{"id":73393,"date":"2021-06-16T10:00:48","date_gmt":"2021-06-16T08:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73393"},"modified":"2022-02-14T15:27:25","modified_gmt":"2022-02-14T14:27:25","slug":"corona-die-gesamten-lebensverhaeltnisse-muessen-auf-den-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73393","title":{"rendered":"Corona: \u201eDie gesamten Lebensverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen auf den Pr\u00fcfstand\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Corona-Politik hat sich <strong>Rainer Roth<\/strong>, emeritierter Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Armut und Arbeitslosigkeit, intensiv besch&auml;ftigt. So hat er etwa zu Lockdowns und anderen Aspekten zwei kritische Brosch&uuml;ren ver&ouml;ffentlicht. Im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten erkl&auml;rt er seine Inhalte und Motivationen. Mit Rainer Roth sprach <strong>Helge Buttkereit<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Uuml;ber den Gespr&auml;chspartner:<\/strong><\/p><div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210616_rainer_roth.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Rainer Roth (*1944) war bis zu seiner Emeritierung Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Armut und Arbeitslosigkeit am Fachbereich Sozialarbeit der Fachhochschule Frankfurt a. M. Bekannt geworden ist er unter anderem mit dem Leitfaden f&uuml;r Sozialhilfe, den er bis 2008 herausgab (1. Auflage 1976, ab 2005:  Leitfaden Alg II\/Sozialhilfe von A bis Z). Er ist Vorsitzender des Vereins Klartext e.V., der sich gegen Sozialabbau und Billigl&ouml;hne einsetzt. Der Verein ist auch Herausgeber von zwei Brosch&uuml;ren, die aus linker Perspektive von unten die aktuelle Politik kritisieren. Links zu den Brosch&uuml;ren von Rainer Roth: <\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die Schockstrategie geht weiter&ldquo; finden Sie <a href=\"https:\/\/klartext-info.de\/?p=878\">unter diesem Link<\/a><\/li>\n<li>&bdquo;Lockdown, nicht nochmal&ldquo; finden Sie <a href=\"https:\/\/klartext-info.de\/?p=785\">unter diesem Link<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"clearBoth\"><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Herr Prof. Roth, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten gegen Sozialabbau, Hartz IV und f&uuml;r Lohnabh&auml;ngige. In diesem und im vergangenen Jahr haben Sie mit zwei ehemaligen Gewerkschaftsaktivisten, mit Reinhard Frankl und Tobias Wei&szlig;ert, zwei Brosch&uuml;ren mit vielen detailliert belegten Argumenten gegen die staatlichen Ma&szlig;nahmen zur Eind&auml;mmung der Corona-Pandemie ver&ouml;ffentlicht. Was waren Ihre Beweggr&uuml;nde? Wie ist es &uuml;berhaupt dazu gekommen, dass Sie sich dieses Themas so intensiv angenommen haben? <\/strong><\/p><p>Es war eine Art Selbstverteidigung. Seit Beginn der Pandemie werden wir t&auml;glich mit &uuml;bertriebenen Meldungen &uuml;bersch&uuml;ttet, die unbegr&uuml;ndete Angst erzeugen. Die Bundesregierung hat mit ihrem Innenministerium, dem RKI und anderen im M&auml;rz 2020 aber genau das als notwendige Schockstrategie verordnet. Das hat mich als Wissenschaftler ge&auml;rgert. Wenn Panik verbreitet wird, ist etwas faul. Wenn Kritiker des Lockdowns zudem noch pausenlos verleumdet werden und Regeln zu gehorchen haben, die keinen Sinn machen, dient das eher dem Ein&uuml;ben von Gehorsam als dem Schutz der Gesundheit. Warum das alles? Leider habe ich eine Neigung, Dingen auf den Grund zu gehen, ohne dabei allzu gro&szlig;e