{"id":73782,"date":"2021-06-29T10:11:33","date_gmt":"2021-06-29T08:11:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73782"},"modified":"2021-07-02T09:18:03","modified_gmt":"2021-07-02T07:18:03","slug":"voellig-vernagelt-trotz-der-vergangenheit-das-medienecho-auf-putins-versoehnlichen-essay","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73782","title":{"rendered":"V\u00f6llig vernagelt, trotz der Vergangenheit \u2013 Das Medienecho auf Putins vers\u00f6hnlichen Essay"},"content":{"rendered":"<p>Der folgende Text von Leo Ensel erschien gestern bei RT Deutsch. <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/119854-unendlich-vernagelt-trotz-vergangenheit-medienreaktionen\/\">Siehe hier<\/a>. Weil dieser Beitrag wichtig ist und den in unserem Land verbreiteten Parolen und Erz&auml;hlungen deutlich widerspricht, und au&szlig;erdem eine einschl&auml;gige und widersprechende Erg&auml;nzung zum gestrigen Beitrag auf den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73770\">Die EU wird zum Problem<\/a> darstellt, bringen wir ihn in voller L&auml;nge. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8105\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73782-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73782-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210629_Voellig_vernagelt_trotz_der_Vergangenheit_Das_Medienecho_auf_Putins_versoehnlichen_Essay_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><i>Am 80. Jahrestag des deutschen &Uuml;berfalles auf die Sowjetunion ver&ouml;ffentlichte Pr&auml;sident Putin einen Essay in der ZEIT, in dem er diskret s&auml;mtliche Details des Vernichtungskrieges ausblendete und erneut um Zusammenarbeit warb. Die Reaktion der Medien war besch&auml;mend. Von Leo Ensel<\/i><\/p><p>Schauen wir uns &ndash; auch, wenn es schwer f&auml;llt &ndash; m&ouml;glichst n&uuml;chtern mal an, was letzte Woche in Deutschland passierte. Da ver&ouml;ffentlichte der russische Pr&auml;sident h&ouml;chstpers&ouml;nlich exakt am 80. Jahrestag des deutschen &Uuml;berfalles auf die Sowjetunion, der dieses Land fast 27 Millionen Tote kostete, im ehemaligen Flaggschiff der Entspannungspolitik einen Essay, dessen Titel bereits Vers&ouml;hnungsbereitschaft signalisierte: &bdquo;Offen sein, trotz der Vergangenheit&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>].<\/p><p><b>Putin verschont die Deutschen vor Details<\/b><\/p><p>Es lohnt sich, Putins Argumentation intensiver zu studieren. Schon im ersten Satz f&auml;llt auf, dass er die &ndash; auch im heutigen Russland in diesem Zusammenhang nach wie vor gebr&auml;uchliche &ndash; klassische sowjetische Wortwahl meidet und zugleich Deutschland weit entgegenkommt. Er spricht nicht vom &bdquo;faschistischen &Uuml;berfall&ldquo;, sondern vom &bdquo;&Uuml;berfall der <i>Nationalsozialisten&ldquo;<\/i> auf die UdSSR. (Die Formulierung vom &bdquo;deutschen &Uuml;berfall&ldquo;, die nahegelegen und zu hundert Prozent zugetroffen h&auml;tte, vermeidet er.) Ebenso vermeidet der russische Pr&auml;sident es, auf s&auml;mtliche schrecklichen Details dieses barbarischsten aller Kriege genauer einzugehen. Weder erw&auml;hnt er die genaue Anzahl der Opfer &ndash; er spricht zur&uuml;ckhaltend von &bdquo;Dutzenden Millionen&ldquo; &ndash;, noch z&auml;hlt er die deutschen Verbrechen[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] n&auml;her auf. Selbst das Wort &bdquo;Vernichtungskrieg&ldquo; nimmt er nicht in den Mund.<\/p><p>Mit ganzen drei knappen S&auml;tzen geht er gn&auml;dig &uuml;ber die brutalsten Gr&auml;ueltaten der deutschen Aggressoren hinweg: &bdquo;F&uuml;r das sowjetische Volk begann damit der Gro&szlig;e Vaterl&auml;ndische Krieg, der blutigste in der Geschichte unseres Landes. Dutzende Millionen Menschen starben. Wirtschaft und Kultur trugen immense Sch&auml;den davon.