf mit dem Hochschulwesen vertraute Personen vornehmlich aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur, die nicht Mitglieder der Hochschule sein d&uuml;rfen und im Einvernehmen mit dem Senat der Hochschule vom Fachministerium bestellt werden,<\/li>\n<li>ein Mitglied der Hochschule, das vom Senat der Hochschule gew&auml;hlt wird, und<\/li>\n<li>eine Vertreterin oder ein Vertreter des Fachministeriums.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol><\/li>\n<\/ol>\n<\/li><li>Der Hochschulrat bestimmt aus den Mitgliedern nach Satz 2 Nr. 1 ein vorsitzendes Mitglied und ein stellvertretendes vorsitzendes Mitglied.\n<ol>\n<li>Die Mitglieder des Hochschulrats nach Absatz 2 Satz 2 Nr. 1 sind Angeh&ouml;rige der Hochschulen.<\/li>\n<li>Sie sind ehrenamtlich t&auml;tig und an Auftr&auml;ge und Weisungen nicht gebunden.<\/li>\n<li>Den Mitgliedern nach Absatz 2 Satz 2 Nr. 1 kann die Hochschule eine angemessene Aufwandsentsch&auml;digung nach Ma&szlig;gabe einer Ordnung zahlen.<\/li>\n<li>Die Amtszeit der Mitglieder des Hochschulrats betr&auml;gt nach Ma&szlig;gabe der Grundordnung bis zu f&uuml;nf Jahre.<\/li>\n<li>Das Fachministerium kann ein Mitglied des Hochschulrats nach Absatz 2 Satz 2 Nr. 1 aus wichtigem Grund abberufen. 6Das Pr&auml;sidium nimmt an den Sitzungen des Hochschulrats mit beratender Stimme teil; die Gleichstellungsbeauftragte und die Mitglieder des Personalrats k&ouml;nnen beratend hinzugezogen werden.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.leuphana.de\/fileadmin\/user_upload\/services\/personalrat\/download\/NHG.pdf%20\">NHD [PDF &ndash; 456 KB]<\/a><\/p>\n<p>Das NRW-Gesetz hat jedoch eine Vorreiterrolle, denn schlie&szlig;lich ist es in seinen wesentlichen Elementen am Schreibtisch des CHE in G&uuml;tersloh entworfen worden.<\/p>\n<p>Folie 8<br>\nLaut &sect; 21 HFG  konzentrieren sich die wichtigsten Machtkompetenzen einer Hochschule im Hochschulrat:<\/p>\n<p>Er stimmt u.a. dem Hochschulentwicklungsplan zu, er stimmt dem Wirtschaftsplan und dem Plan zur unternehmerischen Hochschulbet&auml;tigung zu und er nimmt zum Rechenschaftsbericht<br>\ndes Pr&auml;sidiums Stellung.<br>\nAm Wichtigsten sind dabei die Wahl und die Entlastung der Hochschulleitung durch den Hochschulrat.<\/p>\n<p>Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling, der fr&uuml;here Chef des Bertelsmann Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE), hat die Bedeutung dieser Bestimmung in dankenswerter Offenheit begr&uuml;ndet: Nur durch die Wahl des Pr&auml;sidiums durch den Hochschulrat  (Zitat) &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/forum\/archiv\/archiv\/463053.html\">erh&auml;lt die Hochschulleitung gegen&uuml;ber den hochschulinternen Gremien die Unabh&auml;ngigkeit, die sie f&uuml;r ein effektives und effizientes Management ben&ouml;tigt<\/a>.&ldquo; .<\/p>\n<p>Mit der Autonomie der Hochschulen ist also konkret die Autonomie der Hochschulleitungen gegen&uuml;ber der staatlichen Verwaltung, aber auch gegen&uuml;ber den Interessen der Professoren sowie gegen&uuml;ber den demokratischen Anspr&uuml;chen von MitarbeiterInnen und Studierenden gemeint.<\/p><\/li>\n<li><strong>Manager erobern die Unis<\/strong>\n<p>Folie 9<br>\nPinkwarts Vorstellung ist: Der Hochschulrat &bdquo;nimmt (Zitat) Impulse aus Wirtschaft und Gesellschaft auf und vermittelt in dieser Weise als &bdquo;Transmissionsriemen&ldquo; das erforderliche Beratungswissen f&uuml;r die Entscheidungen der Hochschulleitungen&ldquo;. <\/p>\n<p>Schaut man allerdings etwas genauer hin, woher diese gesellschaftlichen &bdquo;Impulse&ldquo; tats&auml;chlich kommen, so zeigt die bisherige Praxis, dass fast &uuml;berall, wo sich Hochschulr&auml;te konstituiert haben, solche &bdquo;Impulse&ldquo; vor allem von Repr&auml;sentanten aus der Wirtschaft, meist der Gro&szlig;- und Finanzwirtschaft kommen. Das haben zwei Studien an der Universit&auml;t Duisburg-Essen (Nienh&uuml;ser\/Jakob) und an der Uni Bochum erhoben.<\/p>\n<p>Nach der Studie der Ruhruniversit&auml;t Bochum werden die Mitglieder externer Hochschulr&auml;te mit einem runden Drittel aus der Wirtschaft rekrutiert, wobei auf Seiten der Wirtschaft die Vertreter von Gro&szlig;unternehmen dominieren.<\/p>\n<p>Was aber noch signifikanter ist: Unter den Hochschulratsvorsitzenden liegt der Anteil der Wirtschaftsvertreter bei knapp der H&auml;lfte, n&auml;mlich bei 47 Prozent. So auch Nieh&uuml;ser\/Jakob <a href=\"http:\/\/www.idruhr.de\/detail.php?id=22029\">in der schon erw&auml;hnten<br>\nStudie<\/a>.<br>\nSo ist an der hier n&auml;chstgelegenen Hochschule, der Uni L&uuml;neburg der Vorsitzende des dort sog. Stiftungs- und Hochschulrat Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekret&auml;r des Stifterverbandes f&uuml;r die deutsche Wissenschaft &ndash; einer &bdquo;Gemeinschaftsaktion der deutschen Wirtschaft&ldquo; in der sich rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverb&auml;nde, Stiftungen und Privatpersonen zusammengeschlossen haben.<br>\nDem Hochschulrat der Carl-von-Ossietzky-Universit&auml;t Oldenburg sitzt der Vorstandsvorsitzende des Energie, IT und Telekommunikation-Konzerns EWE AG, Dr. Werner Brinker vor.<\/p>\n<p>Folie 10<br>\nKein Wunder, dass das Handelsblatt schon am 12. Oktober 2007 titelte: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/manager-erobern-kontrolle-an-den-unis%3B1335790\">Manager erobern die Kontrolle an den Unis<\/a>&ldquo;. (Powerpoint 11) <\/p>\n<p>Vertreter aus anderen gesellschaftlichen Gruppen sind im Vergleich zur Unternehmens- und Arbeitgeberseite in den neu geschaffenen Steuerungsgremien der bundesdeutschen Hochschulen nur marginal vertreten &ndash;  so etwa die Gewerkschaften mit 3 %. <\/p>\n<p>Studierende, akademischer Mittelbau und nichtwissenschaftliche Angestellte sind nur zu jeweils zwischen 9 und 14 % (als interne Mitglieder) in Hochschulr&auml;ten vertreten. <\/p>\n<p>Die Kompetenzen der Hochschulr&auml;te &ndash; so die Bochumer Studie &ndash; gingen zu Lasten der klassisch-parlamentarischen Repr&auml;sentation gesellschaftlicher Interessen durch die Landesparlamente und durch die Landesregierungen sowie (vor allem) zu Ungunsten der Selbstverwaltung der jeweiligen Hochschule. Es zeige sich dar&uuml;ber hinaus eine Erosion der klassischen Verb&auml;ndebeteiligung &ndash; so die Studie weiter.