R&uuml;cksichten zu nehmen. Dadurch, dass wir den Lockdown auf den Pr&uuml;fstand stellten, ging es mir jedenfalls besser. Die produktive Zusammenarbeit mit den Kollegen Frankl und Wei&szlig;ert erleichterte vieles. Da Tennisspielen, Schwimmen, private und famili&auml;re Treffen, Versammlungen sowie Urlaube angeblich zum Schutz meiner Gesundheit und der von anderen weitgehend verboten waren, hatte ich auch mehr Zeit. <\/p><p><strong>Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Brosch&uuml;ren bekommen, nachdem Sie sie ver&ouml;ffentlicht haben? In &ldquo;Lockdown &ndash; Nicht nochmal!&rdquo; (erste Auflage erschienen im August 2020) haben Sie positive, erleichterte Reaktionen von Linken und Gewerkschaftern abgedruckt. Gab es auch negative Reaktionen aus diesem Umfeld?<\/strong><\/p><p>Trotz unserer bescheidenen M&ouml;glichkeiten kamen innerhalb von drei bis vier Monaten rund 2.000 Exemplare der ersten Streitschrift in Umlauf. Das zeigt, dass wir ein Bed&uuml;rfnis nach gr&ouml;&szlig;erer Klarheit befriedigen konnten. Ablehnung blieb nat&uuml;rlich nicht aus. Quatsch, Mist usw. waren Reaktionen, aber auch Vorw&uuml;rfe wie Neoliberalismus und Zusammenarbeit mit Faschisten, weil wir zu Querdenken-Demos gingen. Das taten wir, um unsere Brosch&uuml;ren zu verbreiten. Wir haben auf die Verleumdungen geantwortet, meist erfolglos. &bdquo;Die Schockstrategie geht weiter&ldquo; erschien im M&auml;rz 2021. Etwa 850 Exemplare sind in Umlauf. Positive Zuschriften gehen weiterhin bei uns ein, aber auch energische Verurteilungen als Corona-Leugner und Sozialdarwinisten.<\/p><p><strong>Sie haben in &bdquo;Die Schockstrategie geht weiter&ldquo;, der Brosch&uuml;re, die im Fr&uuml;hjahr dieses Jahres erschienen ist, die Begr&uuml;ndungen zur Rechtfertigung der Lockdown-Politik auf breiter Front angegriffen. Gibt es einzelne Punkte, die f&uuml;r Sie besonders herausstechen, oder ist es eher das Gesamtbild, das Sie umtreibt? <\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;e Mehrheit der Toten &bdquo;an oder mit Corona&ldquo; starb 2020 in Pflegeheimen. Die Bundesregierung &bdquo;bek&auml;mpfte&ldquo; den Tod in Pflegeheimen erfolglos mit teilweise wahllosen allgemeinen Kontaktverboten, deren Bedeutung f&uuml;r gef&auml;hrliche Ansteckungen nicht nachweisbar war.  <\/p><p>Wenn Quarant&auml;ne verh&auml;ngt oder  Kontakte verfolgt werden, spielt die Infektiosit&auml;t der Testpositiven kaum eine Rolle, obwohl jeder PCR-Test (mit Hilfe des sogenannten Ct-Werts) deutliche Anhaltspunkte liefert, ob jemand &uuml;berhaupt andere Personen anstecken kann. Nach Olfert Landt, dem Inhaber der PCR-Test-Firma TIB Molbiol, k&ouml;nnte bei der H&auml;lfte der Testpositiven eine Ansteckungsgefahr angenommen worden sein, die gar nicht vorhanden war. Dass das kein Thema ist, obwohl selbst Drosten hier den Finger in die Wunde gelegt hat, finde ich bedr&uuml;ckend. <\/p><p>Als Selbstbeweihr&auml;ucherung empfinde ich die Aussage von Regierung und RKI, dass R-Werte unter 1 grunds&auml;tzlich auf Lockdown-Ma&szlig;nahmen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren seien. Es wird weitgehend bestritten, dass Coronaviren einen saisonalen Verlauf haben. Au&szlig;erdem ber&uuml;cksichtigen weder die R-Werte noch die Inzidenzwerte die reale Infektiosit&auml;t. Das &uuml;bertreibt die Ansteckungsgefahren. <\/p><p>Unzumutbar finde ich die Gleichsetzung von Testpositiven mit Kranken und die mangelnde Untersuchung der Todesursachen. Unglaublich ist die Geringsch&auml;tzung der nat&uuml;rlichen Immunabwehr. Die Immunabwehr soll vorrangig &uuml;ber Impfstoffe industriell erzeugt werden, wohl weil sie Milliarden-Gesch&auml;fte verspricht. An einer gro&szlig;en repr&auml;sentativen Stichprobe, um die tats&auml;chliche Verbreitung des Virus und die Entwicklung der Herdenimmunit&auml;t zu ermitteln, besteht bis heute kein wirkliches Interesse.