&ldquo; Man wird zugeben: Diskreter h&auml;tte Putin den Deutschen nicht entgegenkommen k&ouml;nnen!<\/p><p>Putin erw&auml;hnt im Folgenden, ebenfalls &auml;u&szlig;erst knapp, die Leistungen der Roten Armee bei der &bdquo;Errettung Europas und der ganzen Welt vor der Versklavung&ldquo;, wobei er &ndash; auch das nicht unbedingt der Mainstream des sowjetischen und russischen Narrativs &ndash; sich &bdquo;dankend an die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition&ldquo; erinnert sowie an &bdquo;die K&auml;mpfer der R&eacute;sistance und die deutschen Antifaschisten, die den gemeinsamen Sieg n&auml;her brachten.&ldquo;<\/p><p>Kurz: Insgesamt acht S&auml;tze verwendet der russische Pr&auml;sident in seinem Essay, um zwei Abschnitte lang auf die blutige Vergangenheit des Krieges gegen die Sowjetunion zu verweisen.<\/p><p><b>Kritik am Westen und Werben f&uuml;r eine neue Zusammenarbeit<\/b><\/p><p>Was nun folgt, l&auml;sst sich sachlich in drei Argumentationsschritte gliedern: Putin erw&auml;hnt lobend die Leistungen der V&ouml;lker Europas bei der &Uuml;berwindung der Entfremdung und R&uuml;ckkehr zu gegenseitigem Vertrauen und Respekt, um &bdquo;einen Schlussstrich unter die europ&auml;ischen Trag&ouml;dien der ersten H&auml;lfte des vergangenen Jahrhunderts zu ziehen&ldquo;, wobei er explizit die historische Auss&ouml;hnung &bdquo;zwischen unserem Volk&ldquo; &ndash; er h&auml;tte auch &bdquo;zwischen den V&ouml;lkern der Sowjetunion&ldquo; schreiben k&ouml;nnen &ndash; und &bdquo;den Deutschen in Ost und West des inzwischen vereinten Deutschlands, die eine kolossale Rolle bei der Gestaltung eines solchen Europas spielte&ldquo;, erw&auml;hnt. Anschlie&szlig;end beschreibt er aus seiner Sicht die Genese der neuen Spannungen in Europa, f&uuml;r die er in erster Linie die mittlerweile f&uuml;nf NATO-Osterweiterungen verantwortlich macht. Desweiteren beklagt der russische Pr&auml;sident, viele L&auml;nder, vor allem die Ukraine, seien westlicherseits vor die k&uuml;nstliche Alternative gestellt worden, &bdquo;entweder mit dem kollektiven Westen oder mit Russland zusammenzugehen.&ldquo; Der Westen habe den Staatsstreich gegen Pr&auml;sident Janukowitsch organisiert und somit &bdquo;die Spaltung innerhalb der Ukraine und den Austritt der Krim aus dem ukrainischen Staat provoziert.&ldquo;<\/p><p>All dies hindert Putin allerdings nicht &ndash; und das ist das klar erkennbare Anliegen seines nicht zuf&auml;llig am 80. Jahrestag des &Uuml;berfalles ver&ouml;ffentlichten Textes &ndash;, in mehreren Anl&auml;ufen &bdquo;f&uuml;r ein faires und kreatives Zusammenwirken&ldquo; zu pl&auml;dieren: &bdquo;Spannungen nehmen zu, das Risiko eines neuen Wettr&uuml;stens ist greifbar. Wir lassen uns enorme M&ouml;glichkeiten entgehen, die uns die Kooperation bietet.&ldquo; Und hier greift er nochmals explizit eine Vision auf, die letztlich auf Michail Gorbatschow zur&uuml;ckgeht und die das postsowjetische Russland mehrfach &ndash; zuletzt durch den damaligen Pr&auml;sidenten Dmitrij Medwedew im Juni 2008 &ndash; den Staaten Westeuropas unterbreitet hatte: &bdquo;Dies unterstreicht auch unsere Anregung, einen gemeinsamen Kooperations- und Sicherheitsraum vom Atlantik bis hin zum Pazifik zu schaffen, der verschiedene Integrationsformate einschlie&szlig;en k&ouml;nnte, unter anderem die Europ&auml;ische Union und die Eurasische Wirtschaftsunion.&ldquo; (By the way: Allein die Formel von den &bdquo;verschiedenen Intergrationsformaten&ldquo; w&auml;re geeignet, die politische Phantasie gutwilliger Kooperationspartner im Westen bei der Konzeption kreativer L&ouml;sungswege zu stimulieren!)