{"id":73944,"date":"2021-07-04T11:45:38","date_gmt":"2021-07-04T09:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73944"},"modified":"2021-07-04T13:33:33","modified_gmt":"2021-07-04T11:33:33","slug":"wie-der-neoliberalismus-uns-zu-einsamen-menschen-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73944","title":{"rendered":"Wie der Neoliberalismus uns zu einsamen Menschen macht"},"content":{"rendered":"<p>Schon bevor das Corona-Virus und die damit zusammenh&auml;ngenden Lockdowns viele Menschen unter Isolation und Einsamkeit leiden lie&szlig;en, f&uuml;hlten sich viele Menschen weltweit einsam und alleingelassen. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Wieso die Menschen so einsam geworden sind, welche Folgen dies individuell wie gesellschaftlich hat und was man tun kann, um diese Entwicklung zur&uuml;ckzudrehen &ndash; das ist das Thema des Buches der britischen &Ouml;konomin Noreena Hertz mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A40384753&amp;listtype=search&amp;searchparam=Das%20Zeitalter%20der%20Einsamkeit.%20%C3%9Cber%20die%20Kraft%20der%20Verbindung%20in%20einer%20zerfaserten%20Welt\">Das Zeitalter der Einsamkeit. &Uuml;ber die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt<\/a>&ldquo;. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nWenn man sich die Zahlen anschaut und dabei bedenkt, dass der Mensch ein zutiefst soziales Wesen ist, das lebenspraktisch wie emotional auf den Kontakt zu anderen Menschen angewiesen ist, dann kann man nur erschrecken &ndash; man versteht aber auch einiges in unserer Gesellschaft besser. Schon vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie bezeichneten sich drei von f&uuml;nf Erwachsenen in den USA als einsam. In der deutschen Bev&ouml;lkerung hielten zwei Drittel Einsamkeit f&uuml;r ein gro&szlig;es Problem. Ein Drittel der niederl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung gab an, einsam zu sein. Jeder zehnte Niederl&auml;nder stufte sich sogar als besonders einsam ein. In Schweden berichtete bis zu einem Viertel der Bev&ouml;lkerung, h&auml;ufig einsam zu sein. Und in der Schweiz gaben zwei von f&uuml;nf Menschen an, sich manchmal, h&auml;ufig oder immer einsam zu f&uuml;hlen. <\/p><p>Au&szlig;erhalb der USA und Europas sieht es nicht besser aus. Beispiel Japan:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Japan hat sich die Anzahl der Straftaten, die von Personen &uuml;ber 65 Jahren ver&uuml;bt werden, in den letzten zwei Jahrzehnten vervierfacht. &Uuml;ber zwei Drittel dieser Altersgruppe wurden innerhalb von f&uuml;nf Jahren erneut straff&auml;llig. Die Gef&auml;ngnisw&auml;rterin Junko Ageno ist sich sicher, dass Einsamkeit der Hauptgrund f&uuml;r diese Entwicklung ist &ndash; denn so haben ihre Sch&uuml;tzlinge es ihr erz&auml;hlt. Koichi Hamai, Professor an der Ryokoku-Universit&auml;t in Kyoto, der das Ph&auml;nomen der &auml;lteren Gef&auml;ngnisinsassen untersucht hat, best&auml;tigt dies. Er glaubt, dass eine bedeutende Zahl &auml;lterer Frauen bewusst einen Gef&auml;ngnisaufenthalt w&auml;hlt, um sozialer Isolation zu entfliehen. &Uuml;blicherweise werden sie f&uuml;r Bagatelldelikte wie kleinere Ladendiebst&auml;hle verurteilt &ndash; eine der am leichtesten zu begehenden Straftaten, wenn man ins Gef&auml;ngnis geschickt werden m&ouml;chte&ldquo; (S. 14).\n<\/p><\/blockquote><p>In China erlangte 2017 in Tianjin ein 85 Jahre alter Mann internationale Ber&uuml;hmtheit, weil er an einer Bushaltestelle einen Aushang anbrachte. Dort stand zu lesen: &bdquo;Einsamer Mann Mitte 80 hofft, dass eine gutherzige Person oder Familie ihn adoptieren m&ouml;chte.&ldquo; Drei Monate sp&auml;ter starb der Mann. Seine Nachbarn bemerkten erst nach zwei Wochen, dass man ihn gar nicht mehr zu Gesicht bekam. <\/p><p>Noreena Hertz f&uuml;hrt noch weitere Beispiele und Studien an. Ihre Diagnose, dass in der modernen Gesellschaft Einsamkeit und Isolation ein gro&szlig;es Problem ist, steht meines Erachtens au&szlig;er Zweifel. Sollten Sie sich, liebe Leserin oder lieber Leser, einsam f&uuml;hlen, dann w&auml;re die erste wichtige Botschaft aus dem Buch von Noreena Hertz, dass Sie damit nicht alleine stehen. Einsamkeit ist ein Massenph&auml;nomen geworden. <\/p><p><strong>Was bewirkt Einsamkeit beim einzelnen Menschen?