{"id":73174,"date":"2021-06-09T12:00:56","date_gmt":"2021-06-09T10:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73174"},"modified":"2021-06-09T14:32:29","modified_gmt":"2021-06-09T12:32:29","slug":"wer-arbeitet-die-kriegsverbrechen-des-westens-in-der-ex-bundesrepublik-jugoslawien-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73174","title":{"rendered":"Wer arbeitet die Kriegsverbrechen des Westens in der Ex-Bundesrepublik Jugoslawien auf?"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Urteil gegen den fr&uuml;heren bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladi&#263; sei, so ein Kommentar der FAZ vom 8. Juni 2021, die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Jugoslawien abgeschlossen. Diese Einsch&auml;tzung wird von vielen Medien verbreitet &ndash; ohne rot zu werden. Was f&uuml;r eine Farce. Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 war und ist v&ouml;lkerrechtswidrig. Niemand der beteiligten Kriegskoalition&auml;re wurde angegriffen. Keiner aus dieser Kriegskoalition kann das Recht auf Selbstverteidigung in Anspruch nehmen. Es handelte sich um einen Angriffskrieg, der v&ouml;lkerrechtswidrig ist. Die Gr&uuml;nde, die man f&uuml;r diese erfundene &bdquo;humanit&auml;re Intervention&ldquo; anf&uuml;hrte, waren erstunken und erlogen. Dazu geh&ouml;rt die Behauptung des deutschen Au&szlig;enministers Joschka Fischer, dass man in der BR Jugoslawien ein &bdquo;zweites Auschwitz&ldquo; verhindern wolle. Dazu geh&ouml;rt die Kriegsl&uuml;ge des deutschen Verteidigungsministers Scharping, der ein KZ in Pristina entdeckt haben wollte. Die in diesem Zusammenhang begangenen Kriegshandlungen sind also Kriegsverbrechen. Die Kriegsverbrechen, die milit&auml;risch und politisch Verantwortlichen f&uuml;r diese Kriegsverbrechen sind folglich weder politisch, noch juristisch aufgearbeitet. Sie sind bis heute auf freiem Fu&szlig;. Von <b>Wolf Wetzel<\/b>.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r die Einleitung eines l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lligen Strafverfahrens kann man dieses Dossier frei verwenden.<\/p><p>Der Nato-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 &ndash; Die Legende vom ehrlichen deutschen (Friedens-)Makler\n<\/p><p>Auch wenn die 16-j&auml;hrige Kohl-&Auml;ra den Weg dorthin ebnete, war klar, dass die Zustimmung zu einem Angriffskrieg ein schwieriges Unterfangen ist. Der Irak war weit weg, die nationalsozialistische Parole &bdquo;<i>Serbien muss sterbien<\/i>&ldquo; noch nicht ganz verklungen. Die Assoziationskette zwischen deutschen Reichswehrsoldaten, die 1941 Jugoslawien &uuml;berfielen, und deutschen Bundeswehrsoldaten, die fast 60 Jahre sp&auml;ter m&ouml;glicherweise als Besatzer zur&uuml;ckkehren, wog schwer. Ein &sbquo;neues&lsquo; Deutschland musste her. Nichts eignete sich dazu mehr, als das Bild von einem Deutschland zu zeichnen, das keinerlei eigene hegemoniale Interessen hege. Ein Deutschland, das einzig und alleine von dem Wunsch getragen sei, zu einer Friedensl&ouml;sung zwischen zwei B&uuml;rgerkriegsparteien beizutragen. Nicht von ungef&auml;hr stand das deutsche Bem&uuml;hen um eine friedliche Beilegung des &sbquo;Kosovokonflikts&lsquo; im Vordergrund der Berichterstattung. Es war die Stunde des Au&szlig;enministers Joschka Fischer, der quer durch die Welt flog, Russland ins (Nato-)Boot holte und Friedenswillen demonstrierte &ndash; bis zum Abwinken: <\/p><p><i>&raquo;Ich war bei Milosevic &hellip; Ich habe ihn angefleht, darauf zu verzichten, dass die Gewalt in Kosovo eingesetzt wird. [&hellip;] Ich bin nun wei&szlig; Gott kein zartes Pfl&auml;nzchen beim Nehmen und beim Geben. Aber es hat weh getan, wenn der pers&ouml;nliche Vorwurf erhoben wurde, ich h&auml;tte die Bundesrepublik in den Krieg gefingert. [&hellip;] Ich kann nur versichern, ich habe alles getan, was in meinen Kr&auml;ften stand, um diese Konfrontation zu verhindern.&laquo; <\/i>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Ich werde sp&auml;ter darauf zur&uuml;ckkommen, dass die Kluft zwischen dem inst&auml;ndigen Flehen und dem tats&auml;chlichen Verlauf der sogenannten Friedensverhandlungen in Rambouillet kein bedenkliches Wahrnehmungsproblem, sondern Teil einer Kriegsstrategie war.<\/p><p>Mit der Inszenierung des ehrlichen Friedensmaklers, der neutral zwischen den verfeindeten B&uuml;rgerkriegsparteien vermittelt, wurde eine weitere Legende ins Spiel gebracht: die Behauptung, Europa und die USA h&auml;tten jahrelang tatenlos zugeschaut &ndash; v&ouml;llig unbeteiligt und interesselos. Aufgeladen wurde diese Legende mit dem historischen Verweis auf die Appeasementpolitik des Westens, als Nazideutschland 1938 &Ouml;sterreich annektierte &ndash; und die sp&auml;teren Siegerm&auml;chte dabei zuschauten. So vordergr&uuml;ndig und dreist diese historische Parallele ist, so verlogen ist die behauptete Tatenlosigkeit.<\/p><p><strong>Der lautlose Krieg<\/strong><\/p><p>So lange es den kommunistischen Ostblock und den Warschauer Pakt als Gegenst&uuml;ck zur Nato gab, das Gleichgewicht des Schreckens Kriege in den jeweils anderen Einflusssph&auml;ren ausschloss, waren auch die Balkan-Staaten f&uuml;r milit&auml;rische Interventionen des Westens tabu. Die Destabilisierung nicht-kapitalistischer Staaten, die Bek&auml;mpfung des &sbquo;kommunistischen Feindes&lsquo; musste mit anderen Mitteln erfolgen als in der Gestalt offener Kriege.<\/p><p>So forderte z.B. die US-Geheimdirektive von 1982 (NSDD 54) &bdquo;gesteigerte Anstrengungen zur F&ouml;rderung einer stillen Revolution, um die kommunistischen Regierungen und Parteien zu Fall zu bringen&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Bis zum Tod Titos 1980 war Jugoslawien ein Scharnier zwischen dem kommunistischen Ostblock und dem kapitalistischen Westen &ndash; bekannt geworden als Dritter Weg. Eine Mischung aus Privat- und Kollektivwirtschaft, kapitalistischen Zugest&auml;ndnissen und sozialistischen Errungenschaften. &raquo;Das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes betrug 6,1 % pro Jahr, und zwar &uuml;ber die Dauer von 20 Jahren (1960-1980), es gab freie medizinische Versorgung &hellip; die Alphabetisierungsrate lag bei 91 %, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 72 Jahren&laquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>].