<\/p><p>Und Putin endet vers&ouml;hnlich &ndash; wer will, k&ouml;nnte hier sogar einige selbstkritische Untert&ouml;ne ausfindig machen: &bdquo;Wir k&ouml;nnen es uns einfach nicht leisten, die Last fr&uuml;herer Missverst&auml;ndnisse, Kr&auml;nkungen, Konflikte und Fehler mit uns herumzuschleppen. Eine Last, die uns an der L&ouml;sung aktueller Probleme hindert. Wir sind &uuml;berzeugt, dass wir alle diese Fehler einzur&auml;umen und zu korrigieren haben. Unser gemeinsames und unstrittiges Ziel ist es, die Sicherheit des Kontinents ohne Trennlinien und einen einheitlichen Raum f&uuml;r eine gleichberechtigte Kooperation und kollektive Entwicklung im Sinne der Prosperit&auml;t Europas und der ganzen Welt sicherzustellen.&ldquo;<\/p><p>Mit diesem Pl&auml;doyer erweist sich Putin fast zwanzig Jahre nach seiner im Anschluss an 9\/11 &uuml;berwiegend auf Deutsch gehaltenen ber&uuml;hmten Rede[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] im Bundestag, f&uuml;r die er damals Standing Ovations erntete &ndash; und allen aktuellen Spannungen zum Trotz &ndash; einmal mehr als ein russischer &sbquo;Westler&lsquo;, der nach wie vor Russlands Zukunft in einem (auf Augenh&ouml;he) vereinten europ&auml;ischen Raum sieht.<\/p><p>Das allein war auf dem Hintergrund eines drohenden neuen Kalten Krieges und des kontinuierlichen Russlandbashings der vergangenen Jahre eine Sensation, die eine ausf&uuml;hrliche Rezeption und explizite W&uuml;rdigung in den deutschen Medien verdient h&auml;tte. Wie aber reagierten die?<\/p><p><b>L&uuml;ge, Skandal, Heuler<\/b><i><b> &ndash; <\/b><\/i><b>Das Echo im Mainstream<\/b><\/p><p>Bereits die <i>ZEIT<\/i> selbst hatte es sich, wohl aus Angst vor der eigenen Courage, nicht verkneifen k&ouml;nnen, Putins Text mit einer ausf&uuml;hrlichen Anmerkung zu garnieren, die nicht nur ausf&uuml;hrlichst die Genese der Ver&ouml;ffentlichung beschrieb, sondern in f&uuml;rsorglicher Bevormundung dem als verwirrt antizipierten Leser gleich die korrekte (will sagen: westliche) Terminologie mitlieferte: Putins &bdquo;Austritt&ldquo; der Krim wurde prompt in &bdquo;V&ouml;lkerrechtsbruch&ldquo; und &bdquo;Annexion&ldquo; korrigiert, wobei man es sich nicht nehmen lie&szlig;, der drohende Unterton war un&uuml;berh&ouml;rbar, darauf hinzuweisen, dass sowohl die Bundesregierung als auch die EU wie &ndash; am wichtigsten! &ndash; alle Kommentatorinnen und Kommentatoren der <i>ZEIT<\/i> sich dieser Terminologie bedienen w&uuml;rden. (Womit, nebenbei bemerkt, das Qualit&auml;tsmedium durchblicken lie&szlig;, wieviel es von seiner selbst&auml;ndig denkenden intellektuellen Leserschaft h&auml;lt.) Au&szlig;erdem wurden vorsorglich Entgegnungen auf diesen Text &bdquo;in den kommenden Tagen und Wochen&ldquo; angek&uuml;ndigt. Damit war der Grundton f&uuml;r die folgenden Reaktionen gesetzt.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich lie&szlig; der nun f&auml;llige Shitstorm nicht lange auf sich warten.<\/p><p>Der schrille Aufschrei der <i>BILD-Zeitung<\/i>[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] noch am selben Tage war absehbar. F&uuml;r den dortigen Chefreporter Politik, Peter Tiede, war der Text &bdquo;in Summe: eine L&uuml;ge&ldquo; und dessen Abdruck in der <i>ZEIT<\/i> &ndash; genau wie die (sic!) &bdquo;Russen-R&ouml;hre&ldquo;; gemeint war Nordstream II &ndash; nichts weniger als &bdquo;ein Skandal&ldquo;. (Auf die weitere &sbquo;Argumentation&lsquo; noch ernsthaft einzugehen &ndash; und sei es nur polemisch &ndash;, verbietet sich schon aus hygienischen Gr&uuml;nden.)<\/p><p>In das gleiche Horn, aber etwas raffinierter, stie&szlig;, ebenfalls noch am 22. Juni, Thomas Franke im <i>Deutschlandfunk<\/i>[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<i>. <\/i>Vermeintlich schlau bem&uuml;hte Franke zun&auml;chst ein Zitat der <i>ZEIT<\/i>-Gr&uuml;nderin Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff, nach dem es das Wesen des Liberalismus sei, &bdquo;abweichende Ideen nicht zu diffamieren und Kritik an Bestehendem nicht als Ketzerei zu verfolgen, sondern die Minderheiten zu sch&uuml;tzen und Offenheit zum Gegens&auml;tzlichen zu praktizieren&ldquo;, um postwendend den Joker aus der Tasche zu ziehen, dass es sich hier &ndash; <i>Bild<\/i> l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en &ndash; nat&uuml;rlich nicht um einen Meinungsbeitrag, sondern um einen &bdquo;Propaganda-Artikel&ldquo; handele, &bdquo;so voller L&uuml;gen, dass es zu lange dauern w&uuml;rde, sie einzeln zu widerlegen.