<\/p><p><strong>Die Gewerkschaften in Deutschland stehen, soweit ich das sehen kann, in breiter Front an der Seite des Staates und verteidigen die Ma&szlig;nahmen der Regierung. Oft sind sie Ihnen auch nicht scharf genug. K&ouml;nnen Sie die Beweggr&uuml;nde f&uuml;r diese Haltung erkl&auml;ren? <\/strong><\/p><p>Die DGB-Gewerkschaften handeln in der Tat als verl&auml;ngerter Arm der Regierung. Der Hauptvorstand meiner Gewerkschaft beispielsweise, der GEW, hat den Aufruf &bdquo;Freiheit geht nur solidarisch #unteilbar statt vereinzelt&ldquo; unterschrieben. Im Aufruf werden alle beschuldigt, deren Kritik den Unterzeichnenden zu weit geht, dass sie gesundheitliche Gefahren von Corona unsolidarisch leugnen, antisemitisch konnotierte Verschw&ouml;rungstheorien verbreiten sowie mit Faschisten zusammenarbeiten. Auch der Hauptvorstand von ver.di hat das unterschrieben. <\/p><p>Meines Erachtens war es zu keinem Zeitpunkt notwendig, Schulen und Kinderg&auml;rten zu schlie&szlig;en. Schweden zeigt, dass das geht. Probleme gab es dort wie in Deutschland vor allem in Alten- und Pflegeheimen, nicht in Schulen und Kinderg&auml;rten. Hier verlaufen Infektionen meist harmlos, schwere Erkrankungen sind selten. Todesf&auml;lle von Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren an oder mit SARS-CoV-2 gibt es seit M&auml;rz 2020 nur wenige (insgesamt 20). Das Gleiche gilt auch f&uuml;r die Besch&auml;ftigten in Schulen und Kinderg&auml;rten. Die Ausrottung von Infektionen sollte kein Selbstzweck sein. Wenn ich das sage, sehe ich mich vom Hauptvorstand der GEW wie oben beschrieben als &bdquo;Pandemieleugner&ldquo; eingeordnet, und das noch im Namen einer &bdquo;solidarischen Gesellschaft&ldquo;. <\/p><p>Die F&uuml;hrung der DGB-Gewerkschaften wird &uuml;berwiegend von SPD- und CDU-Mitgliedern gestellt. Sie sind gut bezahlte Funktion&auml;re und Funktion&auml;rinnen, die von der Sozialpartnerschaft ebenso profitieren wie zahlreiche Betriebsr&auml;te. Eine Oberschicht von Lohnabh&auml;ngigen hat das Sagen. Opposition regt sich kaum, nicht zuletzt deshalb, weil ein bedeutender Teil der Lohnabh&auml;ngigen mehr oder weniger abgesichert ist. Einige Millionen Lohnabh&auml;ngige bekamen Kurzarbeitergeld, das teilweise auf bis zu 100 Prozent aufgestockt wurde. Beamte und Beamtinnen hatten keinerlei Lohneinbu&szlig;en. Arbeitslose beziehen eine Zeitlang Arbeitslosengeld I oder unter coronabedingt erleichterten Bedingungen Hartz IV. <\/p><p><strong>Ich habe es bereits erw&auml;hnt: Sie engagieren sich seit vielen Jahren f&uuml;r Lohnabh&auml;ngige, egal ob besch&auml;ftigt, arbeitslos oder arm. Warum leiden diese Menschen besonders unter den Ma&szlig;nahmen und was kritisieren Sie aus der Perspektive &ldquo;von unten&rdquo; besonders? <\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst ist festzustellen: die Lebensverh&auml;ltnisse derjenigen, die im Zusammenhang mit Corona sterben bzw. schwer erkranken, wurden bis vor kurzem nahezu v&ouml;llig ausgeklammert. Als Hauptrisiko galt und gilt das Alter. Deshalb die unter Regie des Innenministeriums und des RKI erfolgte schreckliche Warnung an Kinder, sich von ihren Opas und Omas fernzuhalten, um deren Leben nicht zu gef&auml;hrden.