<\/p><p>Nach dem Tod Titos versch&auml;rfte sich die Gangart der westlichen Kreditgeber. Im selben Jahr trat Jugoslawien dem Internationalen W&auml;hrungsfond bei, akzeptierte h&ouml;here Schuldentilgungsraten und die damit verbundenen &bdquo;Strukturanpassungsprogramme&ldquo; des IWF. Die Folgen dieser Politik, die Folgen dieser strukturellen Anpassungsprogramme an den kapitalistischen Weltmarkt waren gravierend: Das Wirtschaftswachstum fiel von durchschnittlich +6,1 % j&auml;hrlich, Schritt f&uuml;r Schritt, Jahr f&uuml;r Jahr, bis es 1990 bei -10,6 % anlangte. Hunderte Fabriken wurden in den Konkurs geschickt, Zehntausende ArbeiterInnen entlassen, ein Lohnstopp verh&auml;ngt. Das jugoslawische Modell der &rsaquo;Arbeiterselbstverwaltung&lsaquo; wurde ausgeschlachtet. Ganz oben auf der Priorit&auml;tenliste stand die Abschaffung der vergesellschafteten Betriebe unter der Leitung von Betriebsr&auml;ten, gegebenenfalls deren Umwandlung in privatkapitalistische Unternehmen. Parallel dazu wurde der Abbau des Sozialsystems, die Reduzierung des &ouml;ffentlichen Sektors verordnet. Man kann davon ausgehen, dass diese kapitalistischen Anpassungsprogramme viele trafen &ndash; mit Sicherheit nicht die Machteliten in Jugoslawien, die diesen Bedingungen zustimmten und sie gegen die Bev&ouml;lkerung durchsetzten. Mit der Verschlechterung der Lebensbedingungen wuchs die Unzufriedenheit. Die &raquo;stille Revolution&laquo; nahm konkrete Gestalt an &hellip;<\/p><p>Es bleibt Spekulation, in welche Richtung sich diese sozialen und gesellschaftlichen Umbr&uuml;che entwickelt h&auml;tten, wenn es in den 90er Jahren noch den Ostblock und den Warschauer Pakt gegeben h&auml;tte. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks brach f&uuml;r Jugoslawien nicht nur ein nicht-kapitalistischer Wirtschaftsraum weg. Mit der Aufl&ouml;sung des Warschauer Paktes wurde vor allem die bis dahin g&uuml;ltige Aufteilung in politische und wirtschaftliche Einflusssph&auml;ren obsolet. Das galt und gilt zu allererst f&uuml;r die Balkanstaaten, die sich bis 1989 im Niemandsland der Systembl&ouml;cke bewegten.<\/p><p>Ist es ein Zufall, dass die verschiedenen Separationsbestrebungen in fast allen Republiken Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre politisch stark, bestens bewaffnet waren\/wurden und die Unterst&uuml;tzung fast aller europ&auml;ischer Staaten genossen? Bei der Filetierung, bei der Erst&uuml;rmung des &bdquo;<i>V&ouml;lkergef&auml;ngnisses<\/i>&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Jugoslawien stand die Au&szlig;enpolitik Deutschlands nicht abseits, sondern mittendrin. In ihrer Anerkennungspolitik war Deutschland f&uuml;hrend. Als <b>erster<\/b> westeurop&auml;ischer Staat hat Deutschland am 23.12.1991 Kroatien (und Slowenien) anerkannt. Was im Kosovo Begr&uuml;ndung f&uuml;r ein milit&auml;risches Eingreifen wurde, ist gegen&uuml;ber Kroatien integraler Bestandteil der Anerkennungspolitik: &bdquo;In nur einem Tag wurden aus der kroatischen Krajina 200.000 Serben vertrieben &hellip;&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] &ndash; in Folge eines Blitzkrieges der kroatischen Armee 1995 gegen &sbquo;abtr&uuml;nnige Rebellen&lsquo;. &bdquo;Nach Einsch&auml;tzung des Hochkommissariats f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) leben noch immer 250.000 serbische Vertriebene aus Kroatien in Serbien und Montenegro sowie gut 30.000 in Bosnien-Herzegovina.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]. Deutschland begn&uuml;gte sich nicht damit, die Ergebnisse nationalistischer Politik zu begr&uuml;&szlig;en und (angeblich gesuchte) Kriegsverbrecher im Kreis der europ&auml;ischen Familie willkommen zu hei&szlig;en.<\/p><p>Deutschland sorgte auch ganz unmittelbar daf&uuml;r, dass eine nationalistische und ethnisierende Politik Aussicht auf Erfolg hatte. Was Jahre sp&auml;ter mit ernster und verdunkelter Miene als &rsaquo;Kosovo-Konflikt&lsaquo; wahrgenommen werden sollte &ndash; hatte die aktive Rolle Deutschlands zur Voraussetzung. So wurde die UCK in ihrem Kampf um ein unabh&auml;ngiges Kosovo nicht nur politisch unterst&uuml;tzt. Deutschland war auch ma&szlig;geblich an ihrer Bewaffnung und milit&auml;rischen Instruierung beteiligt.<\/p><p>Man kann es als ein Meisterst&uuml;ck der Travestie begreifen, dass dieselben, die die UCK politisch und milit&auml;risch bewaffneten, Jahre sp&auml;ter die Stationierung von weiteren Bundeswehreinheiten in Mazedonien damit begr&uuml;ndeten, bei der Entwaffnung von UCK-Rebellen und der friedlichen Beilegung des Mazedonien-Konfliktes behilflich zu sein.<\/p><p><strong>Friedensverhandlungen in Rambouillet &ndash; ein Kriegsbeschaffungsprogramm<\/strong><\/p><p>Dem Krieg gingen wochenlange Verhandlungen zwischen der jugoslawischen Regierung, einzelnen Nato-Staaten und kosovo-albanischen Vertretern in Rambouillet voraus. Was beinhaltete der dort vorgelegte Friedensplan? Woran scheiterten die Verhandlungen in Rambouillet? Waren diese Verhandlungen Teil eines Friedensprozesses oder Bestandteil eines gewollten Krieges? <\/p><p>Die jugoslawische Regierung stimmte dem politischen Teil dieses Abkommens, dem dort verankerten Autonomiestatus f&uuml;r den Kosovo, zu. Ebenfalls akzeptierte sie die Anwesenheit von UN-Soldaten im Rahmen dieser L&ouml;sung. Was sie entschieden ablehnte, war &bdquo;<i>ein Nato-Besatzungsstatut f&uuml;r ganz Jugoslawien<\/i>&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>], das im <i>Anhang (Annex B)<\/i> ausgef&uuml;hrt wurde. Unter Artikel 8 war vorgesehen: <\/p><p>&bdquo;<i>Das Nato-Personal soll sich mitsamt seiner Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Ausr&uuml;stung innerhalb der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien inklusive ihres Luftraumes und ihrer Territorialgew&auml;sser frei und ungehindert sowie ohne Zugangsbeschr&auml;nkungen bewegen k&ouml;nnen&ldquo;<\/i>[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<i>. <\/i><\/p><p>Was dies im Klartext bedeutet h&auml;tte, f&uuml;hrte der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer aus: <\/p><p>&bdquo;<i>Das entspricht faktisch einem Nato-Truppenstatut f&uuml;r Jugoslawien insgesamt, was normalerweise nur ein Staat nach einer vollst&auml;ndigen Kapitulation zu unterschreiben bereit ist.&ldquo;<\/i>[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Wenn es also um die Verhinderung einer &bdquo;humanit&auml;ren Katastrophe&ldquo; gegangen w&auml;re, w&auml;re eine friedliche L&ouml;sung des &sbquo;Kosovo-Konfliktes&lsquo; m&ouml;glich gewesen. Doch so wenig es um die Menschen im Kosovo ging, so wenig ging es um die friedliche Beilegung des Konfliktes. Die gezielte Desinformationspolitik der Nato und der rotgr&uuml;nen Kriegskoalition, das bewusste Schweigen dar&uuml;ber, warum die Verhandlungen in Rambouillet scheitern mussten, hatten nicht ein Friedensabkommen, sondern den Kriegseintritt der Nato zum Ziel. Das Scheitern der &sbquo;Friedensbem&uuml;hungen&lsquo; war vorprogrammiert.