{"id":73499,"date":"2021-06-20T11:45:28","date_gmt":"2021-06-20T09:45:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73499"},"modified":"2021-07-02T09:18:41","modified_gmt":"2021-07-02T07:18:41","slug":"sterben-fuer-ein-iphone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73499","title":{"rendered":"Sterben f\u00fcr ein iPhone"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich die westliche Presse an schauerlichen Geschichten von den Uigurenlagern in der chinesischen Provinz Xinjiang abarbeitet &ndash; und damit das Feindbild China pflegt &ndash;, richtet <a href=\"https:\/\/www.mintpressnews.com\/chris-hedges-working-class-dying-for-an-iphone\/277470\">Pulitzerpreistr&auml;ger <strong>Chris Hedges<\/strong><\/a> seinen Blick auf ein Ph&auml;nomen, das sich auch, aber nicht nur in China vollzieht, abermillionenfach und tagt&auml;glich: Die Ausbeutung von Arbeitern. Hedges sagt: Das Leiden der Arbeiterklasse in und au&szlig;erhalb der Vereinigten Staaten wird von unseren Massenmedien ignoriert. Und doch handelt es sich dabei um eines der wichtigsten Menschenrechtsthemen unserer Zeit.<br>\n&Uuml;bersetzung: <strong>Susanne Hofmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6834\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73499-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73499-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210621_Sterben_fuer_ein_iPhone_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sterben f&uuml;r ein iPhone<\/strong><br>\n<em>von Chris Hedges<\/em><\/p><p>Die Arbeiterklasse wird zunehmend entrechtet, daran gehindert, Gewerkschaften zu gr&uuml;nden, sie erh&auml;lt Hungerl&ouml;hne, muss Lohndiebstahl erleiden, wird st&auml;ndig &uuml;berwacht und wegen Lappalien gek&uuml;ndigt, gef&auml;hrlichen Kanzerogenen ausgesetzt, zu &Uuml;berstunden gezwungen, bestraft und im Stich gelassen, wenn sie alt und krank ist. Arbeiter sind hier und im Ausland ersetzbare R&auml;dchen f&uuml;r oligarchische Unternehmer geworden, die sich in obsz&ouml;nem pers&ouml;nlichen Reichtum suhlen und die schlimmsten Exzesse der R&auml;uberbarone in den Schatten stellen. <\/p><p>In mond&auml;nen liberalen Kreisen gibt es, so Noam Chomsky, w&uuml;rdige und unw&uuml;rdige Opfer. Nancy Pelosi hat die Staatschefs der Welt dazu aufgerufen, die Olympischen Winterspiele, die im Februar in Bejing stattfinden sollen, nicht zu besuchen. Als Grund f&uuml;hrt sie einen &bdquo;Genozid&ldquo; an, den die chinesische Regierung an der uigurischen Minderheit ver&uuml;be. Der New-York-Times-Kolumnist Nick Kristof betete eine Liste von Menschenrechtsverletzungen unter der Aufsicht des chinesischen Staatschefs Xi Jinping herunter. Er schrieb: &bdquo;[Xi] h&ouml;hlt die Freiheit von Hong Kong aus, bringt Anw&auml;lte und Journalisten ins Gef&auml;ngnis, nimmt kanadische Geiseln, bedroht Taiwan und, was besonders schlimm ist, wacht &uuml;ber Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Region von Xinjiang im &auml;u&szlig;ersten Westen, der Heimat etlicher muslimischer Minderheiten.&ldquo; <\/p><p>Nicht ein Wort &uuml;ber die Millionen von Arbeitern in China, die kaum besser als Leibeigene behandelt werden. Sie leben getrennt von ihren Familien inklusive ihrer Kinder, untergebracht in &uuml;berf&uuml;llten Firmenschlafs&auml;len, wof&uuml;r ihnen von ihrem Gehalt die Miete abgezogen wird, neben Fabriken, die rund um die Uhr produzieren, h&auml;ufig Waren f&uuml;r US-Konzerne. Die Arbeiter werden misshandelt, ausgebeutet und krankgemacht, weil sie Chemikalien und Giften wie Aluminiumstaub ausgesetzt sind.