<\/p>\n<p>&bdquo;Man k&ouml;nnte auch von einer &sbquo;Privatisierung&lsquo; der Organisationsverantwortung sprechen&ldquo;, so fasst die Studie zusammen. Ich sehe in der Funktion der Hochschulr&auml;te eine funktionelle Privatisierung der &ouml;ffentlichen und &uuml;berwiegend staatlich finanzierten Hochschulen.<\/p>\n<p>F&uuml;r diese These habe ich unll&auml;ngst endlich Unterst&uuml;tzung von einer Seite erhalten, der man gewiss keine Linkslastigkeit oder Distanz zur unternehmerischen Hochschule nachsagen kann.<br>\nEine im Oktober erschienenen Studie vom Stifterverband in Kooperation mit McKinsey &amp; Company beschreibt die derzeitige Landschaft <a href=\"http:\/\/stifterverband.info\/publikationen_und_podcasts\/positionen_dokumentationen\/private_hochschulen\/index.html\">privater Hochschulen<\/a>.<br>\nDort hei&szlig;t es schon im Vorwort: (Zitat)<\/p>\n<p>Folie 11<br>\n&bdquo;Bund und L&auml;nder haben die staatlichen Hochschulen in die Freiheit entlassen und sie weitgehend in die Lage versetzt, sich nach ihren eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Damit hat sich auch das Verh&auml;ltnis zwischen privaten und staatlichen Hochschulen ver&auml;ndert. Bisherige Alleinstellungsmerkmale, die den privaten Hochschulen vermeintliche Wettbewerbsvorteile erm&ouml;glichten, werden nun mit staatlichen Hochschulen geteilt.&ldquo;<\/p>\n<p>Die These, die ich schon seit l&auml;ngerer Zeit vertrete und die mir bei den Bef&uuml;rwortern der &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; manche Kritik eingetragen hat, wird nun selbst von McKinsey best&auml;tigt. Wenn auch &ndash; wie sollte es anders sein &ndash; als Erfolgsmeldung. <\/p><\/li>\n<li><strong>Hochschulr&auml;te st&auml;rken die Durchgriffsgewalt der Hochschulleitungen<\/strong>\n<p>Ich bin seit &uuml;ber f&uuml;nf Jahren Mitglied in einem Hochschulrat und habe dabei eigene Erfahrungen sammeln k&ouml;nnen, die mir auch von Mitgliedern in anderen Hochschulr&auml;ten best&auml;tigt wurden: In der Regel ist es so, dass die Hochschulr&auml;te die ohnehin per Gesetz massiv gest&auml;rkte Durchgriffsgewalt der Hochschulleitungen noch verst&auml;rken. D.h. die Pr&auml;sidenten oder Vorstandsvorsitzenden k&ouml;nnen mit ihrem Hochschulrat im R&uuml;cken jeden Widerstand der Hochschulangeh&ouml;rigen gegen ihre Top-down-Entscheidungen brechen. <\/p>\n<p>Von daher versteht sich auch die grunds&auml;tzlich positive Einstellung der Hochschulleitungen zu den Hochschulr&auml;ten von selbst.<\/p>\n<p>Gegen&uuml;ber den Hochschulr&auml;ten, die in der gro&szlig;en Zahl der Hochschulen im besten Fall einmal viertelj&auml;hrlich zusammentreten, um dann durchschnittlich allenfalls rund vier Stunden zu tagen, hat das hauptamtliche Pr&auml;sidium einen nicht einholbaren Informationsvorsprung und kennt die m&ouml;glichen Handlungsoptionen erheblich besser als jedenfalls die externen Mitglieder eines Hochschulrats. <\/p>\n<p>( Hinzu kommt: Laut der Studie der Uni Bochum bieten in 63 % der F&auml;lle ausschlie&szlig;lich die Rektorate die &bdquo;Unterst&uuml;tzungsstrukturen&ldquo; f&uuml;r die Hochschulr&auml;te und nur ein Drittel verf&uuml;gt &uuml;ber einen Apparat &ndash; der allerdings sehr klein sein d&uuml;rfte. In meiner Hochschule haben wir noch nicht einmal einen Sachbearbeiter. )<\/p>\n<p>Im wirklichen Leben sieht das dann so aus, dass vor entscheidenden Sitzungen der Pr&auml;sident versucht, den Vorsitzenden des Hochschulrats in Vorgespr&auml;chen auf seine Seite zu ziehen und der Vorschlag des Pr&auml;sidenten wird anschlie&szlig;end im Hochschulrat &bdquo;durchgewinkt&ldquo;. <\/p>\n<p>So kann der Pr&auml;sident in aller Regel jeden Widerstand der hochschulinternen Gremien aushebeln.<\/p><\/li>\n<li><strong>Freiheit zum Verzicht auf Freiheit<\/strong>\n<p>Die Eingangsfrage, f&uuml;r wen das &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; mehr Freiheit bringt, l&auml;sst sich also ziemlich eindeutig beantworten:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Hochschulen werden statt den Gesetzen des demokratischen Gesetzgebers, den anonymen Gesetzen des Wettbewerbs unterstellt. Den angeblich objektiven Zw&auml;ngen des Wettbewerbs kann und darf sich kein Mitglied der Hochschule, ob Forschender, Lehrender oder Studierender mehr entziehen.<\/li>\n<li> Die Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit wird als die Freiheit zur Durchsetzung auf dem Ausbildungs- und Wissensmarkt umdefiniert.<\/li>\n<li>Die horizontalen Strukturen akademischer Selbstverwaltung und kooperative Hochschulleitungen werden durch eine neuartige vertikale Aufsichtsrat-Managementstruktur ersetzt. Die Hochschulen gleichen sich so auch formal dem Leitbild gewerblicher Unternehmen an.<\/li>\n<li>Die &bdquo;unternehmerische&ldquo; Hochschule wird &uuml;ber den beaufsichtigenden Hochschulrat, vor allem durch dessen Zusammensetzung zur ma&szlig;geblich von Vertretern der Wirtschaft gesteuerten Hochschule mit dem Auftrag zur Kooperation und zur Zusammenf&uuml;hrung von Wissenschaft und Wirtschaft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mein Fazit lautet:<br>\nDie nordrhein-westf&auml;lischen Hochschulen k&ouml;nnen ihre ihnen angeblich durch das &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; zugestandene Freiheit vom Staat nur durch den (freiwilligen) Verzicht auf Freiheit durch Unterwerfung unter &auml;u&szlig;ere Wettbewerbszw&auml;nge und unter der Kommandogewalt eines Chief Executive Officer wahrnehmen. <\/p>\n<p>Jean-Jacques Rousseau sagte schon vor fast 300 Jahren:<br>\n&bdquo;Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit l&auml;sst sich selbst der Wille gefangen<br>\nnehmen.