{"id":72967,"date":"2021-05-31T12:00:52","date_gmt":"2021-05-31T10:00:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72967"},"modified":"2021-05-31T14:58:08","modified_gmt":"2021-05-31T12:58:08","slug":"nicht-mehr-fuer-die-regierung-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72967","title":{"rendered":"Nicht mehr f\u00fcr die Regierung spielen"},"content":{"rendered":"<p>Erneut gibt es zum Begriff <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68740\">&bdquo;Brotlose Kunst&ldquo;<\/a> etwas zu schreiben. Dieser Begriff ist immer schon &ndash; auch vor Zeiten der Pandemie &ndash; als ironisch, sarkastisch gemeintes Mittel der Geringsch&auml;tzung gegen&uuml;ber Kultur- und Kunstschaffenden verwendet worden. In der Pandemie wird der Freud&rsquo;sche Versprecher t&auml;glich schmerzhaft sp&uuml;rbar, denn als systemrelevant gelten Menschen der Muse immer noch nicht. Doch die K&uuml;nstler sind wichtig, sie sind Teil unserer Gesellschaft, mitten unter uns. Es muss aufh&ouml;ren, sie zu vergessen oder gering zu sch&auml;tzen, wie es die Eliten tun, wie wir, die &bdquo;normalen B&uuml;rger&ldquo; es auch tun. K&uuml;nstler sind um unser aller Willen wichtig, so wie zum Beispiel die Musiker der Band Ruperts Kitchen Orchestra aus Berlin, eine Combo, die ganz nah und herzerw&auml;rmend an den Menschen mitten in der Hauptstadt das t&auml;gliche Brot &bdquo;Kultur und Kunst&ldquo; ausliefert. Sie verdienen endlich Respekt und Wertsch&auml;tzung sowie ausk&ouml;mmliche Bedingungen. Das sei gesagt, weil wir alle ja gerade viel dar&uuml;ber reden, wie es nach der Pandemie so viel besser weitergehen soll. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie dazu auch den Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68740\">&bdquo;Brotlose Kunst&ldquo;<\/a> von Frank Blenz.<\/em><\/p><p>Berlin, diese Stadt ist dann eine wunderbare Stadt, wenn ihre vielen Menschen ihre Stadt mit ihrer Fantasie, ihrer Zuneigung, ihren sch&ouml;nen Talenten bereichern (aber nicht, wenn sie sich an ihr und ihren Menschen bereichern). Es braucht nur die vielen kleinen Gesten, die allt&auml;glichen Geschichten, die besonderen Momente, die es woanders so weit wenigere gibt, weil Berlin eben eine Millionenstadt ist, mit vielen Charakteren und vielen Lebensentw&uuml;rfen. Dieser Schmelztiegel ist dann wunderbar, kommt in Wallung. Und genauso auf ihre Art bereichern die Stadt auch die Entw&uuml;rfe von drei Menschen, die in ihrem Beruf als Musiker der Stra&szlig;en der Hauptstadt stets ein Vehikel vor sich her schieben, das einer Mischform aus Lieferservicemobil und Alternativurlaub-Bike &auml;hnelt. Doch liegen auf dem roten Fahr-Transport-Ger&auml;t Instrumente und soundtechnische Ausr&uuml;stungen, um in der City von Charlottenburg bis zum Alexanderplatz, von Kreuzberg bis Pankow schnell herumzukommen und vor Ort spontan eine &ldquo;Freiluftkonzertsituation&rdquo; aufzubauen: mitten in der Stadt, gleich an einer Kreuzung, auf einer sch&ouml;nen Wiese, an einem Spielplatz, in einem Park, an einem Fu&szlig;g&auml;ngerweg. Die drei Menschen, S&auml;nger und Gitarrero Leo, Bassistin Conny und Drummer Andy, sind Musiker, die sich &bdquo;Ruperts Kitchen Orchestra&ldquo; nennen und bei ihren Auftritten zum Weltumarmen und Leben feiern aufrufen und oft damit Erfolg haben. Der Sound ihrer eigenen Songs, der aus ihren Stimmen klingt, aus Fingern hervorzupft, dazu ihre Bewegungen, ihr feines, homogenes Zusammenspiel, der ist &uuml;beraus rhythmisch, lebensfroh, melodi&ouml;s und ja auch eigenwillig. Der Berliner Fan sagt trocken dazu: &bdquo;Echt knorke, funky klingt ditte!