{"id":73156,"date":"2021-06-08T11:52:27","date_gmt":"2021-06-08T09:52:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73156"},"modified":"2021-06-10T09:32:30","modified_gmt":"2021-06-10T07:32:30","slug":"peru-wie-ein-attentat-unter-falscher-flagge-und-die-beschwoerung-der-kommunistischen-gefahr-die-praesidentschaftswahl-beeinflussten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73156","title":{"rendered":"Peru \u2013 Wie ein Attentat unter falscher Flagge und die Beschw\u00f6rung der \u201ekommunistischen Gefahr\u201c die Pr\u00e4sidentschaftswahl beeinflussten"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem H&ouml;hepunkt der einheimischen Corona-Pandemie &ndash; mit bisher 1,94 Millionen Infizierten (davon aktuell 46.902 Erkrankten), 69.000 Todesf&auml;llen (Angaben der Johns Hopkins University, Stand 30. Mai 2021) und mit 215,63 Todesf&auml;llen je 100.000 Einwohner nach Brasilien das Land mit der zweith&ouml;chsten Inzidenz Lateinamerikas &ndash; fand am Sonntag, den 6. Juni, in Peru die Stichwahl des k&uuml;nftigen Staatschefs statt, deren erste Wahlrunde Mitte April 2021 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71520\">Thema der NachDenkSeiten<\/a> war. Von unserem S&uuml;damerika-Korrespondenten <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2269\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73156-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73156-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210609-Peru-Wie-ein-Attentat-unter-falscher-Flagge-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die damals umrissene, hochgradig politische Fragmentierung &ndash; mit rund einem Dutzend Pr&auml;sidentschaftskandidaten und dem Sprung Pedro Castillos und Keiko Fujimoris in die Stichwahl als Erstplatzierte mit weniger als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen &ndash; eskalierte in weniger als zwei Monaten zu einer einmaligen, zweifelhaften Polarisierung. Das rein rechnerische Patt k&ouml;nnte so ausgelegt werden, dass es in einigen L&auml;ndern Lateinamerikas weder dem progressiven noch dem konservativen Sektor gelingt, ohne komplizierte Hindernisse die W&auml;hler von ihren politischen und sozial&ouml;konomischen Konzepten und Zielen zu &uuml;berzeugen. Indes, wie sich beispielhaft 2018 mit dem Kandidaturverbot Luis In&aacute;cio Lula da Silvas und der damit verbundenen Wahl Bolsonaros und nun am Stil der Wahlkampagnenf&uuml;hrung Fujimoris zeigte, ist die scheinbare, falsche Polarisierung nur mit Anwendung diffamierender Winkelz&uuml;ge und medial gesteuerter Intrigen herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/larepublica.pe\/elecciones\/2021\/06\/06\/elecciones-2021-segunda-vuelta-en-vivo-hoy-6-de-junio-ultimas-noticias-pedro-castillo-keiko-fujimori-votacion-minuto-a-minuto-en-peru-atmp\/\">erste Stimmen-Schnellausz&auml;hlung der Wahlbeh&ouml;rde (ONPE)<\/a> vom sp&auml;ten Sonntagabend bescheinigte Pedro Castillo von der Bewegung <em>Peru Libre<\/em> 50,2 Prozent und seiner Herausforderin Keiko Fujimori von der Partei <em>Fuerza Popular<\/em> 49,8 Prozent der Stimmen. Woraufhin Castillos Anh&auml;nger auf die Stra&szlig;en Limas str&ouml;mten, um den Wahlsieg zu feiern; in Wahrheit ein Patt, das enger nicht sein k&ouml;nnte und noch nicht als konsolidierte Stimmenmehrheit bewertet werden