{"id":73790,"date":"2021-06-29T08:29:27","date_gmt":"2021-06-29T06:29:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73790"},"modified":"2021-06-29T09:37:46","modified_gmt":"2021-06-29T07:37:46","slug":"ein-zweiter-mann-im-lkw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73790","title":{"rendered":"Ein zweiter Mann im LKW"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. Dezember 2016 kam es auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zu einer LKW-Attacke, die insgesamt zw&ouml;lf Menschen das Leben kostete. F&uuml;r diesen schwersten Terroranschlag in Deutschland seit der Bombe auf das M&uuml;nchner Oktoberfest von 1980 gilt laut offizieller Version der Tunesier Anis Amri noch immer als alleiniger T&auml;ter. Doch nach &uuml;ber vierj&auml;hriger Aufkl&auml;rung in mehreren parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;ssen und nach der Vorstellung des Abschlussberichts vergangene Woche gibt es daran begr&uuml;ndete Zweifel. Wenn nicht Amri, wer sa&szlig; dann am Steuer des LKW? Wer waren die Mitt&auml;ter und Helfer? Und warum haben die deutschen Sicherheitsbeh&ouml;rden kein Interesse, die wahren Hintergr&uuml;nde aufzukl&auml;ren? <strong>Thomas Moser<\/strong> macht in seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/der-amri-komplex.html?listtype=search&amp;searchparam=thomas%20moser%20Der%20Amri-Komplex\">Der Amri-Komplex<\/a>, das am Montag erschienen ist, deutlich: Die ungekl&auml;rten Fragen aus dem NSU-Skandal wiederholen sich auf erschreckende Weise nun im Fall Anis Amri. Ein Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nDer 19. Dezember 2016 war ein Montagabend. Die Woche vor Weihnachten hatte begonnen. Der Markt an der Ged&auml;chtniskirche war nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig stark besucht. In der Kirchengemeinde fand abends die w&ouml;chentliche Abendspeisung f&uuml;r Bed&uuml;rftige statt.<br>\nAndreas Schwartz war alleine auf dem Breitscheidplatz unterwegs. Um acht Uhr am Abend stand er an einer der Konsumh&uuml;tten und unterhielt sich entspannt. Er berichtet: <\/p><blockquote><p>\nMit einem Mal gab es ein ganz komisches Ger&auml;usch. Wie soll ich das beschreiben, es war wie so ein Donnergrollen. Man kennt das von Bahnh&ouml;fen, wenn die Z&uuml;ge durchfahren, G&uuml;terz&uuml;ge, das holtert und poltert. In dem Moment, als ich mich dann in die Richtung drehte, wo das Ger&auml;usch herkam, sah ich mit einem Mal zwei Lichter auf mich zukommen. Ein LKW, der auf den Platz raste. Ich sah, wie Menschen &uuml;berrollt worden sind, ich sah Menschen sterben. Es war zu viel, zu heftig. Aber ich sah auch, wie zwei Mann im LKW waren. Einer griff dem anderen ins Lenkrad. Der LKW kam direkt auf mich zu. Zu diesem Zeitpunkt war die Frontscheibe noch intakt, man konnte durchsehen. Ich sah den Fahrer, und ich sah einen stehenden Beifahrer &uuml;ber den Mitteltunnel r&uuml;bergebeugt, wie er ins Lenkrad gegriffen hat. Das habe ich klar und deutlich gesehen. Das Bild ist in mir drin.\n<\/p><\/blockquote><p>Schwartz konnte sich im letzten Moment retten, verletzte sich dabei am R&uuml;cken, der LKW streifte noch seinen Fu&szlig;. Er war selbst LKW-Fahrer, seit dem Anschlag ist er arbeitsunf&auml;hig. Da er zugleich ausgebildeter Rettungssanit&auml;ter ist, k&uuml;mmerte er sich noch um Verletzte. Dann verlie&szlig; ihn die Erinnerung. Sie kam erst am n&auml;chsten Morgen wieder. &raquo;Retrograde Amnesie&laquo; wird das medizinisch genannt, sie wurde bei mehreren Opfern des Anschlags diagnostiziert.<\/p><p>Was Andreas Schwartz beobachtet hat, ist nicht nur irgendein Detail. Es stellt die offizielle Tatversion in Frage, weil Lukasz Urban dann noch gelebt haben m&uuml;sste, als sein Fahrzeug auf den Weihnachtsmarkt gesteuert wurde. Er w&auml;re erst auf dem Breitscheidplatz erschossen worden. Die Bundesanwaltschaft h&auml;lt dagegen unver&auml;ndert an einer anderen Version fest. Urban sei gegen 19:30 Uhr in seinem LKW, der am Friedrich-Krause-Ufer stand, von Amri get&ouml;tet worden. Der Fahrer habe sich auf der Liege unmittelbar hinter den Sitzen aufgehalten. Der Leichnam habe mit dem Kopf in Richtung Frontscheibe in der Fahrerkabine gelegen. Diese Darstellung passt nicht mit Zeugenaussagen &uuml;ber die Auffindesituation im F&uuml;hrerhaus zusammen. So von dem Polizeibeamten Mario N., der den Toten zusammengekauert und rechts an die Beifahrerseite gelehnt fand. Auch seiner Witwe in Polen zeigte die Polizei sp&auml;ter Fotos, die ihren toten Mann in sitzender Position rechts auf dem Beifahrersitz zeigen. Im Fu&szlig;raum des Beifahrersitzes befand sich au&szlig;erdem eine gro&szlig;e Blutlache. <\/p><p>Wurde Urban also erst auf dem Breitscheidplatz erschossen? Zahlreiche Ohrenzeugen haben nach dem Stillstand des LKW einen Schuss geh&ouml;rt. Zum Beispiel eine junge Frau, die an einer Bude Kartoffelchips verkaufte. Der LKW riss einen Teil der Bude mit sich. Ein Zeuge will im LKW sogar M&uuml;ndungsfeuer gesehen haben. Andere Zeugen wiederum wollen mehrere Sch&uuml;sse vernommen haben.