<\/p><p>Das Leiden der Arbeiterklasse in und au&szlig;erhalb der Vereinigten Staaten wird von unseren Medien, die sich im Besitz von Konzernen befinden, genauso ignoriert wie das Leiden der Pal&auml;stinenser. Und doch handelt es sich dabei um eines der wichtigsten Menschenrechtsthemen unserer Zeit. Denn Arbeiter k&ouml;nnen, sobald sie erm&auml;chtigt werden, andere Menschenrechtsverletzungen abwehren. Wenn Arbeiter sich nicht organisieren, hier und in L&auml;ndern wie China, und Grundrechte erlangen sowie L&ouml;hne, die ihre Lebenshaltungskosten decken, wird eine globale Knechtschaft zementiert werden, die Arbeiter in den grauenvollen Verh&auml;ltnissen gefangen h&auml;lt, die Friedrich Engels 1845 in seinem Buch &bdquo;Die Lage der arbeitenden Klasse in England&ldquo; beschrieb oder &Eacute;mile Zola 1885 in seinem Meisterwerk &bdquo;Germinal&ldquo;. <\/p><p>Solange China Sklavenl&ouml;hne bezahlen kann, ist es unm&ouml;glich, die L&ouml;hne anderswo zu erh&ouml;hen. Jedes Handelsabkommen muss das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren, beinhalten, sonst sind alle Versprechen von Joe Biden, die amerikanische Mittelklasse wiederaufzubauen, eine L&uuml;ge. <\/p><p>Zwischen 2001 und 2011 sind 2,7 Millionen Jobs in der Produktion an China verlorengegangen. Keiner davon kommt zur&uuml;ck, wenn Arbeiter in China und anderen L&auml;ndern, die zulassen, dass Unternehmen die Arbeiterschaft ausbeuten und grundlegende Umweltauflagen und arbeitsrechtliche Bestimmungen umgehen, in Unternehmensknechtschaft gefangen sind. <\/p><p>Und w&auml;hrend wir China f&uuml;r seine Arbeitspolitik schelten, haben die Vereinigten Staaten ihre eigene Gewerkschaftsbewegung zerschlagen, haben ihren Unternehmen gestattet, ihre Produktion nach &Uuml;bersee zu verlagern, um von den Produktionsmodellen dort zu profitieren, haben L&ouml;hne gedr&uuml;ckt, arbeitnehmerfeindliche Gesetze gegen das Recht auf Arbeit verabschiedet und Regelungen zerst&ouml;rt, die einst Arbeiter sch&uuml;tzten. Der Kampf gegen die Arbeiter ist kein chinesisches Ph&auml;nomen. Es ist ein globales. Und US-Unternehmen wirken daran mit. Apple hat 46 Prozent seiner Zulieferer in China. Walmart hat 80 Prozent seiner Zulieferer in China. Amazon hat 63 Prozent seiner Zulieferer in China.  <\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;ten US-Unternehmen sind vollwertige Partner in der Ausbeutung chinesischer Arbeitskr&auml;fte und darin, die amerikanische Arbeiterklasse im Stich gelassen und verarmt zu haben. US-Firmen und chinesische Produzenten haben daf&uuml;r gesorgt, dass Millionen von chinesischen Arbeitern mitten in einer globalen Pandemie in Fabriken gestopft wurden. Ihre Gesundheit spielt keine Rolle. Die Profite von Apple haben sich im vergangenen Quartal auf 23,6 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt. Seine Erl&ouml;se wuchsen um 54 Prozent auf 89,6 Milliarden US-Dollar an, das hei&szlig;t, dass Apple im Schnitt t&auml;glich Waren f&uuml;r mehr als eine Milliarde US-Dollar verkauft hat. Es wird sich f&uuml;r die Arbeiter hier oder in China nichts &auml;ndern, solange diese Unternehmen nicht zur Verantwortung gezogen werden. &Ouml;konomische Gerechtigkeit ist global oder sie existiert nicht.    <\/p><p>Die Arbeiter in chinesischen Industriezentren &ndash; eigenst&auml;ndige Firmen-St&auml;dte mit bis zu einer halben Million Menschen &ndash; treiben die riesigen Profite von zwei der m&auml;chtigsten Unternehmen der Welt in die H&ouml;he: Foxconn, dem weltweit gr&ouml;&szlig;ten Anbieter von Elektronikfertigungsdienstleistungen, und Apple mit einem Marktwert von zwei Billionen US-Dollar. Der gr&ouml;&szlig;te Kunde von Foxconn ist Apple, die Firma produziert aber auch f&uuml;r Alphabet (ehemals Google), Amazon &ndash; welches mehr als 400 Handelsmarken besitzt &ndash; Blackberry, Cisco, Dell, Fujitsu, GE, HP, IBM, Intel, LG, Microsoft, Nintendo, Panasonic, Philips, Samsung, Sony und Toshiba, ebenso wie f&uuml;hrende chinesische Firmen, darunter Lenovo, Huawei, ZTE und Xiaomi. Foxconn baut iPhones, iPads, iPods, Macs, Fernseher, X-Boxes, PlayStations, Wii Us, Kindles, Drucker und zahlreiche andere digitale Ger&auml;te zusammen. <\/p><p>Jenny Chan, Mark Selden und Pun Ngai haben zehn Jahre lang Undercover an den gr&ouml;&szlig;ten Produktionsst&auml;tten von Foxconn in den chinesischen St&auml;dten Shenzhen, Shanghai, Kunshan, Hangzhou, Nanjing, Tianjin, Langfang, Taiyuan und Wuhan f&uuml;r ihr Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.haymarketbooks.org\/books\/1468-dying-for-an-iphone\">Dying for an iPhone: Apple, Foxconn, and The Lives of China&rsquo;s Workers<\/a>&ldquo; recherchiert. Was sie darin beschreiben, ist eine Orwellsche Dystopie, eine, in der globale Unternehmen die Techniken f&uuml;r eine entmachtete Belegschaft perfektioniert haben. Diese gigantischen Arbeiterst&auml;dte sind im Grunde Straf-Arbeitskolonien. Ja, man kann sie verlassen, aber wer den Zorn der Chefs erregt, insbesondere, indem man seine Meinung &auml;u&szlig;ert oder versucht, sich zu organisieren, wird in Chinas Archipel der Industriezentren f&uuml;r den Rest seines Lebens auf die schwarze Liste gesetzt, an den Rand der Gesellschaft oder oft sogar ins Gef&auml;ngnis gedr&auml;ngt. <\/p><p>Die Arbeiter leben unter st&auml;ndiger &Uuml;berwachung. Sie werden von Sicherheitseinheiten des Unternehmens kontrolliert. Sie schlafen in getrennten Schlafs&auml;len f&uuml;r M&auml;nner und Frauen mit acht oder mehr Personen in einem Raum. Die mehrst&ouml;ckigen Schlafs&auml;le haben Gitter an den Fenstern und Netze darunter, um der Serie von Arbeitersuiziden Einhalt zu gebieten, welche diese Fabrikst&auml;dte vor ein paar Jahren traf. <\/p><p>&bdquo;Der Arbeitsplatz und der Wohnbereich sind komprimiert, um die Rund-um-die-Uhr-Hochgeschwindigkeitsproduktion zu unterst&uuml;tzen&ldquo;, schreiben die Autoren. &bdquo;Der Schlafsaal fasst eine gewaltige Anzahl von Arbeitsmigranten, die dort ohne F&uuml;rsorge und Liebe einer Familie untergebracht sind. Ob alleinstehend oder verheiratet, der Arbeiter bekommt ein Ein-Personen-Stockbett zugewiesen. Die &bdquo;Privatsph&auml;re&ldquo; besteht nur aus dem eigenen Bett hinter einem selbstgemachten Vorhang mit sp&auml;rlichem gemeinsamen Wohnraum.&ldquo;    <\/p><p>Die Arbeiter, die rund zwei US-Dollar die Stunde und im Schnitt 390 US-Dollar im Monat verdienen, erhalten ihren Lohn auf Lohn-Debitkarten, mittels derer nur in firmeneigenen Gesch&auml;ften eingekauft werden kann. Die Bankkarte erlaubt einem Arbeiter, Geld an Automaten auf Foxconn-Anlagen einzuzahlen, abzuheben und zu &uuml;berweisen.  <\/p><p>Manager und Vorarbeiter untersagen Gespr&auml;che im Montagebereich, in dem in Zehn- oder Zw&ouml;lf-Stunden-Schichten im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet wird. Arbeiter werden ger&uuml;gt, wenn sie am Flie&szlig;band &bdquo;zu langsam&ldquo; arbeiten. Sie werden bestraft, wenn sie fehlerhafte Produkte herstellen. Wenn sie eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, werden Arbeiter oft gezwungen, nach Schichtende zu bleiben. Der Arbeiter, der Regeln verletzt hat, muss sich vor seine Kollegen hinstellen und eine Erkl&auml;rung mit Selbstkritik verlesen. Arbeiter, die in ihrer Beurteilung ein &bdquo;D&ldquo; f&uuml;r &bdquo;unbefriedigende Leistung&ldquo; stehen haben, werden gefeuert. Die Arbeiter haben alle zwei Wochen einen freien Tag oder zwei Ruhetage im Monat. Sie k&ouml;nnen flexibel in Tag- und Nachtschichten eingesetzt werden. <\/p><p>Die Autoren beschreiben die t&auml;gliche Routine eines Arbeiters, der um sieben Uhr fr&uuml;h mit Hunderttausenden anderen Foxconn-Angestellten die Fabrik betritt. Jede Person, die &uuml;brigens keine Elektroger&auml;te in das Fabrikgeb&auml;ude mitnehmen darf, wird mittels eines Gesichtserkennungssystems gecheckt, um ihre Identit&auml;t zu best&auml;tigen. <\/p><p>&Uuml;ber eine Stunde lang str&ouml;men Menschen hinein und hinaus. Arbeiter kommen aus der Nachtschicht, &uuml;berqueren die Fu&szlig;g&auml;ngerbr&uuml;cke und ergie&szlig;en sich in die Shopping-Malls und Stra&szlig;enm&auml;rkte, die rund um die Fabrik entstanden sind. Tagschicht-Arbeiter &uuml;berqueren dieselbe Br&uuml;cke in Gegenrichtung zur Arbeit. Von dem Moment, in dem sie durch das Fabriktor treten, werden die Arbeiter von einem Sicherheitssystem erfasst, das st&auml;rker in die Privatsph&auml;re eingreift als jedes andere in benachbarten kleineren Elektronikfabriken. &bdquo;Foxconn hat seinen eigenen Sicherheitsdienst, so wie ein Staat eine Armee hat. Die Arbeiter gehen durch mehrere elektronische Pforten und Spezial-Sicherheitszonen, ehe sie zu ihren Werkhallen gelangen, wo sie mit der Arbeit beginnen.<\/p><p>Sind sie drinnen angelangt, so schreiben die Autoren, m&uuml;ssen sie ein bekanntes Ritual &uuml;ber sich ergehen lassen:<\/p><p>Zu Schichtbeginn rufen die Manager aus: &ldquo;Wie geht es euch?&rdquo;, die Arbeiter m&uuml;ssen antworten, indem sie gemeinsam rufen: &bdquo;Gut! Sehr gut! Sehr, sehr gut!&ldquo; Dieser Drill f&ouml;rdert angeblich die Disziplin der Arbeiter. Ein laserl&ouml;tender Arbeiter berichtete: &bdquo;Vor der Schicht schrillt drei Mal eine Trillerpfeife. Beim ersten Pfiff m&uuml;ssen wir aufstehen und unsere St&uuml;hle ordentlich hinstellen. Beim zweiten Pfiff bereiten wir uns auf die Arbeit vor und legen Arbeitshandschuhe und dergleichen an. Beim dritten Pfiff setzen wir uns hin und arbeiten los.&ldquo; W&auml;hrend der Arbeitszeit ist &bdquo;nicht reden, nicht lachen, nicht essen, nicht schlafen&ldquo; die wichtigste Regel in der Fabrik. Jedes Verhalten, das die Disziplin st&ouml;rt, wird bestraft. &bdquo;Wer f&uuml;r mehr als zehn Minuten zur Toilette geht, handelt sich eine m&uuml;ndliche Verwarnung ein, wer w&auml;hrend der Arbeit schw&auml;tzt, eine schriftliche Verwarnung&ldquo;, erkl&auml;rte ein Vorarbeiter. <\/p><p>Die Arbeit ist anstrengend, stressig und monoton. Ein iPhone besteht aus mehr als hundert Einzelteilen. &bdquo;Jeder Arbeiter&ldquo;, schreiben die Autoren, &bdquo;ist auf eine Aufgabe spezialisiert und wiederholt dieselben Bewegungen in Hochgeschwindigkeit &ndash; jede Stunde, tagt&auml;glich, zehn oder mehr Stunden lang an vielen Arbeitstagen und das monatelang.