{"id":73683,"date":"2021-06-25T09:45:07","date_gmt":"2021-06-25T07:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73683"},"modified":"2021-06-28T13:13:58","modified_gmt":"2021-06-28T11:13:58","slug":"die-verzerrte-berichterstattung-ueber-die-realitaet-ist-die-realitaet-karl-kraus-von-hubert-seipel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73683","title":{"rendered":"\u201eDie verzerrte Berichterstattung \u00fcber die Realit\u00e4t ist die Realit\u00e4t\u201c (Karl Kraus). Von Hubert Seipel."},"content":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Die S&uuml;ddeutsche Zeitung brachte am 20. Juni eine Rezension des neuen Buches von Hubert Seipel. Autorin dieses St&uuml;cks &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/russland-pruegelknabe-des-westens-1.5327744\">Pr&uuml;gelknabe des Westens<\/a>&ldquo; war die Mitarbeiterin der M&uuml;nchner Universit&auml;t LMU, Franziska Davies. Hubert Seipel hat ihre Buchbesprechung f&uuml;r die NachDenkSeiten gew&uuml;rdigt und auseinandergenommen. &ndash; Zum Hintergrund siehe auch die Buchbesprechung von Irmtraud Gutschke f&uuml;r die NachDenkSeiten vom 12. Mai: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72326\">Russland und die EU: In den Sch&uuml;tzengr&auml;ben<\/a>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9768\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73683-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73683-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210628-Die-verzerrte-Berichterstattung-Hubert-Seipel-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&bdquo;Die verzerrte Berichterstattung &uuml;ber die Realit&auml;t ist die Realit&auml;t&ldquo; (Karl Kraus)<\/strong><\/p><p>Als Schreiber ger&auml;t man gelegentlich in die immer gleiche Zwickm&uuml;hle. Antworte ich nun auf eine Buchkritik im Feuilleton oder nicht? Eine Frage, die sich selbstverst&auml;ndlich nur dann stellt, wenn es sich um einen Verriss handelt. Nat&uuml;rlich wei&szlig; ich, dass Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sich meistens unterscheiden und ich, sollte ich denn emp&ouml;rt gegen eine vermeintliche Fehleinsch&auml;tzung anschreiben, in der Regel nur best&auml;tige, dass der Autor wie vorherzusehen offenkundig keine Kritik vertr&auml;gt. Wom&ouml;glich unter Realit&auml;tsverlust, wenn nicht gar unter ausgepr&auml;gtem Narzissmus leidet.<\/p><p>Die Rollenverteilung des Gewerbes ist klar, der Kritiker ist qua ungeschriebenem Gesetz von Hause aus der oberste Richter. Hier das Feuilleton oder die Jury, und dort der Autor und sein Werk &ndash; oder eben manchmal halt auch nur sein Machwerk. Das sind die Spielregeln des medialen Marktes &ndash; einerseits.<\/p><p>Andererseits. Auch Kritiker sind bekannterma&szlig;en Menschen mit Vorlieben f&uuml;r kulturelle Codes, f&uuml;r politische Verbindungen und mit ausgepr&auml;gten Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat. Wie es der Satz beschreibt, den einst der Medien-Kritiker Karl Kraus schon vor hundert Jahren zu Papier brachte. &bdquo;Die verzerrte Berichterstattung &uuml;ber die Realit&auml;t ist die Realit&auml;t.&ldquo;<\/p><p>Daraus folgt allerdings nicht zwanglos, dass man den Zustand klaglos hinnehmen muss. Auch f&uuml;r Rezensionen gelten Spielregeln. Und deswegen habe ich mich zum Schreiben entschlossen. Der Anlass ist der Klassiker. Ein Verriss meines Buches in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;. Nichts Besonderes eigentlich. Doch was mich &auml;rgert, ist die penetrante Vorstellung der Autorin Franziska Davies, ich m&uuml;sste ein Buch &uuml;ber ein kontroverses Thema so schreiben, wie es der Kritikerin vorschwebt. Als eine Art Auftragsarbeit, bei der Abweichungen von einem vorgegebenen Entwurf streng geahndet werden, weil wir uns ja alle einig sind, worum es geht.