konnte. (Anm. d. Redaktion: Zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt der Ausz&auml;hlung verschob sich dementsprechend auch die Stimmenmehrheit leicht zugunsten Fujimoris.) Das enge Ergebnis, egal ob zugunsten Castillos oder Fujimoris, k&uuml;ndigt allerdings schwere Zeiten f&uuml;r die unmittelbare Zukunft Perus an, dessen sogenannte, vor allem st&auml;dtische, wei&szlig;e, schwere Korruption in Kauf nehmende Elite jeden auch noch so bescheidenen wohlfahrtspolitischen Umbau des Staates nicht tatenlos hinzunehmen bereit ist, wie der Mordanschlag von Ende Mai andeutete.<\/p><p><strong>Das Attentat und die k&uuml;nstlich herbeimanipulierte Polarisierung zum Stimmenpatt<\/strong><\/p><p>Am Wochenende des vergangenen 23.\/24. Mai, also zwei Wochen vor der Stichwahl, meldeten peruanische und internationale Medien <a href=\"https:\/\/www.publico.es\/internacional\/peru-18-muertos-peru-atentado-terrorista-sendero-luminoso.html\">einen seltsamen Anschlag<\/a> im Hinterland Perus. Nach Angaben des peruanischen Polizeipr&auml;sidenten C&eacute;sar Cervantes forderte ein Angriff mit Feuerwaffen den Tod von mindestens zehn M&auml;nnern, sechs Frauen und zwei Kindern. Der Tatort, so die Mitteilung, befinde sich in einem &bdquo;vom Drogenhandel dominierten Gebiet mit Bars und Bordellen, in unmittelbarer N&auml;he zu den Ufern des Ene-Stroms, im Regierungsbezirk San Miguel del Jan, in der Provinz Satipo&ldquo;. Die am Tatort aufgenommenen Polizeibilder zeigten Patronenh&uuml;lsen und eine Brosch&uuml;re mit dem Logo der Kommunistischen Partei Perus, dem offiziellen Namen der in den 1980er Jahren bekanntgewordenen und nahezu milit&auml;risch liquidierten, maoistisch orientierten Guerilla-Organisation &bdquo;Sendero Luminoso&ldquo; (&bdquo;Leuchtender Pfad&ldquo;).<\/p><p>In dieser Brosch&uuml;re, so die Polizei, wurden die Einwohner dazu aufgefordert, nicht f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaftskandidatin Keiko Fujimori zu stimmen. Nach unbest&auml;tigten Angaben operieren seit Jahrzehnten &Uuml;berreste der Terrorgruppe als bewaffnete Besch&uuml;tzer der Kokainproduzenten in diesem Gebiet. Die Polizei &bdquo;kaufte&ldquo; Tatort und die scheinbaren Beweise zu ihrem Nennwert und die Medien sorgten f&uuml;r ihre Verbreitung. Dass der &bdquo;Leuchtende Pfad&ldquo; eine durchgeknallte, kaltbl&uuml;tige bis menschenverachtende Terrorbande war, dar&uuml;ber bestehen selbst bei &uuml;bertriebenen Skeptikern kaum mehr Zweifel. Aber sollten ihre angeblichen &bdquo;&Uuml;berreste&ldquo; in ihrem Kalk&uuml;l derart verblendet gewesen sein, dass sie mit dem Attentat nicht etwa die Stimmabgabe f&uuml;r Frau Fujimori verhindert, sondern umgekehrt vielmehr angeregt haben?<\/p><p>Unmittelbar nach dem Anschlag <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias-america-latina-57236218\">fragte sich die britische BBC<\/a>, &bdquo;wie die Wahlen in Peru durch das Massaker beeinflusst werden k&ouml;nnen&ldquo;. Die Reaktion der rechtsradikalen Kandidatin lie&szlig; nicht lange auf sich warten. &bdquo;Pedro Castillo und seine Gruppe werden der N&auml;he und der Verbindungen zum Terrorismus verd&auml;chtigt&ldquo;, unterstellte <a href=\"https:\/\/gestion.pe\/peru\/politica\/keiko-fujimori-a-pedro-castillo-y-a-su-grupo-es-a-quienes-los-senalan-de-estar-cercanos-y-vinculados-al-terrorismo-nndc-noticia\/\">Castillos