&ldquo; Womit sich der gewiefte Autor in einem k&uuml;hnen Rundumschlag der M&uuml;he entzog, auch nur eine einzige von ihnen zu entkr&auml;ften! Noch lukrativer als das Putin- erschien Franke offenbar &ndash; man bekommt allm&auml;hlich Mitleid mit dem Qualit&auml;tsblatt &ndash; das <i>ZEIT-<\/i>Bashing: &bdquo;Mit Putin hat die &sbquo;Zeit&lsquo; einem respektlosen Menschen, der systematisch gegen den Diskurs angeht und den Liberalismus f&uuml;r &uuml;berholt h&auml;lt, eine Plattform gegeben. Die Redaktion hat sich zum Handlanger des russischen Pr&auml;sidenten gemacht.&ldquo; Einen Tag sp&auml;ter legte er im <i>SWR2<\/i> nochmal nach: &bdquo;Klar, es ist toll, Putin im Blatt zu haben. Das steigert die Auflagen. Doch man muss nicht alles drucken und schon gar nichts, was derart vergiftet ist.&ldquo;<\/p><p>Dem <i>Deutschlandfunk<\/i> allerdings schien Frankes Kommentar wohl des Guten noch nicht genug zu sein, so dass Samira el Ouassil am selben Mittwoch noch alliterat von der &bdquo;Desinformation eines Despoten&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] quasseln durfte, einem &bdquo;verst&ouml;renden Signal&ldquo;, dem &bdquo;ein reichweitenstarkes, deutschsprachiges Wochenmagazin&ldquo; Raum gegeben habe.<\/p><p>In der <i>S&uuml;ddeutschen<\/i> gab sich dagegen ein Nils Minkmar am 23. Juni lakonisch. &bdquo;Heuler&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] lautete schlicht die &Uuml;berschrift &uuml;ber seinen Putin- und <i>ZEIT-<\/i>Verriss. &Auml;hnlich differenziert wie Franke argumentierend, postulierte Minkmar in origineller Rechtschreibung: &bdquo;Zu so einem Artikel geh&ouml;rt in diesem Fall der Warnhinweis, das (sic!) hier lupenreine Propaganda enthalten ist.&ldquo;<\/p><p><b>Die Opfer der ehemaligen Sowjetrepubliken gegeneinander ausspielen<\/b><\/p><p>Und noch am selben Tage &ndash; man will sich ja nicht lumpen lassen &ndash; folgte dann die erste der angek&uuml;ndigten &bdquo;Entgegnungen&ldquo; in der mittlerweile schwer gescholtenen <i>ZEIT. <\/i>Den Reigen er&ouml;ffnete der ehemalige polnische Verteidigungs- und Au&szlig;enminister Rados&#322;aw Sikorski[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]. Sikorski bediente sich gleich der im Westen mittlerweile sehr beliebten Argumentationstechnik, die ehemaligen, mittlerweile selbst&auml;ndig gewordenen Sowjetrepubliken und deren Opfer (nach dem Motto: &bdquo;Bad Guy&ldquo; Russland &ndash; &bdquo;Good Guys&ldquo; alle anderen Nachfolgestaaten) gegeneinander auszuspielen, die er zudem mit der ebenfalls beliebten Technik, der Gegenseite etwas zu unterstellen, was diese gar nicht gesagt hat, kombinierte: &bdquo;Russland&ldquo;, so Sikorski v&ouml;llig zutreffend, &bdquo;war nicht der Landesteil, der von Deutschland zuerst angegriffen wurde. Es waren die Gebiete der belarussischen und ukrainischen Sowjetrepublik.&ldquo;<\/p><p>Wohl wahr. Wie h&auml;tte es angesichts der unbestreitbaren geographischen Verh&auml;ltnisse auch anders sein k&ouml;nnen! Dummerweise hatte ihm Putin allerdings schon am Vortage einen Strich durch die polemische Rechnung gemacht. Der russische Pr&auml;sident hatte n&auml;mlich schlicht geschrieben: &bdquo;Vor genau 80 Jahren, am 22. Juni 1941, &uuml;berfielen die Nationalsozialisten, nachdem sie ganz Europa erobert hatten, die UdSSR.