{"id":7337,"date":"2010-11-12T09:20:54","date_gmt":"2010-11-12T08:20:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7337"},"modified":"2014-11-25T09:51:07","modified_gmt":"2014-11-25T08:51:07","slug":"richard-sennett-der-finanzkapitalismus-zerstoerte-auch-die-karrieretraeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7337","title":{"rendered":"Richard Sennett, Der Finanzkapitalismus zerst\u00f6rte auch die Karrieretr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Inhalte eines im Economie-Dossier der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 3.11.2010 erschienenen Interviews mit dem Soziologen Richard Sennett, Professor an der London School of Economics und an der New York University.<br>\nInterviewfragesteller: Le Monde-Korrespondent Sylvain Cypel.<br>\nOriginaltitel: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/economie\/article\/2010\/11\/02\/aux-etats-unis-le-capitalisme-financier-a-extermine-l-idee-meme-de-carriere_1434497_3234.html\">Le capitalisme financier a extermin&eacute; l&rsquo;id&eacute;e m&ecirc;me de carri&egrave;re<\/a>&ldquo;. &Uuml;bertragen von Gerhard Kilper<br>\n<!--more--><\/p><p><em>Welche Auswirkungen hat Arbeitslosigkeit auf die Wahlen in den USA?<\/em><br>\nMit steigender Arbeitslosigkeit w&auml;hlen die Leute immer mehr rechts. Arbeitslosigkeit n&auml;hrt  Nostalgietr&auml;ume von der Vergangenheit sicherer Arbeitspl&auml;tze, nicht existierender Arbeitslosigkeit und nicht existierender Angst vor Arbeitsplatzverlust. W&auml;hrend fr&uuml;her qualifizierte Arbeitnehmer-Handarbeit fundierte berufliche Kompetenzen erforderte, die ein Selbstwertgef&uuml;hl vermittelten, verschlechterte sich inzwischen die Qualit&auml;t der Arbeitspl&auml;tze gravierend. Die heute bei Walmart oder McDonalds angebotene Arbeit kann solche Selbstwert-Gef&uuml;hle nicht mehr vermitteln. Zudem werden die jetzt geforderten Kenntnisse in neuen Technologien eher als Bedrohung angesehen. Allgemein ist die Anschauung verbreitet, gute Arbeitspl&auml;tze und der bisher gelebte Arbeitnehmer-Lebensstil geh&ouml;rten der Vergangenheit an. Die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt verleitet jedenfalls zu Nostalgietr&auml;umen und zu Wut-Gef&uuml;hlslagen.<br>\nWas eher wie eine irrationale Reaktion der Amerikaner aussieht, ist auf ihr Gef&uuml;hl tiefer Lebens-Verunsicherung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die meisten Amerikaner sind derart im &Uuml;berlebenskampf gefangen, dass ihr Denken nur noch um ihre pers&ouml;nliche Zukunft kreist. Die Oberschicht f&uuml;hlt sich im neuen US-Kapitalismus stark und m&auml;chtig, die Masse der kleinen Leute lebt im Gef&uuml;hl der Bedrohung. Angst aber ist immer auch die Ursache gesellschaftlicher Abschottung.<br>\nMit dem Appell an seine Landsleute, keine Angst mehr zu haben, lie&szlig; sich Obama w&auml;hlen. Doch die Schwierigkeiten der Besch&auml;ftigungspolitik wurden bald zum Mittelpunkt der amerikanischen Politik.<\/p><p><em>Entdeckt Amerika heute die strukturelle Arbeitslosigkeit?<\/em><br>\nSeit 2008 befragte ich viele amerikanische Arbeitslose. Zuerst berichteten sie mir von ihrer Traurigkeit, weil es ihren Kindern beruflich schlechter gehen werde als ihnen selbst. Mehr noch als Arbeitslosigkeit macht ihnen heute die allgemeine Verbreitung der Unterbesch&auml;ftigung Sorge. Arbeitnehmer sind in den USA arbeits- und sozialrechtlich so schlecht abgesichert, dass es immer mehr Leute gibt, die f&uuml;r Niedrigst-Lohn in k&uuml;rzesten und flexibelsten Arbeitsverh&auml;ltnissen arbeiten. So bildet sich in den USA ein Arbeitsmarkt heraus, in dem Prekarit&auml;t zur Norm wird.