{"id":73276,"date":"2021-06-13T11:45:23","date_gmt":"2021-06-13T09:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73276"},"modified":"2021-06-13T12:39:43","modified_gmt":"2021-06-13T10:39:43","slug":"vom-verlust-der-freiheit-raymund-unger-beschreibt-die-mechanismen-des-katastrophen-kults","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73276","title":{"rendered":"\u00abVom Verlust der Freiheit\u00bb &#8211; Raymund Unger beschreibt die Mechanismen des Katastrophen-Kults"},"content":{"rendered":"<p>In Zeiten der Corona-Politik ist die Freiheit zu einem knappen Gut geworden. Der Staat reglementiert nicht nur, wer wann wohin und unter welchen Bedingungen reisen, sondern auch wie viele Menschen er treffen darf. Wenn Politiker heute von &bdquo;Freiheiten&ldquo; sprechen, setzen sie diese mit Privilegien gleich, die der Staat seinen B&uuml;rgern gn&auml;digerweise einr&auml;umt &ndash; wenn sie sich benehmen. Im Jahr 2021 ist es um die Freiheit schlecht bestellt. Wer w&uuml;rde das leugnen? Ihr Untergang wurde w&auml;hrend der Corona-Krise lediglich zementiert, zeichnete sich aber schon weitaus fr&uuml;her ab. Diese Meinung vertritt zumindest Raymund Unger, der in seinem neuen Buch &laquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/vom-verlust-der-freiheit.html\">Vom Verlust der Freiheit<\/a>&raquo; den schleichenden Prozess nachzeichnet. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf 500 Seiten l&auml;sst der K&uuml;nstler und Publizist die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der letzten sechs Jahre Revue passieren, indem er sich nicht nur mit den drei gro&szlig;en Krisen (Migration, Klima, Corona) auseinandersetzt, sondern auch Mechanismen nennt, die eine &bdquo;Selbstzerst&ouml;rung westlicher Gesellschaften&ldquo; bedingen. Dazu z&auml;hlt Unger Ph&auml;nomene wie das mediale Framing, die Cancel Culture oder die Politische Korrektheit. F&uuml;r Unger stellen sie Instrumente dar, mit denen ein gewisser Massenzwang erzeugt wird, um geschickt die Agenden von supranationalen Institutionen wie EU, UNO oder WHO umzusetzen. <\/p><p>Die eigentlichen Drahtzieher dahinter sind w&auml;hrend der Lekt&uuml;re leicht zu erkennen. Es sind die global agierenden und finanzstarken Konzerne, deren Interessen mittlerweile &uuml;ber den nationalen demokratischen Grundprinzipien stehen. Das f&uuml;hre in eine technokratische Totalit&auml;t, in einen Zustand der Alternativlosigkeit, wie er in der Corona-Krise zur Normalit&auml;t geworden ist. Unger beklagt diese Entwicklung und teilt ordentlich aus, vor allem gegen den links-gr&uuml;nen Zeitgeist. Dieser habe alle wichtigen Staats- und Kulturinstitutionen durchdrungen und &uuml;be eine derartige Dominanz aus, dass sich ihm alle beugen m&uuml;ssen. Das gilt sogar f&uuml;r die kapitalistisch orientierten Global-Player: &bdquo;Jede strategische Unternehmung zur Gewinnmaximierung muss zwangsweise ein linksmoralisches und &ouml;kologisches Framing haben &ndash; und sei das eigentliche Vorhaben auch noch so kapitalistisch.&ldquo; <\/p><p>Vielen Entscheidungstr&auml;gern in den Ministerien, Redaktionen und Kultureinrichtungen falle dieser Widerspruch gar nicht erst auf. Stattdessen lie&szlig;en sie sich ideologisch einspannen, ohne zu merken, dass sie mithelfen, die freiheitlich-demokratische Grundordnung abzuschaffen. Doch warum sind diese &bdquo;provinziellen Quotenpolitiker&ldquo;, &bdquo;Haltungsjournalisten&ldquo; und &bdquo;Meinungspriester&ldquo; so manipulierbar? Auf diese Frage liefert Unger eine einfache, ja vielleicht zu einfache Antwort: &bdquo;Heutige Entscheider in Politik, Medien und Kultur sind Kinder von traumatisierten Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs&ldquo;. Sie leiden also an einem Trauma, das sich &uuml;ber Generationen hinaus auswirkt und sich darin zeigt, dass emotionaler Schmerz oder soziales Leid an Kinder und Kindeskinder weitergegeben wird. <\/p><p>&bdquo;Eltern von Babyboomern&ldquo;, wie Unger diese Klientel nennt, &bdquo;sch&uuml;tzen sich vor Retraumatisierung, indem sie die Erziehung ihrer eigenen Kinder versachlichen. Viele Kinder der 1960er- und 1970er-Jahre f&uuml;hlten sich aufgrund der emotionalen Distanz ihrer Eltern und Gro&szlig;eltern ungeliebt, verunsichert und abgelehnt. Narzisstische Pers&ouml;nlichkeitsmuster, die sich in der Folge herausbildeten, r&auml;sonieren in besonderer Weise mit globalen zeitgen&ouml;ssischen Schuldnarrativen.