<\/p><p>Um diesen gewollten Kriegseintritt nicht zu gef&auml;hrden, wurden selbst die Abgeordneten des Bundestages get&auml;uscht, als sie &uuml;ber die deutsche Beteiligung an diesem Angriffskrieg befinden sollten. Sie stimmten zu, ohne dass ihnen der vollst&auml;ndige Vertragstext, einschlie&szlig;lich des Annex B, vorlag. Ein eklatanter Bruch verfassungsrechtlicher Normen, denen die meisten Abgeordneten &ndash; ohne Widerspruch, ohne parlamentarische Folgen &ndash; zustimmten.<\/p><p><strong>Der erste Angriffskrieg Deutschlands nach 1945<\/strong><\/p><p>Am 24.5.1999 begann die Nato mit der Bombardierung Jugoslawiens. Einen Tag sp&auml;ter stand f&uuml;r die VertreterInnen eines &bdquo;gesunden&ldquo; und v&ouml;llig &bdquo;normalen&ldquo; Nationalismus ein Sieg bereits fest: <\/p><p><i>&raquo;K&ouml;nnte es sein, dass sich Deutschland seit wenigen Tagen definitiv im <\/i><i><b>Zustand der Normalit&auml;t<\/b><\/i><i> befindet? &hellip; Bundesluftwaffe &hellip; an vorderster Front &hellip; seit Fr&uuml;hjahr 1945 stehen wir wieder mittendrin&hellip;der l&auml;ngst f&auml;llige Durchbruch zur kompletten Normalit&auml;t &hellip; Auf dem Sektor der &Ouml;konomie hat die Bundesrepublik die Normalisierungsprozesse bereits seit Jahrzehnten abgeschlossen. Jetzt ist auch die ganze Palette der Au&szlig;enpolitik erfasst.&laquo;<\/i>[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Der Weg dorthin wurde lange und umfassend vorbereitet. Ideologisch wurde bereits vor 1989 daran gearbeitet, das Nachkriegsdeutschland von der &raquo;ewigen Schuld&laquo; zu befreien. Man erkl&auml;rte sich f&uuml;r &raquo;normal&laquo; und &raquo;grundlegend zivilisiert&laquo;. Mit der Wiedervereinigung wurden die letzten erkennbaren Folgen des verlorenen Weltkrieges beseitigt. H&ouml;chste Zeit, in die Zukunft zu schauen: <i>&raquo;Deutschland hat mit seiner Geschichte abgeschlossen, es kann sich k&uuml;nftig offen zu seiner Weltmachtrolle bekennen und soll diese ausweiten.&laquo;<\/i>[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]. W&auml;hrend mit der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen, wie z.B. der Gleichsetzung Nazi-Deutschlands mit der SED-Regierung, die bis dato anerkannte &bdquo;besondere&ldquo; Verantwortung Deutschlands auf das europ&auml;isch &uuml;bliche Ma&szlig; zusammengestaucht wurde, n&auml;herte sich die deutsche Bundeswehr ihrem ersten &rsaquo;direkten&lsaquo; Kampfeinsatz von allen Seiten: Mal mit deutschen Kriegsschiffen im Mittelmeer und Minensuchbooten vor der K&uuml;ste Kuwaits w&auml;hrend des US-alliierten Angriffes auf den Irak (1991). Mal mit Bundeswehrsanit&auml;tern und Verbandsmaterial in Kambodscha (1992\/93), ein anderes Mal als Soldaten eines Nachschublagers in Somalia (1993\/94). Die Produktpalette reichte von den &raquo;Engeln von Phnom Penh&laquo; (Verteidigungsminister R&uuml;he) bis hin zur friedenssichernden Milit&auml;rtruppe in Bosnien (1996).<\/p><p>&raquo;Die Reise in die au&szlig;enpolitische Normalit&auml;t&laquo;[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] hatte nicht die territoriale Verteidigung im Auge. Als es noch einen milit&auml;risch-relevanten und system-ideologischen Feind gab, den kommunistischen Ostblock, war man bereits in der &raquo;Vorneverteidigung&laquo;. Nach dessen Zusammenbruch entdeckte auch Deutschland seine vitalen Interessen &uuml;berall in der Welt, die es nicht nur wirtschaftlich und politisch durchzusetzen gilt. Damit war und ist die BRD auf NATO-H&ouml;he. <\/p><p><i>&raquo;(Auch) die Allianz wurde ausschlie&szlig;lich als B&uuml;ndnis zur Verteidigung des Territoriums der Mitgliedsstaaten gegr&uuml;ndet (Art. 5). Hat sich diese Verteidigungsaufgabe &uuml;berholt, weil der Feind abhandengekommen ist, so ist es legitim, sich nach neuen Aufgaben und einer neuen Legitimation umzuschauen &ndash; was man sp&auml;testens seit 1989 intensiv tut&laquo;<\/i>[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] <\/p><p>Eine kindgerechte Umschreibung f&uuml;r einen Imperialismus, der andere Staaten in Grund und Boden bombt &ndash; dabei mit ernster Miene auf das V&ouml;lkerrecht verweist und selbst milde-l&auml;chelnd dran vorbeizieht. Was jahrelang noch den eigenen Statuten widersprach, wurde auf der 50. Jahrestagung der Nato 1999 mit einer Neudefinition aus dem Weg ger&auml;umt: Weg von der territorialen Verteidigung, hin zur milit&auml;rischen Durchsetzung globaler Interessen. Kurzum, die Etablierung einer &raquo;Weltinnenpolitik&laquo;, die sich selbst das Mandat erteilt, wo die Interessen der imperialistischen Staatengemeinschaft verletzt sind und milit&auml;risch verteidigt werden m&uuml;ssen. Damit verschieben sich im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen. Mit der Neufassung der Nato-Statuten wurden de facto die v&ouml;lkerrechtlichen Dogmen von der nationalen Souver&auml;nit&auml;t und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten f&uuml;r null und nichtig erkl&auml;rt. Der &raquo;low intensity war&laquo; der 70er und 80er Jahre geht mit viel Applaus in eine offene Kriegsf&uuml;hrung &uuml;ber.<\/p><p>Was sich in Europa im Bombenhagel gegen Jugoslawien etabliert, hat und wird Methode: Am Anfang steht die politische und wirtschaftliche Destabilisierung eines missliebigen Staates, der sich der Welt&rsquo;innen&lsquo;politik und\/oder dem kapitalistischen Weltmarkt nicht unterwirft. Als n&auml;chster Schritt folgt die Ethnifizierung sozialer Konflikte, die mit der St&auml;rkung nationalistischer\/religi&ouml;ser Gegenspieler einhergehen. Mit finanziellen und milit&auml;rischen Mitteln baut man diese auf, bis sich &rsaquo;b&uuml;rgerkriegs&auml;hnliche&lsaquo; Zust&auml;nde einstellen. Dann folgt das einstudierte Erschrecken ob der Ereignisse, denen man nicht mehr tatenlos zusehen kann. Genau der richtige Zeitpunkt, das Ringen um eine politische, friedliche L&ouml;sung, die selbstlose Vermittlerrolle zwischen zwei Kriegsparteien in Szene zu setzen. Am Ende steht &ndash; gegebenen Falles &ndash; die direkte milit&auml;rische Intervention, ausgestattet mit einer moralischen Legitimation, die zu verhindern vorgibt, wof&uuml;r sie jahrelang die Bedingungen geschaffen hat. Wenn die US-Au&szlig;enministerin Albright erkl&auml;rt, dass die &raquo;Eind&auml;mmung von ethnischen Konflikten&laquo; als neues NATO-Kriegsterrain erschlossen werden muss &ndash; mit der F&auml;higkeit und Bereitschaft, zwei oder drei solcher Kriege gleichzeitig zu f&uuml;hren &ndash; dann folgt sie genau diesem Drehbuch.