{"id":73920,"date":"2021-07-02T12:00:51","date_gmt":"2021-07-02T10:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73920"},"modified":"2026-01-27T11:38:10","modified_gmt":"2026-01-27T10:38:10","slug":"wir-muessen-den-wurm-im-apfel-lieben-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73920","title":{"rendered":"\u201eWir m\u00fcssen den Wurm im Apfel lieben lernen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Lasst uns heute noch beginnen, W&auml;lder zu pflanzen, in denen die Nahrung f&uuml;r Mensch und Tier auf B&auml;umen w&auml;chst. Lasst uns Paradiese pflanzen!&ldquo; Das sagt der Autor <strong>Timm Koch<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Koch hat gerade in seinem neuesten Buch <em>Lasst uns Paradiese pflanzen! Reich werden mit der Vielfalt der Natur &ndash; statt arm durch ihre Zerst&ouml;rung.<\/em> ein leidenschaftliches Pl&auml;doyer f&uuml;r einen neuen Umgang mit der Vielfalt der Natur verfasst. Im NachDenkSeiten-Interview verdeutlicht Koch, was im Gro&szlig;en getan werden muss, aber auch, was jeder Einzelne tun kann. Au&szlig;erdem erkl&auml;rt er, was es mit dem &bdquo;Wurm im Apfel&ldquo; auf sich hat. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5036\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-73920-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=73920-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210702_Wir_muessen_den_Wurm_im_Apfel_lieben_lernen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Koch, Sie setzen sich immer wieder mit der Natur und mit der Umwelt auseinander. Mit dem Leid der Bienen, mit Wasserstoff als Antrieb f&uuml;r die Zukunft und nun mit Pflanzen. &bdquo;Lasst uns Paradiese pflanzen!&ldquo;, fordern Sie in Ihrem neuen Buch. Das Gegenst&uuml;ck vom Paradies ist die H&ouml;lle. Wo befinden wir uns im Hinblick auf unsere Umwelt?<\/strong><\/p><p>Ausschlaggebend f&uuml;r meinen Entschluss, dieses Buch zu schreiben, war eine Reise nach Peru und Ecuador, die ich im Winter 2019\/2020 mit meiner Frau unternahm. Gerade in Ecuador, einem der Biodiversit&auml;tshotspots der Erde, wurde ich Zeuge, wie nicht nur eine entfesselte Landwirtschaft, sondern auch eine absolut brutal und rigoros agierende Forstwirtschaft, die Aquakultur von Garnelen, die r&uuml;cksichtslose Befischung des pazifischen Humboldtstroms und die &Ouml;lindustrie die faszinierende Artenvielfalt S&uuml;damerikas bedenkenlos, f&uuml;r den vermeintlich schnellen, neokolonialistischen Dollar, ohne R&uuml;cksicht auf Verluste, zermalmen. <\/p><p>Am meisten hat mich die tagelange Fahrt durch Eukalyptusforste deprimiert. Eine einzige, aus Australien importierte Baumart ersetzt heutzutage gro&szlig;fl&auml;chig den einzigartigen Wolkenwald. Wo vor Kurzem noch Megabiodiversit&auml;t anzutreffen war, herrscht heute eine Monokultur, in der f&uuml;r die heimischen Arten kein Platz mehr ist. Diese Forste sind eigent&uuml;mlich still. Man h&ouml;rt keine Affen kreischen, keine V&ouml;gel rufen; nur das unheimliche Rascheln der Eukalyptusbl&auml;tter. Den Menschen, die dort leben, wurden die Fr&uuml;chte des Waldes genauso geraubt, genau wie ihre Heilkr&auml;uter. Auch die Jagd entf&auml;llt komplett. <\/p><p>Anderswo im Lande dominieren &Ouml;lpalmen, Bananenplantagen und Teakpflanzungen das Bild der Monotonie. Nachdem ich in einem Schutzgebiet die noch erhaltenen Reste des Wolkenwaldes in ihrer ungeheuren Pracht bewundern durfte, empfand ich die Monokulturen tats&auml;chlich als h&ouml;llisch. Man braucht &uuml;brigens gar nicht so weit zu reisen, um &Auml;hnliches empfinden zu k&ouml;nnen. Eine Fahrt durch die endlosen Kiefernforste und Maisschl&auml;ge Brandenburgs weckt in mir &auml;hnliche Emotionen.