&ldquo; Kein Wort davon, dass sie zuerst Russland und dann erst die Ukraine oder Belarus angegriffen h&auml;tten! &Auml;hnlich originell ging Sikorski mit der Historie der im Kaliningrader Oblast stationierten russischen Atomraketen um. Angeblich sollen sie Europa schon zur Zeit, als er Verteidigungsminister war, also zwischen 2005 und 2007, bedroht haben. Ebenfalls kein Wort davon, dass sie eine russische <i>Abwehrma&szlig;nahme<\/i> gegen das u.a. in Polen stationierte, von Russland als Bedrohung empfundene westliche Raketen&bdquo;abwehr&ldquo;system darstellen.<\/p><p>Das finale Argument, das in diesem Zusammenhang erwartbar war, aber noch fehlte, durfte schlie&szlig;lich am 24. Juni, und gleichfalls in der <i>ZEIT<\/i>, der l&auml;ngst transatlantisch gewendete Ex-Maoist und, zusammen mit seiner agilen Gattin, Leiter des &ndash; wer finanziert den eigentlich? &ndash; Think Tanks &bdquo;Liberale Moderne&ldquo;, der gr&uuml;ne Ralf F&uuml;cks[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] liefern: Putins Pl&auml;doyer f&uuml;r ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok ziele, nat&uuml;rlich, darauf ab, &bdquo;uns endlich von den USA abzukoppeln und die Westbindung gegen eine Allianz mit Moskau einzutauschen. Daf&uuml;r gibt es in Deutschland seit jeher einen fruchtbaren Boden, von ganz links bis ganz rechts.&ldquo; Ganz &auml;hnlich hatte, im selben Qualit&auml;tsmedium, sechs Wochen zuvor bereits F&uuml;cks&lsquo; Ex-Genosse und Bruder im Geiste, der sensible Sch&ouml;ngeist Alan Posener[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] get&ouml;nt und der &bdquo;kulturellen Linken&ldquo; flott empfohlen, sich &bdquo;von der Vorstellung zu l&ouml;sen, der Frieden mit Russland um beinahe jeden Preis sei wegen des deutschen &Uuml;berfalls auf die Sowjetunion 1941 eine moralische Pflicht.&ldquo;<\/p><p><b>Vor 50 Jahren war man weiter<\/b><\/p><p>Allm&auml;hlich fragt man sich ernsthaft, <i>was<\/i> der russische Pr&auml;sident eigentlich noch tun kann, um in Deutschland erfolgreich f&uuml;r Vertrauen zu werben. Soll er sich vielleicht nochmals im Bundestag hinstellen und &ndash; am besten in deutscher Sprache &ndash; um Vergebung daf&uuml;r bitten, dass die Wehrmacht im Sommer 1941 sein Land &uuml;berfiel und dort drei Jahre sp&auml;ter nur noch verbrannte Erde und 27 Millionen Tote hinterlie&szlig;?<\/p><p>Eines steht jedenfalls fest: Viele Angebote in dieser Richtung wird es bald nicht mehr geben. Niemand verlangt von den deutschen Publizisten und Politikern, dass sie Putins Argumentation eins zu eins folgen. Der Skandal besteht nicht in der Kritik einzelner Passagen aus Putins Essay. Er besteht darin, dass alle vers&ouml;hnlichen S&auml;tze &ndash; genauer: das gesamte Grundanliegen des Textes &ndash; geflissentlich &uuml;bersehen oder ungepr&uuml;ft summarisch in den Bereich der Propaganda, gar der perfiden L&uuml;ge verwiesen werden.<\/p><p>Aber warum nimmt man nicht Putin einfach mal beim Wort und testet ihn? Von einem Tag auf den anderen, lieber Herr F&uuml;cks, w&uuml;rde Europa seine Allianzen mit Sicherheit nicht wechseln! Und g&auml;be es hier wirklich nur ein Entweder-oder?<\/p><p>Ende der Sechziger Jahre war man im Westen da weiter: Trotz des Einmarsches der Warschauer Pakt-Staaten &ndash; Polen war &uuml;brigens stramm mit von der Partie! &ndash; und der blutigen Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings im Sommer 1968 starteten damals M&auml;nner wie Willy Brandt und Egon Bahr wenig sp&auml;ter mutig ihre Entspannungspolitik, die Jahrzehnte sp&auml;ter zur deutschen Vereinigung und zum Ende des (ersten) Kalten Krieges f&uuml;hrte.<\/p><p>Der bedeutendste publizistische Verb&uuml;ndete dereinst war &uuml;brigens &ndash; die <i>ZEIT<\/i>!