&ldquo;  <\/p>\n<p>Zwei Hinweise und Schlussbemerkung zu diesem Kapitel:<\/p>\n<p>Erstens: Dieser Tage ist eine Dissertation an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln ver&ouml;ffentlicht worden. <\/p>\n<p>Folie 12<br>\n&bdquo;Zur Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit der Regelungen des Hochschulgesetzes NRW &uuml;ber den Hochschulrat&ldquo;<br>\nDer Autor Thomas Horst pr&uuml;ft die Frage, ob die Regelungen des nordrhein-westf&auml;lischen &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; &uuml;ber den Hochschulrat mit dem Grundgesetz und der Landesverfassung vereinbar sind. Die Arbeit gelangt zum Ergebnis, dass die Tatsache, dass das Gesetz erlaube, bei der Wahl zur Hochschulleitung ein Pr&auml;sidium &bdquo;durchzuboxen&ldquo;, das nicht das Vertrauen der Hochschule bzw. des Senats genie&szlig;t gegen die Wissenschaftsfreiheit nach Art. 5 Abs. 3 GG verst&ouml;&szlig;t.  <\/p>\n<p>Zeitens: Mit der Wettbewerbssteuerung der Hochschule sollte &ndash; wie der Name schon sagt &ndash; die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; vor allem unternehmerisch erfolgreicher werden. <\/p>\n<p>Folie 13<br>\nIn einer gerade erschienen Studie sind die Leipziger Soziologen Klaus D&ouml;rre und Matthias Neis dieser Hypothese empirisch nachgegangen. (Das Dilemma der unternehmerischen Universit&auml;t) Ich zitiere die Schlussfolgerung:<br>\n&bdquo;Einseitig an messbaren Effizienz- und Wettbewerbskriterien ausgerichtete Steuerungssysteme, wie sie den Leitbildern der unternehmerischen Universit&auml;t und eines academic capitalism entsprechen, laufen Gefahr, das Gegenteil von dem zu produzieren, was sie eigentlich beabsichtigen. Sie k&ouml;nnen Innovationen erschweren, ja geradezu blockieren.&ldquo;<br>\nDer Fetisch der Effizienz der M&auml;rkte, der ja gerade am Beispiel der Finanzm&auml;rkte in eine Katastrophe gef&uuml;hrt hat, wird in dieser empirischen Studie auch f&uuml;r den Bereich der Wissenschaft vom Sockel gesto&szlig;en worden.<br>\nIch zitiere nochmals aus der Studie:<br>\n&bdquo;Das Regime von McKinsey und Co&ldquo; beeintr&auml;chtigt geradezu die Funktionsf&auml;higkeit der &bdquo;Herzkammer des Kapitalismus&ldquo;, n&auml;mlich sein Innovationssystem.&ldquo;<\/p><\/li>\n<\/ol><li><strong>Triebkr&auml;fte f&uuml;r den Paradigmenwechsel<\/strong>\n<p>Ich m&ouml;chte nun im zweiten Teil meines Referats versuchen, skizzenhaft herauszuarbeiten, wie es zu diesem Paradigmenwechsel von der &ouml;ffentlich verantworteten und der ganzen Gesellschaft verantwortlichen, in Fragen der Forschung und Lehre jedoch sich selbst verwaltenden Hochschule hin zur &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; gekommen ist.<\/p>\n<p>Unsere Hochschulen waren im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert wahrlich nicht im besten Zustand. Es gab erheblichen Reformbedarf. Dazu k&ouml;nnte ich als ehemaliger Staatssekret&auml;r im nordrhein-westf&auml;lischen Wissenschaftsministerium ein langes Klagelied vorsingen. <\/p>\n<p>Ganz so schlecht konnten die staatlichen Hochschulen aber doch nicht sein, wenn die &bdquo;als Stachel im Fleisch&ldquo; gegr&uuml;ndeten privaten Hochschulen in Deutschland, jedenfalls in der Breite nie zu einer echten Konkurrenz aufsteigen konnten. Zwar existierten im Jahr 2010 nach der schon erw&auml;hnten Studie von McKinsey 90 private gegen&uuml;ber 238 &ouml;ffentlichen Hochschulen, doch studieren dort nur knapp 5 Prozent der mehr als 1,8 Millionen Studierenden an &ouml;ffentlichen Hochschulen &ndash; dabei sind bei den Privaten die kirchlichen Hochschulen schon mit eingerechnet. 79 der privaten Hochschulen sind Fachhochschulen.<\/p>\n<p>Trotz aller bombastischen Namen wie &bdquo;European School of Management and Technology&rdquo; oder &bdquo;International University&ldquo; und trotz allen Werbeaufwands gibt es offenbar keine gro&szlig;e &bdquo;Marktl&uuml;cke&ldquo; f&uuml;r die Privaten, dazu war und ist das Studienangebot der staatlichen Universit&auml;ten und Fachhochschulen einfach (noch immer) zu gut. Trotz der &Uuml;berf&uuml;llung der Hochschulen f&uuml;hrte ein Studienabschluss jedenfalls in aller Regel zur Bef&auml;higung zur selbst&auml;ndigen Bearbeitung von neuen Problemen mit wissenschaftlichen Methoden.<br>\nWenigstens dem Anspruch nach galt das humboldtsche Prinzip &bdquo;Bildung durch Wissenschaft&ldquo;.<\/p>\n<p>Wie konnte es geschehen, dass der aufkl&auml;rerische Kern der deutschen Hochschultradition durch &ouml;konomische oder &ndash; genauer gesagt &ndash; durch pseudo&ouml;konomische Wahrheits- oder Geltungsanspr&uuml;che ersetzt werden konnte? <\/p>\n<p>Wie kam es zum Paradigmenwechsel weg vom humboldtschen Bildungsideal hin zum hayekschen Glauben an die &Uuml;berlegenheit der Markt- und Wettbewerbssteuerung auch in der Wissenschaft? <\/p>\n<ol>\n<li><strong>Wandel des gesellschaftspolitischen Leitbildes<\/strong>\n<p>Dieser Paradigmenwechsel kam nicht &uuml;ber Nacht, sondern ihm ging ein Wandel des gesellschaftspolitischen Leitbildes &uuml;ber mehr als einem viertel Jahrhundert voraus.<br>\nAusgehend von den USA &ndash; stark beeinflusst von der sog. Chicagoer Schule um Milton Friedman &ndash; ging der Ruf nach der &bdquo;Befreiung&ldquo; der M&auml;rkte rund um den Globus. Vom Washingtoner Konsens, &uuml;ber die Welthandelsorganisation IWF oder der Weltbank setzte sich <\/p>\n<p><em>&ndash; in Abgrenzung zum seit der ersten Weltwirtschaftskrise vorherrschenden Keynesianismus &ndash; der dem Staat eine aktive Rolle im wirtschaftspolitischen Geschen zuschrieb &ndash; <\/em><\/p>\n<p>ein neues &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen uraltes &ndash; wirtschaftsliberales Denken durch, das mit den Schlagworten Privatisierung, Deregulierung, Wettbewerb und drastischen Einschr&auml;nkungen bei den Staatsausgaben und damit der Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates aus der Wirtschaft und auch aus der Daseinsvorsorge zusammengefasst werden kann.<\/p>\n<p>In der praktischen Politik standen daf&uuml;r die Begriffe Reaganomics bzw. in England der sog. Thatcherismus. In Deutschland k&ouml;nnte man die Wende am Scheidungsbrief an die sozial-liberale Koalition, dem sog. <a href=\"\/?p=346\">Lambsdorff-Papier<\/a> im Jahre 1982 festmachen.