<\/p><p><strong>Ihre Utopie lautet: Lasst uns &bdquo;pflanzen&ldquo;, dann haben wir irgendwann ein Paradies auf Erden. Erz&auml;hlen Sie uns bitte, was genau Sie meinen. Was gilt es denn zu &bdquo;pflanzen&ldquo;? Wie sehen Ihre Ideen aus? <\/strong><\/p><p>Das Paradies ist ein Ort, wo Fr&uuml;chte in H&uuml;lle und F&uuml;lle wachsen, wo Milch und Honig flie&szlig;en, wo V&ouml;gel singen, Blumen bl&uuml;hen und Grillen zirpen. Im Paradies gibt es Fisch und Wild im &Uuml;berfluss. Das Wasser ist klar und die Luft ist rein. Im Paradies wird unser Vieh nicht gequ&auml;lt und sind die Menschen gl&uuml;cklich. Paradies bedeutet die Abwesenheit von H&ouml;lle. Zum Paradies geh&ouml;ren B&auml;ume. Viele B&auml;ume. Viele unterschiedliche B&auml;ume. Die wichtigsten B&auml;ume sind jene, die Fr&uuml;chte tragen, die nahrhaft sind und die wir gut verwerten k&ouml;nnen.<\/p><p>Den &Uuml;berlebenstrick, fruchttragende B&auml;ume zu pflanzen, beherrscht &uuml;brigens nicht nur der Mensch. Eichelh&auml;her und Eichh&ouml;rnchen etwa beherrschen ihn auch. Sie vergraben Eicheln und N&uuml;sse, aus denen neue B&auml;ume entstehen. Ob sie dies bewusst im Hinblick auf ihre Zukunft tun, sei dahingestellt. Bei einer Neuausrichtung der Landwirtschaft muss der Fokus vor allem auf st&auml;rke- und fetthaltigen Fr&uuml;chten liegen. In unseren Breiten hei&szlig;t das vor allem: Haseln&uuml;sse, Waln&uuml;sse und Esskastanien. Esskastanien liefern ein bek&ouml;mmliches, schmackhaftes, glutenfreies Mehl, aus dem man prima Brot backen kann. Auch f&uuml;rs Bierbrauen eignet es sich und als wertvolles Viehfutter sowieso. <\/p><p><strong>Also Brot, das auf B&auml;umen w&auml;chst?<\/strong><\/p><p>In der Tat, denn so macht man sich in der Landwirtschaft mit der Vertikalen die dritte Dimension zunutze. Man verringert also nicht nur den Bedarf an fl&auml;chenfressendem Getreide, sondern erh&ouml;ht gleichzeitig die Produktivit&auml;t der Fl&auml;chen und zwar bis um den Faktor 2,9. Dabei kann nat&uuml;rlich auch der Holzwert in die Rechnung mit einbezogen werden. Der Fachmann spricht bei diesem Konzept vom &bdquo;Land Equivalent Ratio&ldquo; (LER). Gleichzeitig senkt man so den Verbrauch von Pestiziden und Kunstd&uuml;nger und tut den B&ouml;den etwas Gutes. <\/p><p><strong>Wie das?<\/strong><\/p><p>Das herabgefallene Laub der B&auml;ume n&auml;hrt die Mikroorganismen in der Erde. Au&szlig;erdem ziehen B&auml;ume mit ihren Wurzeln das Grundwasser aus der Tiefe nach oben und wirken durch ihre Beschattung positiv auf das Pflanzenwachstum bei den immer h&auml;ufiger vorkommenden D&uuml;rren. Ganz nebenbei entstehen vielf&auml;ltige Lebensr&auml;ume f&uuml;r zahlreiche wilde Tier- und Pflanzenarten. Man bek&auml;mpft also das Artensterben und der Landwirt macht dennoch oder gerade deswegen ein gl&auml;nzendes Gesch&auml;ft.<\/p><p>Anzustreben sind demnach also sogenannte Agroforstsysteme. <\/p><p><strong>Was ist das?