<\/p><p><strong>Mediale Sch&uuml;tzengr&auml;ben<\/strong><\/p><p>Es geht um einen Trend. Um den zunehmenden Streit um Gut und B&ouml;se, um alles oder nichts, um ganz oder gar nicht, wie der publizistische Nahkampf diese Woche einmal mehr belegt. Weil die &bdquo;Zeit&ldquo; einen Artikel des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin ver&ouml;ffentlicht hat, gehen &bdquo;Bild&ldquo;, die &bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung&ldquo; und der &bdquo;Deutschlandfunk&ldquo; auf die Barrikaden. Ihre rigorose Forderung, die offenkundig nicht verhandelbar ist: Einen B&ouml;sewicht wie Wladimir Putin darf man nicht drucken &ndash; auch wenn er in dem Artikel daf&uuml;r pl&auml;diert, gemeinsam einen Neuanfang in Europa zu versuchen, um die explosive Stimmung zu entsch&auml;rfen. Seine Interpretation der vergangenen Ereignisse, befindet die mediale Wahrheitskommission, stimmt nicht mit der eigenen &Uuml;berzeugung &uuml;berein, dass nun mal der russische Pr&auml;sident die Schuld an der Misere tr&auml;gt.<\/p><p>Der selbsternannte Wohlfahrtsausschuss ist sich in seinem Pl&auml;doyer einig, was geht und was nicht. Der Kommentator des Deutschlandfunks hat es direkt formuliert: &bdquo;Die Zeit hat einen Gastbeitrag des russischen Pr&auml;sidenten Putin ver&ouml;ffentlicht. Das h&auml;tte sie nicht tun d&uuml;rfen.&ldquo; Und f&uuml;r die S&uuml;ddeutsche Zeitung steht fest: &bdquo;Die Zeit der Kooperation und Kommunikation zwischen Europa und Russland&ldquo; wird erst dann kommen, &bdquo;wenn er nicht mehr im Amt ist&ldquo;. Bis dahin haben die Journalisten mit Stahlhelmen in den medialen Sch&uuml;tzengr&auml;ben auszuharren.<\/p><p>Es ist diese Form der Mobilmachung, die seit l&auml;ngerem die Stimmung auch in den Feuilletons bestimmt. Wir sind die Guten und das B&ouml;se kommt von au&szlig;en. Wenn man &uuml;ber Russland schreibt, dekretiert Franziska Davies in der S&uuml;ddeutschen Zeitung wie allenfalls der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation in Rom, dann hat es vorrangig um die &bdquo;inneren Widerspr&uuml;che und Dynamiken&ldquo; des Landes zu gehen, &uuml;ber die zu schreiben ist. Punkt. Die selbsternannte Richterin verlangt prinzipiell nach grundlegender Aufkl&auml;rung &uuml;ber &bdquo;massive Menschenrechtsverletzungen&ldquo;, nicht zuletzt &bdquo;an Homosexuellen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien&ldquo;. Auch sie fordert, Antworten von Wladimir Putin grunds&auml;tzlich nicht einfach stehenzulassen, sondern gleich zu kommentieren und richtigzustellen, damit der unbedarfte Leser nicht selbst zu denken braucht &ndash; als eine Art betreutes Zuh&ouml;ren, eine Anleitung zum richtigen Verst&auml;ndnis.<\/p><p>Und da ich offenkundig kein Anh&auml;nger dieser sonderp&auml;dagogischen Geschichtsschreibung bin, andere nennen es auch Political Correctness, steht die Anklage schon plakativ im Vorspann des Artikels &uuml;ber mein Buch. Hubert Seipel hat sich &bdquo;zum Anwalt von Russlands Pr&auml;sidenten&ldquo; gemacht, lautet der plakative Vorwurf, &bdquo;durch Weglassen von Fakten&ldquo;.