<\/p>\n<p>Der Kampfparole der Reagonomics &bdquo;starve the beast&ldquo; &ndash; also &bdquo;hungert den Staat aus&ldquo; &ndash; folgend kam es auch in Deutschland vor allem nach Kohls &bdquo;geistig moralischer Wende&ldquo; zu einer gezielten Verarmung des Staates. <\/p>\n<p>Der damit notwendig einhergehenden Verschlechterung der &ouml;ffentlichen Leistungen auf vielen gesellschaftlichen Feldern folgten auf vielen Politikfeldern &ouml;ffentliche Kampagnen der &bdquo;Miesmache&ldquo; des staatlichen Angebots verbunden mit dem Versprechen der Markt und der Wettbewerb k&ouml;nnten alles besser als der Staat. <\/p>\n<p>So wurde etwa auf dem Feld der Hochschulpolitik die Phase des Hochschulausbaus der 60er und 70er Jahre durch eine zunehmende Sparpolitik gestoppt.<\/p>\n<p>Bund und L&auml;nder fassten schon 1977 den sog. &bdquo;&Ouml;ffnungsbeschluss&ldquo;. Die Hochschulen sollten etwa ein Jahrzehnt lang eine &bdquo;&Uuml;berlast&ldquo; an Studierenden bei etwa gleich bleibendem Budget und stagnierendem Lehrpersonal akzeptieren. <\/p>\n<p>Diese sog. &bdquo;Untertunnelungsstrategie&ldquo; geh&ouml;rte zu den gr&ouml;&szlig;ten Lebensl&uuml;gen in der Hochschulpolitik der Nachkriegszeit. Man kann die Fakten in den Empfehlungen des Wissenschaftsrats<br>\nzur Qualit&auml;tsverbesserung <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/8639-08.pdf\">von Lehre und Studium [PDF &ndash; 360 KB]<\/a>  oder auch im Bildungsbericht 2008 von KMK und BMBF nachlesen: <\/p>\n<p>&Uuml;ber die ganze Spanne von 1972 bis 2005 betrachtet ist die Studierendenzahl um fast das 3-fache, die Professorenzahl dagegen nur um das 1,8-fache angestiegen. Die Betreuungsrelationen haben sich dementsprechend an beiden Hochschultypen &uuml;ber die Zeit hinweg dramatisch verschlechtert: <\/p>\n<p>Kamen 1972\/73 40 Studierende an den Universit&auml;ten und weit unter 20 Studierende an den FHS auf einen hauptberuflichen Professor, so waren es 2005\/2006 &uuml;ber 60 an den Unis und knapp 40 Studierende an den FHS. In den Wirtschaftswissenschaften sind es derzeit 93 Studierende, in den Sozialwissenschaften gar 104 Studierenden pro hauptberuflichem Professor. Laut Bildungsbericht 2010 haben sich die Betreuungsrelationen leicht verringert bzw. wenig ver&auml;ndert.<br>\nSie liegen jedenfalls weit unter dem internationalen Standard.<\/p>\n<p>Diese Sparpolitik dauert bis heute an.<br>\nJens Wernicke hat ja in seinem Vortrag vom Mittwoch die einschl&auml;gigen Zahlen und Grafiken vorgestellt. So dass ich Ihnen die Wiederholung dieses Trauerspiels ersparen kann. <\/p>\n<p>Laut dem &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bildungsbericht.de\/zeigen.html?seite=6153\">Bildungsbericht 2008<\/a>&ldquo; ging der Anteil der gesamten Bildungsausgaben (also inklusive des Anteils der Wirtschaft) am BIP von 6,9% im Jahr 1995 auf 6,3% im Jahr 2005 und auf 6,2% im Jahr 2006 zur&uuml;ck. W&auml;ren auch im Jahr 2005 wie 1995 6,9% des BIP f&uuml;r Bildung aufgewendet worden, h&auml;tten dem Bildungsbereich rund 13 Milliarden Euro mehr zur Verf&uuml;gung gestanden.<\/p>\n<p>Folie 11<br>\nDer Anteil der (rein) &ouml;ffentlichen Bildungsausgaben am BIP machte  in Deutschland 2006 laut Bildungsbericht 2010  4,8 % des Bruttoinlandsproduktes aus und damit deutlich weniger als im OECD-Durchschnitt der bei 5,7 % des BIP lag. <\/p>\n<p>Um den OECD-Mittelwert zu erreichen, m&uuml;sste Deutschland rund 21 Mrd. Euro mehr bereitstellen &ndash; j&auml;hrlich! Um mit den Spitzenreitern in der OECD gleichzuziehen (D&auml;nemark: 8,3 %; Norwegen und Schweden: 7,0 % Anteil am BIP) w&auml;ren <a href=\"\/wp-print.php?p=3644\">bis zu 91 Mrd. Euro erforderlich &ndash; j&auml;hrlich!<\/a> )<\/p>\n<p>Auf dem gro&szlig; gefeierten Bildungsgipfel vor einem Jahr in Dresden wurde das &bdquo;gemeinsame Bekenntnis&ldquo; abgegeben wurde, dass im Jahre 2015 10 % des Bruttosozialproduktes f&uuml;r Bildung eingesetzt werden sollen &ndash; 3 % f&uuml;r Forschung und 7 % f&uuml;r Bildung. <\/p>\n<p>Da hat nun die im Koalitionsvertrag von Union und Liberalen angek&uuml;ndigte Erh&ouml;hung der Ausgaben des Bundes f&uuml;r Bildung und Forschung um 12 Milliarden Schlagzeilen gemacht. Bei genauer Betrachtung sind das allerdings bestenfalls 3 Milliarden pro Jahr bis 2013 und dabei d&uuml;rfte es sich zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil ausschlie&szlig;lich um eine l&auml;ngst beschlossene Erh&ouml;hung f&uuml;r die Fortf&uuml;hrung des Hochschulpaktes, der Exzellenzinitiative und des Pakts f&uuml;r Forschung und Innovation handeln. <\/p>\n<p>Die nach der F&ouml;deralismusreform f&uuml;r die Hochschulen allein zust&auml;ndigen L&auml;nder haben bisher noch nicht einmal die sog. Demografie-Gewinne durch die r&uuml;ckl&auml;ufigen Sch&uuml;lerzahlen zugesichert. Mit kreativer Statistikinterpretation gaben die Finanzminister der L&auml;nder auf ihrer Konferenz im letzten November Hoffnungen auf Milliardenhilfen f&uuml;r bessere Schulen und Hochschulen einen kr&auml;ftigen D&auml;mpfer.<br>\nDie Finanzminister m&ouml;chten fortan in der Statistik unter &ldquo;Bildungsausgaben&rdquo; auch die kompletten Aufwendungen etwa f&uuml;r das Kindergeld Vollj&auml;hriger verbuchen. Ebenfalls als &ldquo;Bildungsausgaben&rdquo; wollen sie Steuererleichterungen deklarieren &ndash; etwa Ausbildungsfreibetr&auml;ge. Auch die Pensionen von Lehrern und Professoren sollen k&uuml;nftig in der Statistik als Bildungsausgaben gelten. <\/p>\n<p>Folie 14<br>\nDie Botschaft der L&auml;nderfinanzminister an die schwarz-gelbe Koalition lautet: &bdquo;F&uuml;nfjahresplan &uuml;bererf&uuml;llt, die Kassen sind leer, h&ouml;here Ausgaben f&uuml;r Bildung unn&ouml;tig.&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/schulspiegel\/wissen\/0,1518,druck-656664,00.html%20\">So schreibt der Spiegel<\/a>.