<\/p><p>Eine Handvoll Augenzeugen hat den aussteigenden Fahrer mit einer Waffe in der rechten Hand gesehen, so die Inhaberin eines Bekleidungsgesch&auml;ftes im Bikini-Haus, das dem Breitscheidplatz gegen&uuml;berliegt. <\/p><p>Am Friedrich-Krause-Ufer, wo der LKW gestartet war, wurde sp&auml;ter eine Patronenh&uuml;lse gesichert. Allerdings nicht direkt am Standort des LKW. Am Breitscheidplatz, hei&szlig;t es seitens der Ermittler, wurde dagegen keine H&uuml;lse gefunden. Das muss nicht unbedingt verwundern, denn es wurde in der gro&szlig;en Verw&uuml;stung auch nicht gr&uuml;ndlich genug gesucht. Nach zwei Tagen wurde s&auml;mtlicher Schutt, aber auch potentielle Asservate, in Container geschippt und entsorgt. Die Container waren weder bewacht noch wurden sie kriminaltechnisch durchsucht.<\/p><p>Warum scherte der LKW nach links aus der Budengasse aus und kam auf der Budapester Stra&szlig;e zum Stehen? Er sei durch den Notbremsassistenten gestoppt worden, so die Erkl&auml;rung der Ermittler. Der vom BKA beauftragte Unfallsachverst&auml;ndige stellte allerdings fest, dass der Notbremsassistent gar nicht reagiert hatte. Wurde das Fahrzeug also abgebremst und zum Stillstand gebracht, weil der zweite Mann im F&uuml;hrerhaus aktiv eingegriffen hatte, so wie es der Augenzeuge Andreas Schwartz gesehen hat? Sein Eindruck war: &raquo;Der Beifahrer hat dadurch Schlimmeres verhindert. H&auml;tte der nicht ins Lenkrad gegriffen, h&auml;tten sich die vierzig Tonnen weiter durch den Weihnachtsmarkt gebohrt. Der w&auml;re vielleicht am anderen Ende zum Stehen gekommen.&laquo;<\/p><p>Die Bundesanwaltschaft geht die Wahrnehmung der Zeugen dagegen regelrecht an. In der obersten deutschen Ermittlungsbeh&ouml;rde fungiert Oberstaatsanwalt Helmut Grauer als Hauptsachbearbeiter des Tatkomplexes Breitscheidplatz. Er steht einem ganzen Team von Staatsanw&auml;lten vor. Als Grauer vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags mit Zeugenbeobachtungen wie den oben genannten konfrontiert wurde, qualifizierte er sie ab. Die Ermittlungen h&auml;tten nichts ergeben, wer diese zweite Person gewesen sein k&ouml;nnte. Er gehe davon aus, dass sich die Zeugen geirrt oder die Leiche Urbans gesehen haben. Eine durch die Fahrerkabine fliegende Leiche&nbsp;&ndash; ein Bild, das illustriert, zu welch skurrilen Vorstellungen Strafverfolger f&auml;hig sind, wenn Beobachtungen nicht zu ihrer Theorie passen.<\/p><p>Warum aber die Kompromisslosigkeit und Verbissenheit der Ermittler in dieser Frage? Die Antwort f&auml;llt nicht sonderlich schwer: weil bereits damit der Tathergang ein anderer w&auml;re. Er w&auml;re nicht weniger r&auml;tselhaft, aber er w&uuml;rde zu v&ouml;llig anderen Fragen f&uuml;hren. Wieso sa&szlig; der polnische Speditionsfahrer mit im Fahrzeug? Wurde er mit der Waffe in Schach gehalten? Etwa durch einen dritten Mann im LKW, der kurz vor der letzten Anfahrt auf den Breitscheidplatz ausstieg? Gab es m&ouml;glicherweise eine wie auch immer geartete Beziehung zwischen den Terroristen, dem Frachtfahrzeug und dem Fahrer?<\/p><p>Fragen, die ganz neue Ermittlungsdimensionen er&ouml;ffnen w&uuml;rden&nbsp;&ndash; und die vor allem die Theorie vom Einzelt&auml;ter Amri f&uuml;r obsolet erkl&auml;ren w&uuml;rden.<\/p><p>Titelbild: Aldo91\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. Dezember 2016 kam es auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz zu einer LKW-Attacke, die insgesamt zw&ouml;lf Menschen das Leben kostete. F&uuml;r diesen schwersten Terroranschlag in Deutschland seit der Bombe auf das M&uuml;nchner Oktoberfest von 1980 gilt laut offizieller Version der Tunesier Anis Amri noch immer als alleiniger T&auml;ter. 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