{"id":73580,"date":"2021-06-22T12:51:13","date_gmt":"2021-06-22T10:51:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73580"},"modified":"2021-06-22T13:37:40","modified_gmt":"2021-06-22T11:37:40","slug":"nie-wieder-gegen-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73580","title":{"rendered":"Nie wieder gegen Russland!"},"content":{"rendered":"<p>Eine pers&ouml;nliche Sicht auf das deutsch-russische Verh&auml;ltnis, anl&auml;sslich des 80. Jahrestags des deutschen &Uuml;berfalls auf die Sowjetunion &ndash; inspiriert von einem Besuch in Sankt Petersburg. In Anbetracht der aktuellen antirussischen Kriegstreiberei von Medien und Politik sind es vor allem die zahlreichen Friedensinitiativen von B&uuml;rgern, die eine Verst&auml;ndigung zwischen den V&ouml;lkern retten k&ouml;nnen. Von <strong>Michael Felten<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn einer Freundesgruppe waren wir f&uuml;r 10 Tage nach Sankt Petersburg aufgebrochen, der zweitgr&ouml;&szlig;ten Stadt Russlands. Ihrer vielen Wasserl&auml;ufe wegen hei&szlig;t die Stadt auch &ldquo;Venedig des Nordens&rdquo;, bei Touristen ist sie beliebt wegen der Kunstsch&auml;tze, der prachtvollen U-Bahn, ihrer Stadtatmosph&auml;re. Das haben wir alles gesehen, aber jetzt, in einem Au&szlig;enbezirk, stehe ich in einer weiten Parkanlage, vor einer riesigen weiblichen Statue, die die Arme ausbreitet, &ldquo;Mutter Heimat&rdquo; &ndash; und k&auml;mpfe tats&auml;chlich mit den Tr&auml;nen.<\/p><p>Ich bin historisch nicht g&auml;nzlich unbeleckt, aber mir war bisher einfach nicht klar, welch furchtbares Unheil die deutsche Wehrmacht in dieser Gegend im Zweiten Weltkrieg angerichtet hat. Eine von Hitlers Wahnideen war gewesen, den europ&auml;ischen Teil Russlands als Versorgungsraum f&uuml;r die arische Rasse zu kolonisieren. Russen sah er dabei als &ldquo;Untermenschen&rdquo; an, die er nicht einfach besiegen, sondern lieber gleich ausrotten wollte. Daher der Plan, Leningrad (und eigentlich auch Moskau) gar nicht erst zu erobern, sondern die Menschen durch Totalblockade einfach verhungern zu lassen. So mussten allein hier &ndash; w&auml;hrend 900 Tagen, darunter 3 bitterkalten Wintern &ndash; &uuml;ber eine Million Zivilisten elend ihr Leben lassen. W&uuml;rde man an jeden Einzelnen nur eine einzige Minute denken, w&auml;re man zwei Jahre besch&auml;ftigt. Als Besucher aus K&ouml;ln kann ich es eigentlich kaum fassen, wie freundlich man hier heute zu uns ist.<\/p><p>Mittlerweile sagen auch westliche Historiker: Die Blockade Leningrads war eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht. Aber sie war nur ein Teil des Horrors, der von Deutschland vor 80 Jahren gen Osten vorstie&szlig;. Der gesamte Angriffskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion kostete mindestens 24 Millionen Sowjetb&uuml;rgern das Leben, diese Menschen haben am meisten f&uuml;r unsere Befreiung von der NS-Zeit geblutet. Es m&uuml;sste also f&uuml;r uns Deutsche eigentlich nicht nur hei&szlig;en: Nie wieder Auschwitz!, sondern auch: Nie wieder gegen Russland!<\/p><p>Seit einem guten Jahrzehnt aber wird eine neue russische Gefahr heraufbeschworen &ndash; weil der russische B&auml;r sich nicht westlichem F&uuml;hrungsanspruch beugen wollte?  Staatschef Putin habe bereits die Krim annektiert, nun m&uuml;ssten wohl die baltischen Staaten um ihre Existenz bangen. Dabei war es die Nato, die sich absprachewidrig weit gen Osten ausgedehnt und vor Moskaus Haust&uuml;re Waffensysteme installiert hat, die die russische Raketenabwehr au&szlig;er Kraft setzen k&ouml;nnten. Aber abw&auml;gende Stimmen dringen im neoaggressiven Unisono der Leitmedien nicht recht durch. Dem Quasidiktator m&uuml;sse man fr&uuml;hzeitig die rote Karte zeigen &ndash; und auch zu milit&auml;rischem Handeln bereit sein. Eine Art Vormobilmachung, bei der einem angst und bange werden sollte.