<\/strong><\/p><p>Eine Feld-Wald-Wirtschaft, die auch bereits seit 2007 auf EU-Ebene als f&ouml;rderungsf&auml;hig gilt. Leider sind die entsprechenden Statuten in Deutschland nie umgesetzt worden. Wer als Bauer in Deutschland Baumreihen in seine Felder pflanzt, bekommt diese Fl&auml;chen aus der F&ouml;rderung herausgerechnet, da sie f&uuml;r die deutsche Landwirtschaftsb&uuml;rokratie weder der Landwirtschaft noch der Forstwirtschaft zugerechnet werden k&ouml;nnen. Wer hinter dieser Politik den Einfluss der Agrochemiekartelle vermutet, die Angst haben, ihre Felle davonschwimmen zu sehen, liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch.<\/p><p><strong>Wenn wir &uuml;ber B&auml;ume reden: Was sehen wir denn heutzutage in unseren W&auml;ldern an B&auml;umen? Was ist das Konzept, das zum Vorschein kommt? Vermutlich geht es vor allem in erster Linie um den Rohstoff Holz, oder?<\/strong><\/p><p>Deutsche F&ouml;rster pflanzen f&uuml;r ihr Leben gerne gebietsfremde Nadelh&ouml;lzer in Monokulturen. Nachdem die Fichte und auch die Kiefer durch drei aufeinanderfolgende Jahre der D&uuml;rre zu gro&szlig;en Teilen im Absterben begriffen sind, sollen nun die aus Nordamerika stammenden Douglasien und K&uuml;stentannen oder die Japanische L&auml;rche die gigantischen Kahlschl&auml;ge wieder f&uuml;llen. Die Motivation hinter diesem kostspieligen Wahnsinn ist unter anderem die Legitimation des eigenen Berufsstands und der Erhalt der Baumschulen, welche die Setzlinge liefern. Wesentlich billiger und &ouml;kologisch sinnvoller w&auml;re gezieltes Nichtstun und Abwarten, dass sich die B&auml;ume von selber wieder ausbreiten, also die sogenannte Naturverj&uuml;ngung.<\/p><p><strong>Am Ende steht  dann der Mischwald?<\/strong><\/p><p>Ja, der sogenannte &bdquo;gesunde Mischwald&ldquo; mit einem reichhaltigen Mix wertvoller H&ouml;lzer: von der Esche, &uuml;ber die Vogelbeere, bis hin zu Eiche und Buche und sicherlich immer noch jeder Menge Nadelgeh&ouml;lze, die von der Natur frei Haus geliefert werden. Die F&ouml;rsterschaft k&ouml;nnte getrost in ihrer G&auml;nze gefeuert und durch Fachleute ersetzt werden, deren Aufgabe darin best&uuml;nde, durch schonende Einzelbaumentnahme die Gesellschaft weiter mit dem Rohstoff Holz zu versorgen. Die Massenversorgung mit billigem Nadelholz hat dazu gef&uuml;hrt, dass Holz zum Wegwerfprodukt verkommen ist. M&ouml;bel aus Holz sollten Generationen lang halten k&ouml;nnen und &uuml;ber lange Zeitr&auml;ume ihre &Auml;sthetik bewahren. Leider sind heute die h&auml;sslichen Pressspahnprodukte die Regel, welche nach h&ouml;chstens zehn bis zwanzig Jahren in der M&uuml;llverbrennung landen, gemeinsam mit Einwegpaletten und vielerlei Bauh&ouml;lzern. <\/p><p>Angesichts explodierender Holzpreise, die entstanden sind, weil die verdorrten Monokulturen, nach dem Abrasieren, als Billiglieferanten wegfallen, k&ouml;nnte der Markt als Regulator greifen und Abhilfe schaffen. Leider funktioniert diese neoliberale Wirtschaftsidee aber nur in der Theorie. Schlechte Gewohnheiten, wie die bedenkenlose Verschwendung des Rohstoffs Holz, werden nicht von selbst verschwinden. Besonders kritisch ist in diesem Zusammenhang die vermeintlich &bdquo;klimaneutrale&ldquo; Verbrennung unserer W&auml;lder in Form von Pellets zu sehen, die mittlerweile industrielle Ma&szlig;st&auml;be angenommen hat.<\/p><p><strong>Wie ist es zu diesem Zustand gekommen? Spielen &ouml;konomische Interessen eine Rolle?