<\/p><p><strong>Jugoslawiens nach der Kapitulation &ndash; Noch nie war der n&auml;chste Krieg so greifbar<\/strong><\/p><p>Soviel Herzlichkeit und &Uuml;berschwang unter all den (Staats-)M&auml;nnern, die sich mit diesem Krieg so schwertaten, war schon lange nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen. Die Nachricht, dass das serbische Parlament am 6.4.1999 die Nato-Bedingungen, Wort f&uuml;r Wort, annahm, schlug wie eine (Cocktail-)Bombe in den Reihen der EU-Minister in K&ouml;ln ein. Bundeskanzler Schr&ouml;der lie&szlig; es sich nicht nehmen, ganz unprotokollarisch ein K&ouml;lsch zu trinken. Er lachte, winkte, war einfach locker drauf. Das steckte an. Und so lagen sich einige Kriegskollegen, vor laufenden Kameras, ganz ungeniert und distanzlos, in den Armen. Es gab allen Grund, so ausgelassen zu sein. Das Bomben hatte sich gelohnt. Und der &rsaquo;Frieden&lsaquo; noch mehr.<\/p><p>Jugoslawien liegt in Schutt und Asche, die gesamte zivile Infrastruktur ist zerst&ouml;rt. Die unter Nato-Aufsicht zur&uuml;ckkehrenden Fl&uuml;chtlinge werden in ein zerbombtes Land zur&uuml;ckkehren. Ihre eh kargen Lebensbedingungen werden sie noch zerst&ouml;rter vorfinden. Die Bundesrepublik Jugoslawien als souver&auml;ner Staatenbund existiert nicht mehr. Was als Annahme des Fischer-Friedensplanes gehandelt wird, ist nichts anders als der vorl&auml;ufige Schlusspunkt unter die Filetierung Jugoslawiens.<\/p><p>Man muss den Wortlaut des Fischer-Friedensplans nicht kennen. Wer in 79 Tagen ein Land in Schutt und Asche legt, verhandelt nicht &uuml;ber das Danach. Er legt es einfach fest.<\/p><p>War wirklich etwas Anderes zu erwarten? Gegen den Luftkrieg der Nato war Jugoslawien vom ersten Tag an hilflos. Was blieb, waren Hoffnungen, Spekulationen und historische Bem&uuml;hungen. Alles zerplatzte, Tag f&uuml;r Tag. Die Hoffnungen, die Nato k&ouml;nne einen wochenlangen Krieg innenpolitisch nicht durchsetzen, erwiesen sich als falsch. Weder entstand eine entschlossene Kriegsopposition in den einzelnen kriegsf&uuml;hrenden Nato-L&auml;ndern, noch taten sich erstzunehmende Risse im Block der Kriegskoalition&auml;re auf. <\/p><p>Auch die Hoffnung Jugoslawiens, Russland k&ouml;nne seinen aus Sowjetzeiten erworbenen Hegemonialanspruch auf den Balkan geltend machen, erwies sich mehr als &uuml;berholt. Zwar n&auml;hrte so manch lancierte Drohung (Waffenlieferungen an Jugoslawien, die Entsendung von Kriegsschiffen, die Wiederausrichtung atomarer Ziele auf Nato-Staaten) diese Illusion. Doch es bedurfte in all diesen F&auml;llen nicht einmal der Nato, diese &rsaquo;Drohungen&lsaquo; zu bewerten. Sie wurden jedes Mal von der russischen F&uuml;hrung prompt und gehorsam dementiert. Denn all diesen Drohszenarien zielten zu keiner Zeit auf die Nato, sondern auf die inner-russische Opposition, die mit martialischen Ank&uuml;ndigungen und Andeutungen ruhiggestellt werden sollte.<\/p><p>Schlie&szlig;lich und endlich d&uuml;rfte auch der jugoslawischen Regierung klar gewesen sein, dass der Versuch, den Nato-Krieg mit dem faschistischen &Uuml;berfall Deutschlands und Italiens zu vergleichen, bestenfalls propagandistische Wirkung haben konnte. F&uuml;r einen Partisanenkrieg fehlten die milit&auml;rischen, vor allem aber die gesellschaftlichen Voraussetzungen. Gesellschaftliche Voraussetzungen, die die jugoslawische F&uuml;hrung viele Jahre zuvor eigenh&auml;ndig mit zerst&ouml;rte. Zwar brachte der Nato-Krieg die jugoslawische Opposition so gut wie zum Schweigen. Doch eine soziale, gesellschaftliche Utopie, die sowohl &uuml;ber diesen m&ouml;rderischen Nato-Krieg, als auch &uuml;ber dessen zivilgesellschaftliche Version, Anschluss an den Kapitalismus, hinausweist, hatte weder die jugoslawische Regierung noch die (parlamentarische) Opposition. Die Drohung mit einem Partisanenkrieg blieb Kriegsrethorik und musste es bleiben &ndash; angesichts einer post-kommunistischen F&uuml;hrung, die der Zerschlagung Jugoslawiens nicht viel mehr entgegensetzte als Panzer und untaugliche historische Analogien.<\/p><p><strong>Eine &raquo;Luftkampagne&laquo; f&uuml;r den Frieden?<\/strong><\/p><p>Viele Informationen, die vor dem Krieg nicht zug&auml;nglich waren, stehen jetzt zur Verf&uuml;gung. Viele Spekulationen dar&uuml;ber, warum die Nato Krieg f&uuml;hrte, k&ouml;nnen mit und nach Beendigung des Krieges ad acta gelegt werden. Viele Zweifel an der behaupteten &raquo;humanit&auml;ren Intervention&laquo; k&ouml;nnen jetzt anhand der Kriegsergebnisse &uuml;berpr&uuml;ft werden. Zentrale Behauptung der Kriegsbef&uuml;rworterInnen war: Es gab keine &rsaquo;realistische&lsaquo; Alternative zum Nato-Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, um eine &raquo;humanit&auml;re Katastrophe&laquo; zu verhindern. Was bleibt davon heute &uuml;brig?<\/p><p>Das offizielle politische Ziel der Nato-Angriffe war, die jugoslawische Regierung an den Verhandlungstisch &rsaquo;zur&uuml;ckzubomben&lsaquo;. Sie sollte das Abkommen von Rambouillet unterschreiben. Bereits f&uuml;nf Tage nach den Angriffen der Nato erkl&auml;rten f&uuml;hrende Vertreter der Nato-Staaten das Rambouillet-Abkommen f&uuml;r &uuml;berholt. Ein unabh&auml;ngiger Staat Kosovo sei jetzt die einzig-realistische L&ouml;sung. Nach 14 Tagen Bomben-Krieg wurden Nato-Vertreter noch deutlicher. Das Wort vom &raquo;Nato-Protektorat&laquo; machte die Runde. Damit n&auml;herte sich die seit &uuml;ber zehn Jahren betriebene Zerschlagung und Aufteilung Jugoslawiens der letzten Phase.<\/p><p>Daran konnte auch ein am 6.4.1999 von der jugoslawischen Regierung verk&uuml;ndeter einseitiger Waffenstillstand nichts &auml;ndern. Das Angebot, alle milit&auml;rischen Einheiten aus dem Kosovo abzuziehen, verbunden mit der Zusicherung, dass die Fl&uuml;chtlinge in den Kosovo zur&uuml;ckkehren k&ouml;nnen, stie&szlig; auf taube Ohren. Worum es der Nato wirklich ging, machten Nato-Sprecher und Bundeskanzler Schr&ouml;der noch am selben Tag deutlich: Um die vollst&auml;ndige Zerschlagung der jugoslawischen Armee und die anschlie&szlig;ende Stationierung von Nato-Streitkr&auml;ften &ndash; koste, was es wolle.<\/p><p>Diese &rsaquo;Verhandlungsstrategie&lsaquo; ist einge&uuml;bt. Sie ist Teil einer Inszenierung, die Krieg nicht verhindern, sondern erm&ouml;glichen soll. Bereits im US-alliierten Krieg gegen den Irak 1991 wurde sie mit Erfolg angewandt: Nach dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait machte die irakische Regierung das Angebot, sich aus dem Kuwait zur&uuml;ckzuziehen. Die Antwort des damaligen US-Pr&auml;sidenten George Bush war eindeutig: &raquo;Es wird keine Verhandlungen geben.&laquo;<\/p><p>So wenig es im Golfkrieg 1991 um die Besetzung bzw. Wiederherstellung der nationalen Souver&auml;nit&auml;t Kuwaits ging, so wenig ging es im Nato-Krieg gegen Jugoslawien um eine politische L&ouml;sung. &Uuml;ber die eigentlichen Ziele der USA und\/oder der Nato wird nicht verhandelt &ndash; weder im Golf-Krieg, noch im Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien.<\/p><p><i>US-Bomberpilot: &raquo;Ich befinde mich auf 3.000 Fu&szlig;. Unten befindet sich ein Konvoi aus Autos und einigen Traktoren. Was ist das? Ich fordere Instruktionen.