&ldquo; Das &auml;u&szlig;ere sich darin, dass Deutschland sich in Krisen profilieren m&ouml;chte: Man will den Planten besonders gut retten, man will besonders viele Fl&uuml;chtlinge aufnehmen und die Pandemie besonders gut meistern.<\/p><p>Deutschland, so l&auml;sst sich diese These zusammenfassen, wird von Personen gelenkt, die aufgrund des transgenerationalen Kriegstraumas &uuml;ber wenig Selbstbewusstsein verf&uuml;gen und dadurch zu Konformismus neigen. &bdquo;Da Menschen mit diesem Psychogramm keine echte, innerpsychische Freiheit kennengelernt haben, sind sie auch kaum in der Lage, gesellschaftlichen Freiheitsverlust wahrzunehmen&ldquo;, schreibt Unger. &bdquo;Mehr noch: Normierende, autorit&auml;re Strukturen werden sogar als entlastend erlebt.&ldquo; Wer eine gesellschaftliche Position erringe, in der er andere besch&auml;men, ma&szlig;regeln und belehren k&ouml;nne, sei in der Lage, seinen innerpsychischen Schmerz zu lindern.  <\/p><p>Das transgenerationale Trauma steht f&uuml;r Unger in einem m&auml;chtigen Wirkzusammenhang mit der besonderen Willf&auml;hrigkeit Deutschlands, globale Agenden umzusetzen. Dieser Erkl&auml;rungsansatz spielt bereits in seinem vorherigen Werk &laquo;Die Wiedergutmacher&raquo; eine gro&szlig;e Rolle. Das aktuelle Buch liest sich deshalb wie eine Variation bereits ausformulierter Thesen, nur weiter gefasst und um j&uuml;ngste Ereignisse erg&auml;nzt. Dementsprechend kurz h&auml;lt sich Unger bei der Beschreibung dieser kollektivpsychologischen Prozesse, geht daf&uuml;r aber in die Tiefe, wenn er sich der Corona- oder Klimakrise widmet. Die Vorliebe f&uuml;r Details geht sogar so weit, dass er sich bisweilen von dem eigentlichen Thema weit entfernt. F&uuml;r die Leser d&uuml;rfte das kein Problem darstellen, weil die Ausf&uuml;hrungen nie langweilig werden. <\/p><p>Man merkt dem Buch an, dass es auf ausgiebiger Recherche beruht und die darin besprochenen Themen den Autor bis in den Schlaf besch&auml;ftigen. Teilweise schreibt sich Unger seinen Frust von der Seele, bleibt dabei aber trotzdem sachlich. Es ist ein eleganter Stil mit kurzen, verst&auml;ndlich formulierten S&auml;tzen, die den Inhalt verdaulich machen. Um ihn in allen Einzelheiten auszubreiten, macht Unger nicht selten Anleihen bei anderen Autoren. Zitiert werden nicht nur Psychologen und Psychotherapeuten, sondern auch journalistische Artikel, Wikipedia-Eintr&auml;ge oder Strategiepapiere &ndash; und das in gro&szlig;em Umfang. Manche Passagen fremder Texte gehen sogar &uuml;ber Seiten, weshalb &laquo;Vom Verlust der Freiheit&raquo; stellenweise wie eine Collage wirkt. <\/p><p>Eher unkonventionell geht der Autor auch bei der Gliederung vor. Die drei Hauptkrisen handelt er nicht chronologisch ab, sondern zeitlich r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt &ndash; von der Corona- bis zur Migrationskrise. Zwischendurch schiebt Unger ein Kapitel mit so politisch hei&szlig;en Themen wie Gender oder Rassismus ein, anhand derer er zu zeigen versucht, inwiefern der Raum des Sagbaren und mit ihm der der Freiheit zunehmend verengt wird. Ein systematisch aufgebautes Werk ist das Buch nicht, vielmehr eine episodenhafte Auseinandersetzung mit tonangebenden Narrativen, die den Weg in den Totalitarismus vorbereiten.<\/p><p>Viel Optimismus kommt bei der Lekt&uuml;re nicht auf. Unger zeichnet ein d&uuml;steres Bild von den aktuellen Verh&auml;ltnissen und macht keinen Hehl daraus, dass er sich als einen Kulturpessimisten versteht. &bdquo;Kurzum&ldquo;, schreibt er in seinem Schlusswort, &bdquo;ich glaube nicht daran, dass sich die Zeit zur&uuml;ckdrehen l&auml;sst. Das alte Westdeutschland, in dem ein Koch wie mein Vater als Alleinern&auml;hrer ein Einfamilienhaus bauen konnte und Oberinspektor Derrick auf Gangsterjagd ging, ist ein f&uuml;r alle Mal verloren. Auf zuk&uuml;nftige Generationen wartet ein anderes Deutschland. Dieses Land wird unfreier, &auml;rmer, dekadenter, bildungsschw&auml;cher und weitaus gef&auml;hrlicher sein.&ldquo; Hoffen wir doch alle, dass sich diese Prognose nicht bewahrheitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten der Corona-Politik ist die Freiheit zu einem knappen Gut geworden. Der Staat reglementiert nicht nur, wer wann wohin und unter welchen Bedingungen reisen, sondern auch wie viele Menschen er treffen darf. 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