{"id":72869,"date":"2021-05-29T11:45:01","date_gmt":"2021-05-29T09:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72869"},"modified":"2021-05-29T13:00:32","modified_gmt":"2021-05-29T11:00:32","slug":"bereitschaft-zur-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72869","title":{"rendered":"Bereitschaft zur Diktatur"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Grundrechtseinschr&auml;nkungen w&auml;hrend der Corona-Pandemie wird heute zumeist so erz&auml;hlt, dass die Regierung im Fr&uuml;hjahr vergangenen Jahres eine Notwendigkeit gesehen hat, schnell zu handeln und Rechte wie Versammlungsfreiheit, Freiz&uuml;gigkeit, die Freiheit von Kunst und Kultur und andere einzuschr&auml;nken, um das Recht auf Gesundheit zu wahren, kombiniert mit der Notwendigkeit, eine &Uuml;berlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. In dieser Einsch&auml;tzung sind sich Bef&uuml;rworter und Kritiker der Ma&szlig;nahmen sogar weitgehend einig &ndash; Uneinigkeit besteht darin, ob die Ma&szlig;nahmen tats&auml;chlich notwendig waren, ob sie angemessen waren und ob sie schnell genug wieder zur&uuml;ckgenommen werden. Von <strong>J&ouml;rg Phil Friedrich<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEinige Kritiker vermuten, dass die Regierung die sich bietende Gelegenheit genutzt hat, um wenigstens probeweise einmal herauszufinden, wie weit man mit Grundrechtseinschr&auml;nkungen gehen k&ouml;nnte, um diese Mittel dann auch f&uuml;r andere Situationen &ndash; Stichwort Klimawandel &ndash; zur Verf&uuml;gung zu haben. Zudem bef&uuml;rchten Ma&szlig;nahmenkritiker auch, dass Ma&szlig;nahmen nicht so z&uuml;gig wie m&ouml;glich wieder zur&uuml;ckgenommen werden, sodass etwa mit Verweis auf das m&ouml;gliche Wiederaufflammen der Pandemie im Herbst das Demonstrationsrecht weiter eingeschr&auml;nkt bleiben k&ouml;nnte, obwohl aus gesundheitspolitischer Sicht daf&uuml;r kein Grund mehr besteht &ndash; falls er &uuml;berhaupt je bestanden hat, denn die Befunde &uuml;ber die M&ouml;glichkeit, sich im Freien, an der frischen Luft, mit Corona zu infizieren, sprechen seit l&auml;ngerem eher daf&uuml;r, dass Demonstrationen keine Gefahr darstellen.<\/p><p>Wie auch immer &ndash; &bdquo;Lockerungen&ldquo; wird es in den n&auml;chsten Wochen geben, und mit der R&uuml;cknahme der Verordnungen und Verbote werden die Stimmen lauter, die meinen, die &bdquo;Diktatur sein abgeblasen&ldquo;, diejenigen, die bereits vor der endg&uuml;ltigen Abschaffung der demokratischen Freiheiten gewarnt hatten, seien widerlegt und alles sei doch wieder gut. Ist das wirklich so? Gesetzt, schon in zwei oder drei Monaten sind alle Einschr&auml;nkungen wieder aufgehoben, Demonstrationen mit 20.000 oder 200.000 Teilnehmern seien wieder m&ouml;glich, ganz ohne Masken, lautstark, und auch die Theater k&ouml;nnen wieder spielen, Versammlungen und Diskussionen sind wieder erlaubt &ndash; ist die Diktatur dann abgesagt und k&ouml;nnen die, die um die politische Freiheit f&uuml;rchteten, beruhigt sagen, dass sie sich wohl geirrt haben, und sich wieder beruhigt zur&uuml;cklehnen?