&ldquo;<\/p><p>Ja, es klingt wie im M&auml;rchen, Livemusik in Berlin machen, f&uuml;r die Leute, f&uuml;r Lebensqualit&auml;t sorgen, eine Metropole bereichern. Allein ist ihr Handwerk eines, das viele Kunst- und Kulturschaffende, dennoch an den Rand gedr&auml;ngt in einem der reichsten L&auml;nder der Welt, aus&uuml;ben m&uuml;ssen. Denn eine Lobby gibt es &ndash; auch f&uuml;r das Ruperts Kitchen Orchestra &ndash; nicht. Es sind K&uuml;nstler halt, wird oft lapidar gesagt, was sie machen, ist brotlose Kunst, weil die fern von Profitstreben und fern der angepassten Leistungsverwertungsgesellschaft entsteht. Vor und in und nach der Pandemie. Man fragt sich: Soll dies aber so bleiben bis zum Sanktnimmerleinstag, dieses Leben am Rand samt fehlender Wertsch&auml;tzung? Nein, dazu bedarf es der Debatte, der Forderungen nach einer umfangreichen Bestandsaufnahme, das findet auch das Trio Ruperts Kitchen Orchestra. Es war Zeit f&uuml;r ein Gespr&auml;ch mit dem Trio bevor das Konzert beginnt. So stellte ich den K&uuml;nstlern ein paar schlichte Fragen, um mich ihnen zu n&auml;hern: &bdquo;Wie erlebt Ihr Berlin in der schlimmen Zeit? Wie schafft Ihr es, den Leuten doch ein L&auml;cheln abzuringen? &ndash; Wo ward Ihr letztens &ndash; in welchem Park?&ldquo;<\/p><p><em>&bdquo;Wir treten zurzeit viel zu wenig live auf, unsere Situation &auml;hnelt der all derer, die zurzeit Kunst live darbieten. Zeitweise wagen wir uns, mutig und &uuml;berzeugt von der Qualit&auml;t der frischen Luft, vereinzelt zur Stra&szlig;enmusik heraus. Wir verraten unsere Standorte ungern, man will es nicht glauben, aber die freundlichen Herrschaften des Berliner Ordnungsamtes sind erkl&auml;rte Fans und &ldquo;followen&rdquo; uns auf den einschl&auml;gigen Social-Media-Portalen, um gegebenenfalls die &ldquo;unsachgem&auml;&szlig;e Nutzung des Berliner Stra&szlig;enlandes&rdquo; zu monieren. Live-Musik ist wahrhaftig, da sie genau jetzt in diesem Moment passiert, jeder Song ist anders und &ouml;ffnet das Herz bei dem, der sich angesprochen f&uuml;hlt. Man ist verbunden, das ist Liebe, oder man f&uuml;hlt sich auch mal erkannt und ist sauer, auch das ist Liebe&hellip; ein L&auml;cheln kann man nicht abringen. Es ist einfach da oder eben nicht. Unser Ziel ist es, den Song so gut zu performen, dass der Zuh&ouml;rer vergisst, dass den Song ja auch jemand spielt, damit er sich voll und ganz darauf einl&auml;sst und sich fallen l&auml;sst. Daf&uuml;r sind wir da&hellip;&ldquo;<\/em><\/p><p>Wertsch&auml;tzung sieht anders aus, h&ouml;rt man von der Band, deren Konzerte in und f&uuml;r die Stadt als &bdquo;unsachgem&auml;&szlig;e Nutzung des Berliner Stra&szlig;enlandes&ldquo;, so die Sprachregelung der Beh&ouml;rden f&uuml;r Kultur, f&uuml;r Musik im urbanen Raum, bezeichnet werden. Was die K&uuml;nstler nicht davon abh&auml;lt, ihr Berlin dennoch voller Leidenschaft vital zu halten. Hoffnung &auml;u&szlig;ern sie an die Adresse der Entscheidungstr&auml;ger:<\/p><p><em>&bdquo;Wir haben unser Ziel stets im Auge, weiterhin Musik als unsere Berufung und unseren Beruf betrachten zu k&ouml;nnen. Das war in dieser uns&auml;glichen Zeit denkbar schwer, wir sind eine Liveband. Unsere Hoffnung ist, dass sich in den vom Weg abgekommenen politischen Riegen irgendwann doch wieder etwas &bdquo;zurecht ruckelt&ldquo;.