<\/strong><\/p><p>Die Ursachen f&uuml;r diesen Zustand sind in der Vergangenheit zu suchen. Im ausgehenden Mittelalter machte sich eine &Uuml;bernutzung der W&auml;lder bemerkbar. Schiffbau, Bergbau, Hausbau, Kochfeuer, der Bedarf an Ackerland, etc. verbrauchten mehr Holz, als nachwachsen konnte. Eine &Uuml;berweidung der W&auml;lder f&uuml;hrte dazu, dass zu wenig Naturverj&uuml;ngung stattfand. Damals entstand der Gedanke der Nachhaltigkeit. Den W&auml;ldern sollte nur so viel Holz entnommen werden, wie nachwuchs. Leider ging bei der Verfolgung dieses, an sich sinnhaften, Zieles einiges schief. Es kam zur k&uuml;nstlichen Trennung von Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Rinder und Schweine, die fr&uuml;her gl&uuml;cklich mit ihren Hirten durch die W&auml;lder streifen durften, fristen heute in den St&auml;llen der Massentierhaltung ein k&uuml;mmerliches Dasein. Statt W&auml;ldern entstanden vielerorts, &ouml;kologisch extrem instabile, Baumplantagen. <\/p><p><strong>Einerseits geht es in Sachen Wald ums Geld. Am Rohstoff Holz h&auml;ngt viel. Andererseits ist es aber doch nicht so einfach, oder?<\/strong><\/p><p>Es ist komplizierter. Die &bdquo;schnellwachsende&ldquo; Fichte braucht immerhin  etwa siebzig Jahre, also ein ganzes Menschenleben, bis sie reif ist f&uuml;r den &bdquo;Hieb&ldquo;. In dieser Zeit kostet sie jede Menge Geld. Erst m&uuml;ssen kostspielige Spezialisten die Fichtenzapfen aus den Kronen ernten, um an die Samen heranzukommen. Die Aufzucht in den Baumschulen gibt es nicht zum Nulltarif, genauso wenig wie die Pflanzung der Setzlinge, das Anlegen von Gattern als Verbissschutz oder die Durchforstungsma&szlig;nahmen. Eine Esskastanie, eine Kirsche oder ein Nussbaum hingegen liefern jedes Jahr Ertr&auml;ge, die zu Geld gemacht werden k&ouml;nnen, und am Ende ihres Lebens ein wesentlich wertvolleres Holz als die Fichte. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Eiche, deren Fr&uuml;chte auch heute noch in Spanien wertvolle Mast liefern f&uuml;r das &bdquo;Pata Negra&ldquo;, eine robuste Schweinerasse, deren Fleisch sehr begehrt ist und hohe Preise erzielt. <\/p><p>Zudem gibt es volkswirtschaftlich unverzichtbare &Ouml;kosystemdienstleistungen, wie etwa sauberes Wasser, saubere Luft, Wild, Pilze und der Erhalt der Artenvielfalt, die ein gesunder, artenreicher Wald am besten leistet. Man kann schon von einer erheblichen Chuzpe sprechen, wenn F&ouml;rster und &bdquo;Waldbesitzer&ldquo;, die mit Monokulturen agieren, heute Geld verlangen f&uuml;r die &Ouml;kosystemdienstleistungen ihrer artenarmen, instabilen Gebilde. Darin setzen sie riesige Harvester bedenkenlos ein und die sensiblen Waldb&ouml;den werden allein durch deren ungeheures Gewicht bedeutend gesch&auml;digt.  Auch der Einsatz von hochgiftigen Insektiziden, Glyphosat und sogar M&auml;usegift ist bei deutschen Forstbetrieben an der Tagesordnung. Tendenz steigend!<\/p><p><strong>Welchen Stellenwert haben Obstb&auml;ume aus Ihrer Sicht, wenn es darum geht, &bdquo;Paradiese zu pflanzen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Auf die Bedeutung tropischer Obstgew&auml;chse bin ich ja eben bereits eingegangen. Es gibt sie in immenser Vielfalt. Erw&auml;hnenswert ist hier nat&uuml;rlich, dass etwa mit dem Brotfruchtbaum oder der Pfirsichpalme auch bedeutende St&auml;rkelieferanten ins Spiel genommen werden k&ouml;nnten. Hierzulande erleben die guten alten Streuobstwiesen ein zaghaftes Comeback. Sie bieten Nahrung und Lebensraum f&uuml;r viele selten gewordene Tier- und Pflanzenarten. Au&szlig;erdem ben&ouml;tigen sie keine Pestizide und spielen als Genbank eine bedeutende Rolle, weil