Herausforderin Keiko Fujimori<\/a>. Der linke Pr&auml;sidentschaftskandidat antwortete energisch <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PedroCastilloTe\/status\/1396909342432145409\">auf seinem Twitter-Account<\/a>: &bdquo;Meine Solidarit&auml;t mit den Familien der 18 Opfer des feigen Angriffs in Pichari, VRAEM. Ich verurteile diesen Terroranschlag aufs Sch&auml;rfste und fordere die Justiz dazu auf, das volle Gewicht des Gesetzes anzuwenden. Wir werden keine Gewaltakte dulden.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r Orazio Potest&agrave;, peruanischer Experte f&uuml;r Drogen-Terrorismus, st&ouml;rte der Angriff &bdquo;die Kampagne komplett&ldquo;. In der Umgebung des Tatorts, so Potest&agrave;, w&uuml;rden sich bei der Stichwahl Einsch&uuml;chterung der Bev&ouml;lkerung und Stimmenthaltung einstellen. Im &uuml;brigen Peru und in der Hauptstadt Lima k&ouml;nne das Attentat politische Debatten entfachen. Sodass &bdquo;im Feld der Debatte einer der beiden Kandidaten sich die Antiterror-Thematik aneignen wird. Es (Anm. F. F.: das Attentat) k&ouml;nnte geradezu einen Gefallen f&uuml;r jenen Kandidaten bedeuten, der &bdquo;konkrete und bew&auml;hrte L&ouml;sungen&ldquo; gegen den Terrorismus anbietet. &hellip; Und an diesem Punkt habe Keiko Fujimori den Vorteil, dass sie sich den Antiterror-Diskurs angeeignet und Vorschl&auml;ge hat, die in den 90er Jahren von der Regierung ihres Vaters getestet wurden und eine gewisse Wirksamkeit gezeigt h&auml;tten &ndash; ein Diskurs, den Castillo aber nicht anbieten kann&ldquo;, sch&auml;tzte Potest&agrave;.<\/p><p>&Uuml;berwog in Peru bis vor wenigen Monaten noch der durch Abneigung und Abscheu gepr&auml;gte &bdquo;Anti-Fujimorismus&ldquo; als demokratische Grundhaltung gegen Staatsterror und Korruption, so kippte insbesondere mit der Kandidatur des linken, indigenen Dorflehrers Pedro Castillo die Stimmung zugunsten eines l&auml;ngst totgeglaubten, jedoch k&uuml;nstlich wiederbelebten, konfusen Antikommunismus. Mit anderen Worten, die verunsicherte Mittelklasse suchte widerspr&uuml;chliche Zuflucht im von ihr verabscheuten Fujimorismus.<\/p><p><strong>Keiko Fujimori, &bdquo;Erbin&ldquo; des Diktators und die Fangarme der kriminellen Umtriebe<\/strong><\/p><p>Keiko Sof&iacute;a Fujimori Higuchi, so der vollst&auml;ndige Name der Kandidatin, ist in der peruanischen Politik mehr als bekannt. In jungem Alter &uuml;bernahm sie eine skurrile, jedoch n&uuml;tzliche Rolle f&uuml;r die Regierung ihres Vaters, des ehemaligen autorit&auml;ren Staatspr&auml;sidenten Alberto Fujimori, und wurde statt ihrer geschiedenen Mutter mit 20 Jahren zur j&uuml;ngsten &bdquo;First Lady&ldquo; Lateinamerikas erkoren. Keiko Fujimori machte nie einen Hehl daraus, dem korrupten Gewaltregime ihres Vaters zu huldigen und sein &bdquo;Erbe&ldquo; anzutreten.<\/p><p>Die Fujimoris entstammen verarmten japanischen Migranten aus Kumamoto, die sich in den 1930er Jahren in Peru niederlie&szlig;en. Keikos Vater Alberto studierte Agrarwissenschaften und begann seine politische Karriere im Jahr 1990 als Outsider und Spitzenkandidat der von ihm ein Jahr zuvor gegr&uuml;ndeten Cambio-90-Bewegung. Damals in der politischen Szene ein illustrer Unbekannter, suchte der &bdquo;Chino&ldquo; anf&auml;ngliche Unterst&uuml;tzung von Randgruppen der peruanischen Gesellschaft, kleinen Gesch&auml;ftsleuten und einigen evangelikalen Kirchen, allesamt fern der politischen Tradition nationalistischer und progressiver Parteien.