&ldquo;<\/em><\/p><p>Mit &bdquo;zurecht ruckelt&ldquo; meint Drummer Andy eine echte, ergebnistr&auml;chtige Aufmerksamkeit und endlich ein ehrliches Handeln f&uuml;r die Kultur, f&uuml;r die Kunst. &nbsp;<\/p><p><em>&bdquo;Wir haben vor zwei Jahren sogar noch zum &ldquo;Offenen Tag der Bundesregierung&rdquo; gespielt&hellip; das w&uuml;rden wir in der momentanen Situation strikt ablehnen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Etwas Unterst&uuml;tzung wenigstens erreichte die Band in der Pandemie, die indes immer noch nicht vorbei. <\/p><p><em>&bdquo;Die GEMA hat ohne Bedingungen initiativ geholfen. An allen Antragsformularen f&uuml;r andere Unterst&uuml;tzungsformen sind wir aber schon beim Versuch gescheitert. Wir sind keine Papiertiger. Und ja, es gab auch Fans, die uns initiativ privat unterst&uuml;tzten.&ldquo;<\/em><\/p><p>Aktionen wie &bdquo;Rettet die Clubs&ldquo;, &bdquo;Wir machen dicht&ldquo; oder &bdquo;Petition Kultur ins Grundgesetz&ldquo; finden die Musiker aus Berlin durchweg <\/p><p><em>&bdquo;ehrenwerte Bem&uuml;hungen, die vor allem die &uuml;ble Lage der freiberuflichen und Selbstst&auml;ndigen ins Rampenlicht r&uuml;cken k&ouml;nnen&ldquo;.<\/em><\/p><p>Doch hoffnungsvoll sind die K&uuml;nstler nicht, sie analysieren knallhart und nicht nur in Richtung Eliten.<\/p><p><em>&bdquo;Was das alles am Ende bewirkt, bleibt abzuwarten. Sicher kann man aktuell nur sagen, dass Clubbetreibern und K&uuml;nstlern gerade klar wird, wie egal Kunst, die nicht eine Wagneroper ist, doch Politikern zu sein scheint. Vielleicht wird auch damit das Bewusstsein des Publikums gesch&auml;rft. Doch auch das Publikum wei&szlig;: Macht der eine Club zu, macht der n&auml;chste auf &ndash; wenn die Immobilie nicht als Spekulationsobjekt unbezahlbar wird. Kunst war nie ein Gesch&auml;ft, es waren immer die Zwischenh&auml;ndler, die eines daraus machten. Kunst ist, wenn wir mal die Definition Jonathan Meeses nehmen, ein Diktat, das dem K&uuml;nstler im maximalen Dienen ihrer zur H&ouml;chstleistung bringt. Und Andy sagt: Ich mache keine Musik, um Geld zu verdienen. Trotzdem bedeutet das nicht, dass sie nichts kostet, wenn sie jemand, bei der Musik auch nur f&uuml;r eine Stunde, f&uuml;r sich haben m&ouml;chte. &ldquo;Spotify&rdquo; ist ein Paradebeispiel f&uuml;r missachtete Kunst seitens der Bev&ouml;lkerung, und ein Geniestreich seitens der Musikindustrie &ndash; hier bekommt der P&ouml;bel f&uuml;r einen schlappen Abopreis von 9,99 die Musik der ganzen Welt zum Konsum angeboten. Und jeder K&uuml;nstler, der ja auch nur als selten besonders hinterfragtes Individuum zu betrachten ist, spielt mit, weil man das Spiel eben so spielt. Getragen von einer Hoffnung, die sich ohne geldgeiles Management nicht erf&uuml;llt.&rdquo;<\/em><\/p><p>Die Berliner Musiker verfolg(t)en und erleb(t)en es im Leben, im TV, im Internet, in dieser Pandemie: Engagierte, Fragen stellende K&uuml;nstler werden beschimpft bis zum Rand ihrer Sicherheit, ihrer gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen Existenz. Orte ihres Schaffens sind alternativlos gesperrt, Auftritte selbst an freiluftigen Orten verboten. Man solle auf das Internet ausweichen, auf das Virtuelle, man k&ouml;nne ja das Konzertieren nach Hause zu den Fans streamen. Es soll indes Musiker, Theaterleute, Dichter geben, die keine Kameras, keine Technik usw. haben. Weil sie es bisher nicht brauchten. Weil sie nah am Menschen waren. Das Berliner Trio streamt(e), ja, gezwungenerma&szlig;en, sie k&auml;mpfen und wehren sich in der Pandemie gegen Stillstand. Doch