{"id":72896,"date":"2021-05-30T14:00:24","date_gmt":"2021-05-30T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72896"},"modified":"2021-05-30T17:57:34","modified_gmt":"2021-05-30T15:57:34","slug":"warum-das-neue-kinder-und-jugendstaerkungsgesetz-von-ex-familienministerin-giffey-eine-mogelpackung-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72896","title":{"rendered":"Warum das neue &#8220;Kinder- und Jugendst\u00e4rkungsgesetz&#8221; von (Ex-)Familienministerin Giffey eine Mogelpackung ist"},"content":{"rendered":"<p>Der Name dieses Gesetzes wird dem Inhalt nicht gerecht; teilweise ist es das Gegenteil davon. Gewerkschaften und Wissenschaftler fordern, dass eingriffsorientierte, repressive und zu allem &Uuml;berfluss auch noch teure Ma&szlig;nahmen wie etwa Heimunterbringungen nicht gegen sinnvolle, wirksame, in famili&auml;ren Krisen stabilisierende, ambulante Angebote ausgespielt werden d&uuml;rfen. Von <strong>Rodolfo Bohnenberger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit den Stimmen der CDU\/CSU\/SPD-Regierungskoalition und der staatstragenden Gr&uuml;nen, bei Stimmenthaltung der FDP und gegen die Stimmen von Linksfraktion und AfD billigte eine Mehrheit der Abgeordneten am 22. April den von der Koalition eingebrachten Entwurf f&uuml;r ein sog. &ldquo;Kinder- und Jugendst&auml;rkungsgesetz&rdquo; (KJSG) 19\/26107 ; der Bundesrat stimmte am 7. Mai dem im Bundestag verabschiedeten Gesetz zu, womit das neue SGB VIII (Sozialgesetzbuch Acht, das Kinder- und Jugendhilfegesetz) rechtskr&auml;ftig wurde.<\/p><p>Der Name dieses Gesetzes wird dem Inhalt nicht gerecht; teilweise ist es das Gegenteil davon, wie aus der Geschichte dieser Gesetzesinitiative ersichtlich wird. Vor 10 Jahren, am 13. Mai 2011, legten die &bdquo;A-Staatssekret&auml;re&ldquo; (A-L&auml;nder = SPD-regierte Bundesl&auml;nder) ein Arbeitspapier vor, mit dem Titel &bdquo;Wiedergewinnung kommunalpolitischer Handlungsf&auml;higkeit zur Ausgestaltung von Jugendhilfeleistungen&ldquo;, Untertitel &bdquo;&Auml;nderungen des Kinder- und Jugendhilferechts (SGB VIII)&ldquo;. Treibende Kraft hinter dieser Initiative war insbesondere der Hamburger SPD-Staatsrat Jan P&ouml;rksen (Beh&ouml;rde f&uuml;r Soziales, Familie, &hellip;), der kurz zuvor, bis zum M&auml;rz 2011, noch strammer Haushaltsdirektor in Bremen war. Sein Einsatz wurde schlie&szlig;lich 2018 belohnt mit dem Posten des Chefs der Hamburger Senatskanzlei unter dem Hamburger B&uuml;rgermeister Peter Tschentscher.<\/p><p>Von Beginn an &auml;u&szlig;erten Sozialarbeiter, GEW, ver.di und Wissenschaftler Kritik an diesen Pl&auml;nen. Sie forderten:<\/p><ul>\n<li>Die Lebens- und Einkommensverh&auml;ltnisse der Familien in ihren Quartieren sind zu verbessern; offene, niedrigschwellige Begegnungs- und Beratungsangebote ohne &ldquo;Fallakte&rdquo; sind auszubauen. <\/li>\n<li>Der Abbau von allgemein pr&auml;ventiven Angeboten, als sog. &ldquo;freiwillige Leistungen&rdquo; deutschlandweit in den Kommunen unter Haushaltsvorbehalt gestellt, ist zu stoppen und umzukehren. Dazu ist wissenswert: Das Kinder- und Jugendhilfegesetz ist ein Bundesgesetz, aber ohne verpflichtendes Bundesbudget. So werden die seit Jahren finanziell in die Enge getriebenen Kommunen zu umfangreichen Jugendhilfe-Leistungen verpflichtet und diese dabei in Konkurrenz gesetzt zu anderen, f&uuml;r