sie dem Erhalt alter Obstsorten dienen. In Kirgistan hingegen existieren Urw&auml;lder aus Apfelb&auml;umen, Pflaumenb&auml;umen und Walnussb&auml;umen. Sie sollten uns als Vorbild dienen, wenn es heute darum geht, die Nadelholzmonokulturen zu ersetzen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich d&uuml;rfen auch Kirschen, Birnen, Speierlinge und Vogelbeeren nicht fehlen. Anstelle der Wildformen sollten Ertragssorten zum Einsatz kommen. Dieser neue Waldtyp w&auml;re nicht nur in der Lage, einen erheblichen Beitrag zum Erhalt unserer Biodiversit&auml;t und der Ern&auml;hrungssicherheit zu leisten (vor allem, wenn in ihm auch wieder eine Weidewirtschaft stattf&auml;nde), er w&auml;re auch aus &ouml;konomischer Sicht &auml;u&szlig;erst interessant und zuk&uuml;nftige Generationen k&ouml;nnten in ihren H&auml;usern Dielenb&ouml;den aus Birnenholz verlegen, statt minderwertiges Klickparkett verwenden zu m&uuml;ssen. Helmut Kohls Floskel der &bdquo;bl&uuml;henden Landschaften&ldquo; w&uuml;rde mit Sinnhaftigkeit beladen.<\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem Buch &bdquo;Sag einfach Bidi!&ldquo; Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Hier sprechen Sie eine zentrale Forderung an, die ich in meinem Buch an die Gesellschaft stellen will. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschheit das gr&ouml;&szlig;te Artensterben seit dem Niedergang der Dinosaurier ausgel&ouml;st hat. Gerechterweise muss an dieser Stelle angemerkt sein, dass nicht die Menschheit an sich wie eine Naturkatastrophe &uuml;ber die Tier- und Pflanzenwelt gekommen ist. Vielmehr sind es die knallharten Profitinteressen von Gro&szlig;banken, wie etwa der Credit Suisse, von Lebensmittelkonzernen wie Nestl&eacute; und Chemiegiganten, wie Bayer-Monsanto, die als Hauptursache f&uuml;r diese Trag&ouml;die verantwortlich sind. Um hier gegensteuern zu k&ouml;nnen, brauchen wir ein System von <em>Biodiversit&auml;tszertifikaten<\/em>! <\/p><p><strong>Bitte erkl&auml;ren Sie uns, worum es geht.<\/strong><\/p><p>Weil dieses Wort sehr schwer auszusprechen ist, spreche ich einfach von Bidis. Bei der Etablierung dieser Bidis k&ouml;nnen wir aus den Fehlern des CO2-Zertifikatehandels lernen. Letzterer ist ja eigentlich ein reines Bonus-System. Die uns&auml;glichen &bdquo;Verschmutzungsrechte&ldquo; wurden zu Schleuderpreisen an die Konzerne verteilt und nun k&ouml;nnen sie mit dem Handel davon noch mehr Profit generieren. Bei den Bidis ben&ouml;tigen wir ein klares Bonus-Malus-Konzept. Wer mit seinem Wirtschaften der nat&uuml;rlichen Biodiversit&auml;t schadet, der muss daf&uuml;r zahlen. Wer hingegen die Artenvielfalt f&ouml;rdert und erh&auml;lt, der muss von dem System profitieren. Die Produkte von Konzernen, die etwa aus ehemaligen Regenwaldgebieten gifthungrige Gentech-Soyaw&uuml;sten gemacht haben, m&uuml;ssen so teuer werden, dass dieses Gesch&auml;ftsmodell sich bald erledigt hat. <\/p><p>Wichtig ist, dass ein solches System nicht &ouml;kosystem&uuml;bergreifend funktionieren darf. Wer zum Beispiel mit seinen riesigen Netzen die Meere leerr&auml;ubert, darf nicht einfach irgendwo zur Kompensation ein paar Streuobstwiesen unterhalten. Vielmehr m&uuml;ssten die Strafzahlungen f&uuml;r die verantwortungslose Ausbeutung der Meere einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten K&uuml;stenfischerei zugutekommen. Naturerhalt und Naturf&ouml;rderung darf kein Luxus sein, der sich auf ein paar Schutzgebiete beschr&auml;nkt, sondern muss allumfassend gew&auml;hrleistet und auch in unseren Kulturlandschaften stattfinden, die bei richtiger Pflege sehr artenreich sein k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit der Rolle des einzelnen Menschen aus? Was kann er tun? Wie sollte er handeln? Oder anders gefragt: Muss ein grunds&auml;tzliches Umdenken auch bei dem Einzelnen stattfinden?