<\/p><p>Als Pr&auml;sidentschaftskandidat erhielt Fujimori im ersten Wahlgang vom April 1990 knapp 30 Prozent der Stimmen und sicherte sich nicht nur die Stichwahl, sondern damit gleichzeitig auch eine Portion Ansehen, weil er gegen den weltweit bekannten Schriftsteller Mario Vargas Llosa antrat, der im Jahr 2010 als Tr&auml;ger des Literatur-Nobelpreises im globalen Rampenlicht gl&auml;nzte. Kaum zu glauben, doch mit Unterst&uuml;tzung linker Organisationen, Gewerkschaften und der nationalistischen APRA-Partei besiegte Fujimori in der Stichwahl Vargas Llosa mit 62,32 Prozent der Stimmen; eine peinliche Niederlage f&uuml;r den ruhmreichen Romanautor, der kurz darauf sich von Peru verabschiedete und seitdem in Spanien lebt. Ironie der Geschichte: Nun warnte Vargas Llosa weltweit vor dem &bdquo;bedrohlichen Totalitarismus&ldquo; und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hyI_S2uVyZ8\">warb ausgerechnet f&uuml;r Keiko Fujimori<\/a> in der Stichwahl.<\/p><p>Nach einem erneuten Wahlantritt und dem Sieg im Jahr 1995 regierte Alberto Fujimori knapp zehn Jahre lang die Andenrepublik Peru, floh jedoch im Jahr 2000 nach schweren Anklagen nach Japan und wurde offiziell des Amtes enthoben.<\/p><p>Fujimori hatte bereits zu Beginn seines ersten Mandats radikal-liberale &bdquo;wirtschaftliche Anpassungsma&szlig;nahmen&ldquo; durchgesetzt, die sozialen Funktionen des Staates abgebaut und, entsprechend den Empfehlungen des Washington Consensus, den Markt zur herrschenden Regulierungs- und Entscheidungsinstanz erhoben. Das hei&szlig;t, Handelsliberalisierung, die Schaffung eines &bdquo;wettbewerbsf&auml;higen&ldquo; Wechselkurses, die Privatisierung von Unternehmen sowie die Beseitigung von Hindernissen f&uuml;r ausl&auml;ndische Direktinvestitionen. W&auml;hrend seiner Amtszeit f&uuml;hrte Peru zwei Kriege: gegen das Nachbarland Ecuador und gegen die peruanische Guerilla &bdquo;Leuchtender Pfad&ldquo;. Von autorit&auml;rem Charakter gepr&auml;gt, war Fujimori f&uuml;r mehrfache politische Willk&uuml;rakte verantwortlich, darunter sein &bdquo;Selbstcoup&ldquo; von 1992, mit dem er unter dem Druck gro&szlig;er sozialer Unzufriedenheit das Parlament und den Obersten Gerichtshof aufl&ouml;ste. Die Ma&szlig;nahme erm&ouml;glichte es ihm, ein autorit&auml;res Regime zu festigen, das sich zahlloser Menschenrechtsverletzungen schuldig machte.<\/p><p>Im Jahr 2009 wurde Fujimori f&uuml;r brutale Vergehen gegen die Menschenrechte, bekannt als &bdquo;F&auml;lle Barrios Altos und La Cantuta&ldquo;, zu 25 Jahren Haft verurteilt; ein Urteil, das 2015 wiederholt ratifiziert wurde. Der erste Fall betrifft die Ermordung von 15 Menschen, darunter einen 8-j&auml;hrigen Jungen w&auml;hrend einer Party, an der angeblich Mitglieder des Leuchtenden Pfades teilgenommen h&auml;tten, was von den Gerichten ausgeschlossen wurde. Im zweiten Fall wurde Fujimori der Entf&uuml;hrung, Ermordung und Bestattung in anonymen Gr&auml;bern von acht Studenten und einem Professor der Nationaluniversit&auml;t Enrique Guzm&aacute;n y Valle am 18. Juli 1992 beschuldigt. Hinzu kam der Vorwurf der Ermordung von sechs Menschen im Distrikt Pativilca, Barranca, im Jahr 1992. Gerichtsunterlagen belegten, dass die von ihm befehligte Geheimdienstabteilung &bdquo;Grupo Colina&ldquo; &ndash; die den Leuchtenden Pfad und die revolution&auml;re Bewegung T&uacute;pac Amaru (MRTA) beschattete und milit&auml;risch bek&auml;mpfte &ndash; an beiden Eins&auml;tzen beteiligt war.