<\/p><p>Es gibt bis heute keine Untersuchung, welche Personen aus welchen Schichten, mit welchen Berufen, welchem Einkommen, welchen Vorerkrankungen und aus welchen Wohnvierteln an oder mit Corona gestorben sind. Das trifft besonders auf die Toten in Pflegeheimen und Intensivstationen der Krankenh&auml;user zu, die drei Viertel der sogenannten Corona-Toten ausmachen. Indem das im Dunkel blieb, konnte der falsche Eindruck vermittelt werden, es k&ouml;nne jeden von uns in gleichem Ma&szlig;e treffen. <\/p><p><strong>Wenn es keine Untersuchungen gibt, wie Sie sagen: Woher kommt Ihre Erkenntnis, dass die Corona-Erkrankung in Deutschland vor allem die unteren Schichten trifft?<\/strong><\/p><p>Das Virus stand als Ursache von Todesf&auml;llen und Erkrankungen im Mittelpunkt und nicht die sozialen Verh&auml;ltnisse der unteren Schichten von Lohnabh&auml;ngigen, von prek&auml;r besch&auml;ftigten Selbstst&auml;ndigen und die der Armutsbev&ouml;lkerung. Dabei beg&uuml;nstigen diese Verh&auml;ltnisse bestimmte Erkrankungen, einen allgemein schlechten Gesundheitszustand und vorzeitigen Tod. Adipositas (Fettsucht) z.B. haben in den unteren Schichten Deutschlands ein Viertel der M&auml;nner und &uuml;ber ein Drittel der Frauen, in den oberen nur 15 Prozent der M&auml;nner und 10 Prozent der Frauen.  Adipositas beg&uuml;nstigt Diabetes, Herz- und Kreislauferkrankungen und bestimmte Krebsarten und schw&auml;cht das Immunsystem.  Auch nach Meinung des RKI sind Herzinfarkte, Schlaganf&auml;lle, Diabetes und schwere Lungenerkrankungen deutlich h&auml;ufiger in unteren Schichten vertreten. Sie alle z&auml;hlen zu den klassischen Vorerkrankungen bei &bdquo;Corona-Toten&ldquo;. Dass hier notwendige Ma&szlig;nahmen, wenn &uuml;berhaupt, nur z&ouml;gerlich ergriffen werden, hat auch den Tod in Zusammenhang mit SARS-CoV-2 beg&uuml;nstigt.  Lockdowns und Viren wirken beide als Brandbeschleuniger. Das Virus ist nicht der Brand selbst. Letztlich sind die Verh&auml;ltnisse, die den Brand erzeugen, am gef&auml;hrlichsten. Es sind kapitalistische Verh&auml;ltnisse, in denen Einsparungen an L&ouml;hnen und &uuml;ber L&ouml;hne finanzierten Sozialversicherungen auf der anderen Seite Gewinne und Renditen steigern.<\/p><p>Lockdowns haben im Gro&szlig;en und Ganzen das Immunsystem vor allem der &auml;rmeren Schichten geschw&auml;cht. Sie leiden unter Existenzunsicherheit und Depressionen, m&uuml;ssen sich zwangsweise in beengten Wohnungen aufhalten, k&ouml;nnen sich nur eingeschr&auml;nkt bewegen oder erholen. Auch die Schlie&szlig;ungen von Schulen und Kinderg&auml;rten forderten vor allem hier ihren Preis. Die Krokodilstr&auml;nen, die derzeit medienwirksam &uuml;ber psychische Sch&auml;den an Kindern und Jugendlichen von denen vergossen werden, die die Lockdowns zu verantworten haben oder noch repressivere forderten, halte ich f&uuml;r heuchlerisch. Auch wenn die Feststellungen richtig sind. <\/p><p>In L&auml;ndern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens, in denen die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Erwerbst&auml;tigen ohne Arbeitsvertrag als Tagel&ouml;hner von der Hand in den Mund lebt, sind die Zusammenh&auml;nge deutlicher sichtbar. Ausgangssperren und Berufsverbote im Rahmen von Lockdowns f&uuml;hrten vor allem in Elendsvierteln zu Hunger und Hungertod, zu noch st&auml;rkerer materieller Verarmung und schweren Erkrankungen und Todesf&auml;llen. Diese Lockdowns werden von Deutschland begr&uuml;&szlig;t. <\/p><p><strong>Welche Alternativen zur Politik der Regierung gibt es in Ihren Augen insbesondere mit Blick auf die Interessen der Lohnabh&auml;ngigen?