steht auch fest, dass nicht wenige Menschen, der Kultur und der Kunst ergeben und beruflich damit verbunden, loslassen mussten oder es noch tun werden, weil der immer noch w&auml;hrende Notstand diesen Abschied erpresst. <\/p><p>Die Wunschliste der tapferen Band, die nicht aufgibt, ist dabei nicht opulent, obschon es viel zu verlangen gibt:<\/p><p><em>&ldquo;Viel mehr als eine angemessene Entlohnung f&uuml;r sein Schaffen zu fordern, das war nie auf unserer Agenda &ndash; nun, wenn es etwas Aussichtsreiches zu fordern g&auml;be, so w&auml;re es die baldige Aufhebung des faktisch vorhandenen Berufsverbotes f&uuml;r K&uuml;nstler der verschiedenen Disziplinen. Als B&uuml;rger bitten wir doch sehr um eine l&uuml;ckenlose Aufkl&auml;rung der wirren medialen Zahlenspiele, haben da aber wenig Hoffnung. Im Gro&szlig;en und Ganzen k&ouml;nnen wir nur sagen &ndash; es gibt genug Zahlen im Internet, die aussagen, dass da etwas faul ist im&nbsp; Staate. Und eine &bdquo;Tagesschau&ldquo; zu zitieren, bei der inzwischen um 30-J&auml;hrige vermehrt grammatikalische Fehler in Schlagzeilen schreiben, das ist unter unserer W&uuml;rde&ldquo;<\/em>, so Andy.<\/p><p>Auftreten k&ouml;nnen, ein Auskommen sichern, Lokalit&auml;ten f&ouml;rdern, den Dialog zwischen K&uuml;nstler und Publikum hegen und pflegen, Kultur und Kunst nicht als Accessoires behandeln, steht auf dem Forderungskatalog. In der Pandemie wurde oft und gern von &bdquo;wie wollen wir nach der Pandemie leben&ldquo; gesprochen. Dass es so weiterzugehen scheint wie vorher und schlimmer noch, Wege beschritten werden, die fern einer gerechten Gesellschaft sind, stimmt die Musiker nachdenklich. Und doch hoffen sie darauf, dass aufgearbeitet wird, aufgekl&auml;rt wird, dass sie nach und nach wieder frei atmen und musizieren k&ouml;nnen. Die Ruperts-Kitchen-Orchestra-Musiker packen wieder die Instrumente aus, auf einem Platz mitten in Berlin. Charlottenburg. Die Sonne scheint, der Sommer wacht wohl doch endlich auf. Sie legen los mit Funkmusik. Der Basslauf l&auml;uft, der Gitarrenriff klingt knackig, die Trommeln t&ouml;nen auf zwei und vier im Viervierteltakt leicht vorgezogen knorke und funky. Passanten bleiben stehen, es wird gewippt, es wird gel&auml;chelt. Andy: &bdquo;<em>Das Sch&ouml;ne an der Kunst ist, dass sie jeder selbst f&uuml;r sich interpretieren kann. Das wollen wir keinem wegnehmen.<\/em>&ldquo;&nbsp; Sie, die Musiker, genie&szlig;en die freundlichen Reaktionen der Leute, die endlich wieder eine kleine Bereicherung der Stadt erleben, die so lang verboten war. Das Trio ahnt bei allem Optimismus, bei aller guten, l&auml;ssig dargebotenen Laune: Der Trend, dass Bereicherungen f&uuml;r Menschen zur&uuml;ckgedr&auml;ngt und durch Bereicherungen an Menschen ersetzt werden, setzt sich derweil fort.   <\/p><p>Und dann singt Frontmann Leo: <\/p><p><em>&bdquo;Der Meeresspiegel &uuml;bersteigt bald deinen Horizont &ndash; doch du sitzt nicht in unserem Boot, wenn das Wasser kommt.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Ruperts Kitchen Orchestra:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rupertskitchen.de\/\">rupertskitchen.de<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/rupertskitchen\">facebook.com\/rupertskitchen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erneut gibt es zum Begriff <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68740\">&bdquo;Brotlose Kunst&ldquo;<\/a> etwas zu schreiben. 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