<\/p>\n<p>Die im Koalitionsvertrag versprochenen und teilweise schon umgesetzten Steuersenkungen werden es den L&auml;ndern gewiss nicht erleichtern ihren Anteil Beitrag zum 10 Prozent-Niveau zu leisten. Der Berliner Finanzsenator hat vorgerechnet, dass die Steuersenkungen bei voller Wirksamkeit f&uuml;r das Land 700 Millionen weniger Einnahmen bedeuten w&uuml;rden, das entspreche <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/50\/492407\/text\/\">50.000 Studienpl&auml;tze oder 100.000 Kita-Pl&auml;tze<\/a> . <\/p>\n<p>Es gibt realistische Bedarfsberechnungen, die auf einen &ouml;ffentlichen Investitionsbedarf pro Jahr auf bis zu 100 Milliarden kommen. (Diese Berechnungen addieren einen laufenden Ausgabenbereich von 30 Milliarden, zus&auml;tzlich erforderliche Sachinvestitionen (also etwa Sanierungen) auf 7 Milliarden, die Differenz an Investitionen in &bdquo;Beton&ldquo; zum EU-15-Durchschnitt von gut 30 Milliarden.) <\/p>\n<p>Auf Betr&auml;ge in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung hat man zwischenzeitlich durch die Senkungen von Unternehmenssteuern locker verzichtet.<\/p>\n<p>Folie 15<br>\nDie von der neuen Regierung schon in diesem Jahr umgesetzten  Steuersenkungen, f&uuml;hren im Jahre 2010 zu den Haushalt belastenden Entlastungen von 6,8 Milliarden Euro.<br>\nK&auml;me es auch noch zu der im Koalitionsvertrag geplantenUmstellung des steuerlichen Stufentarifs, f&uuml;hrte dies nach Berechnungen des Instituts f&uuml;r Makro&ouml;konomie und Konjunkturforschung (IMK) im Jahre 2013 zu weiteren j&auml;hrlichen Mindereinnahmen von <a href=\"\/upload\/pdf\/091116_truger_steuersenkungen.pdf\">insgesamt Minus 29,3 Milliarden &ndash; j&auml;hrlich<\/a>.<\/p>\n<p>Folie 16<br>\nVergleiche mit den Kapitalhilfen f&uuml;r die Banken von 60 Milliarden Euro, allein f&uuml;r <a href=\"\/?p=7008\">die Commerzbank &uuml;ber 18 Milliarden oder die IKB von &uuml;ber 11 Milliarden<\/a>  oder mit den Kreditgarantien etwa f&uuml;r Hypo Real Estate in H&ouml;he von inzwischen &uuml;ber 142 Milliarden oder den Kreditgarantien im Rahmen des Rettungspakets zur Stabilisierung des Finanzsystems in H&ouml;he von fast 500 Milliarden Euro wollen wir gar nicht erst anstellen. Nach einer Studie der Bundesbank stieg die deutsche Bruttoneuverschuldung in den beiden Jahren bis Ende 2009 um 183 Mrd. Euro. Die Kosten der St&uuml;tzung der Finanzinstitute lag in dieser Zeit bei weit &uuml;ber der H&auml;lfte, n&auml;mlich bei rund 98 Mrd. Wenn man das Rettungspaket f&uuml;r die Banken mit den Ergebnissen des Bildungsgipfels vergleicht, ist man geneigt, den alten Slogan etwa so abzuwandeln: Bei den Banken sind sie fix, f&uuml;r die Bildung tun sie nix!<\/p>\n<p>Vom &bdquo;systemischen&ldquo; Risiko kaputt gesparter Hochschulen spricht jedenfalls niemand.<\/p><\/li>\n<li><strong>Unterfinanzierte Hochschule als S&uuml;ndenbock<\/strong>\n<p>An den real existierenden, jedoch politisch herbeigef&uuml;hrten Problemen der Hochschulen setzten die selbsternannten Reformer an und verkauften ihre Reformangebote als alternativlose Wege aus der Misere. Nicht mehr aus den Hochschulen heraus oder wenigstens mit den Hochschulen zusammen wurden die Reformvorstellungen entwickelt, sie wurden von au&szlig;en an sie herangetragen.<\/p>\n<p>Zerm&uuml;rbt von &Uuml;berlast, systematischer Unterfinanzierung und einer allgemeinen Professorenschelte hatten die Hochschulen der feindlichen &Uuml;bernahme durch die &bdquo;Reformer&ldquo; nichts mehr entgegenzusetzen. <\/p>\n<p>Wie bei der Begr&uuml;ndung f&uuml;r den Abbau des Sozialstaats und seiner sozialen Sicherungssysteme wird das bewusst und vors&auml;tzlich vernachl&auml;ssigte staatliche Hochschulsystem zum S&uuml;ndenbock erkl&auml;rt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Bertelsmann als wirkungsm&auml;chtigster &bdquo;Reform&ldquo;-Motor<\/strong>\n<p>Folie 17<br>\nDer wirkungsm&auml;chtigste Motor f&uuml;r die Hochschul-&bdquo;reform&ldquo;-gesetze war die Bertelsmann Stiftung und das 1994 gegr&uuml;ndete &uuml;berwiegend von Bertelsmann finanzierte Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE).<br>\nDie Bertelsmann Stiftung ist &ndash; entgegen dem Anschein, den sie zu erwecken versucht &ndash; keine gesellschaftspolitisch neutrale Einrichtung zu uneigenn&uuml;tzigen Zwecken. Man kann dem Firmenpatriarchen Reinhard Mohn nicht einmal vorwerfen, dass er mit seiner &bdquo;Mission&ldquo; hinter dem Berg h&auml;lt. Jeder kann sie auf der Website der Bertelsmann Stiftung oder etwa in Mohns Buch &bdquo;Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers&ldquo; nachlesen. Mohn und mit ihm die Bertelsmann Stiftung vertreten eine Art deutschen Sonderweg in die wirtschaftsliberal globalisierte Welt, sie setzen einerseits auf eine korporatistische Unternehmenskultur, betrachten aber andererseits den Sozialstaat als &uuml;berdehnt oder gar &uuml;berholt und sie bauen auf eine &uuml;ber den Wettbewerb hergestellte Effizienz als Steuerungsinstrument an Stelle von Mitbestimmung und demokratischer Gestaltung.<br>\nUnd immer geht es deshalb auch um ein Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des Staates, eine Verringerung der Staatsquote und &ndash; als Mittel dazu &ndash; um die Senkung der Steuerlast. <\/p>\n<p>Unter dem Pathos der &bdquo;Gemeinwohlverpflichtung&ldquo; oder &bdquo;Wir helfen der Politik, dem Staat und der Gesellschaft, L&ouml;sungen f&uuml;r die Zukunft zu finden&ldquo; (so Reinhard Mohn) gibt es kaum ein politisches Feld von Bedeutung, wo die Bertelsmann Stiftung mit ihren Handreichungen nicht ihre L&ouml;sungsangebote macht.<\/p>\n<p>Besonders engagiert ist die Bertelsmann Stiftung auf dem Feld der Hochschulpolitik. Hochschulen wurden von Reinhard Mohn &ndash; richtigerweise &ndash; als &bdquo;Schl&uuml;ssel zur Gesellschaftsreform&ldquo; angesehen. <\/p>\n<p>Mohn war einer der Gr&uuml;ndungsv&auml;ter und bis vor einigen Jahren der Hauptsponsor der 1983 gegr&uuml;ndeten ersten deutschen Privaten Universit&auml;t Witten-Herdecke. Sie sollte &bdquo;Stachel im Fleisch&ldquo; der staatlichen Hochschulen sein.<\/p>\n<p>Witten-Herdecke schaffte es allerdings nie so richtig finanziell auf die Beine zu kommen und w&auml;re der &bdquo;privaten&ldquo; Uni der Staat nicht zur Seite gesprungen w&auml;re sie schon l&auml;ngst Pleite gegangen. Im letzten Jahr stand sie wieder einmal mehr kurz vor der Insolvenz.