<\/strong><\/p><p>Jeder Einzelne sollte sich fragen, in welcher Welt er oder sie leben will und welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen. W&auml;lder aus Obstb&auml;umen k&ouml;nnen sich viele nicht vorstellen, weil es sie kaum gibt. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft existiert ein solches Gebiet. Es sind aufgegebene Streuobstwiesen, die ein paar Jahrzehnte lang sich selbst &uuml;berlassen wurden und nun von Singv&ouml;geln und seltenen Insekten, wie etwa dem Hirschk&auml;fer, nur so wimmeln. Leider ist dieses kleine St&uuml;ck Paradies in Teilen nun zum Baugebiet erkl&auml;rt worden. Eine fantasielosere Nutzung kann einem gar nicht einfallen. <\/p><p>Den Menschen muss der Wert von Obstw&auml;ldern erst noch vermittelt werden. Dann kann jeder Einzelne politischen Druck auf seine Gemeinder&auml;te oder seinen Bundestagsabgeordneten aus&uuml;ben, damit Pilotprojekte angeschoben werden. Gerade auf Fl&auml;chen der &ouml;ffentlichen Hand haben Monokulturen nach wie vor Hochkonjunktur. Weiterhin sollten wir alle beginnen, nicht immer nur mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen, sondern auch endlich mal die Machenschaften der Forstverwaltungen kritisch zu durchleuchten und zu korrigieren. W&auml;lder sind komplexe Systeme, in denen es Platz f&uuml;r sehr vieles geben muss, damit sie zu Paradiesen werden k&ouml;nnen. Jeder Einzelne ist gut beraten, &bdquo;Wald&ldquo; einmal als etwas ganz Anderes zu denken, als das, was er vor seiner Nase sieht.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns &uuml;ber den Wurm im Apfel reden. Ist der &bdquo;gut&ldquo; oder &bdquo;schlecht&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Der Wurm im Apfel ist die Made des Apfelwicklers. Dieser heimische Schmetterling spielt eine bedeutende Rolle im &Ouml;kosystem Apfel und ist unter anderem als Beutetier f&uuml;r unsere Singv&ouml;gel wie etwa der Blaumeise von enormer Bedeutung. Befallene &Auml;pfel reifen fr&uuml;her. Man kann die Erntezeit also nach vorne ziehen, denn zur Saftgewinnung eignen sich diese Fr&uuml;chte nat&uuml;rlich immer noch ohne Probleme. Man kann den Wurm mit einem Messer aus der Frucht herausschneiden und den Rest einfach aufessen. Das mundet mir pers&ouml;nlich wesentlich besser als ein Apfel aus dem Erwerbsobstbau, der zwar ohne Wurm ist, daf&uuml;r aber &uuml;ber drei&szlig;ig Mal w&auml;hrend seines Wachstums die Pestiziddusche zu schmecken bekommen hat. Auf der Webpage des Deutschen Fachverbandes f&uuml;r Agroforstwirtschaft (DeFAF) findet sich folgender interessanter Eintrag des Arche Wilhelminenhofs, Bakum:<\/p><blockquote><p>\nNachdem in den letzten Jahren bei den klassischen Schaderregern st&auml;ndig mehr Resistenzen gegen chemische Pflanzenschutzmittel sichtbar wurden &ndash; wir aber dem Problem nicht mit noch mehr Chemie begegnen wollten &ndash; haben wir seit 2015 in einer ca. 1 ha gro&szlig;en Apfelplantage den Pflanzenschutz komplett eingestellt und unsere Schafe zum Weiden reingeschickt.  