<\/p><p>Keineswegs. Die Geschichte der Grundrechtseinschr&auml;nkungen, die wir in den vergangenen anderthalb Jahren erlebt haben, muss n&auml;mlich anders erz&auml;hlt werden. Wir m&uuml;ssen uns fragen: Wie waren sie &uuml;berhaupt m&ouml;glich? In welchem Zustand waren diese Demokratie und diese Gesellschaft schon vor der Pandemie, sodass die Grundrechtseinschr&auml;nkungen &uuml;berhaupt als Option f&uuml;r die Politik wahrgenommen und als notwendig und akzeptabel von der Bev&ouml;lkerung hingenommen wurden? <\/p><p>Die westlichen Gesellschaften bezeichnen sich gern selbst als die &bdquo;freien Gesellschaften&ldquo;, was wohl bedeuten soll, dass Freiheit das zentrale Merkmal dieser Gesellschaften ist. Freiheit des Einzelnen, sein Leben zu entwerfen und zu gestalten, Entscheidungs- und Meinungsfreiheit, die Freiheit, auch etwas Riskantes zu tun, wenn es zur pers&ouml;nlichen Freude, zur Welt- und Selbsterfahrung beitr&auml;gt, das sollen die wichtigen Merkmale des Lebens in einer solchen Gesellschaft sein. Dazu kommen, so der allgemeine Konsens, die Freiheit der Mitgestaltung der gesellschaftlichen Bedingungen selbst durch politische Bet&auml;tigung, vor allem aber auch durch freie Meinungs&auml;u&szlig;erung in &ouml;ffentlichen Diskussionsrunden und auf Versammlungen und Demonstrationen.<\/p><p>Es trifft fraglos zu, dass diese Freiheiten bisher &ndash; wenigstens bis zum Beginn der Ausbreitung des Corona-Virus &ndash; in Deutschland und anderen L&auml;ndern, die sich als freie Gesellschaft sehen, umfangreicher gew&auml;hrleistet waren als in vielen anderen L&auml;ndern. Die Frage ist aber, wie sicher man sich dieser Freiheiten sein kann. Die Frage ist vor allem, wieviel Energie zur Verteidigung dieser Freiheiten die Menschen aufzubringen bereit w&auml;ren, wenn sie erst einmal nachhaltig auf dem Spiel stehen, und wieviel sie der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung im Zweifel Wert sind. Die politischen Ereignisse w&auml;hrend der vergangenen 15 Monate lassen Zweifel daran wachsen, dass sich eine ausreichende Zahl von Menschen f&uuml;r ihre Freiheitsrechte &uuml;berhaupt interessiert und dass viele ohne weiteres bereit sind, alle Freiheiten herzugeben, wenn ihnen nur durch Experten versichert wird, dass mit den Freiheiten die Sicherheit auf dem Spiel steht.<\/p><p>Wenn wir eines Tages die Geschichte des Endes der freien Gesellschaften erz&auml;hlen, werden wir nicht bei der Pandemie beginnen m&uuml;ssen, sondern Jahrzehnte fr&uuml;her, bei den vielen Vorschriften, die das Leben im Alltag sicherer machen sollten. Es begann mit Kleinigkeiten: die Vorschrift f&uuml;r die Anbringung der Gel&auml;nder in Treppenh&auml;usern, die Normen f&uuml;r Haushaltsger&auml;te, die Helm- und die Anschnallpflicht, das Rauchverbot in Gastst&auml;tten und B&uuml;ros. All das sind viele kleine Sicherheiten und Annehmlichkeiten, wohl kaum jemand wird sie im Einzelnen als v&ouml;llig abwegig ablehnen, schon ihre kritische Erw&auml;hnung d&uuml;rfte bei vielen Mitmenschen Stirnrunzeln verursachen. <\/p><p>Terroristische Bedrohungen und Anschl&auml;ge haben dazu gef&uuml;hrt, dass f&uuml;r Weihnachtsm&auml;rkte wie auch f&uuml;r Gro&szlig;veranstaltungen Sicherheitskonzepte gefordert und erarbeitet wurden. Betonbarrieren und angemietete LKW versperren nun den Zugang zum Jahrmarkt, niemand fragt, wie angemessen solche Ma&szlig;nahmen wirklich sind, die Bev&ouml;lkerung nimmt die Unannehmlichkeiten wie auch die verst&auml;rkte Polizeipr&auml;senz gern in Kauf, um sich in Sicherheit zu f&uuml;hlen.