<\/strong><\/p><p>Wie gesagt, halten wir die Stilllegung des gesamten gesellschaftlichen und privaten Lebens durch Lockdowns f&uuml;r unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig. Lockdowns sind, wie das Beispiel des sozialdemokratisch regierten Schweden zeigt, nicht alternativlos. Wie bei jeder Krankheit, die zu schweren Verl&auml;ufen und Todesf&auml;llen f&uuml;hrt, m&uuml;ssen vor allem f&uuml;r die Betroffenen gezielte Ma&szlig;nahmen ergriffen werden. Es ist vor allem wichtig, die zahlreichen vermeidbaren Todesf&auml;lle zu reduzieren, die durch Luftverschmutzung, Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs, Rauchen, Adipositas und Diabetes, Krankenhauskeime usw. verursacht werden. Die gesamten Lebensverh&auml;ltnisse m&uuml;ssen auf den Pr&uuml;fstand, die vor allem die unteren Schichten der Lohnabh&auml;ngigen schwer beeintr&auml;chtigen. Stattdessen wird nur auf die durch &bdquo;Corona&ldquo; gewachsene soziale Ungleichheit hingewiesen. Das stimmt. Aber in einer Gesellschaft, in der die Bereicherung von Privateigent&uuml;mern an Kapital im Mittelpunkt steht, ist eine Verringerung der sozialen Ungleichheit kaum zu erwarten. Wohlstand f&uuml;r Alle ist das Versprechen, Bereicherung Weniger die Realit&auml;t. <\/p><p><strong>Viele Linke argumentieren wie die Gewerkschaften f&uuml;r den &ldquo;Schutz des Lebens&rdquo; und damit f&uuml;r die Ma&szlig;nahmen der Regierung bzw. f&uuml;r ein noch sch&auml;rferes Vorgehen wie die Vertreter von ZeroCovid. Wie stehen Sie zu diesen Str&ouml;mungen in der Linken?<\/strong><\/p><p>Wie die Vernachl&auml;ssigung der Lage in den Pflegeheimen gezeigt hat, stie&szlig; der Schutz des Lebens dort bei den Regierungen bis Ende 2020 nur auf geringes Interesse. Auch die unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig h&auml;ufige k&uuml;nstliche invasive Beatmung f&uuml;hrt zwar in der H&auml;lfte der F&auml;lle zum Tod, verspricht jedoch erheblich h&ouml;here Einnahmen f&uuml;r die Krankenh&auml;user. Das wurde zwar fr&uuml;h schon kritisiert, die Kritik jedoch in den Wind geschlagen. Wie wir an zahlreichen Beispielen aufgezeigt haben, steht der Schutz des Lebens und der Gesundheit weder im Mittelpunkt des Gesundheitswesens, der Pharmaindustrie noch der Wirtschaft allgemein, obwohl es sich doch um ein Grundrecht handelt. Wenn der Schutz des Lebens als Hauptziel der Ma&szlig;nahmen der Regierenden anerkannt wird, kann Kritik im Wesentlichen nur eine Richtung haben. Die Ma&szlig;nahmen m&uuml;ssen versch&auml;rft werden, in Schulen, in Gesch&auml;ften, im &ouml;ffentlichen Leben und vor allem in Betrieben. Mehr Tests, mehr Kontaktverbote, mehr Onlinekommunikation und -gesch&auml;fte usw. Dann landet die Linke bei ZeroCovid als Ziel &ndash; und das &bdquo;solidarisch&ldquo; und europaweit. Ob dieses st&auml;ndig mutierende Virus das &uuml;berhaupt zul&auml;sst &ndash; egal. Weit &uuml;ber 100.000 fortschrittliche Menschen haben sich seit dem 12. Januar 2021 einem Aufruf f&uuml;r ZeroCovid angeschlossen.  Der u.a. saison- und naturbedingte erhebliche R&uuml;ckgang der Verbreitung des Virus kam den ZeroCovid-Linken jedoch zuvor und beerdigt momentan die Fantasie des Mega-Lockdowns &bdquo;von unten&ldquo;.<\/p><p><strong>Abseits von den gro&szlig;en Digitalkonzernen wie Google, Apple, Microsoft oder Facebook, die zweifellos profitieren: Wem n&uuml;tzt die derzeitige Politik?