<\/p><p>Die kalkulierte Protektion der Terrorgruppe Colina wurde Fujimori zum Verh&auml;ngnis und zum Anklagemotiv. Die Beschuldigung lautete &bdquo;Missachtung des Rechts auf Leben, des Rechts auf pers&ouml;nliche Integrit&auml;t, auf gerichtliche Sicherheit, ferner des Rechtsschutzes sowie der Gedanken- und Meinungsfreiheit&ldquo;. Nach knapp siebenj&auml;hrigem freiz&uuml;gigem Aufenthalt in Japan kam Fujimori nach Chile, dessen Justiz jedoch dem Auslieferungsantrag der peruanischen Justiz zustimmte. Seitdem sa&szlig; Fujimori in Haft, wurde jedoch von seinem einstigen Kontrahenten, Pr&auml;sident Pedro Pablo Kuczynski, im Jahr 2018 begnadigt; eine h&ouml;chst umstrittene Entscheidung, die in verschiedenen Teilen des Landes heftige Proteste ausl&ouml;ste und zusammen mit den Korruptionsvorw&uuml;rfen gegen Kuczynski einen Grund f&uuml;r seine Popularit&auml;tseinbu&szlig;en bildeten, die in seinem R&uuml;cktritt gipfelten.<\/p><p>Die Verhaftung ihres Vaters Alberto schien f&uuml;r die Tochter Keiko erst recht Anlass zu sein, um sich als &bdquo;starke Frau&ldquo; in der Politik zu inszenieren. Allerdings wurde gegen sie wegen Korruption ermittelt und die Fujimori-Erbin zun&auml;chst zu 30 Jahren und 10 Monaten Gef&auml;ngnis verurteilt. Sie wurde dreimal inhaftiert und dank mafia-&auml;hnlichen Verzahnungen im Justizapparat &ndash; darunter der Schmierung eines bekannten Staatsanwaltes &ndash; wieder freigelassen. Doch Staatsanwalt Jos&eacute; Domingo P&eacute;rez, vom peruanischen Ableger der brasilianischen Einsatzgruppe &bdquo;Lava Jato&ldquo; zur Korruptionsbek&auml;mpfung, leitete unbeirrt Ermittlungen gegen die Politikerin ein, die im Justizfall &bdquo;Cocktails&ldquo; des <a href=\"https:\/\/elecciones.larepublica.pe\/los-antecedentes-de-Keiko-Fujimori-a-lo-largo-de-su-vida-politica\/\">Erhalts illegaler Finanzierungsbeitr&auml;ge<\/a> f&uuml;r ihre beiden vorherigen Pr&auml;sidentschaftskampagnen in den Jahren 2011 und 2016 beschuldigt wird.<\/p><p>Die These der Staatsanwaltschaft lautet, die angehenden Pr&auml;sidentschaftskandidaten, darunter auch Keiko Fujimoris Herausforderer Pedro Pablo Kuczynski, h&auml;tten mehr als eine Million US-Dollar &bdquo;gewaschen&ldquo;, die aus der &bdquo;Abteilung f&uuml;r Strukturierte Operationen&ldquo; des brasilianischen Bauunternehmens Odebrecht stammten und mit fiktiven Vertr&auml;gen und &uuml;berbewerteten Auftr&auml;gen abgerechnet wurden.<\/p><p>Die Zahlungen wurden von Jorge Barata, einem ehemaligen Vertreter von Odebrecht in Peru, w&auml;hrend seines Verh&ouml;rs in Curitiba, Brasilien, best&auml;tigt. Er habe zwei Anweisungen &uuml;ber jeweils 500.000 US-Dollar, insgesamt also einer Million US-Dollar, an Jaime Yoshiyama und den ehemaligen Fujimori-Minister Augusto Bedoya C&aacute;mere auszahlen lassen. Auch Marcelo Odebrecht, ehemaliger CEO des Bauunternehmens, erkl&auml;rte auf Nachfrage, dass er sicher sei, dass Geld f&uuml;r Keikos Kampagne sowie die der anderen Kandidaten, die bei den Parlamentswahlen 2011 antreten wollten, gespendet wurde.