<\/p><p>Titelbild: Gevorg Ghazaryan\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/ueberfall-auf-die-sowjetunion-1941-europa-russland-geschichte-wladimir-putin\/komplettansicht\">zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/ueberfall-auf-die-sowjetunion-1941-europa-russland-geschichte-wladimir-putin\/komplettansicht<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/das-groste-sterben-seit-dem-dreisigjahrigen-krieg\/\">ostexperte.de\/das-groste-sterben-seit-dem-dreisigjahrigen-krieg\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cOXTnVTGB4g\">youtube.com\/watch?v=cOXTnVTGB4g<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/frontalangriff-auf-den-westen-putin-luegt-und-hetzt-in-der-zeit-76841390.bild.html\">bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/frontalangriff-auf-den-westen-putin-luegt-und-hetzt-in-der-zeit-76841390.bild.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/frontalangriff-auf-den-westen-putin-luegt-und-hetzt-in-der-zeit-76841390.bild.html\">bild.de\/politik\/inland\/politik-inland\/frontalangriff-auf-den-westen-putin-luegt-und-hetzt-in-der-zeit-76841390.bild.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/zeit-beitrag-von-wladimir-putin-desinformation-eines.2907.de.html?dram:article_id=499217\">deutschlandfunk.de\/zeit-beitrag-von-wladimir-putin-desinformation-eines.2907.de.html?dram:article_id=499217<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/wladimir-putin-gastbeitrag-die-zeit-1.5331253\">sueddeutsche.de\/medien\/wladimir-putin-gastbeitrag-die-zeit-1.5331253<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/wladimir-putin-russland-ukraine-gastbeitrag-usa-europa-staatsstreich\/komplettansicht\">zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/wladimir-putin-russland-ukraine-gastbeitrag-usa-europa-staatsstreich\/komplettansicht<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/russland-wladimir-putin-ralf-fuecks-nato-angebot\/komplettansicht\">zeit.de\/politik\/ausland\/2021-06\/russland-wladimir-putin-ralf-fuecks-nato-angebot\/komplettansicht<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/ostexperte.de\/frieden-mit-russland-schluss-mit-der-moralischen-pflicht\/\">ostexperte.de\/frieden-mit-russland-schluss-mit-der-moralischen-pflicht\/<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Text von Leo Ensel erschien gestern bei RT Deutsch. <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/119854-unendlich-vernagelt-trotz-vergangenheit-medienreaktionen\/\">Siehe hier<\/a>. Weil dieser Beitrag wichtig ist und den in unserem Land verbreiteten Parolen und Erz&auml;hlungen deutlich widerspricht, und au&szlig;erdem eine einschl&auml;gige und widersprechende Erg&auml;nzung zum gestrigen Beitrag auf den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73770\">Die EU wird zum Problem<\/a> darstellt, bringen wir ihn in voller<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73782\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73797,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,169,107,212,123,183,171],"tags":[459,571,2013,2211,1544,1313,915,259,2147,465,460,966,457],"class_list":["post-73782","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-militaereinsaetzekriege","tag-bild","tag-dlf","tag-entspannungspolitik","tag-fuecks-ralf","tag-kampagnenjournalismus","tag-krim","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-swr","tag-sz","tag-weltkrieg","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/shutterstock_1519989305.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73782","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73782"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73782\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73819,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73782\/revisions\/73819"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73782"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73782"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73782"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}