&laquo;<\/i><\/p><p><i>Awac: &raquo;Was f&uuml;r ein merkw&uuml;rdiger Konvoi das ist? Was f&uuml;r Zivilisten, verdammt, es handelt sich um einen serbischen Trick. Zerst&ouml;re das Ziel.&laquo;<\/i><\/p><p><i>US-Bomberpilot: &raquo;Was soll ich zerst&ouml;ren? Traktoren? Autos? Ich wiederhole, ich sehe keine Panzer. Ich fordere weitere Instruktionen.&laquo;<\/i><\/p><p><i>Awac: &raquo;Es handelt sich um ein milit&auml;risches Ziel, ein legitimes milit&auml;risches Ziel. Zerst&ouml;re das Ziel. Ich wiederhole: Zerst&ouml;re das Ziel.&laquo;<\/i><\/p><p><i>US-Bomberpilot: &raquo;Verstanden. Ich feuere.&laquo;<\/i><\/p><p>Funkverkehr zwischen dem Piloten eines US-amerikanischen Kampfflugzeuges, das einen kosovarischen Fl&uuml;chtlingstreck beschoss und dem Awac-Leitflugzeug f&uuml;r diesen Angriff, bei dem mindestens 45 Personen get&ouml;tet wurden. (Il Manifesto)<\/p><p><strong>Gegen wen f&uuml;hrte die Nato tats&auml;chlich Krieg?<\/strong><\/p><p>Mit der Behauptung einer &raquo;humanit&auml;ren Intervention&laquo; war das Versprechen verkn&uuml;pft, keinen Krieg gegen die Zivilbev&ouml;lkerung zu f&uuml;hren. Tats&auml;chlich wurden in den ersten beiden Wochen vor allem milit&auml;rische Ziele zerst&ouml;rt. Das f&uuml;hrte jedoch weder zu einer Kapitulation der jugoslawischen Armee noch zu einer Demoralisierung der Zivilbev&ouml;lkerung. Anstatt sich gegen den &raquo;Diktator&laquo; zu erheben, gingen Hunderttausende gegen die Nato-Angriffe auf die Stra&szlig;e. Zweifel wurde in den kriegsf&uuml;hrenden Staaten laut, dass dieser Krieg so zu gewinnen sei. Der Einsatz von Bodentruppen wurden erwogen und wieder verworfen. Stattdessen wurde die &raquo;<i>Ausweitung milit&auml;rischer Ziele<\/i>&laquo; beschlossen: Von nun an sollte auch die Zivilbev&ouml;lkerung um ihr Leben f&uuml;rchten: <\/p><p>&raquo;<i>Ich denke, kein Strom f&uuml;r deinen Eisschrank, kein Gas f&uuml;r deinen Herd, du kommst nicht zur Arbeit, weil die Br&uuml;cke weg ist &ndash; die Br&uuml;cke, auf der du deine Rockkonzerte veranstaltet hast &ndash; und ihr alle standet da, mit Zielscheiben auf euren K&ouml;pfen. Das muss um drei Uhr morgens verschwinden<\/i>.&laquo;[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] <\/p><p>Sp&auml;testens seit dem Golf-Krieg 1991 kann man wissen, was damit gemeint ist, wenn nicht mehr von milit&auml;rischen, sondern von &raquo;legitimen Zielen&laquo; die Rede ist. Eine andere Umschreibung f&uuml;r einen Krieg, der sich fortan gegen die zivile und wirtschaftliche Infrastruktur eines Landes richtet. Die Liste ist lang. Sie reicht von Tabakfabriken, D&uuml;ngerfabriken, &Ouml;lraffinerien, Treibstofflagern, Umspannwerken, Sendeanlagen, Automobil- und Chemiewerken, bis hin zu (Eisenbahn-)Br&uuml;cken, Kliniken, Trinkwasseranlagen und Telefonzentralen: &raquo;Insgesamt 31 gr&ouml;&szlig;ere Fabrikanlagen im ganzen Land sind im ersten Kriegsmonat zerst&ouml;rt worden. Der Kriegsschaden wird auf umgerechnet etwa 180 Milliarden Mark gesch&auml;tzt. Auch zwanzig Stra&szlig;en- und Eisenbahnbr&uuml;cken wurden inzwischen zerst&ouml;rt oder schwer besch&auml;digt, wie die Regierung in Belgrad und die Nato &uuml;bereinstimmend berichten.<\/p><p>Nach zehn Jahren unter UN-Sanktionen war das Land bereits vor Beginn der Nato-Angriffe auf das Niveau von 1968 zur&uuml;ckgeworfen. Inzwischen habe die NATO Jugoslawien allerdings auf den Stand &rsaquo;zur&uuml;ckgebombt&lsaquo;, den es am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte, sagen Belgrader Wirtschaftsexperten.&laquo;[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] <\/p><p>Anders als im US-alliierten Krieg gegen den Irak konnten sich selbst Kriegsbef&uuml;rworterInnen ein Bild davon machen. Kaum ein Tag verging, wo nicht ein Getreidesilo brannte oder eine Autofabrik in Schutt und Asche gelegt wurde. Offensichtlich sahen die Nato-Strategen die Zeit f&uuml;r gekommen, auch die Bev&ouml;lkerung in den kriegsf&uuml;hrenden Staaten an diese Art der Kriegsf&uuml;hrung zu gew&ouml;hnen. Sie sollten Recht behalten. Die vor allen Augen durchgef&uuml;hrte &raquo;<i>Pulverisierung<\/i>&laquo;[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] der zivilen Infrastruktur Jugoslawiens irritierte nicht mehr. Nicht ganz. Als die Nato ein Treibstoffdepot in Belgrad bombardierte, dabei auch Fensterscheiben der Residenz des Schweizer Botschafters zersprangen, &raquo;entr&uuml;stete&laquo; sich Au&szlig;enminister Joschka Fischer: &raquo;Der deutsche Nato-Vertreter in Br&uuml;ssel werde verlangen, dass die Allianz k&uuml;nftig zivile Sch&auml;den vermeiden m&uuml;sse, hie&szlig; es aus dem Ausw&auml;rtigen Amt.&laquo;[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] Eine Geste in Richtung Orchestergraben besorgter ZivilgesellschaftlerInnen, wie sich alsbald herausstellte. &raquo;Nato-Sprecher Jamie Shea erkl&auml;rte in Br&uuml;ssel zu den Forderungen Fischers, kein Mitgliedsland habe um eine &Auml;nderung der bisherigen Zielpolitik der Nato gebeten.&laquo;[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] <\/p><p>Sp&auml;testens mit dieser Eskalation ist das eingetreten, was die NATO zu verhindern vorgab. Der Fl&uuml;chtlingsstrom schwoll um ein Vielfaches an. Vor dem Nato-Angriffskrieg z&auml;hlten internationale Fl&uuml;chtlingsorganisationen ca. 200.000 Fl&uuml;chtlinge aus dem Kosovo. Nach 14 Tagen Krieg zur Verhinderung einer &raquo;humanit&auml;ren Katastrophe&laquo; wurden es ca. 900.000 Fl&uuml;chtlinge[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]. Dass alle Nachbarstaaten damit g&auml;nzlich &uuml;berfordert waren und die reichen kriegsf&uuml;hrenden Nato-Staaten alles daf&uuml;r taten, so wenig Fl&uuml;chtlinge wie irgend m&ouml;glich ins eigene Land zu lassen, geh&ouml;rt zur Perversion dieser humanit&auml;ren Kriegsrethorik.<\/p><p>Die systematische Zerst&ouml;rung ziviler Infrastruktureinrichtungen zielte nicht auf einen milit&auml;risch bereits geschlagenen Gegner. Es ging vor allem darum, einen Geiselstatus zu schaffen, f&uuml;r die Zeit nach dem Krieg. Wer nach einem solchen Krieg an der Macht bleibt oder an die Macht kommt, ist eine Frage der Kosmetik. Das Sagen werden die haben, die die Bedingungen f&uuml;r die Kredite zum Wiederaufbau diktieren. Und die sind nicht w&auml;hlbar. &raquo;<i>Nicht alles, was passiert, wird auf dem Bildschirm zu sehen sein<\/i>&laquo;, erkl&auml;rten Nato-Sprecher s&uuml;ffisant. Dazu z&auml;hlt mit Sicherheit die v&ouml;llige &ouml;konomische und politische Abh&auml;ngigkeit Jugoslawiens von den siegreichen Nato-Staaten.