<\/p><p>Die Klageschrift, die sich Frau Davies w&uuml;nscht, hat allerdings mit mir wenig zu tun. &bdquo;Putins Macht. Warum Europa Russland braucht&ldquo;, lautet der Titel meines Buches bei Hoffmann und Campe. Es geht um globale Machtverh&auml;ltnisse, Geopolitik. Um alte und neue Feindbilder und um unser Verh&auml;ltnis zu Russland. Um das Selbstverst&auml;ndnis von Wladimir Putin.<\/p><p>So steht es im Pressetext des Verlages und auch auf dem Cover des Buches. Es geht um die Spannungen in Europa, von denen viele historische Ursachen haben. Um jenen gelegentlich absurden Krieg der Erinnerungen. Erinnerungen an Verletzungen, die teilweise bis in die Zarenzeiten zur&uuml;ckgehen. Die oft bewusst, manchmal unbewusst eingesetzt werden und so die Erinnerung an den letzten gro&szlig;en Krieg verdr&auml;ngen, den Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier gerade eindrucksvoll zum 8o. Jahrestag des &Uuml;berfalles auf die einstige Sowjetunion beschrieben hat.<\/p><p>Es geht um die Erbfeindschaft zwischen Moskau und Washington und den besonderen Anspruch des American exceptionalism, die Welt zu missionieren, nach dem die Menschen alle gleich sind, auch wenn sich das zuhause in den USA selbst noch nicht sehr weit herumgesprochen hat und Figuren wie Donald Trump erst m&ouml;glich macht. Und nicht zuletzt geht es in dem Buch darum, ob Europa weiterhin nur politischer Dienstleister f&uuml;r die USA ist. Ein Umstand, den der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Emmanuel Macron mehrfach und lautstark als &bdquo;den Hirntod der NATO&ldquo; beklagt hat, nicht nur, als die USA im Alleingang den Vertrag mit Russland &uuml;ber die Begrenzung der Mittelstreckenraketen k&uuml;ndigten. Die Eiszeit in den Beziehungen zu Moskau, so Macron, habe Europa nicht sicherer gemacht. Und nat&uuml;rlich geht es um konkrete wirtschaftliche Interessen der globalen Player USA, China und auch Russland, um Wladimir Putin &ndash; und um unterschiedliche Blickwinkel. &bdquo;Geschichte w&auml;re etwas Ausgezeichnetes, schrieb einst der Schriftsteller Leo N.Tolstoi, &bdquo;wenn sie nur wahr w&auml;re.&ldquo;<\/p><p>Worum es in dem Buch nicht geht, ist das, was sich die Rezensentin w&uuml;nscht. Es geht nicht um eine kosmopolitische Anklage mit dem Hauptverd&auml;chtigen aus Moskau auf der Anklagebank, der f&uuml;r das Leid der Welt verantwortlich gemacht wird. Und da beginnt das Problem f&uuml;r mich. Franziska Davies w&uuml;nscht sich ein Buch, das ich nicht angek&uuml;ndigt habe und mit dem ich nichts zu tun habe.<\/p><p><strong>Gelungenes Framing oder das Weglassen von Fakten<\/strong><\/p><p>Ihr Urteil findet sich so schon gleich im Vorspann. &bdquo;Hubert Seipel macht sich zum Anwalt von Russlands Pr&auml;sident &ndash; etwa durch Weglassen von Fakten.&ldquo;<\/p><p>Der Vorwurf ist leicht schizophren, aber mit etwas M&uuml;he nachvollziehbar. Ich lasse nat&uuml;rlich zwangsl&auml;ufig Franziska Davies&lsquo; gef&uuml;hlte Fakten weg, weil Franziska Davies gerne nicht mein, sondern ihr Skript lesen m&ouml;chte. Damit ist die Lage &uuml;bersichtlich. Thema verfehlt, schrieb fr&uuml;her gerne der Deutschlehrer in diesem Fall unter den Besinnungsaufsatz.<\/p><p>Der Auftakt der Buchbesprechung ist nur der Beginn einer schriftlichen Anklage, die sich schnell zu einem klassischen Fall von Framing entwickelt &ndash; jenem altbekannten Spiel der eigenen moralischen Aufwertung, bei dem der andere gerne mit ebenso haltlosen wie suggestiven Unterstellungen moralisch abgewertet wird. Franziska Davies verwendet zielsicher die g&auml;ngigen Vorw&uuml;rfe der eigenen Gemeinde, andere zu desavouieren.