Wir haben keinen Schorfpilz mehr in der Anlage, au&szlig;erdem sind Apfelwickler-, Blattlaus und Frostspannersch&auml;den zu vernachl&auml;ssigen.\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Landwirte sparen nicht nur viel Geld, das sie sonst f&uuml;r Pestizide ausgegeben h&auml;tten, sondern auch Arbeitszeit, die sie sonst mit Wildkrautbek&auml;mpfung, Spr&uuml;hen und M&auml;hen verbracht h&auml;tten. Au&szlig;erdem haben sie durch das Fleisch, die Milch und die Wolle der Schafe auch noch einen bedeutenden wirtschaftlichen Vorteil. Den Schafen schlie&szlig;lich munden die verwurmten &Auml;pfel ganz ausgezeichnet. Der Kot der Tiere ist wertvoller D&uuml;nger, zieht Insekten an und in der Folge wiederum V&ouml;gel, die sich von den Insekten ern&auml;hren. Wir m&uuml;ssen den Wurm im Apfel lieben lernen. Haben wir das geschafft, wird uns das grunds&auml;tzliche Neudenken unserer Land- und Forstwirtschaft leichter fallen.<\/p><p><strong>Was kann der Einzelne noch tun?<\/strong><\/p><p>Jeder Einzelne muss begreifen, dass es hier nicht um irgendwelche gr&uuml;nen Spinnereien geht. Das Artensterben ist ein gewaltig gr&ouml;&szlig;eres Problem als die Klimakrise. Dem wir jedoch mit einem klugen Agieren viel einfacher begegnen k&ouml;nnen. Die Konzepte reichen von Palludikultur (dem Wiedervern&auml;ssen ehemaliger Feuchtgebiete mit dem Ziel der Gewinnung von Torf und Schilf) &uuml;ber Agroforstsysteme und Waldg&auml;rten bis hin zur Idee der Permakultur.<\/p><p><strong>Wie ist Ihre Wahrnehmung? Kann es sein, dass sich gerade ziemlich viel tut? Dass weltweit eine Art Umdenken stattfindet? Kann es sein, dass mehr und mehr Menschen begreifen, wie man mit der Natur und der Umwelt und nicht gegen sie lebt?<\/strong><\/p><p>Meine Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht zweigespalten. Einerseits w&auml;chst das Problembewusstsein unter den Menschen. Andererseits ist es der Lebensmittelindustrie gelungen, weite Teile der Gesellschaft in absolute Abh&auml;ngigkeit zu treiben. Wenn die Regale der Superm&auml;rkte nicht mehr gef&uuml;llt werden, werden auch unsere B&auml;uche leer bleiben, weil der allergr&ouml;&szlig;te Teil unserer Gesellschaft verlernt hat, sich seine Lebensmittel selber herzustellen. Dann wird das gro&szlig;e Hungern und Sterben beginnen. Eins ist klar: Wenn wir nicht gegensteuern, wird dieser Tag kommen &ndash; fr&uuml;her oder sp&auml;ter. Umdenken und Begreifen allein reicht nicht. Wir m&uuml;ssen handeln. Lasst uns heute noch beginnen, W&auml;lder zu pflanzen, in denen die Nahrung f&uuml;r Mensch und Tier auf B&auml;umen w&auml;chst. Lasst uns Paradiese pflanzen!<\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Koch, Timm: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/lasst-uns-paradiese-pflanzen.html\">Lasst uns Paradiese pflanzen! Reich werden mit der Vielfalt der Natur &ndash; statt arm durch ihre Zerst&ouml;rung.<\/a> Westend. 14. Juni 2021. S. 224. 18 Euro.<\/em><\/p><p>Titelbild: Karin Hildebrand Lau\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Lasst uns heute noch beginnen, W&auml;lder zu pflanzen, in denen die Nahrung f&uuml;r Mensch und Tier auf B&auml;umen w&auml;chst. Lasst uns Paradiese pflanzen!&ldquo; Das sagt der Autor <strong>Timm Koch<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Koch hat gerade in seinem neuesten Buch <em>Lasst uns Paradiese pflanzen! 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