<\/p><p>Wer sich davon ein ungef&auml;hres Bild machen will, muss nur einen Blick nach Bosnien-Herzegovina werfen: Die bosnische Regierung sch&auml;tzt, dass der Wiederaufbau 47 Milliarden US-Dollar kosten wird. Die wirtschaftlichen und politischen Interessen der kredit-gebenden (Nato-)L&auml;nder sind bereits in die Verfassung eingeschrieben: &raquo;<i>Der Hochkommissar hat volle Exekutivrechte in allen zivilen Angelegenheiten. Er kann sogar Regierungsentscheidungen sowohl der bosnischen F&ouml;deration als auch der bosnisch-serbischen Republik Srpska au&szlig;er Kraft setzen<\/i>&laquo;[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>]. Genug Demokratie f&uuml;r ein Land, das nicht von einem demokratischen W&auml;hlerInnenvotum gelenkt wird, sondern einzig und alleine von den Diktaten, die die europ&auml;ischen Geldgeber an jeden Kredit kn&uuml;pfen.<\/p><p><strong>Hat der Nato-Krieg gegen Jugoslawien einen &raquo;drohenden V&ouml;lkermord&laquo; im Kosovo verhindert?<\/strong><\/p><p>Die jugoslawische Armee f&uuml;hrte einen Krieg gegen die UCK, die f&uuml;r einen unabh&auml;ngigen Staat Kosovo k&auml;mpfte. Jahrelang wurde die UCK von einzelnen Nato-Staaten politisch aufgewertet und milit&auml;risch ausger&uuml;stet, allen voran von der BRD und den USA.<\/p><p>Der Kampf gegen Separatismus war und ist kein spezielles Ph&auml;nomen Jugoslawiens. In allen Nato-Staaten wird gegen jede bewaffnete Gruppe oder Organisation vorgegangen, die die Verfasstheit des jeweiligen Staates mit Waffengewalt infrage stellen will &ndash; ob in Irland gegen die dort operierende IRA, ob in Spanien gegen die ETA oder in der T&uuml;rkei gegen die PKK. Im Kampf gegen separatistische Str&ouml;mungen sind sich alle europ&auml;ischen Staaten einig. In der Sprachregelung auch: Er wird als &rsaquo;Kampf gegen den Terrorismus&lsaquo; gef&uuml;hrt, grenz&uuml;berschreitend, mit legalen und mit illegalen Mitteln. Warum die UCK nicht &ndash; wie alle anderen auch &ndash; als &rsaquo;Terroristen&lsaquo; bek&auml;mpft, sondern als &rsaquo;Freiheitsk&auml;mpfer&lsaquo; unterst&uuml;tzt wurden, liegt vor allem am gemeinsamen Feind: Jugoslawien. Im Kampf gegen die politische und &ouml;konomische Verfasstheit der Bundesrepublik Jugoslawien passten die unterschiedlichen Rollen sehr gut zueinander: Der UN-Sicherheitsrat stellte mithilfe des verh&auml;ngten Wirtschaftsembargos die &ouml;konomische Strangulierung sicher, die UCK operierte mit bewaffneten Aktionen am Boden und die Nato demonstrierte mit ihrem Bombenkrieg Lufthoheit.<\/p><p>Ging die jugoslawische Armee mit ihrem Kampf gegen die UCK im Kosovo mit Mitteln vor, die sich der &raquo;ethnischen Kriegsf&uuml;hrung&laquo; bedienten? Geh&ouml;rten Massaker gegen die Zivilbev&ouml;lkerung zum Kampf gegen die UCK? Wurden Kosovo-AlbanerInnen systematisch vertrieben?<\/p><p>Ronald Keith war bis M&auml;rz 1999 Direktor der OSZE-Kosovo-&Uuml;berwachungskommission (KVM). In einer kanadischen Zeitung beschreibt er seine Eindr&uuml;cke bis zum 20.3.1999, dem Zeitpunkt, als die OSZE-Beobachter abgezogen wurden. Er berichtet von UCK-Hinterhalten, von Gegenreaktionen, von einem Kleinkrieg, &raquo;doch, wie ich bereits an anderer Stelle feststellte, wurde ich weder Zeuge noch erhielt ich Informationen &uuml;ber sogenannte &rsaquo;ethnische S&auml;uberungen&lsaquo;, und mit Sicherheit gab es keine Vorkommnisse von &rsaquo;V&ouml;lkermord-Politik&lsaquo;, solange ich mit der KVM im Kosovo war.&laquo;[<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] <\/p><p>Zu einem &auml;hnlichen Ergebnis kommt ein im M&auml;rz 1999 erstellter geheimer Lagebericht des deutschen Verteidigungsministeriums: &raquo;In den vergangenen Tagen kam es zu keinen gr&ouml;&szlig;eren Auseinandersetzungen zwischen serbisch-jugoslawischen Kr&auml;ften und der UCK &hellip; Die serbischen Sicherheitskr&auml;fte beschr&auml;nkten ihre Aktionen in j&uuml;ngster Zeit auf Routineeins&auml;tze wie Kontrollen, Streifent&auml;tigkeit, Suche nach Waffenlagern und &Uuml;berwachung wichtiger Verbindungsstra&szlig;en.&laquo;[<a href=\"#foot_22\" name=\"note_22\">22<\/a>] <\/p><p>Genau das Gegenteil wurde in die &Ouml;ffentlichkeit lanciert. Es drohe ein &raquo;V&ouml;lkermord&laquo;, wenn die Nato ihn nicht sofort verhindere. Nachdem die Nato &uuml;ber zwei Wochen Jugoslawien bombardierte, ohne dass ein Ende in Sicht war, drohte die Kriegszustimmung zu br&ouml;ckeln. Der Verteidigungsminister Rudolf Scharping legte nach: <\/p><p>&raquo;<i>Wenn ich h&ouml;re, dass im Norden von Pristina ein Konzentrationslager eingerichtet wird, wenn ich h&ouml;re, dass man die Eltern und die Lehrer von Kindern zusammentreibt und die Lehrer vor den Augen der Kinder erschie&szlig;t, wenn ich h&ouml;re, dass man in Pristina die serbische Bev&ouml;lkerung auffordert, ein gro&szlig;es &rsaquo;S&lsaquo; auf die T&uuml;ren zu malen, damit sie bei den S&auml;uberungen nicht betroffen sind, dann ist da etwas im Gange, wo kein zivilisierter Europ&auml;er mehr die Augen zumachen darf, au&szlig;er er wollte in die Fratze der eigenen Geschichte schauen<\/i>.&laquo;[<a href=\"#foot_23\" name=\"note_23\">23<\/a>]<\/p><p>Es gab kein KZ in Pristina und &raquo;das &rsaquo;S&lsaquo; zum Schutz der Serben hat in Pristina auf keiner einzigen T&uuml;r geprangt.&laquo;[<a href=\"#foot_24\" name=\"note_24\">24<\/a>] Der Bombenkrieg wurde fortgesetzt und neben den vielen Zerst&ouml;rungen wurde tagt&auml;glich das Schicksal der Fl&uuml;chtlinge ins Bild ger&uuml;ckt. Wie sie dorthin kamen, erz&auml;hlte der Nato-Sprecher Jamie Shea ganz offenherzig: &raquo;Nach dem Angriff auf den Fl&uuml;chtlingskonvoi bei Djakovica, dem ersten &rsaquo;Unfall&lsaquo; des Krieges, fiel die &ouml;ffentliche Zustimmung in vielen L&auml;ndern, auch in Deutschland, um 20 bis 25 Punkte. Wir mussten sechs Wochen hart arbeiten, um die &ouml;ffentliche Meinung zur&uuml;ckzugewinnen. Milosevic machte den Fehler, die Fl&uuml;chtlinge aus dem Kosovo nach Albanien und Mazedonien zu treiben. An der Grenze waren Fernsehteams, die das Leiden filmten. Und so stellte sich die &ouml;ffentliche Meinung wieder hinter die Nato&laquo;[<a href=\"#foot_25\" name=\"note_25\">25<\/a>].<\/p><p>Ob die Fl&uuml;chtlinge vor &rsaquo;Milosevic&lsaquo; oder vor der Nato und der UCK fliehen, wollte der Verteidigungsminister Rudolf Scharping nicht der Suggestivkraft der Bilder &uuml;berlassen &ndash; und ging auf Nummer Sicher. Am 7.4.1999 trat er mit einem angeblich geheimen jugoslawischen Operationsplan &rsaquo;Hufeisen&lsaquo; vor die &Ouml;ffentlichkeit: &raquo;Er zeigt sehr deutlich, dass in klar erkennbaren Abschnitten die jugoslawische Armee, die jugoslawische Staatspolizei begonnen hat, in der Zeit von Oktober bis zum Beginn der Verhandlungen in Rambouillet, die Vorbereitung f&uuml;r die Vertreibung der Bev&ouml;lkerung nicht nur zu treffen, sondern diese Vertreibung auch schon begonnen hat. Es zeigt im &Uuml;brigen sehr deutlich das systematische und ebenso brutale wie m&ouml;rderische Vorgehen, das seit Oktober 1998 geplant und seit Januar 1999 ins Werk gesetzt worden ist&laquo;[<a href=\"#foot_26\" name=\"note_26\">26<\/a>].