<\/p><p>Ihr Fazit: Hubert Seipel zeigt keine Haltung und verst&ouml;&szlig;t gegen g&auml;ngige Genderregeln. Er ist au&szlig;erdem ein Trump-Anh&auml;nger, hat offenkundig Sympathien f&uuml;r das rechte Lager und autorit&auml;re Herrscher. Gleichzeitig verletzt er vors&auml;tzlich und systematisch die Regeln des Journalismus. Schlie&szlig;lich ist er ja schon lange genug in dem Gesch&auml;ft, um es besser zu wissen. &bdquo;Das Verletzen journalistischer Mindeststandards&ldquo;, fasst die Akademische R&auml;tin auf Zeit an der Ludwig-Maximilian-Universit&auml;t M&uuml;nchen zusammen, &bdquo;zieht sich durch das ganze Buch.&ldquo; Auch &bdquo;wenn nicht alles falsch ist&ldquo;, lautet eine h&uuml;bsche, beil&auml;ufige Diffamierung der Scharfrichterin. Nicht alles eben, aber fast. Franziska Davies kann schlie&szlig;lich differenzieren.<\/p><p>Ich gestehe, das war der Moment, bei dem ich kurz schlucken musste. Ich werde ungern &ouml;ffentlich so behandelt, auch nicht von der S&uuml;ddeutschen Zeitung, deren vehementer Anspruch, recht zu haben, nicht unbekannt ist. Nicht umsonst hat das Blatt sich einst den Spitznamen &bdquo;Bayern-Prawda&ldquo; erarbeitet.<\/p><p>Die Buchkritikerin geht durchaus nicht ungeschickt vor, auch wenn die Technik alt ist. Es ist Franziska Davies&lsquo; Methode, moralische Anklagen zu formulieren und daf&uuml;r Zitate aus dem Zusammenhang zu rei&szlig;en, damit der Vorwurf scheinbar zutrifft. Wie jener, dass ich zum einen keine Haltung habe und deswegen auch Wladimir Putin sexuell diskriminierendes Verhalten in seinem Land durchgehen lasse.<\/p><p>Ich beschreibe in dem Buchkapitel &bdquo;Europa und die Suche nach Gemeinsamkeiten&ldquo;, wie der Politologe Ivan Krastev in seinem Buch &bdquo;Das Licht, das erlosch&ldquo; die zunehmende Frustration und den wachsenden Nationalismus in Osteuropa analysiert. Es geht um westliche Identit&auml;t und auch um Genderfragen. Der Westen profitiert demnach von seiner Wirtschaftskraft und blickt mit Herablassung auf L&auml;nder in Osteuropa, bei denen Begriffe wie Multikulti, S&auml;kularismus oder Homoehe nicht hoch im Kurs stehen und die propagierte Genderlehre mit zum Ausl&ouml;ser einer streckenweise militanten Abgrenzung gegen Schwule und Lesben wird.<\/p><p>Ivan Krastevs Analyse: Millionen von Polen, Bulgaren, Rum&auml;nen arbeiten als Bauarbeiter oder billige Flie&szlig;band-Metzger, Altenpfleger oder Erntehelfer in deutschen Landen. Auch tausende von &Auml;rzten, die im Osten ausgebildet wurden, wandern in den Westen ab und hinterlassen empfindliche L&uuml;cken, die sich zuhause in einem verst&auml;rkten Nationalismus niederschlagen. Die Folge: Viele von denen, die zuhause geblieben sind, grenzen sich ab und suchen Zuflucht in der Tradition, setzen auf Nationalismus und Vaterland, Kirche oder traditioneller Familienkonstellation.<\/p><p>Wladimir Putin teilt eine &auml;hnliche Einsch&auml;tzung auch f&uuml;r Russland. &bdquo;Die westlichen Ansichten sind mit den Interessen der &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit unserer Bev&ouml;lkerung in Konflikt geraten&ldquo;, erkl&auml;rt er. &bdquo;Wir haben keine Probleme mit LGBT-Personen. Gott bewahre, lass&lsquo; sie leben, wie sie wollen. Aber das darf nicht die Kultur, die Tradition und die traditionellen Familienwerte von Millionen von Menschen, die die Grundgesamtheit bilden, &uuml;berschatten&ldquo;.