<\/p><p>Angesichts dieser und anderer Beweise h&auml;lt die Staatsanwaltschaft die Hypothese aufrecht, dass Keiko Fujimori eine kriminelle Organisation anf&uuml;hrt, die die Partei Fuerza Popular als Fassade nutzt. Diese werde von einem harten Kern gef&uuml;hrt, der bereit war, die politische Macht in den Jahren 2011 und 2016 zu erobern.<\/p><p>In der Geschichte Perus gibt es keinen Pr&auml;zedenzfall, bei dem ein Pr&auml;sidentschaftskandidat gew&auml;hlt worden w&auml;re, gegen den ermittelt wurde. Wie der Strafverteidiger Rafael Chanjan Documet warnt, k&ouml;nnte Keiko Fujimori, falls gew&auml;hlt, allerdings der erste skandal&ouml;se Fall einer erwiesenen Kriminellen im Pr&auml;sidentenpalast sein.<\/p><p><strong>Pedro Castillo, der Indigene<\/strong><\/p><p>Pedro Castillo, ein indigener Mann der konservativen Linken, ist der Kandidat von Peru Libre. Er &uuml;berraschte im ersten Wahlgang und war mit 19 Prozent der Stimmen der am meisten gew&auml;hlte Kandidat. Sollte Castillo am Ende siegen, k&ouml;nnte Peru nach 30 Jahren marktliberaler Politik in eine neue &Auml;ra eintreten, spekulierten verschiedene Medien wie der franz&ouml;sische Rundfunk in den vergangenen Wochen. Es w&auml;re der Sieg des Zentrums und des S&uuml;dens Perus, in denen die Mehrheit der indigenen Bev&ouml;lkerungen lebt und schuftet, die sich im Gegensatz zu den dominierenden Eliten Limas mit Castillo identifizieren.<\/p><p>Der b&auml;uerliche, im 1.000 Kilometer von Lima entfernten Chota in Armut geborene Castillo, der auf einem Pferd zur Wahl anritt, hat es immerhin vollbracht, jenseits der indigenen Abstimmung den Anti-Fujimorismus zu vereinen. Der Grundschullehrer Castillo, mit einem Master in P&auml;dagogischer Psychologie, erlangte landesweites Ansehen als F&uuml;hrer der Lehrer:Innengewerkschaft Perus (Sutep), die 2017 einen Streik f&uuml;r angemessene Geh&auml;lter und Schulausstattung f&uuml;hrte.<\/p><p>Fujimori-Anh&auml;nger beschimpfen Castillo nicht nur als &bdquo;Kommunisten&ldquo;, sondern auch als &bdquo;Terroristen&ldquo;, weil er auch in einer Gruppe zum Schutz von Menschenrechten t&auml;tig war, die die Freilassung ehemaliger Mitglieder des Leuchtenden Pfades fordert. Castillo konterkariert die Unterstellungen, er sei als &bdquo;Rondero&ldquo; t&auml;tig gewesen, eine b&auml;uerliche Selbstverteidigungsgruppe, die umgekehrt den maoistisch angehauchten Leuchtenden Pfad entschieden bek&auml;mpfte.<\/p><p>Einer der S&auml;tze, die Castillos Pr&auml;sidentschafts-Kampagne begleitet hat, lautet: &bdquo;Nie wieder ein armer Mensch in einem reichen Land sein!&ldquo; Das Landesinnere bildet Castillos politische Basis. Lima und die Nordk&uuml;ste gelten umgekehrt als das Establishment und stimmen f&uuml;r Keiko Fujimori. Doch der Rest des Landes, die Andenwelt, stimmt f&uuml;r Castillo.<\/p><p><strong>Was sind Castillos Regierungsprojekte?