<\/p><p>Unterhalb dieser riskanten hohen Politik gibt es indes Regungen und Kr&auml;fte, die hoffnungsvoll stimmen k&ouml;nnten. So existieren zahlreiche deutsch-russische Freundschaftsgesellschaften &ndash; Zusammenschl&uuml;sse von j&uuml;ngeren wie &auml;lteren B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, die von russischer Kultur angetan sind, die die Herzlichkeit der russischen Bev&ouml;lkerung sch&auml;tzen, die das riesige Reich im Osten immer wieder besuchen.  Russland ist offenbar nicht nur &ldquo;von oben&rdquo; attraktiv (so k&uuml;rzlich eine ZDF-Doku), man erlebt dort bei Menschen aller Schichten gro&szlig;e Herzlichkeit, wird gerne beschenkt. <\/p><p>Nicht zuletzt waltet hier wohl auch die &Uuml;berzeugung, dass grenz&uuml;bergreifende Kontakte vielleicht das Einzige sind, was einfache Menschen dem riskanten Z&uuml;ndeln des milit&auml;risch-industriellen Komplexes entgegenzusetzen verm&ouml;gen. Besonders h&auml;ufig st&ouml;&szlig;t man auf solche Vereinigungen &uuml;brigens in Ostdeutschland &ndash; zu DDR-Zeiten verordnet, jetzt aber in Freiheit weitergef&uuml;hrt. Zwar traten die Russen in Sachsen oder Brandenburg zun&auml;chst als rigorose Besatzungsmacht auf, mit der Zeit aber ergaben sich Freundschaften, wurden Familien gegr&uuml;ndet, fuhr man in die Sowjetunion zum Studium oder in Urlaub. Heute findet man bundesweit eine gro&szlig;e Vielfalt an St&auml;dtepartnerschaften (z.B. K&ouml;ln &ndash; Wolgograd oder D&uuml;sseldorf &ndash; Moskau), es gibt die &ldquo;Freunde der V&ouml;lker Russlands&rdquo; (in Berlin), ein &ldquo;Jugendparlament Bonn &ndash; Kaliningrad&rdquo; tagt in Bonn. Der Volksbund Kriegsgr&auml;berf&uuml;rsorge ist in Russland aktiv, ein Freundeskreis druschba-global unternimmt j&auml;hrliche Friedensfahrten, der Schriftsteller Wolfgang B&uuml;scher ging alleine zu Fu&szlig; von Berlin bis Moskau.<\/p><p>Schon aus Eigennutz m&uuml;ssten wir Deutsche alles Erdenkliche daf&uuml;r tun, dass sich keine neuen Ost-West-Feindbilder verfestigen. Sollten die USA und ihre Verb&uuml;ndeten n&auml;mlich Russland &uuml;ber das &Auml;u&szlig;erste hinaus reizen, w&auml;re es Deutschland, das zum atomaren Gefechtsfeld w&uuml;rde. Die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung k&ouml;nnte allerdings noch frisches Blut gebrauchen. Junge Menschen, die nicht in Identit&auml;tsfragen steckenbleiben, sondern ihre Zeit handfesten Problemen widmen m&ouml;chten. Der humane Blick gen Osten, das meint nicht prim&auml;r Gedenkst&auml;ttenbesuche, da winkt vielmehr das Suchen und Finden von Interessantem, Spannendem und Reizvollem. <\/p><p>Der Schriftsteller Bert Brecht war ja der Meinung, 100 entschiedene Menschen k&ouml;nnten eine Revolution ausl&ouml;sen. Ob vielleicht auch 1000 Engagierte einen n&auml;chsten Krieg gegen Russland verhindern k&ouml;nnen &ndash; oder zumindest erschweren? Man k&ouml;nnte immerhin im Herbst keine Partei w&auml;hlen, die &ldquo;die Ukraine bewaffnen&rdquo; und den &ldquo;Druck auf Moskau erh&ouml;hen&rdquo; will.<\/p><p>Titelbild: Olizabet \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine pers&ouml;nliche Sicht auf das deutsch-russische Verh&auml;ltnis, anl&auml;sslich des 80. Jahrestags des deutschen &Uuml;berfalls auf die Sowjetunion &ndash; inspiriert von einem Besuch in Sankt Petersburg. 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