<\/p><p>Es ist Putins konservative Haltung. Man muss sie nicht teilen. Aber muss ich jetzt als Autor deswegen eine Feldstudie zur LGBT-Situation in Russland zitieren? Oder &ndash; wie die SZ-Autorin fordert &ndash; ein eigenes Kapitel &uuml;ber Schwule und Lesben in Russland schreiben? So, wie es etwa &bdquo;die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen&ldquo; tut, wie mich Franziska Davies belehrt, die in der New York Times und dem New Yorker seit Jahren &uuml;ber die Situation von Lesben und Schwulen in Russland schreibt? Und wenn ich dies nun nicht tue, habe ich damit journalistische Grundregeln verletzt?<\/p><p>Muss ich, f&uuml;r alle nachvollziehbar, Wladimir Putin sofort prinzipiell widersprechen? Als vorsorglicher Akt einer politischen Schadensbegrenzung, so wie Jugendliche beim Kauf von Alkohol ihren Ausweis zeigen m&uuml;ssen. Ich glaube eher nicht. Kann man die Perspektive eines politischen Gegners, um im Jargon zu bleiben, nicht auch ohne Kommentar stehenlassen, damit sich der Leser ein eigenes Bild macht?<\/p><p><strong>&bdquo;Nicht v&ouml;llig falsch&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im Streit um den Hitler-Stalin-Pakt etwa, der seit l&auml;ngerem die politische Atmosph&auml;re in Europa vergiftet, kritisiert Franziska Davies emp&ouml;rt, &bdquo;pr&auml;sentiert Seipel einfach Putins Perspektive&ldquo;. Ich habe Putins Interpretation neben die von Polen gestellt. Damit kann sich jeder selbst ein Bild machen, das immerhin, so viel r&auml;umt Frau Davies ein, &bdquo;nicht v&ouml;llig falsch ist&ldquo;. Ihr Vorwurf: Ich h&auml;tte allerdings nicht das geheime Zusatz-Protokoll des Hitler-Stalin-Pakts mit angef&uuml;hrt. Also jenes Planspiel zwischen Hitler und Stalin, irgendwann den gr&ouml;&szlig;ten Teil Polens und Litauens den Deutschen und etwa Finnland, Estland oder Lettland der Sowjetunion zuzuschlagen.<\/p><p>Das Zusatzprotokoll ist seit Jahrzehnten bekannt. Jeder kann es nachlesen. Es spielte bei Hitlers konkreten Pl&auml;nen, die Sowjetunion anzugreifen, die er schon Mitte der zwanziger Jahre in seiner Propagandaschrift &bdquo;Mein Kampf&ldquo; ver&ouml;ffentlicht hatte, keine Rolle. Habe ich deswegen nun wichtiges Material unterschlagen, weil ich nicht ein m&ouml;gliches Unrecht mit einem anderen verrechnet habe?<\/p><p>Die Technik der Unterstellung funktioniert am besten, wenn sie Assoziationen mit dem anerkannten B&ouml;sen ausl&ouml;st. Franziska Davies hat bei mir so eine weitere politische Kontaminierung festgestellt, eine angebliche &bdquo;narrative N&auml;he&ldquo; zu Donald Trump. Jenem Mann, der nach Ansicht der Demokraten in Washington nur ins Amt gekommen ist, weil Wladimir Putin die Wahlen in Amerika manipuliert hat und somit die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, um ihren Sieg brachte.<\/p><p>Die Geschichte, um die es im Buch geht, ist einfach. US-Pr&auml;sident Joe Biden war unter Barack Obama Vizepr&auml;sident und nach dem Regierungssturz 2014 in Kiew von Obama beauftragt, sich um die Ukraine zu k&uuml;mmern. Wochen sp&auml;ter wurde Bidens Sohn Hunter Aufsichtsratsmitglied der gr&ouml;&szlig;ten privaten Gasfirma namens Burisma mit 50.000 Dollar Gehalt &ndash; pro Monat, versteht sich.