<\/strong><\/p><p>Der linke Kandidat tritt f&uuml;r eine Reihe von Strukturreformen ein, die eine gewagte Umw&auml;lzung des ultraliberalen und sozialfeindlichen peruanischen Wirtschaftsmodells bedeuten k&ouml;nnten. Seine Strategie zielt unter anderem auf die Verstaatlichung strategischer Sektoren wie Bergbau, Gas und &Ouml;l ab. Obwohl privatwirtschaftlichen Aktivit&auml;ten nicht abgeneigt, fordert Castillo &auml;hnlich wie Evo Morales bei seiner ersten Wahlkampagne, sie sollten &bdquo;zum Nutzen der Mehrheit der Peruaner&ldquo; eingesetzt werden. Der linke Kandidat fordert auch, die Haushaltsausgaben f&uuml;r Landwirtschaft und Bildung stark aufzustocken, er bedenkt das derzeitige System der von Chile &uuml;bernommenen privaten Pensionskassen (AFP) mit scharfer Kritik, das wieder durch ein nationales Rentensystem ersetzt werden sollte. Dar&uuml;ber hinaus schl&auml;gt der Lehrer vor, das Verfassungsgericht Perus zu &bdquo;deaktivieren&ldquo; und es mit neuen, von den B&uuml;rgern gew&auml;hlten Vertretern auszustatten; ein Mechanismus der direkten Demokratie, der nach Meinung von Politologen neue Impulse in hierarchischen und korrumpierten Institutionen bewirken k&ouml;nnte. Und letztlich, so Castillo, brauche Peru eine unabh&auml;ngige Au&szlig;enpolitik und &bdquo;solle aufh&ouml;ren, ein von den USA unterworfenes Land zu sein&ldquo;.<\/p><p>Einerseits sozialprogressiv, gilt Castillo andererseits als &bdquo;genderkonservativ&ldquo;. &bdquo;Es ist &ouml;konomisch revolution&auml;r, aber sozial sehr konservativ&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias-america-latina-56732879\">wertet Carlos Mel&eacute;ndez<\/a>, Akademiker an der Universit&auml;t Diego Portales und peruanischer Forscher, und verwechselt &bdquo;Sozialkonservatismus&ldquo; mit Gender-Konservatismus. Castillo sprach sich in der Tat gegen Abtreibung oder homosexuelle Ehe aus, er ist konservativ in Fragen wie dem Kampf gegen B&uuml;rger-Unsicherheit und unterst&uuml;tzt die starke Hand in Bezug auf die &ouml;ffentliche Ordnung. Doch damit spricht Castillo dem peruanischen Hinterland aus dem Herzen.<\/p><p>Titelbild: Angela Villavicencio Varg\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem H&ouml;hepunkt der einheimischen Corona-Pandemie &ndash; mit bisher 1,94 Millionen Infizierten (davon aktuell 46.902 Erkrankten), 69.000 Todesf&auml;llen (Angaben der Johns Hopkins University, Stand 30. Mai 2021) und mit 215,63 Todesf&auml;llen je 100.000 Einwohner nach Brasilien das Land mit der zweith&ouml;chsten Inzidenz Lateinamerikas &ndash; fand am Sonntag, den 6. Juni, in Peru die Stichwahl des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73156\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73157,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,127,166,190],"tags":[2280,1276,3079,1904,3078,3077,2163,1978,233,2047,2220],"class_list":["post-73156","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-terrorismus","category-wahlen","tag-amnestie","tag-attentat","tag-castillo-pedro","tag-direkte-demokratie","tag-fujimori-alberto","tag-fujimori-keiko","tag-gefaengnis","tag-geldwaesche","tag-marktliberalismus","tag-peru","tag-stichwahl"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/shutterstock_1770169868.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73156","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73156"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73156\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73204,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73156\/revisions\/73204"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73156"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73156"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73156"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}