&ldquo; <\/p><p>Eine Frau, die im Buch interviewt wird, beschrieb ihr Leben am Flie&szlig;band so:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich bin ein R&auml;dchen an einem Arbeitsplatz, an dem Teile visuell kontrolliert werden. Wenn der L&ouml;tofen nebenan Smartphone-Motherboards liefert, strecken sich meine beiden H&auml;nde aus, um das Motherboard zu nehmen, dann beginnt mein Kopf von links nach rechts zu wandern, meine Augen bewegen sich von der linken Seite des Motherboards auf die rechte Seite und stieren dann von oben nach unten, ohne Unterbrechung, und wenn etwas nicht stimmt, rufe ich, und ein anderer menschlicher Teil, der mir &auml;hnlich ist, kommt angerannt, fragt nach der Ursache des Fehlers und bessert ihn aus. Ich wiederhole die gleiche Aufgabe tausende Male am Tag. Mein Gehirn rostet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Arbeit birgt auch Gefahren. Die Poliermaschine st&ouml;&szlig;t beim Abschleifen der Geh&auml;use Aluminiumstaub aus. Dieser Staub gelangt in die Augen und l&ouml;st Reizungen und winzige Tr&auml;nen aus. Die Arbeiter leiden unter Atemwegsproblemen, Halsschmerzen und chronischem Husten. &bdquo;Mikroskopisch feiner Aluminiumstaub bedeckt die Gesichter und Kleidung der Arbeiter&ldquo;, schreiben die Autoren. &bdquo;Ein Arbeiter beschreibt die Situation so: &sbquo;Ich atme bei Foxconn wie ein Staubsauger Aluminiumstaub ein. Da die Fenster der Werkhalle fest geschlossen waren, hatten die Arbeiter das Gef&uuml;hl zu ersticken.&lsquo;&ldquo;<\/p><p>[&hellip;] Arbeiter m&uuml;ssen pro Schicht eintausend iPhone-Touchscreens reinigen. Jahrelang kam dabei die Chemikalie n-Hexan zum Einsatz, die schneller als Industriealkohol verdampft. Wer n-Hexan &uuml;ber eine l&auml;ngere Zeit ausgesetzt ist, erleidet Sch&auml;den an peripheren Nerven, was zu schmerzhaften Muskelkr&auml;mpfen, Kopfschmerzen, unkontrollierbarem Zittern, getr&uuml;bter Sicht und Schwierigkeiten beim Laufen f&uuml;hrt. Es sollte nur in gut bel&uuml;fteten R&auml;umen eingesetzt werden und die Arbeiter m&uuml;ssen Atemschutzger&auml;te tragen. Tausende von Foxconn-Arbeitern haben n-Hexan jedoch in abgedichteten R&auml;umen ohne Ventilatoren angewandt und erkrankten. Das hat schlie&szlig;lich zum Verbot des Stoffes gef&uuml;hrt.  <\/p><p>Diese ausgedehnten Industrieanlagen entsorgen auch riesige Mengen an Schwermetallen und Schmutzwasser in Fl&uuml;sse und ins Grundwasser. Die an die Werke angrenzenden Fl&uuml;sse sind schwarz vor Abwasser und voller Plastikm&uuml;ll. Die Arbeiter klagen dar&uuml;ber, dass das Trinkwasser verf&auml;rbt ist und stinkt.<\/p><p>Die USA haben sich in den 1990er Jahren ihrer Arbeiter im Zuge der De-Industrialisierung entledigt. China tat es ihnen gleich, indem man den Sozialismus zugunsten eines staatlich kontrollierten Kapitalismus aufgel&ouml;st hat. Die Arbeitspl&auml;tze im staatlichen und kollektiven Sektor in China gingen von 76 Prozent im Jahr 1995 auf 27 Prozent im Jahr 2005 zur&uuml;ck. Abermillionen von entlassenen Arbeitern mussten um Jobs bei Unternehmen wie Foxconn k&auml;mpfen. Doch selbst diese Jobs sind jetzt bedroht, teilweise aufgrund der Automatisierung, die dazu f&uuml;hrt, dass Arbeiter an den Flie&szlig;b&auml;ndern von Robotern ersetzt werden, die spritzen, schwei&szlig;en, pressen, polieren, Qualit&auml;tskontrollen durchf&uuml;hren und Leiterplatten zusammensetzen k&ouml;nnen. Foxconn hat mehr als 40.000 Industrieroboter in seinen Fabriken installiert, dazu kommen hunderttausende weitere automatisierte Maschinen.