<\/strong><\/p><p>Diese &auml;u&szlig;erst wichtige Frage wird oft als der Weg zu Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen diffamiert, als ob es unter Verh&auml;ltnissen, in denen die Kapitalverwertung im Mittelpunkt steht, keinerlei &ouml;konomische Sonderinteressen geben w&uuml;rde. Die &bdquo;Corona-Krise&ldquo; &uuml;berlagert die Wirtschaftskrise, die 2019 begann. Von der Ein&uuml;bung kontaktloser Kommunikation profitieren die US-Konzerne, die die entsprechende Technik zur Verf&uuml;gung stellen. Doch die Beschleunigung der digitalen Revolution wird von allen Arbeitgeberverb&auml;nden, selbst vom Einzelhandel, als Ausweg aus der Krise propagiert. Sie ist ein willkommenes Mittel der Senkung von Lohn- und Sachkosten. Das personal- und sachkostenintensive Bildungswesen kann digital massiv entr&uuml;mpelt werden, ebenso das Gesundheitswesen. Auch die Verwaltungen in Staat und Wirtschaft k&ouml;nnen verschlankt werden. Die 750 Milliarden, die die EU aussch&uuml;ttet, flie&szlig;en vor allem in die Subventionierung von Prozessen, die Arbeitszeit sparen. Das Weltwirtschaftsforum jedenfalls rechnet langfristig damit, dass die Arbeitslosigkeit zunimmt und sich der Lebensstandard f&uuml;r breite Teile der Bev&ouml;lkerung verschlechtert. Die Wirtschafts- und &bdquo;Corona-Krise&ldquo; wird mit dem Ruin erheblicher Teile des Mittelstandes und der wachsenden Konzentration des Kapitals auf der Basis massiver Zunahme von Staatsschulden &bdquo;gel&ouml;st&ldquo;. Lockdowns erleichtern die staatlich subventionierte Krisenl&ouml;sung im Interesse des Kapitals. Unter dem Deckmantel von &bdquo;Corona&ldquo; konnten vom herrschenden Liberalismus sonst verp&ouml;nte Hilfen in nie dagewesenem Ausma&szlig; von Seiten der EU wie der Mitgliedsstaaten durchgewunken werden. Keynesianer und andere Apologeten von Staatsverschuldung nahmen sie freudig entgegen.<\/p><p>Die fortgesetzte, staatlich subventionierte und abgesicherte Impfung der Bev&ouml;lkerung ist eine gigantische Gesch&auml;ftsperspektive f&uuml;r die Pharmaindustrie. Die Schaffung von Herdenimmunit&auml;t wird zur Ware. Dabei w&auml;re es vor allem notwendig, die nat&uuml;rliche Immunabwehr durch ges&uuml;ndere Lebensverh&auml;ltnisse zu f&ouml;rdern. Versammlungsverbote und &Uuml;berwachung m&ouml;glichst aller Kontakte werden unter der Flagge des Gesundheitsschutzes eher akzeptiert als mit einer politischen Begr&uuml;ndung, Proteste verhindern zu wollen. <\/p><p><strong>Wer sich als Linker derzeit gegen die Ma&szlig;nahmen der Regierung ausspricht, wird schnell in die &ldquo;rechte Ecke&rdquo; gestellt. Was ist Ihre Strategie, mit diesem Vorwurf umzugehen?<\/strong><\/p><p>Die Verleumdung hat den Zweck, regierungskonformen Ansichten ein Meinungsmonopol zu verschaffen. Wenn aber jemand &bdquo;rechtsoffen&ldquo; sein soll, wenn er sich nicht aus Aktivit&auml;ten entfernt, an denen AfDler teilnehmen, dann w&auml;ren alle Regierungsparteien rechtsoffen. Denn sie entfernen sich z.B. nicht aus Parlamenten, in denen die AfD Platz genommen hat. Die Linkspartei m&uuml;sste als rechtsoffen gelten, weil sie zusammen mit AfD und FDP gegen das 4. Infektionsschutzgesetz und auch gegen seine Verl&auml;ngerung bis zum 30. September 2021 gestimmt hat. Die CDU, aus der viele bekannte AfD-Mitglieder stammen, war viele Jahrzehnte nach 1945 noch offen f&uuml;r Berater und Mitglieder aus der NSDAP. Sie ist heute allein deswegen rechtsoffen, weil es in ihr starke Sympathien f&uuml;r Regierungsb&uuml;ndnisse mit der AfD in ostdeutschen Bundesl&auml;ndern gibt. Schlie&szlig;lich: W&auml;ren dann nicht auch Gewerkschaften