<\/p><p>Hunter hatte weder Erfahrung im Gasgesch&auml;ft noch sonst irgendwas mit der Ukraine zu tun. Hunter Biden war beruflich stets Sohn des erfolgreichen Politikers Joe Biden. Das Prinzip der Familienf&ouml;rderung wie in der Ukraine hatte zuvor auch schon in Washington funktioniert. &bdquo;Hunter Bidens Karriere verlief in weiten Strecken parallel zur Arbeit seines Vaters als Senator und Vizepr&auml;sident&ldquo;, schreibt die Washington Post. Irgendwann begann dann in Kiew der Generalstaatsanwalt Wiktor Schokin gegen Burisma wegen krummer Geldgesch&auml;fte der Firma zu ermitteln. Vizepr&auml;sident Joe Biden machte damals einen Milliardenkredit des Internationalen W&auml;hrungsfonds davon abh&auml;ngig, dass Schokin entlassen wird. Der wird schlie&szlig;lich tats&auml;chlich gefeuert und die Ermittlungen wurden eingestellt. Was die Geschichte interessant macht, ist die Tatsache, dass Joe Biden als Vizepr&auml;sident nach eigenen Angaben in der Ukraine unerm&uuml;dlich gegen Korruption k&auml;mpfte.<\/p><p>Mein Fehler ist es nach Meinung von Franziska Davies allerdings, dass auch &bdquo;Donald Trump und seine Entourage&ldquo; ein &bdquo;&auml;hnliches Narrativ&ldquo; verbreitet haben. Eines, das &bdquo;von ukrainischen Antikorruptionsaktivisten als falsch zur&uuml;ckgewiesen&ldquo; wurde. Ich werde sozusagen zum Komplizen Donald Trumps. Konkretere Angaben zu den vermeintlichen Zeugen der Unschuldsvermutung macht die Akademische R&auml;tin nicht, r&auml;umt aber immerhin ein: &bdquo;Dabei spricht Seipel hier durchaus einen Missstand an. Dass ausgerechnet der Sohn des amerikanischen Vizepr&auml;sidenten nach dem Sturz des Pr&auml;sidenten Viktor Janukowitsch einen lukrativen Posten bei einem ukrainischen Gasunternehmen antrat, ist vermutlich juristisch irrelevant, politisch dennoch ein Skandal.&ldquo;<\/p><p><strong>Deutsche Heilserwartung<\/strong><\/p><p>Auch Franziska Davies&lsquo; Behauptung, ich bediene in meinem Buch &bdquo;den rechten Mythos einer vermeintlichen Grenz&ouml;ffnung durch Angela Merkel&ldquo;, als es um die Fl&uuml;chtlingswelle im Sommer 2015 geht, funktioniert nach dem gleichen Spiel des subtilen Rufmords, der Autor habe irgendeine mehr oder weniger ausgepr&auml;gte N&auml;he zum rechten Spektrum.<\/p><p>Der Hintergrund, auf den die Rezensentin anspielt: In dem Kapitel &uuml;ber den Anfang und die Gr&uuml;nde des Syrienkrieges beschreibe ich im Buch auch die Folgen des Konflikts f&uuml;r Europa und Deutschland. Jene dramatischen Wochen, als sich 2015 Millionen von Syrern auf den Weg nach Europa machen, nachdem die Terrorgruppe des Islamischen Staates zwei Drittel des Landes eingenommen hat. Die deutschen Beh&ouml;rden hatten Angela Merkel schon Monate vor dem Fl&uuml;chtlingsansturm gewarnt. (Auch die S&uuml;ddeutsche hat &uuml;ber die fr&uuml;hen Warnungen geschrieben.) Aber die deutsche Kanzlerin reagierte erst, als L&auml;nder wie &Ouml;sterreich, Italien oder Ungarn die Massen durchgewunken hatten. Die Folgen sind bekannt. In einem Alleingang lie&szlig; die Bundeskanzlerin f&uuml;r rund eine Million Menschen die deutsche Grenze &ouml;ffnen. Die anschlie&szlig;ende Bundestagswahl katapultierte die AfD mit &uuml;ber 12 Prozent in das Parlament, in dem sie bislang nicht vertreten war. Die Rechten werden nach CDU und SPD drittst&auml;rkste Fraktion &ndash; noch vor den Gr&uuml;nen.<\/p><p>Es war zudem Angela Merkels eigene &Uuml;berheblichkeit, die der AfD Auftrieb gab. Ihre Bemerkung, &bdquo;sich auch noch entschuldigen zu m&uuml;ssen&ldquo;, wie sie pikiert die Kritik f&uuml;r eigene Vers&auml;umnisse in der Syrienkrise kommentierte. Es sei eben dann &bdquo;nicht mehr ihr Land&ldquo;, sich noch &bdquo;entschuldigen zu m&uuml;ssen&ldquo;, wenn ein Notfall vorliege. &bdquo;Was hei&szlig;t hier mein Land?&ldquo;, fragte damals nicht nur die Zeit kritisch nach.