<\/p><p>Doch w&auml;hrend des vergangenen Jahrzehnts, schreiben die Autoren, &bdquo;bestand die gr&ouml;&szlig;te Ver&auml;nderung bei Foxconn nicht darin, dass man Arbeiter gegen Roboter ausgetauscht hat, sondern dass man Vollzeitangestellte durch eine wachsende Anzahl von studentischen Praktikanten und Leiharbeitern ersetzt hat.&ldquo;<\/p><p>Diese Arbeitskr&auml;fte, die Teil der &bdquo;Gig-Economy&rdquo; sind, die man in den USA kennt, genie&szlig;en noch weniger Arbeitsplatzsicherheit als Vollzeitkr&auml;fte. Bis zu 150.000 Berufssch&uuml;ler im High-School-Alter sind in Foxconn-Werken besch&auml;ftigt. Sie erhalten den Mindestlohn, haben aber keinen Anspruch auf den Qualifizierungszuschuss in H&ouml;he von 400 Yuan pro Monat, selbst wenn sie die Probezeit bestehen. Foxconn ist auch nicht verpflichtet, sie bei der Sozialversicherung anzumelden.<\/p><p>Die Chefs dieser Konzerngiganten imitieren oft das Verhalten von Despoten und &uuml;ben nicht nur die totale Kontrolle &uuml;ber jeden Aspekt des Lebens ihrer Arbeiter aus, sondern verbreiten auch volkst&uuml;melnde Weisheiten an die Massen. Sie werden von kriecherischen Medien oft wie Gurus behandelt. Man bittet sie, zu einer Reihe von sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Themen Stellung zu nehmen &ndash; wie es Bill Gates, Warren Buffet, Elon Musk und Jeff Bezos tun. Ihr immenses Verm&ouml;gen verleiht ihnen in unserer Mammon-anbetenden Gesellschaft den Status von Weisen.<\/p><p>Terry Gou, der Gr&uuml;nder und Chef von Foxconn, hat neben seinen Portr&auml;ts eine Liste von Slogans und Aphorismen aufgeh&auml;ngt. Sie zieren die W&auml;nde seiner Fabriken. Arbeiter m&uuml;ssen Passagen aus &bdquo;Gous Zitaten&ldquo; abschreiben. W&auml;hrend Mao Zedong zu Klassenkampf und Rebellion aufrief, fordert Gou Konformit&auml;t und blinden Gehorsam. &bdquo;Wachstum, dein Name ist Leiden&ldquo;, lautet einer seiner Ausspr&uuml;che. Der Reporter des Wall Street Journal, Jason Dean, charakterisierte Gao 2007 in einem Interview mit Gou als &bdquo;Warlord&ldquo; und stellte fest, dass &bdquo;er ein Perlenarmband tr&auml;gt, das er in einem Tempel erhielt, der Dschingis Khan gewidmet war, dem mongolischen Eroberer aus dem 13. Jahrhundert, den er als seinen pers&ouml;nlichen Helden bezeichnet.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Eine raue Umgebung ist gut&ldquo;, hei&szlig;t es in einem von Gous Zitaten. <\/p><p>&bdquo;Erreiche Ziele oder die Sonne geht nicht mehr auf. <\/p><p>Sch&auml;tze Effizienz in jeder Minute, jeder Sekunde. <\/p><p>Ausf&uuml;hrung vereint Geschwindigkeit, Genauigkeit und Pr&auml;zision.&ldquo;<\/p><p>Seine mehr als eine Million Mitarbeiter m&uuml;ssen, wie es auch bei Amazon und anderen gro&szlig;en Konzernen der Fall ist, verpflichtend an Unternehmensversammlungen teilnehmen, in denen sie lernen, sich an die Unternehmensregeln zu halten, den Interessen des Unternehmens treu zu dienen und, wie die Autoren anmerken, nach dem &bdquo;individualistischen Erfolgsmodell&ldquo; zu streben. Wer sich an die Regeln h&auml;lt, sagt man den Arbeitern, werde belohnt. Wer dies nicht tut, wird bestraft oder verbannt.<\/p><p>Arbeiter in diesen globalen Ausbeuterbetrieben organisieren sich im Untergrund und protestieren. Im Jahr 1993, dem ersten Jahr, f&uuml;r das offizielle Daten vorliegen, gab es in China 8.700 Vorf&auml;lle von Arbeitsunruhen und bis zu 32.000 im Jahr 1999, schreiben die Autoren. &bdquo;Die Zahl stieg zwischen 2000 und 2003 weiter um mehr als 20 Prozent pro Jahr. Im Jahr 2005 verzeichnete die offizielle Aufzeichnung 87.000 F&auml;lle und stieg 2008 w&auml;hrend der weltweiten Rezession auf 127.000 &ndash; das war das letzte Mal, dass das chinesische Ministerium f&uuml;r &ouml;ffentliche Sicherheit Zahlen ver&ouml;ffentlichte.