{"id":73405,"date":"2021-06-16T11:24:53","date_gmt":"2021-06-16T09:24:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73405"},"modified":"2021-06-16T14:23:59","modified_gmt":"2021-06-16T12:23:59","slug":"gewogen-und-fuer-zu-leicht-befunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73405","title":{"rendered":"Gewogen und f\u00fcr zu leicht befunden"},"content":{"rendered":"<p>Warum schreibt man ein Buch, wenn man eigentlich nichts zu sagen und nichts zu erz&auml;hlen hat? Diese Frage m&uuml;sste man der gr&uuml;nen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellen, die p&uuml;nktlich zum Wahlkampfbeginn ihr Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A41596531\">&ldquo;Jetzt&rdquo;<\/a> in den Handel bringt. Der vielversprechende Untertitel lautet &ldquo;Wie wir unser Land erneuern&rdquo;. Doch wer in Baerbocks Erstlingswerk Antworten auf diese Frage, Konzepte oder gar Visionen sucht, sucht vergebens. Und so &auml;hnelt das Buch auf frappierende Art und Weise seiner Autorin &ndash; ganz nett, aber belanglos. Ein Bewerbungsschreiben f&uuml;r h&ouml;here &Auml;mter sieht anders aus. Eine Art Rezension von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5728\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73405-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73405-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210616_Gewogen_und_fuer_zu_leicht_befunden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Rezensionen &uuml;ber &uuml;berfl&uuml;ssige B&uuml;cher zu schreiben, ist ein undankbarer Job. Besonders schlimm ist es, wenn das Buch so belanglos ist, dass es noch nicht einmal f&uuml;r einen stattlichen Verriss taugt. Vielleicht kennen Sie ja die Situation. Sie sind auf einer Party und neben ihnen sitzt eine j&uuml;ngere Frau, die den freundlich nickenden G&auml;sten mit gewichtiger Ernsthaftigkeit etwas &uuml;ber Gott und die Welt erz&auml;hlt. Nicht alles, was die junge Dame da erz&auml;hlt, ist falsch; vieles sogar richtig, aber irgendwie auch banal und nicht gerade originell. Dazu schafft die Vortragende es auch noch, ihre sp&auml;rliche Lebenserfahrung so in ihre Banalit&auml;ten einzubauen, dass man sich als h&ouml;flicher Mensch unangenehm intellektuell unterfordert f&uuml;hlt, dies jedoch nicht &ouml;ffentlich kundtun will; schlie&szlig;lich m&ouml;chte man ja kein Partycrasher sein. Also tut man das, was alle anderen auch tun &ndash; man nickt freundlich und ist heilfroh, wenn man im Blickwinkel etwas entdeckt, das als Vorwand taugt, sich von der and&auml;chtig lauschenden Gruppe losrei&szlig;en zu k&ouml;nnen. Auf die Idee, diese intellektuell &uuml;bergriffigen Monologe niederzuschreiben und daraus ein Buch zu machen, muss man erst mal kommen. Doch die mit zu viel Selbstvertrauen ausgestattete Binsenweise ist nicht irgendwer, sondern immerhin &ndash; aus welchem tieferen Grund auch immer &ndash; Kanzlerkandidatin. Da wird das Buch schon seine K&auml;ufer finden; lesen wird es wahrscheinlich kaum wer. Und das ist auch gut so.<\/p><p>Warum schreibt man als Politiker ein Buch? Entweder man hat was zu sagen oder man hat etwas erlebt, das es wert ist, erz&auml;hlt zu werden. Beides ist bei Annalena Baerbock offensichtlich nicht der Fall. Das was sie inhaltlich zu sagen hat, erinnert eher an eine dieser 0815-Reden, die man als Politiker andauernd halten muss &ndash; beim runden Geburtstag eines altgedienten Parteifunktion&auml;rs im heimischen Wahlkreis, bei der Einweihung des neuen Pumpenhauses der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Jahrestag der regionalen Dachdeckerinnung. Der Praktikant nimmt dann ein paar belanglose Textbausteine, kombiniert sie mit Passagen aus dem Wahlprogramm und hin und wieder streut man einen pers&ouml;nlichen Witz mit ein &ndash; schlie&szlig;lich soll das Ganze ja individuell klingen. So oder so &auml;hnlich muss auch Baerbocks Buch entstanden sein.