<\/p><p>Was weder die OSZE-Beobachter feststellen konnten, noch die geheimen Lageberichte der Nato und des deutschen Verteidigungsministeriums, sollte nun der &raquo;<i>Hufeisenplan<\/i>&laquo; beweisen. Das Einzige, was in diesem Zusammenhang wirklich systematisch ist, sind die Aneinanderreihungen von Kriegsl&uuml;gen und T&auml;uschungen: Ein Operationsplan &rsaquo;Hufeneisen&lsaquo; gab es nicht. Der Vorwurf des &rsaquo;V&ouml;lker&lsaquo;mordes, der systematischen Vertreibung und Ermordung von Kosovo-AlbanerInnen erwies sich &ndash; sp&auml;testens nach dem Krieg &ndash; als Propagandal&uuml;ge. Zu diesem Ergebnis kam auch Heinz Loquai, ehemaliger Brigadegeneral der Bundeswehr und Mitarbeiter der OSZE in Wien, in seinem Buch: &raquo;<i>Der Kosovo-Konflikt &ndash; Wege in einen vermeidbaren Krieg<\/i>&laquo; Dabei st&uuml;tzte er sich vor allem auf interne Tagesberichte der Kosovo-Verifikationsmission (KVM) der OSZE, auf die Monatsberichte des OSZE-Vorsitzes an den UN-Generalsekret&auml;r und auf &raquo;exzellente Berichte der deutschen Botschaft in Belgrad&laquo;. Welche Bedeutung der sogenannten &raquo;Hufeisenplan&laquo; hat, beschreibt Heinz Loquai folgenderma&szlig;en: &raquo;Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem &raquo;Massaker von Racak&laquo; und dem &raquo;Hufeisenplan&laquo;. Der Leiter der KVM, Walker, z&uuml;ndete mit seiner unbewiesenen Version von &raquo;Racak&laquo; die Lunte zum Krieg gegen Jugoslawien. Scharping l&ouml;schte mit dem &raquo;Hufeisenplan&laquo; die Kritik an diesem Krieg. Beide Anschuldigungen [&hellip;] konnten so ihren Zweck erf&uuml;llen.&laquo;[<a href=\"#foot_27\" name=\"note_27\">27<\/a>]<\/p><p>Wer eine noch unverd&auml;chtigere Quelle zu Rate ziehen m&ouml;chte, sei auf den bereits am 17.10.1999 ver&ouml;ffentlichten Stratfor-Bericht verwiesen. Hinter dem K&uuml;rzel Stratfor versteckt sich keine anti-imperialistische Gruppierung, sondern die Strategic Forecasting Inc., eine Firma von Sozialwissenschaftlern, Rechercheuren und ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern in Texas. &raquo;Dieser Stratfor-Bericht beruht auf Informationen sowohl des UN-Tribunals als auch anderer westlicher Institutionen wie der OSZE oder der KFOR sowie auf Medienberichten. Stratfor-Direktor George Friedmann kam zu dem Ergebnis: &rsaquo;Sicher ist, dass im Kosovo Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie die Vertreibung von Albanern, begangen wurden. Aber gleichzeitig m&uuml;ssen wir aus den Daten schlie&szlig;en, dass es nicht zu einem massenhaften, systematischen T&ouml;ten gekommen ist&lsaquo;&laquo;[<a href=\"#foot_28\" name=\"note_28\">28<\/a>]<\/p><p>Mit noch h&ouml;heren Weihen ist das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgestattet, das dem fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten Slobodan Milosevic den Prozess macht. Dort wird er wegen vielem angeklagt, nur nicht des &raquo;V&ouml;lkermordes&laquo; im Kosovo. &raquo;Als Carla del Ponte [Chefankl&auml;gerin, d.V.] von &rsaquo;Le Monde&lsaquo; gefragt wurde, warum dieser Anklagepunkt fehle, musste sie zugeben: &rsaquo;Weil es keine Beweise daf&uuml;r gibt&lsaquo;&laquo;[<a href=\"#foot_29\" name=\"note_29\">29<\/a>]<\/p><p><strong>Endlich wieder Krieg<\/strong><\/p><p>Kehren wir zu den EU-Ministern zur&uuml;ck, die auf den ersten gemeinsam gewonnenen Angriffskrieg anstie&szlig;en. In Siegerlaune schrieben sie sich die n&auml;chsten Angriffsziele in ihre Terminkalender: Schneller als geplant soll die EU ihre milit&auml;rische F&uuml;hrung bekommen. Noch schneller als vorgesehen sollen die milit&auml;rischen Einheiten f&uuml;r zuk&uuml;nftige Kriege bereitstehen. Der Krieg gegen Jugoslawien diente als Vorlage f&uuml;r eine &raquo;westeurop&auml;ische Verteidigungsidentit&auml;t&laquo;, der ein milit&auml;risches Exempel &ndash; im vertraglichen Niemandsland &ndash; nicht schadete, sondern entscheidend und beschleunigend zum Durchbruch verhalf.<\/p><p>Deutschland spielte dabei keine Neben-, sondern eine Hauptrolle. Vieles spricht daf&uuml;r, dass der n&auml;chste Krieg, die n&auml;chste deutsche Beteiligung daran, ohne gro&szlig;e Verweise auf die eigene Vergangenheit auskommen wird. Mit der allerorts gefeierten &raquo;au&szlig;enpolitischen Normalit&auml;t&laquo; ist der Blick nach vorne gerichtet, auf ein Europa als zweite Weltmacht, die milit&auml;risch dort nachziehen wird, wo sie politisch und wirtschaftlich l&auml;ngst steht.<\/p><p>Damit k&uuml;ndigt sich milit&auml;risch das an, was politisch und wirtschaftlich l&auml;ngst Realit&auml;t ist: die Nicht-Existenz &raquo;nationaler Souver&auml;nit&auml;t&laquo; vieler (nicht-europ&auml;ischer) Staaten. Seit Jahren stehen die nationalen Souver&auml;nit&auml;tsrechte vieler Staaten, das &raquo;Nichteinmischungsgebot in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates&laquo;, nur noch auf dem Papier. Die meisten Staaten werden nur noch &ndash; h&ouml;flicherweise &ndash; auf der Landkarte vermerkt. De facto wird deren Innenpolitik mehr von ausl&auml;ndischen Gl&auml;ubigern, Terms of Trade, vom IWF, der Weltbank diktiert, als vom &ndash; wie auch immer gearteten &ndash; W&auml;hlerInnenwillen.<\/p><p><strong>Die Business-Class des Krieges &ndash; die Bodentruppen in Zivil<\/strong><\/p><p>Der milit&auml;rische Teil dieses Nato-Krieges wurde mit der Kapitulation Jugoslawiens am 9.6.1999 beendet. Der Luftraum wurde f&uuml;r den Zivilverkehr wieder freigegeben &ndash; und die Manager und Krediteure des Krieges kamen. Zeit f&uuml;r die Business-Class, die Kriegssch&auml;den &ndash; auch vom Boden aus &ndash; gen&uuml;sslich zu begutachten. Der Betrag von &uuml;ber 100 Milliarden Dollar machte die Runde. Genug, um am Wiederaufbau genauso zu verdienen wie am Krieg selbst. Was Detlef Hartmann als sch&ouml;pferische Zerst&ouml;rung bezeichnet, durfte der deutschen Au&szlig;enminister Joschka Fischer als &raquo;Marshall-Plan&laquo; f&uuml;r den ganzen Balkan preisen. Ein &raquo;Stabilit&auml;tspakt&laquo;, ein &raquo;Angebot an die L&auml;nder aus der Erbmasse des alten Jugoslawiens, sich eng an die EU anzuschlie&szlig;en, um sich auf eine k&uuml;nftige Mitgliedschaft vorzubereiten&laquo;[<a href=\"#foot_30\" name=\"note_30\">30<\/a>]. Ein Angebot, zu dem es keine Alternative gibt. Ein &bdquo;Angebot&ldquo;, das man besser nicht ausschl&auml;gt.