die Menschen vor Ort wichtigen, kommunalen Notwendigkeiten. <\/li>\n<li>Die versch&auml;rften Armutsentwicklungen nach den Hartz-I-, -II-, -III- und -IV-Gesetzen von SPD\/Gr&uuml;nen (2003-2005), oftmals tiefere Ursache vieler famili&auml;rer Krisenentwicklungen, sind r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen. <\/li>\n<li>Die Staatsschulden-Folgen der Privat-Banken-Rettungen im Zuge der Finanzkrise 2007-2009 sind von den reichen Profiteuren zu tragen. Sie d&uuml;rfen nicht mithilfe der &ldquo;Schuldenbremse&rdquo; auf dem R&uuml;cken der von Jugendhilfema&szlig;nahmen betroffenen, &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsschichten ausgetragen werden. <\/li>\n<li>Gesetzlich verb&uuml;rgte Anspruchs-Rechte von Kindern und Eltern d&uuml;rften nicht verw&auml;ssert werden. Im Gegenteil: Gerade Menschen in prek&auml;ren Quartieren brauchen mehr Rechte und von ihnen selbst gestaltbare und einklagbare &ldquo;Hilfen zur Selbsthilfe&rdquo;. <\/li>\n<li>Ambulante Unterst&uuml;tzungen f&uuml;r Familien sind differenziert zu betrachten. Eingriffsorientierte, repressive und zu allem &Uuml;berfluss auch noch teure Ma&szlig;nahmen (s.u. Heimunterbringungen) d&uuml;rfen nicht gegen sinnvolle, wirksame, in famili&auml;ren Krisen stabilisierende, ambulante Angebote ausgespielt werden. Schon gar nicht d&uuml;rfen sie pauschal als Verlust &ldquo;kommunalpolitischer Handlungsf&auml;higkeit&rdquo; verurteilt werden. <\/li>\n<li>Der Ausbau kontrollorientierter und obrigkeitsstaatlicher Eingriffe (bis zu Herausnahmen der Kinder) gegen&uuml;ber betroffenen Familien ist zu stoppen und umzukehren.<\/li>\n<\/ul><p>Nichts davon geschah. Im Gegenteil, die Armutslagen versch&auml;rften sich. Die Folge: <a href=\"http:\/\/www.hzemonitor.akjstat.tu-dortmund.de\/fileadmin\/user_upload\/documents\/Monitor_Hilfen_zur_Erziehung_2018.pdf\">2010 waren insg. 95.205 Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht, 2016 waren es bereits 141.704<\/a>. Im Jahr 2019 waren <a href=\"https:\/\/www.akjstat.tu-dortmund.de\/fileadmin\/user_upload\/2021_Heft1_KomDat.pdf\">232.737 Kinder in Deutschland in verschiedenen Settings au&szlig;erhalb ihrer Ursprungsfamilien &bdquo;fremduntergebracht&rdquo;<\/a>. Es gibt sicherlich Kinder, f&uuml;r die ein einvernehmlich gestalteter, neuer Lebensort in familien&auml;hnlichen oder Heimsettings sinnvoll ist. Aber die Aufbl&auml;hung einer von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen profitierenden &ldquo;Heimunterbringungsmaschinerie&rdquo; ist nicht, auch nicht p&auml;dagogisch, zu vertreten; besonders nicht, wenn es einher geht mit der Zunahme (teil)geschlossener Settings, die sich erdreisten, freiheitsentziehende Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Kinder als &ldquo;Optima Ratio&rdquo; hochzujubeln und dies auch noch als &ldquo;Erfolg&rdquo; feiern. Deren Lobbygruppen nahmen &uuml;brigens, mit ihrer Verb&auml;ndemacht, massiv Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess. <\/p><p>Auf dem digitalen <a href=\"https:\/\/www.jugendhilfetag.de\/veranstaltungen\/event\/aktionsbuendnisse-gegen-freiheitsentzug-und-geschlossene-unterbringung-entwicklungen-und-einsprueche-aus-der-jugendhilfe\">Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag vom 18. &ndash; 20. Mai 2021<\/a> fand ein Fachforum des <a href=\"https:\/\/www.geschlossene-unterbringung.de\/\">Aktionsb&uuml;ndnisses gegen Freiheitsentzug und geschlossene Unterbringung<\/a> statt, in dem Kritiker der Geschlossenen Unterbringung sich bundesweit austauschten. Sie vernetzen sich &uuml;ber die Web-Seite <a href=\"https:\/\/www.geschlossene-unterbringung.de\/\">geschlossene-unterbringung.de<\/a>.