&ldquo; <\/p><p>In Hubeis East Lake High-Tech Development Zone, bekannt als Optics Valley, drohten am 3. Januar 2012 150 Foxconn-Arbeiter, vom Dach der Fabrik zu springen und Massenselbstmord zu begehen, wenn die Manager sich weigerten, ihren Forderungen nachzukommen. Dazu geh&ouml;rten Proteste gegen Zwangsverlegungen in die St&auml;dte anderer Fabriken und ein Streit um Lohn.<\/p><p>Streiks, Proteste und Arbeitsniederlegungen, die jetzt stattfinden, sind Staatsgeheimnisse, aber die Statistiken der Vergangenheit scheinen darauf hinzuweisen, dass sie zunehmen. Streiks werden in der Regel schnell und brutal von den Sicherheitsdiensten der Unternehmen und von der Polizei abgebrochen, Streikf&uuml;hrer entlassen und oft inhaftiert.<\/p><p>Wir werden uns nicht durch den perversen Individualismus retten, den uns unsere Konzernherren und gef&auml;lligen Massenmedien verkaufen, der unser Vorankommen auf Kosten anderer f&ouml;rdert. Wir werden uns retten, indem wir solidarisch mit Arbeitern innerhalb und au&szlig;erhalb der Vereinigten Staaten zusammenarbeiten. Diese kollektive Macht ist unsere einzige Hoffnung. Amazon-Besch&auml;ftigte der Hulu-Garment-Fabrik in Phnom Penh, Kambodscha, und der Global-Garments-Fabrik in Chittagong, Bangladesch, f&uuml;hrten k&uuml;rzlich einen weltweiten Aktionstag an, um Amazon dazu zu bringen, allen Arbeitern, gleich wo sie leben, faire L&ouml;hne zu zahlen. Daran m&uuml;ssen wir uns orientieren. Andernfalls werden die Arbeiter in einem Land gegen die Arbeiter in einem anderen Land ausgespielt. Karl Marx und Friedrich Engels hatten recht. Arbeiter aller L&auml;nder, vereinigt euch. Du hast nichts zu verlieren au&szlig;er deine Ketten.<\/p><p>Titelbild: Novikov Aleksey\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich die westliche Presse an schauerlichen Geschichten von den Uigurenlagern in der chinesischen Provinz Xinjiang abarbeitet &ndash; und damit das Feindbild China pflegt &ndash;, richtet <a href=\"https:\/\/www.mintpressnews.com\/chris-hedges-working-class-dying-for-an-iphone\/277470\">Pulitzerpreistr&auml;ger <strong>Chris Hedges<\/strong><\/a> seinen Blick auf ein Ph&auml;nomen, das sich auch, aber nicht nur in China vollzieht, abermillionenfach und tagt&auml;glich: Die Ausbeutung von Arbeitern. Hedges sagt: Das Leiden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73499\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73495,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,141,107,183],"tags":[1698,1740,379,3085,3086,1919,1554,288,443,1176,1556,2542],"class_list":["post-73499","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-medienkritik","tag-apple","tag-arbeitsbedingungen","tag-china","tag-foxconn","tag-gig-economy","tag-lueckenpresse","tag-orwell-2-0","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-standortwettbewerb","tag-streik","tag-usa","tag-zuliefererindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/shutterstock_1765228751.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73499"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73612,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73499\/revisions\/73612"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}