<\/p><p>Meine Frage an Frau Davies w&auml;re, w&uuml;rde ich ihr denn begegnen &ndash; zugegeben &ndash; mehr rhetorischer Art. Die Akademische R&auml;tin wirft mir mit einem ebenso knappen wie unvermittelten Satz vor, ich w&uuml;rde bei meiner Beschreibung der Fl&uuml;chtlingslage 2015 &bdquo;den rechten Mythos einer vermeintlichen &bdquo;Grenz&ouml;ffnung&ldquo; durch Angela Merkel wiederholen&ldquo;.<\/p><p>Ist es denn ein Zeichen rechter Gesinnung, wenn die Kanzlerin ihr eigenes Wohl mit dem des Staates verwechselt und ich anmerke, dass dies wohl der Grund war, warum die AfD in den Bundestag kam? &bdquo;Als Deutsche sollten wir unsere Au&szlig;enpolitik nicht mit zu viel Heilserwartung &uuml;berfrachten&ldquo;, erkl&auml;rte Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Jahr bei der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz. Unsere Politik solle &bdquo;sich nicht in moralischen Verurteilungen ersch&ouml;pfen&ldquo; und in der weitverbreiteten Vorstellung, &bdquo;alles w&auml;re gut, wenn nur alle so vern&uuml;nftig w&auml;ren wie die Deutschen.&ldquo;<\/p><p><strong>Postskriptum<\/strong><\/p><p>Franziska Augstein hat gerade einen interessanten Artikel &uuml;ber Putin auf Spiegel Online geschrieben und kommt zu &auml;hnlichen Schl&uuml;ssen, dass Wladimir Wladimirowitsch wohl nicht das Grund&uuml;bel der politischen Szene ist, so wie Franziska Davies und die S&uuml;ddeutsche Zeitung vermuten. Franziska Augstein hat allerdings einen Trick angewendet und in einem Satz in dem Artikel vorsichtshalber ein Gest&auml;ndnis abgelegt. Sie hat erkl&auml;rt, dass sie kein Freund Putins ist.<\/p><p>Ich muss gestehen, ich habe schon mal ein Glas Wein mit ihm getrunken. So &auml;hnlich wie die Kolleginnen und Kollegen, die Frau Merkel &uuml;ber die Jahre begleiten. Der Fotograf Andreas M&uuml;he hat ein sehr sch&ouml;nes Foto von der Kanzlerin, ihren engen Mitarbeitern und den st&auml;ndigen Begleitern der deutschen Medien kurz vor einem gemeinsamen Dinner im Wei&szlig;en Haus in Washington gemacht. Es tr&auml;gt den Titel &bdquo;Die Familie&ldquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Die S&uuml;ddeutsche Zeitung brachte am 20. Juni eine Rezension des neuen Buches von Hubert Seipel. Autorin dieses St&uuml;cks &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/russland-pruegelknabe-des-westens-1.5327744\">Pr&uuml;gelknabe des Westens<\/a>&ldquo; war die Mitarbeiterin der M&uuml;nchner Universit&auml;t LMU, Franziska Davies. Hubert Seipel hat ihre Buchbesprechung f&uuml;r die NachDenkSeiten gew&uuml;rdigt und auseinandergenommen. &ndash; Zum Hintergrund siehe auch die Buchbesprechung von Irmtraud Gutschke<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73683\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73687,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,183,11],"tags":[1652,1460,571,1055,2737,2402,835,915,259,460,1800,260,1556,457],"class_list":["post-73683","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-abwanderung","tag-biden-joe","tag-dlf","tag-fluechtlinge","tag-hitler-stalin-pakt","tag-lgbtq","tag-nationalismus","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-sz","tag-trump-donald","tag-ukraine","tag-usa","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/21062-Buchbesprechung-1.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73683"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73768,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73683\/revisions\/73768"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73687"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}