<\/p><p>Auf stolzen 256 Seiten erf&auml;hrt man inhaltlich nichts, was irgendwie neu, innovativ oder gar vision&auml;r w&auml;re. So bewegen sich die gr&ouml;&szlig;ten Teile des Buches auf dem inhaltlichen Niveau des Satzes &bdquo;Zukunft ist f&uuml;r alle da&ldquo;. Baerbock will mehr Geld in Bildung, digitale Infrastruktur, soziale Teilhabe und nat&uuml;rlich saubere Energien investieren. Wer will das nicht? Hin und wieder tauchen sogar progressiv klingende Ideen auf. So spielt sie mit dem Gedanken einer h&ouml;heren Besteuerung der Verm&ouml;gen, will die Schuldenbremse f&uuml;r Investitionen ausklammern oder Kinder aus armen Familien besser f&ouml;rdern. Wer nun aber konkrete Aussagen oder gar fundamentale Kritik an der neoliberalen Politik sucht, wird entt&auml;uscht sein. Die Erhebung der Verm&ouml;genssteuer ist beispielsweise noch nicht einmal ihre Forderung, sondern lediglich ein &bdquo;Vorschlag ihrer Partei&ldquo;; die Schuldenbremse als solche greift sie nicht an, sondern pl&auml;diert lediglich f&uuml;r Ausnahmen von der Regel; und selbst bei der Chancengleichheit f&uuml;r Kinder &auml;rmerer Familien bleibt sie wolkig. Sie kritisiert Niedrigl&ouml;hne, stellt aber Hartz IV nicht infrage. Sie will &bdquo;gesunden und sauberen&ldquo; Produkten &bdquo;Vorteile am Markt&ldquo; verschaffen, sagt aber weder wie dies konkret vonstatten gehen soll, noch wie sie dies sozialvertr&auml;glich zu gestalten gedenkt. Stattdessen wirft sie mit Worth&uuml;lsen wie &bdquo;sozial-&ouml;kologischer Transformation&ldquo; oder &bdquo;sozial-&ouml;kologischer Marktwirtschaft&ldquo; &ndash; die soll die soziale Marktwirtschaft abl&ouml;sen &ndash; um sich, weigert sich jedoch standhaft, dies zu pr&auml;zisieren. Stattdessen Nebenkriegsschaupl&auml;tze. Das Bruttoinlandsprodukt sei &ndash; so Baerbock &ndash; als Indikator ungeeignet und habe keine Zukunft. Dar&uuml;ber lie&szlig;e sich ja diskutieren. Aber das macht sie nicht. Sie verweist stattdessen auf andere &bdquo;Wohlstandsindikatoren&ldquo;, die zu entwickeln, &bdquo;die Aufgabe unserer politischen Generation&ldquo; sei. Na toll.<\/p><p>Auch das Thema Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik bleibt in ihrem Buch an der Oberfl&auml;che. Stattdessen verweist sie als &bdquo;V&ouml;lkerrechtlerin&ldquo; (sic!) auf die Komplexit&auml;t des V&ouml;lkerrechts, verteilt jedoch stets nur Pr&uuml;fauftr&auml;ge, wo man sich eine konkrete Positionierung w&uuml;nschen w&uuml;rde. Das betrifft den gr&uuml;nen Wunsch nach Kriegen f&uuml;r das Menschenrecht genauso wie US-Sanktionen gegen deutsche Unternehmen. Das m&uuml;sse man alles im Einzelfall pr&uuml;fen. Ach was! Zumindest in Sachen Prinzipienlosigkeit und dem Unwillen, klare Positionen zu beziehen, scheint die gr&uuml;ne Kandidatin sehr viel von ihrer schwarzen &Uuml;bermutter gelernt zu haben.<\/p><p>Statt klarer Aussagen &ndash; egal in welche Richtung &ndash; kommen bei Baerbock skurrile Anekdoten. So erkl&auml;rt sie den Wandel der Gr&uuml;nen von einer Friedens- zu einer Kriegspartei doch tats&auml;chlich &uuml;ber einen weiten, weiten Bogen aus feministischer Perspektive. Ihre Oma sei im Krieg &ndash; nat&uuml;rlich vom Russen &ndash; vergewaltigt worden. In Bosnien h&auml;tte es w&auml;hrend des Krieges auch Vergewaltigungen gegeben &ndash; die sie mit V&ouml;lkermord gleichsetzt. Daher sei auch der Kosovo-Kriegsentscheid der Gr&uuml;nen kein Widerspruch zum Pazifismus der Gr&uuml;nen und last but not least k&auml;me es im Irak ja auch zu Vergewaltigungen, die eine milit&auml;rische Intervention Deutschlands rechtfertigen w&uuml;rden. Das ist so schlicht wie unsinnig. Warum haben die Gr&uuml;nen dem ersten Angriffskrieg der bundesdeutschen Geschichte zugestimmt, weil es in einem anderen Krieg in Bosnien zu Vergewaltigungen kam? Und was hat Annalenas Oma mit den Jesidinnen im Irak zu tun? Das erkl&auml;rt uns die Kanzlerkandidatin nicht.<\/p><p>Es ist wie auf der Party. Die nette junge Dame erz&auml;hlt auch viel Mist und wei&szlig; selbst nicht mehr, wo der erz&auml;hlerische Faden anfing, den sie schon lange verloren hat. Aber alle Umstehenden nicken and&auml;chtig. Lohnt es sich, zu widersprechen? Oder ist es f&uuml;r Verstand und Seele besser, sich diesen Unsinn gar nicht erst anzutun und sich lieber ein neues Bier zu holen?