<\/p><p>&raquo;Gerade angesichts der akuten Krise auf dem Balkan ist es unverzichtbar, dass Europa seine Bereitschaft und F&auml;higkeit unter Beweis stellt, sich den dr&auml;ngenden Fragen anzunehmen und entschlossen zu handeln&laquo;[<a href=\"#foot_31\" name=\"note_31\">31<\/a>]. Eine psychisch bedenkliche Selbstwahrnehmung eines Haufens, der die T&uuml;r eintritt und ganz sicher ist, dass alle nach ihm gerufen haben.<\/p><p>Die Nato-Bomber wurden nach 72 Tagen zur&uuml;ckbeordert. Die Business-Class wird Jahre bleiben und die Lebensgrundlagen f&uuml;r die Mehrheit der Menschen noch nachhaltiger zerst&ouml;ren, als es die Bomben taten. F&uuml;r diese Annahme bedarf es keiner Spekulationen. Ein Blick nach Kroatien, wo sich ein Kriegsverbrecher als Tito-Imitat geriert, ein Blick nach Bosnien-Herzegovina, wo ein Kinderparlament unter Nato-Aufsicht &uuml;bt, ein Blick auf die Lebensverh&auml;ltnisse aller &rsaquo;unabh&auml;ngigen&lsaquo; Staaten Ex-Jugoslawiens gen&uuml;gt. Alles spricht daf&uuml;r, dass der Balkan der Hinterhof der EU wird.<\/p><p>Der Krieg der Bomben ist vor&uuml;ber. Die Frage, wie lange die Business Class des Krieges in Frieden gelassen wird, bleibt unbeantwortet. Eine antikapitalistische und antiimperialistische Kritik an Krieg und Frieden (ver-)st&ouml;rt zurzeit die deutsche Linke mehr als die alten und neuen Kriegskoalitionen. Am Frieden hier h&auml;ngen nicht nur die &sbquo;anderen&lsquo;.<\/p><p>Der Krieg gegen Jugoslawien wurde in aller Ruhe vorbereitet. Real-politisch blieb die Anti-Kriegsopposition weitgehendst ZuschauerIn &ndash; ob als PazifistIn, Anti-MilitaristIn oder AntiimperialistIn. Dieses friedliche Miteinander wird sich auch der n&auml;chste Krieg leisten k&ouml;nnen.<\/p><p>Titelbild: RegionalStock\/shutterstock.com<\/p><p><i>Krieg ist Frieden. &Uuml;ber Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach &hellip; Unrast Verlag 2002<\/i><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Rede des Au&szlig;enministers Joschka Fischers auf dem Sonderparteitag der Gr&uuml;nen am 13.5.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Kosovo-Chronologie, GIB<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Die Weltbank, Bericht &uuml;ber die Entwicklung der Weltwirtschaft 1991, zitiert nach M.Chossudovski<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] ehem. deutscher Au&szlig;enminister Kinkel<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Snezana Bogavac, Korrespondentin der unabh&auml;ngigen jugoslawischen Nachrichtenagentur Beta, FR vom 1.4.99<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] FAZ vom 27.5.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] FR vom 10.4.99<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] FR vom 13.4.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] FR vom 13.4.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] FR vom 25.3.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Ex-Bundeskanzler Kohl, 30.1.1991<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] FAZ vom 3.4.2000<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Norman Paech, V&ouml;lker- und Verfassungsrechtler, FR vom 26.3.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Nato-Luftwaffenbefehlshaber, Generalleutnant Michael C. Short, The New York Times vom 13.5.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] FR vom 30.4.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] NATO-Oberbefehlshaber General Clark, ZDF-Sendung vom 21.9.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] FR vom Pfingsten 1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] FR vom Pfingsten 1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Tagesschau vom 6.4.1999<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Michael Chossudovsky, Wie Jugoslawien zerst&ouml;rt wurde<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] Kosovo-Chronologie, GIB, S.25<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_22\" name=\"foot_22\">&laquo;22<\/a>] Es begann mit einer L&uuml;ge, FR vom 12.2.2001<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_23\" name=\"foot_23\">&laquo;23<\/a>] Es begann mit einer L&uuml;ge, FR vom 12.2.2001<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_24\" name=\"foot_24\">&laquo;24<\/a>] Es begann mit einer L&uuml;ge, FR vom 12.2.2001<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_25\" name=\"foot_25\">&laquo;25<\/a>] Es begann mit einer L&uuml;ge, FR vom 12.2.2001<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_26\" name=\"foot_26\">&laquo;26<\/a>] Es begann mit einer L&uuml;ge, FR vom 12.2.2001<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_27\" name=\"foot_27\">&laquo;27<\/a>] Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt &ndash; Wege in einen vermeidbaren Krieg, S.144<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_28\" name=\"foot_28\">&laquo;28<\/a>] TAZ vom 3.12.99, &bdquo;Das Wort V&ouml;lkermord missbraucht?&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_29\" name=\"foot_29\">&laquo;29<\/a>] Konkret 5\/2002<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_30\" name=\"foot_30\">&laquo;30<\/a>] FR vom 2\/3.6.99<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_31\" name=\"foot_31\">&laquo;31<\/a>] Gerhard Schr&ouml;der an seine EU-Kollegen, FR vom 2\/3.6.99<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Urteil gegen den fr&uuml;heren bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladi&#263; sei, so ein Kommentar der FAZ vom 8. Juni 2021, die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Jugoslawien abgeschlossen. Diese Einsch&auml;tzung wird von vielen Medien verbreitet &ndash; ohne rot zu werden. Was f&uuml;r eine Farce. Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 war und ist v&ouml;lkerrechtswidrig.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73174\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73175,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,171,11],"tags":[714,1055,1917,2175,589,462,432,1611,304,466,1210,1203,1703,2474],"class_list":["post-73174","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-fischer-joschka","tag-fluechtlinge","tag-genozid","tag-interventionspolitik","tag-iwf","tag-jugoslawien","tag-kosovo","tag-kriegsluegen","tag-kriegsverbrechen","tag-nato","tag-scharping-rudolf","tag-separatismus","tag-voelkerrecht","tag-wiederaufbau"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/shutterstock_1612874467.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73174","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73174"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73174\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73187,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73174\/revisions\/73187"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73175"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}