<\/p>\n<p>Reinhard Mohn hat offenbar im Laufe der Zeit erkannt, dass der Weg zur Umw&auml;lzung des Hochschulsystems &uuml;ber die Gr&uuml;ndung privater Konkurrenz-Hochschulen nicht erfolgversprechend ist, weil sich nicht ausreichend viele private Geldgeber und zahlungskr&auml;ftige Studierende finden lassen. Viel effizienter erschien ihm daher der Weg, die weitgehend staatlich finanzierten Hochschulen wie private Unternehmen in den Wettbewerb zu schicken und &uuml;ber die Konkurrenz um die die staatlichen Mittel erg&auml;nzenden Studiengeb&uuml;hren und um private oder auch &ouml;ffentliche Drittmittel das Hochschulsystem steuern zu lassen.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis haben Reinhard Mohn und seine Berater wohl veranlasst 1994 das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) zu gr&uuml;nden. Klugerweise nahm das CHE die damals ohne jeden Apparat und ohne gro&szlig;en institutionellen Einfluss auf die Hochschulpolitik agierende, aber umso standesbewusstere Hochschulrektorenkonferenz (HRK) als Gesellschafter mit ins Boot. <\/p>\n<p>So ver&ouml;ffentlichten das CHE und die HRK ihre hochschulreformerischen L&ouml;sungskonzepte von nun an unter einem gemeinsamen Kopfbogen und vor allem &uuml;ber die Hochschulrektoren verschaffte sich Bertelsmann ein einigerma&szlig;en unverd&auml;chtiges Entree in die Hochschulen hinein. <\/p><\/li>\n<li><strong>Konformit&auml;tsdruck durch CHE-Rankings<\/strong>\n<p>Das CHE arbeitet &ndash; wie die anderen meist als gemeinn&uuml;tzige zivilgesellschaftliche Stiftungen organisierte PR-Agenturen wie etwa die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) &ndash; nach dem gleichen Stil. <\/p>\n<p>Man erstellt Studien oder macht Umfragen und schafft so Medien-Events und die Mainstream-Medien plappern die Ergebnisse zumeist unkritisch wie Papageien nach. So wird &ouml;ffentliche Meinung gemacht. <\/p>\n<p>&Uuml;berall dort, wo kein Markt besteht und damit das Steuerungsinstrument des Wettbewerbs nicht funktionieren kann, also vor allem im &ouml;ffentlichen Sektor, also auch bei den Hochschulen, musste die Bertelsmann Stiftung wettbewerbliche Steuerungsinstrumente erst noch einf&uuml;hren.<br>\nAls Fiktion f&uuml;r den Marktwettbewerb dienen die Rankings und Benchmarks. <\/p>\n<p>Folie 18<br>\nDas CHE hat so in Deutschland die Hochschulrankings hoff&auml;hig gemacht. Inzwischen veranstaltet Bertelsmann das gr&ouml;&szlig;te Hochschulranking im deutschsprachigen Raum (&Ouml;sterreich und die Schweiz sind allerdings inzwischen wieder ausgestiegen).<br>\nZus&auml;tzlich zum Hochschulranking gibt es noch ein CHE ForschungsRanking, ein CHE-L&auml;nderRanking und sogar noch ein CHE-AlumniRanking und neuerdings auch noch ein europaweites CHE-ExcellenceRanking. <\/p>\n<p>Die eigentliche Wirkung der Rankings ist,  dass durch die Vergleiche ein Konformit&auml;ts- und Anpassungsdruck auf alle Hochschulen ausge&uuml;bt wird.<br>\nSie brauchen nur einmal bei google die Suchworte &bdquo;CHE Ranking&ldquo; f&uuml;r irgendeine Hochschule eingeben und die zahlreichen Eintr&auml;ge studieren, dann k&ouml;nnen Sie sich &uuml;berzeugen, wie diese Anpassung funktioniert.<\/p>\n<p>Geradezu ein Musterbeispiel f&uuml;r die &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung&ldquo; des bildungspolitischen Denkens ist &uuml;brigens die seit weit &uuml;ber 10 Jahren andauernde Kampagne des CHE f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Wirklichkeit holt die Verschw&ouml;rungstheorie ein<\/strong>\n<p>Wenn man so argumentiert wie ich, wird einem von Vielen, die die Bertelsmann Stiftung nach wie vor als ein dem Gemeinwohl verpflichtetes Unternehmen betrachten und die das eine oder andere Projekt f&uuml;r durchaus hilfreich halten, vorgehalten, man sei ein &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;. <\/p>\n<p>Ich habe auf den NachDenkSeiten mit Textvergleichen schwarz auf wei&szlig; belegt, wie eine solche &bdquo;Verschw&ouml;rung&ldquo; abl&auml;uft.<\/p>\n<p>Das nordrhein-westf&auml;lische Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;- Gesetz wurde am Schreibtisch des CHE entworfen und bis zu seiner Umsetzung in die<br>\nHochschulen hinein vom CHE begleitet.<br>\nWenn es Sie interessiert und wenn wir sp&auml;ter noch Zeit daf&uuml;r haben, k&ouml;nnte ich die Belege an die Wand projizieren.<br>\nAus Zeitgr&uuml;nden muss ich mir an dieser Stelle die Beweisf&uuml;hrung ersparen.<br>\nHier nur in aller K&uuml;rze:<\/p>\n<p>Folie 19 bis 21 <\/p>\n<p>Ende 2005 ver&ouml;ffentlichte der G&uuml;tersloher Think-Tank &ndash; so w&ouml;rtlich &ndash; &bdquo;Zehn CHE-Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz f&uuml;r Nordrhein-Westfalen&ldquo;.<br>\nIn diesen &bdquo;Anforderungen&ldquo; finden sich teilweise sogar bis in den Wortlaut hinein die Formulierungen wieder, die der nordrhein-westf&auml;lische &bdquo;Innovationsminister&ldquo; Pinkwart, ohne jede politische Debatte in seiner Partei, geschweige denn im Landtag kurze Zeit sp&auml;ter auf einer Pressekonferenz am 25. Januar 2006 als seine eigenen &bdquo;Eckpunkte des geplanten Hochschulfreiheitsgesetzes&ldquo; vorstellte&hellip;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.innovation.nrw.de\/ministerium\/innovationsminister\/ministerreden\/rede_2006_01_25.pdf\">innovation.nrw.de [PDF] (08.11.2010: Link nicht erreichbar)<\/a> <\/p>\n<p>Nur wenige Tage nachdem Pinkwart seine Eckwerte vorgelegt hat, liefert ihm das CHE ein Zeugnis:<\/p>\n<p>Folie 22<br>\nCHE begr&uuml;&szlig;t Eckpunkte f&uuml;r NRW- &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo;, sieht aber noch Entwicklungspotenziale Das CHE bewertet die Eckpunkte &uuml;berwiegend positiv, sieht aber noch weitere Potenziale. Die Bewertung erfolgte vor dem Hintergrund der vom CHE Ende 2005 vorgelegten &bdquo;Zehn CHE-Anforderungen an ein Hoch-schulfreiheitsgesetz in NRW&ldquo;.<br>\nCHE-Leiter Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling erkl&auml;rt: &bdquo;Es ist zu w&uuml;nschen, dass die allermeisten der von Minister Pinkwart angek&uuml;ndigten Regelungen tats&auml;chlich Gesetz werden. In einigen Punkten erscheinen Modifikationen sinnvoll und der eine oder andere Punkt, der sich in den Eckpunkten bislang nicht findet, kann in dem Gesetz ja durchaus noch angesprochen werden. Mutige Ank&uuml;ndigungen m&uuml;ssen nun zu einem noch mutigeren Gesetz f&uuml;hren.