<\/p><p>In der Debatte um ein neues SGB VIII kam es kaum zu einer ernstgemeinten Ber&uuml;cksichtigung der Erfahrungen und der Forderungen von betroffenen Familien und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern aus der Basis. Die von verschiedenen SPD-Familienministerinnen (Manuela Schwesig, Katarina Barley und Franziska Giffey) 2013 bis 2021 durchgef&uuml;hrten Schein-Beteiligungen im Gesetzgebungsverfahren waren nicht im Mindesten geeignet, konstruktive Gesetzesregelungen im Interesse der Kinder und Familien in die Entw&uuml;rfe einflie&szlig;en zu lassen. Eine Erfahrung, die viele Initiativen an der Basis machen mussten. <\/p><p>Besonders erb&auml;rmlich erging es den seit Jahren abgebauten, niedrigschwelligen, offenen Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit (sog. &ldquo;freiwillige Leistungen&rdquo; wie Jugendh&auml;user, H&auml;user der Familie und Altenbegegnungsst&auml;tten), die unter fehlenden, einklagbaren Rechtsanspr&uuml;chen leiden. Die entsprechenden &sect;&sect; 11, 12 und 13 im SGB VIII der Jugendarbeit z.B. blieben unver&auml;ndert; zwar wohlklingend, aber so entformalisiert und unkonkret, dass daraus keine Rechtsanspr&uuml;che der jungen Menschen und Familien ableitbar sind.<\/p><p>Eine umfassende kritische Stellungnahme zu den Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. zu den immer prek&auml;rer werdenden Lebensverh&auml;ltnissen von Familien und Kindern\/Jugendlichen findet sich <a href=\"https:\/\/bremerbuendnissozialearbeit.jimdofree.com\/app\/download\/10252144185\/Offener+Brief_Bremer+B%C3%BCrgerschaftsabgeordnete_Sorge+um+Kinder-+und+Jugendhilfe_7.4.2021.pdf\">hier zum Download<\/a>; sie ist als offener Brief an alle Bremer B&uuml;rgerschaftsabgeordneten (noch vor der Beschlussfassung in Bundestag und Bundesrat) verfasst.<\/p><p>Der Debatte im Bundestag am 22.04.2021 lagen eine unr&uuml;hmliche Stellungnahme des Bundesrates 19\/27481 und die Gegen&auml;u&szlig;erung der Bundesregierung 19\/28005  zugrunde. Der Ausschuss f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte zuvor noch kurzfristige &Auml;nderungen am Entwurf vorgenommen 19\/28870 .<\/p><p>Hier ist der <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2021\/kw16-de-kinder-jugendstaerkungsgesetz-834838\">Link zur Web-Seite<\/a> des Bundestages, wo die 30 Minuten der kontroversen Debatte am 22.04.2021 in der Mediathek verfolgt werden k&ouml;nnen, sowie die abschlie&szlig;enden Gesetzestexte mit ihren vielen &bdquo;Last-Minute&ldquo;-&Auml;nderungen. Eine umfassende Synopse (alt &ndash; neu) zur Reform SGB VIII steht <a href=\"https:\/\/bremerbuendnissozialearbeit.jimdofree.com\/app\/download\/10256123485\/KJSG+Synopse+Entwurf+16.04.2021+%2B+vorh.+Fassungen+%2B+Bundesrat.pdf\">hier zum Download<\/a> bereit.<\/p><p>Titelbild: Photographee.eu \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name dieses Gesetzes wird dem Inhalt nicht gerecht; teilweise ist es das Gegenteil davon. 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