<\/p><p>Sind die inhaltlichen Punkte des Buches schwach, so sind die anekdotischen Punkte schon beinahe am&uuml;sant belanglos. Doch gerade diese Belanglosigkeit sagt mehr &uuml;ber die Kandidatin, als es ihr lieb sein kann. So kulminiert die anekdotische politische Erfahrung der Dame, die ja tats&auml;chlich Kanzlerin werden will, in einem l&auml;ngeren Absatz zu ihren Erfolgen in Sachen Gleichstellung. Sie hat n&auml;mlich &ndash; Trommelwirbel &ndash; es zusammen mit einem fraktions&uuml;bergreifenden Gespann, u.a. mit Katja Kipping und Kristina Schr&ouml;der, geschafft, im Bundestag einen Still-, Spiel- und Wickelraum durchzusetzen. Das ist nat&uuml;rlich eine Visitenkarte f&uuml;r das h&ouml;chste politische Amt in Deutschland. Gibt es im Kanzleramt eigentlich einen Wickelraum?<\/p><p>Derlei Geschichten, die f&uuml;r sie sicherlich wichtig sind, w&auml;ren leichter zu ertragen, wenn Baerbock sich nicht zwischen den Zeilen so unangenehm aufplustern w&uuml;rde. So liest sich ihre Schilderung des Klimaabkommens von Paris fast so, als habe sie pers&ouml;nlich diese Abkommen ausgehandelt. Dann erf&auml;hrt der Leser jedoch zwischen den Zeilen, dass sie den Gipfel nur als Zaungast mit ihrer Tochter im Kinderwagen begleitet hat &ndash; ihre Mutter musste Paris leider verlassen. Das kann ja mal passieren. Das Ganze kulminiert dann in dem absurden H&ouml;hepunkt, an dem die Subalterne ihrer Tochter im Kinderwagen verspricht, dass sie nun &bdquo;alles daf&uuml;r tun wird, damit das Wunder von Paris wahr wird&ldquo;.<\/p><p>Das soll kein Vorwurf an die Autorin sein. W&auml;hrend andere Staatsm&auml;nner und Politiker spannende Anekdoten und Hintergr&uuml;nde zu weltgeschichtlichen Ereignissen beisteuern k&ouml;nnen, hat Annalena Baerbock nun einmal nichts erlebt, das sich abseits eines Aufsatzes f&uuml;r die Sch&uuml;lerzeitung f&uuml;r ein Buch eignen w&uuml;rde, das ja immerhin den Anspruch hat, eine Kanzlerkandidatin zu promoten. Was soll sie da auch schreiben? Auch mein Leben ist eher langweilig und eignet sich nicht f&uuml;r ein Autobiografie &ndash; aber aus genau diesem Grund schreibe ich ja auch keine und will ganz nebenbei auch nicht Bundeskanzler werden.<\/p><p>Und dies ist der wohl wichtigste Punkt, den es zu diesem belanglosen Buch zu schreiben gibt. In der &ouml;ffentlichen Debatte wird Baerbocks mangelnde politische Erfahrung ja stets als gr&ouml;&szlig;tes Hindernis f&uuml;r ihre Eignung zum h&ouml;chsten politischen Amt genannt. Dieser Kritikpunkt wird durch ihr Buch nicht etwa entkr&auml;ftet, sondern ganz im Gegenteil best&auml;tigt. Doch Annalena Baerbock scheint dies noch nicht einmal zu merken. Wenn sie eins auszeichnet, dann ist es ihr grundloses Selbstvertrauen. Dies wird an einer Stelle des Buches besonders deutlich: Da mokiert sich Baerbock doch tats&auml;chlich dar&uuml;ber, dass es bei politischen und akademischen Werdeg&auml;ngen mehr und fr&uuml;heren Kontakt mit der Arbeitswelt br&auml;uchte. Sie selbst &ndash; so liest man wenige Seiten sp&auml;ter &ndash; habe diesen Kontakt; sie habe als Sch&uuml;lerin schlie&szlig;lich am Verkaufstresen einer B&auml;ckerei gejobbt und das sogar um 5.00 Uhr morgens, &bdquo;manchmal direkt nach der Disco&ldquo;. Nicht schlecht! Hoffentlich kommt nun niemand auf die Idee, Baerbock sei schon fast &uuml;berqualifiziert f&uuml;r das Amt der Kanzlerin.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/05d0b182ef9c49eba9ab005708b55825\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum schreibt man ein Buch, wenn man eigentlich nichts zu sagen und nichts zu erz&auml;hlen hat? Diese Frage m&uuml;sste man der gr&uuml;nen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellen, die p&uuml;nktlich zum Wahlkampfbeginn ihr Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A41596531\">&ldquo;Jetzt&rdquo;<\/a> in den Handel bringt. Der vielversprechende Untertitel lautet &ldquo;Wie wir unser Land erneuern&rdquo;. 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