<\/p><p>Diese vielen kleinen und gro&szlig;en Ma&szlig;nahmen, Vorgaben, Regelungen und Verordnungen haben im Ganzen zu der gro&szlig;en Erz&auml;hlung beigetragen: Sicherheit, Schutz vor Gefahren, Schutz der Gesundheit, Vermeidung von Risiken f&uuml;r Leib und Leben sind die h&ouml;chsten G&uuml;ter, denen alles unterzuordnen ist, und f&uuml;r ihre Gew&auml;hrleistung hat der Staat zu sorgen, er soll sie kontrollieren und soll alle Ma&szlig;nahmen ergreifen k&ouml;nnen, um unsere Sicherheit unter allen Umst&auml;nden so gut wie irgend m&ouml;glich zu garantieren. Nicht nur jeder Tote ist einer zu viel, auch jede Verletzung, jeder Unfall, jedes &uuml;berhaupt vermeidbare Risiko ist eins zu viel. Im Namen der Sicherheit kann und muss im Zweifel jede Eigenverantwortung und jede Freiheit zur&uuml;ckstehen.<\/p><p>Das ist der Konsens, der in den letzten Jahrzehnten in der Gesellschaft entstanden ist. Die Optimierung der Sicherheit &ndash; gew&auml;hrleistet durch den regelnden Staat &ndash; hat h&ouml;chste Priorit&auml;t.<\/p><p>Dieser Konsens war die Voraussetzung daf&uuml;r, dass massive Freiheitseinschr&auml;nkungen jeglicher Art mit Auftauchen des Corona-Virus nicht nur m&ouml;glich wurden und von den meisten Medien, den meisten politischen Kr&auml;ften und einem gro&szlig;en Teil der Bev&ouml;lkerung auch klaglos akzeptiert, sondern dass sie im Grunde sogar verlangt wurden und als ad&auml;quates politisches Handeln begr&uuml;&szlig;t wurden.<\/p><p>Man stelle sich die Alternative vor, man stelle sich vor, Kanzlerin und Minister h&auml;tten Anfang 2020 etwa folgenderma&szlig;en gesprochen: &bdquo;Es gibt eine Reihe von eigenverantwortlichen Handlungsoptionen zum Selbstschutz, die wir empfehlen und f&uuml;r die wir werben. Zudem werden wir alle unterst&uuml;tzen, die mit Eigeninitiative und Engagement vor Ort am Schutz gef&auml;hrdeter Personen arbeiten. Au&szlig;erdem werden wir alle Kraft in Impfstoffentwicklungen stecken. Aber wir werden keinesfalls unsere wichtigen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und pers&ouml;nlichen Freiheiten einschr&auml;nken&ldquo;. Wie h&auml;tte die deutsche Gesellschaft, wie h&auml;tten die Medien, die Oppositionsparteien, die Leute auf der Stra&szlig;e reagiert? H&auml;tten sie entspannt und kreativ getan, was getan werden kann, und ansonsten akzeptiert, dass ein Virus nunmal eine schwere Krankheit verursachen kann, die gesundheitliche Sch&auml;den verursacht und Todesopfer fordert?<\/p><p>Das ist, wenigstens in Deutschland im 21. Jahrhundert, kaum denkbar. Der Wert der Freiheit ist so weit unter den Wert der staatlich organisierten Sicherheit gesunken, dass sie in den &Uuml;berlegungen, wie der Staat und jeder von uns handeln sollte, wenn sie gef&auml;hrdet ist, keine Rolle mehr spielt.<\/p><p>Es spielt in dieser Situation gar keine Rolle, ob irgendjemand, irgendeine politische Kraft oder irgendeine Person eine Diktatur anstrebt und die Demokratie beseitigen will. Es ist im Gegenteil gerade die gro&szlig;e Gefahr, dass es hier niemanden gibt, der Ambitionen auf eine Alleinherrschaft hat, dass keine politische Verschw&ouml;rergruppe identifiziert werden kann, die die Macht &uuml;bernehmen, die demokratischen Institutionen entmachten und die Verfahren der politischen Mehrheitsbildung beseitigen will. Das, was hier entstehen kann, ist eine demokratisch legitimierte Herrschaft einer politischen Klasse, die mit der Zustimmung des ganzen Volkes, das nichts mehr w&uuml;nscht als ein sicheres Leben, regieren kann. Ganz ohne Putsch entsteht so etwas wie eine &bdquo;Diktatur ohne Diktator&ldquo;, der Platz des Diktators bleibt unbesetzt und keine Milit&auml;rjunta exekutiert ihr Regime. In einem solchen politischen System, f&uuml;r das es noch keinen Namen gibt, wird weiter regelm&auml;&szlig;ig gew&auml;hlt werden, und die linke Sicherheitspartei wird mit der konservativen oder der gr&uuml;nen Sicherheitspartei abwechselnd Sicherheits-Koalitionen bilden. Demonstrationen und Versammlungen werden mit gro&szlig;em Bedauern auf ein kaum wahrnehmbares Ma&szlig; reduziert werden, weil die Sicherheitslage es erfordert, und wer dem widerspricht, wird ein Gefahrenleugner sein. Kritische Medien werden mit gro&szlig;em Eifer die verschiedenen Sicherheitskonzepte der Parteien debattieren. Kritische Kunst wird erlaubt sein, soweit die Sicherheitsauflagen erf&uuml;llt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>In so einem Land werden Leute, die all das nicht so einfach hinnehmen und akzeptieren k&ouml;nnen, nicht eingesperrt. Sie werden von der Mehrheit einfach l&auml;cherlich gemacht und im Namen der Sicherheit an den Rand der Gesellschaft gedr&auml;ngt. Man wird ihnen schlicht nicht zuh&ouml;ren, weil sie als Spinner und Gefahrenleugner schlie&szlig;lich nicht ernst genommen werden m&uuml;ssen, weil sie &bdquo;den Konsens der Rationalit&auml;t&ldquo; verlassen haben. Irgendwo werden diese Leute sich treffen, werden zusammen singen und diskutieren, und irgendwann werden sie auf die Stra&szlig;e gehen und laut sein, junge Leute, denen die Sicherheitsgesellschaft zu eng geworden sein wird, werden sich ihnen anschlie&szlig;en, man wird fr&ouml;hlich sein und feiern und sich in den Armen liegen &ndash; und da werden sich auch die anderen erinnern, dass es noch was anderes gab als die Gesundheit und die absolute Sicherheit, was das Leben lebenswert und farbig gemacht hat. Die Leute werden auf den Stra&szlig;en tanzen und feiern, und komischerweise wird in den Wochen danach keiner ernsthaft krank davon werden.<\/p><p>Titelbild: sonicbox\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Grundrechtseinschr&auml;nkungen w&auml;hrend der Corona-Pandemie wird heute zumeist so erz&auml;hlt, dass die Regierung im Fr&uuml;hjahr vergangenen Jahres eine Notwendigkeit gesehen hat, schnell zu handeln und Rechte wie Versammlungsfreiheit, Freiz&uuml;gigkeit, die Freiheit von Kunst und Kultur und andere einzuschr&auml;nken, um das Recht auf Gesundheit zu wahren, kombiniert mit der Notwendigkeit, eine &Uuml;berlastung des Gesundheitssystems<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72869\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":72870,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,165,161],"tags":[1112,441,2993],"class_list":["post-72869","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-buergerrechte","tag-freiheit","tag-starker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/shutterstock_1498361513.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=72869"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":72940,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/72869\/revisions\/72940"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/72870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=72869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=72869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=72869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}