&ldquo;<\/p>\n<p>Weiter hei&szlig;t es da: <\/p>\n<p>Folie 23<br>\nDie Eckpunkte enthalten insoweit sehr gute Ans&auml;tze und Zielaussagen. Jetzt m&uuml;ssen sie in einigen Aspekten erg&auml;nzt und dann mutig und umsichtig in Gesetzesform gegossen werden.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<p>&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;<br>\n<strong>Aber damit immer noch nicht genug:<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem das HFG verabschiedet worden ist, wird das CHE vom Ministerium beauftragt, die Hochschulen auch noch bei der Umsetzung zu begleiten: <\/p>\n<p>Folie 24<br>\nMinisterium unterst&uuml;tzt Hochschulen auf Weg in die Eigenverantwortung &ndash; CHE mit Begleitung beauftragt <a href=\"http:\/\/www.nrw.de\/presse\/qualitaetssicherung-bei-der-umsetzung-des-hochschulfreiheitsgesetzes-ministerium-unterstuetzt-hochschulen-auf-weg-in-die-eigenverantwortung-che-mit-begleitung-beauftragt-2117\">Pressemitteilung v. 13.11.2006.<\/a> <\/p>\n<p>&bdquo;Das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) in G&uuml;tersloh wird &uuml;ber einen Zeitraum von 18 Monaten die Umsetzung des Hochschulfreiheitsgesetzes begleiten und auswerten&ldquo;, hei&szlig;t es in einer Pressemitteilung v. 13.11.2006 . <\/p>\n<p>Das gab Innovationsminister Prof. Andreas Pinkwart am heutigen Montag in D&uuml;sseldorf bekannt. &ldquo;Staat und Hochschulen m&uuml;ssen ihre neuen Rollen finden und annehmen. Dies wollen wir von unabh&auml;ngigen Experten begleiten lassen, damit alle von guten Beispielen lernen und m&ouml;gliche Startschwierigkeiten schnell beheben k&ouml;nnen&rdquo;, sagte Pinkwart. <\/p>\n<p>Das h&auml;tte ich mir fr&uuml;her einmal als Wissenschafts-Staatssekret&auml;r erlauben sollen, n&auml;mlich die Hochschulen bei der Umsetzung eines Gesetzes zum &bdquo;Erfolg&ldquo; zu f&uuml;hren. An den Hochschulen w&auml;re der Untergang der Freiheit von Wissenschaft und Forschung und das Ende der Epoche der Aufkl&auml;rung beschworen worden.<br>\nAber wenn nun einer der m&auml;chtigsten und politisch einflussreichsten Konzerne den Hochschulen sagt, was sie zu tun haben, dann scheint das von den Hochschulen ganz selbstverst&auml;ndlich und ohne Murren hingenommen zu werden.<\/p>\n<p>Mit Verlaub, schon im Umgangston dr&uuml;ckt sich eine Anma&szlig;ung einer durch nichts als durch das n&ouml;tige Geld legitimierten privaten Interessensgruppe gegen&uuml;ber dem Staat, der Regierung, dem Parlament und den Hochschulen aus, die nach demokratischen Ma&szlig;st&auml;ben nicht mehr hinnehmbar sein sollte. Die Politik wird geradezu zum Befehlsempf&auml;nger von Bertelsmann degradiert.<br>\nWer nun meinen sollte, die enge Verflechtung zwischen Politik und CHE ergebe sich aus der r&auml;umlichen N&auml;he zwischen G&uuml;tersloh und D&uuml;sseldorf, der irrt. Das CHE ist mit seinen Vorschl&auml;gen omnipr&auml;sent bis in die Details. An der Hochschule, an der ich im Hochschulrat bin, moderierte einer der CHE-Chefs sogar die Aufstellung des Hochschulentwicklungsplans.<\/p>\n<p>Das geradezu paradoxe am Verhalten der Bertelsmann Stiftung ist, dass sie zwar &uuml;berall nach Wettbewerb ruft, diesen Wettbewerb aber bei sich selbst konsequent verhindert.<br>\nDas, nicht nur indem sie &bdquo;ausschlie&szlig;lich operativ&ldquo; arbeitet, d.h. nur ihre von ihr selbst initiierten Projekte f&ouml;rdert und keine Projektantr&auml;ge von au&szlig;erhalb zul&auml;sst oder f&ouml;rdert, also wissenschaftlichen Pluralismus satzungsm&auml;&szlig;ig ausschlie&szlig;t, sondern indem sie dar&uuml;ber hinaus sich vor keinem Parlament und keinem Rechnungshof, ja nicht einmal vor einem Aufsichtsrat, der wenigstens unterschiedliche Interessen von Kapitalanlegern vertreten k&ouml;nnte, f&uuml;r den Einsatz ihrer Gelder und die damit verfolgten Ziele rechtfertigen muss.<\/p>\n<p>Die Netzwerkarbeit und Projektentwicklung der Bertelsmann Stiftung ist so angelegt, dass sich die Akteure gar nicht mehr mit Gegenmeinungen und Kritik auseinandersetzen, dass sie Kritik in einer Haltung der Selbstgewissheit an sich abprallen lassen und so auftreten, als h&auml;tten sie die Richtigkeit und Wahrheit ihrer Konzepte von vorneherein und zweifelsfrei erkannt. Dieses Ausmerzen von fachlichen Gegenstimmen, demokratischer Willensbildung und umfassender B&uuml;rgeraufkl&auml;rung, das ist f&uuml;r mich das Gef&auml;hrliche und der demokratiefeindliche Kern, dieser zugestandenerma&szlig;en perfekten Netzwerkarbeit.<\/p>\n<p>Nicht dass man die Argumente Andersdenkender &uuml;bernehmen m&uuml;sste, aber Kritik wahrzunehmen und sich damit auseinander zusetzen ist etwas anderes, als sie totzuschweigen bzw. &uuml;ber seinen Einfluss &uuml;ber die Medien einfach mundtot zu machen.<br>\nDas Spektrum der &Ouml;ffentlichen Meinung und der Politik wurde so nicht etwa erweitert, sondern im Gegenteil verengt und in einer Weise kanalisiert, wie es offen ausgewiesene Interessengruppen &ndash; wie z.B. Industrieverb&auml;nde oder arbeitgeberfinanzierte PR-Organisationen, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft &ndash; kaum zu erreichen verm&ouml;gen.<\/p>\n<p>Folie 25<br>\nNat&uuml;rlich steht das CHE nicht allein. Wie der Privatisierungsreport 6 der GEW darstellt, geh&ouml;ren dazu etwa auch er Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft, der Aktionsrat Bildung<br>\nder Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), das Institut der deutschen Wirtschaft K&ouml;ln e.V. (IW), die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH (INSM) oder die McKinsey &amp; Company Inc., und viele andere mehr.