<br>\nDie F&auml;higkeit bei einem Arbeitsplatzwechsel seinen sozialen Status zu verbessern, ist inzwischen g&auml;nzlich zum Mythos geworden, obwohl dieser Mythos immer noch in den K&ouml;pfen spukt. Der amerikanische Finanzkapitalismus ist dabei, die Berufs-Karriere-Tr&auml;ume zu zerst&ouml;ren. Statistischer Fakt ist: je mehr Qualit&auml;tsarbeitspl&auml;tze erhalten bleiben, desto widerstandsf&auml;higer gegen Verschlechterungen ist auch die Gesellschaftsstruktur und je mehr die Arbeitsplatz-Qualit&auml;t sinkt, desto mehr Unsicherheit breitet sich in der Gesellschaft aus.<\/p><p><em>Wie wirkt sich  die in Gang befindliche Ent-Industrialisierung auf die Einstellungen der Amerikaner aus?<\/em><br>\nDie Leute haben ein bedr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl von gesellschaftlicher Schw&auml;che und gesellschaftlichem Niedergang. Da es hier keine Kultur sozialer Treffpunkte au&szlig;erhalb der Arbeit, keine Caf&eacute;- oder Pub-Kultur gibt, ist auch das Netz gesellschaftlicher Zusammengeh&ouml;rigkeit in den USA schw&auml;cher geworden. Zwischenmenschliche Beziehungen verschlechtern sich bis in die Familien hinein.<br>\nEin Kollege untersuchte, wie viel Zeit ein Durchschnittsamerikaner seiner Familie &ndash; zusammen essen, zusammen Spa&szlig; haben oder mit den Kindern Hausaufgaben machen &ndash; widmet: nur ein Drittel der Zeit, die ein West-Europ&auml;er mit der Familie verbringt.<br>\nWarum? Weil der Durchschnittsamerikaner oft zwei Jobs hat, auch weil immer mehr Jobs nur noch als Teilzeitjobs angeboten werden.<br>\nIch selbst bin in einer wei&szlig;en amerikanischen Arbeiterfamilie aufgewachsen, die Arbeitnehmerschaft ist &bdquo;meine Familie&ldquo;. Heute bei den amerikanischen Arbeitnehmern aufkommende rassistische Haltungen sind Ausdruck des Gef&uuml;hls, die Kontrolle &uuml;ber die gesellschaftliche Umwelt verloren zu haben. Rassistische Einstellungen gab es in den K&auml;mpfen um die Rassentrennung der 1960er \/ 70er- Jahre nicht, damals identifizierte man sich noch mit den Opfern.<br>\nF&uuml;r die k&uuml;nftige Entwicklung in den USA ist noch nichts entschieden. Obama jedenfalls, ohne kulturelle Verankerung im Arbeitnehmer-Milieu und ohne Orientierung an Arbeitnehmer-Erwartungen, scheiterte beim Versuch, der amerikanischen Arbeitnehmerschaft zur gesellschaftlichen leadership zu verhelfen. Als selbst hoch Gekommener weckte er Hoffnungen, doch kann sich der  Durchschnittsamerikaner schwerlich mit ihm identifizieren.<br>\nEine ganz spezielle Besonderheit dominiert bis heute die amerikanische Politik: die Masse der Amerikaner findet eher an den Politikern Gefallen, die selbst kein Kompetenz-Vorbild sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inhalte eines im Economie-Dossier der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 3.11.2010 erschienenen Interviews mit dem Soziologen Richard Sennett, Professor an der London School of Economics und an der New York University.<br \/> Interviewfragesteller: Le Monde-Korrespondent Sylvain Cypel.<br \/> Originaltitel: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/economie\/article\/2010\/11\/02\/aux-etats-unis-le-capitalisme-financier-a-extermine-l-idee-meme-de-carriere_1434497_3234.html\">Le capitalisme financier a extermin&eacute; l&rsquo;id&eacute;e m&ecirc;me de carri&egrave;re<\/a>&ldquo;. &Uuml;bertragen von Gerhard Kilper<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,141,174],"tags":[724,288,725],"class_list":["post-7337","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-usa","tag-le-monde","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sennett-richard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7337","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7337"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7337\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7339,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7337\/revisions\/7339"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7337"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7337"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7337"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}