rechtsoffen, wenn sie die Anwesenheit von AfD-Mitgliedern bei ihren Aktivit&auml;ten zulassen? Man muss sich mit einer Partei, die von Millionen Menschen gew&auml;hlt wird, darunter von einem Viertel bis einem Drittel der Arbeiter, offensiv auseinandersetzen und sollte nicht die Flucht ergreifen. Genau daran mangelt es. Mit der weit verbreiteten Bef&uuml;rwortung von Lockdowns r&auml;umten gerade Linke der AfD das Feld. Diese konnte so als bedeutendste Partei der Kritik an v&ouml;llig unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Einschr&auml;nkungen der Grundrechte erscheinen. <\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten sehen Sie derzeit aus linker Perspektive, sich f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen und gegen die staatlichen Ma&szlig;nahmen zu engagieren? Gibt es in Ihren Augen Organisationen, die gest&auml;rkt werden sollten, oder ist jetzt zun&auml;chst die Zeit der Aufkl&auml;rung?<\/strong><\/p><p>Die Lockdown-Ma&szlig;nahmen haben zu einer massiven Vereinzelung beigetragen. Pers&ouml;nliche Kontakte und Versammlungen sollten m&ouml;glichst nur noch unpers&ouml;nlich und online im virtuellen Raum stattfinden. Der regierungsseitige, mediale und private Druck auf Lockdown-Gegner ist immens. Von daher waren wir schon zufrieden, dass wir, obwohl sich privat zu treffen illegal war, unsere beiden Brosch&uuml;ren gemeinsam erarbeiten konnten. Wir haben Kontakt zu anderen bekommen, die ebenso vereinzelt bzw. nur schwach vernetzt sind wie wir, haben aber keine Ressourcen, zu einer gr&ouml;&szlig;eren Versammlung mit Gleichgesinnten aufzurufen. Parteien bzw. &uuml;berhaupt Organisationen, die unseren Standpunkt teilen, sehen wir zurzeit nicht. Bestrebungen, die nicht vergessen haben, dass kapitalistische Gesellschaften keine solidarischen Gesellschaften sein k&ouml;nnen, sind d&uuml;nn ges&auml;t. Also bem&uuml;hen wir uns vorrangig um eine sachlich fundierte Analyse der tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse.<\/p><p>Titelbild: Halfpoint \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Corona-Politik hat sich <strong>Rainer Roth<\/strong>, emeritierter Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Armut und Arbeitslosigkeit, intensiv besch&auml;ftigt. So hat er etwa zu Lockdowns und anderen Aspekten zwei kritische Brosch&uuml;ren ver&ouml;ffentlicht. 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Mit Rainer Roth sprach <strong>Helge Buttkereit<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73398,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,209,11],"tags":[881,3058,1183,2857,1261,776,2834],"class_list":["post-73393","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-interviews","category-strategien-der-meinungsmache","tag-armut","tag-diffamierung","tag-exklusion","tag-lockdown","tag-roth-rainer","tag-schockstrategie","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/shutterstock_1854854632.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73393","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73393"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73393\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80811,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73393\/revisions\/80811"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73398"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73393"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73393"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73393"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}