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.gew.de\/Binaries\/Binary34669\/080415_GEW-Priva-6-final.pdf\">GEW [PDF &ndash; 339 KB]<\/a> <\/p>\n<p>Und nat&uuml;rlich ist es nach wie vor richtig, dass Bertelsmann die Gesetze nicht selber verabschiedet, sondern dass diese meist von der Exekutive eingebracht und vom Parlament verabschiedet werden. Aber &uuml;ber die personellen Netzwerke und seine Medienmacht wird der Bertelsmannsche &bdquo;Reformmotor&ldquo; zur eigenst&auml;ndigen politischen Antriebskraft, der auch au&szlig;erhalb der Parlamente eine Art Eliten-Konsens schafft &ndash; und dabei nebenbei auch noch ein positives Image f&uuml;r den Bertelsmann-Konzern schafft. <\/p>\n<p>Kann es Sinn des Stiftergedankens sein, dass nicht der Stifter der Allgemeinheit eine Reformwerkstatt finanziert, sondern gerade umgekehrt die Allgemeinheit die Bertelsmann Stiftung subventioniert, die sich dann selbst zur Reformwerkstatt erkl&auml;rt und nach der Mission des Stifters die Politik, die Gesetze und die &ouml;ffentliche Meinung beeinflusst und pr&auml;gt? <\/p>\n<p>Man liegt gewiss nicht falsch mit der Vermutung, dass Reinhard Mohn dadurch, dass er dieses Kapital &bdquo;gestiftet&ldquo; hat, hohe Summen an Erbschafts- und\/oder Schenkungssteuer &bdquo;gespart&ldquo; hat. Zudem sind die j&auml;hrlichen Dividendezahlungen des Konzerns an die &bdquo;gemeinn&uuml;tzige&ldquo; Bertelsmann Stiftung steuerbeg&uuml;nstigt und die Vermutung d&uuml;rfte nicht unbegr&uuml;ndet sein, dass ein Gutteil des Etats der Stiftung &uuml;ber Steuerminderungen finanziert wird. Der Fiskus f&ouml;rdert also die Aktivit&auml;ten der Stiftung mit.<\/p>\n<p>Bei der Bertelsmann Stiftung handelt es sich nach vielen soziologischen Ansichten und Untersuchungen um eine Institution die vergleichbar ist mit einer ausgelagerten steuerbefreiten und sogar steuerbeg&uuml;nstigten Marktforschungs-, Marketing- und Vertriebsabteilung der Bertelsmann AG und Ihrer Tochterunternehmen, insbesondere der Arvato AG.<\/p>\n<p>Wenn der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Gunter Thielen sagt, die Stiftung arbeite unabh&auml;ngig von den Interessen der Bertelsmann AG, so ist das vielleicht formal korrekt, allerdings ziemlich lebensfremd, denn neben seiner Funktion als Vorsitzender des Vorstands der Bertelsmann Stiftung ist er gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende der Bertelsmann AG. Auch die Gattin des Stiftungsgr&uuml;nders Reinhard Mohn und Oberhaupt der Eigent&uuml;merfamilie, Liz Mohn, ist stellvertretende Vorsitzende des Vorstand und des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung und gleichzeitig &ndash; so testamentarisch verf&uuml;gt &ndash; im Aufsichtsrat des Bertelsmann Konzerns, dar&uuml;ber hinaus ist Liz Mohn Vorsitzende der Gesellschaftsversammlung und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH.<br>\nAuch Dr. Brigitte Mohn ist Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und gleichzeitig Aufsichtsratsmitglied der Bertelsmann AG und Gesellschafterin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH.<\/p>\n<p>Es ist lebensfremd, dass eine Stiftung, die mehr als drei Viertel der Kapitalanteile der AG h&auml;lt und dabei gleichzeitig personell so eng verflochten ist, keinen Einfluss auf die AG aus&uuml;ben w&uuml;rde.<br>\nNach dem Tod des Firmenpatriarchen titelte selbst die FAZ:<br>\n&bdquo;Alle Macht f&uuml;r Liz Mohn und ihre Kinder&ldquo;<\/p>\n<p>Der verstorbene Firmenpatriarch Reinhard Mohn selbst sah in seiner Stiftung einen &bdquo;Garanten der Unternehmenskontinuit&auml;t des Hauses Bertelsmann&ldquo;.<\/p>\n<p>Folie 26<br>\nUnter dem Zwang der leeren &ouml;ffentlichen Kassen und unter dem besch&ouml;nigenden Etikett eines &bdquo;zivilgesellschaftlichen Engagements&ldquo; greift der Staat die &bdquo;gemeinn&uuml;tzigen&ldquo; Dienstleistungen der Bertelsmann Stiftung und anderer privater Think-Tanks nur allzu gerne auf. Ja noch mehr, er zog sich aus seiner Verantwortung immer mehr zur&uuml;ck und &uuml;berl&auml;sst wichtige gesellschaftliche Bereiche wie etwa die Bildung oder die Hochschule gleich ganz den Selbsthilfekr&auml;ften dieses sog. &bdquo;b&uuml;rgerschaftlichen Engagements&ldquo;. Aus dieser Staats- und Gesellschaftsvorstellung speist sich die Idee von der &bdquo;selbst&auml;ndigen Schule&ldquo; genauso wie die &bdquo;Entlassung&ldquo; der Hochschule aus der staatlichen Verantwortung, wie das etwa mit dem &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; in Nordrhein-Westfalen aber auch in vielen anderen Hochschulgesetzen geschehen ist.<\/p>\n<p>Die Rollenverteilung der zivilgesellschaftlichen Gruppen bei ihrem &bdquo;Dienst an der Gemeinschaft&ldquo; ergibt sich dabei ziemlich naturw&uuml;chsig daraus, was eben jeder einzelne mit seinem b&uuml;rgerschaftlichen Engagement zu leisten vermag. Diejenigen, die nicht so viel Geld und Verm&ouml;gen haben, machen Sozialarbeit, also Altenpflege oder &Uuml;bungsleiter im Sportverein,<br>\ndie Verm&ouml;genden vergeben Forschungsauftr&auml;ge oder Stiftungslehrst&uuml;hle oder sie stiften gleich ganze Denkfabriken und pr&auml;gen damit den Gang der Wissenschaft oder den gesellschaftlichen Diskurs und bestimmen so die gesellschaftliche und die politische Weiterentwicklung. <\/p>\n<p>So hat sich inzwischen in unserem Lande eine private institutionelle Macht des Reichtums herausgebildet, die &ndash; wie bei Bertelsmann streng hierarchisch organisiert &ndash; ihren Einfluss &uuml;ber das gesamte politische System ausdehnt und die demokratisch legitimierte Machtverteilung zwischen Parteien, Parlamenten, Selbstverwaltungsgremien und Exekutive unterwandert und dazu hin gleichzeitig mit ihrer Medienmacht die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gt. <\/p>\n<p>Diese &bdquo;zivilgesellschaftliche&ldquo; Macht st&uuml;tzt sich ausschlie&szlig;lich auf Reichtum und Verm&ouml;gen und die Mohns geh&ouml;ren nach der Rangliste der amerikanischen Zeitschrift Forbes zu den 250 reichsten Leuten auf der Welt. Sie st&uuml;tzt sich darauf, dass eben zum Beispiel der Bertelsmann- Konzern und seine Stiftung mehr Geld hat als jede andere private und staatliche Institution, Expertisen und Gutachten.<\/p>\n<p><a href=\"\/upload\/pdf\/101103_Vortrag_Cuxhaven.pdf\">Die Pr&auml;sentation des Vortrags [PDF &ndash; 2.4 MB]<\/a> <\/p>\n<\/li>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der 66. P&auml;dagogischen Woche des GEW-Bezirksverbandes L&uuml;neburg in Cuxhaven-Duhnen, am 5. November 2010. 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