<\/strong><\/p><p>Aber welche Folgen ergeben sich daraus f&uuml;r Indivuduum und Gesellschaft? Zun&auml;chst zu den Folgen f&uuml;r den einzelnen Menschen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bei der aktuellen Einsamkeitskrise handelt es sich nicht nur um eine Krise der seelischen Gesundheit. Diese Krise macht uns auch k&ouml;rperlich krank. Studien zeigen, dass Einsamkeit schlechter f&uuml;r unsere Gesundheit ist als zu wenig Sport, genauso sch&auml;dlich wie Alkoholabh&auml;ngigkeit und <strong>doppelt<\/strong> so sch&auml;dlich wie &Uuml;bergewicht. Statistisch gesehen wirkt sich Einsamkeit genauso nachteilig aus wie 15 Zigaretten am Tag. Besonders interessant dabei ist, dass f&uuml;r diesen Einfluss weder Einkommen noch Geschlecht, weder Alter noch Nationalit&auml;t eine Rolle spielen&ldquo; (S. 16).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Das im Prinzip geistig-seelische Ph&auml;nomen der Einsamkeit und Isolation findet in unserem K&ouml;rper einen massiven stofflichen Widerhall. Hertz beschreibt diese k&ouml;rperlichen Folgen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ein einsamer K&ouml;rper Stress ausgesetzt ist, steigen die Werte von Cholesterin, Blutdruck und des &sbquo;Stresshormons&lsquo; Cortisol schneller an als in einem nicht einsamen K&ouml;rper. Noch dazu <strong>summiert<\/strong> sich bei chronisch Einsamen dieser vor&uuml;bergehende Anstieg von Blutdruck und Cholesterin mit der Zeit, da die Amygdala &ndash; jene Gehirnregion, die f&uuml;r Kampf-oder-Flucht-Reaktion verantwortlich ist &ndash; oft viel l&auml;nger als &uuml;blich Gefahr signalisiert. Dies f&uuml;hrt zu einer erh&ouml;hten Produktion von wei&szlig;en Blutk&ouml;rperchen und h&ouml;heren Entz&uuml;ndungswerten, was in akuten Stressreaktionen zwar hilfreich sein kann, auf lange Sicht jedoch gravierende Nebenwirkungen hat. Denn ein chronisch entz&uuml;ndeter, einsamer K&ouml;rper, dessen Immunsystem &uuml;berlastet und geschw&auml;cht ist, ist anf&auml;llig f&uuml;r weitere Erkrankungen, die er normalerweise viel besser bek&auml;mpfen k&ouml;nnte, wie etwa Erk&auml;ltungen, Grippe oder auch Mandelentz&uuml;ndungen (&hellip;)&ldquo; (S.30).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Einsamkeit macht krank, eine funktionierende Gemeinschaft h&auml;lt gesund<\/strong><\/p><p>Auch die Risiken f&uuml;r weitere Erkrankungen steigen durch Einsamkeit, zum Beispiel das Risiko f&uuml;r Herzerkrankungen oder Schlaganfall, und meines Wissens auch das f&uuml;r Diabetes. Umgekehrt f&uuml;hrt Noreena Hertz mehrere Beispiele auf, dass intakte Gemeinschaften selbst einen hochgradig ungesunden Lebensstil gesundheitlich kompensieren k&ouml;nnen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die gesundheitlichen Vorz&uuml;ge von Gemeinschaft wurden erstmals in den 1950ern in der Kleinstadt Roseto, Pennsylvania, festgestellt, als ans&auml;ssigen &Auml;rzten auffiel, dass die Bewohner wesentlich seltener unter Herzerkrankungen litten als in einer vergleichbaren Nachbarstadt. Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Todesrate der &uuml;ber 65-j&auml;hrigen m&auml;nnlichen Einwohner von Roseto <strong>um die H&auml;lfte niedriger<\/strong> lag als der Landesdurchschnitt, obwohl sie in den umliegenden Steinbr&uuml;chen k&ouml;rperliche Schwerstarbeit leisteten, filterlose Zigaretten rauchten, in Schmalz gebratene Fleischb&auml;llchen a&szlig;en und t&auml;glich Wein tranken. Warum? Forscher kamen zu dem Schluss, dass die soliden Familienbande und der gemeinschaftliche Zusammenhalt der &uuml;berwiegend italoamerikanischen Rosetaner f&uuml;r deren &uuml;berdurchschnittliche Gesundheit verantwortlich waren&ldquo; (S.34-35).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Hertz&rsquo; Definition von Einsamkeit<\/strong><\/p><p>Bevor ich auf die gesellschaftlichen Folgen von Einsamkeit komme, ist es notwendig, Hertz&rsquo; Definition von Einsamkeit zu kennen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich definiere Einsamkeit als einen inneren wie auch existentiellen Zustand &ndash; pers&ouml;nlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich <strong>und<\/strong> politisch. (&hellip;) Ich glaube, dass Einsamkeit in ihrer gegenw&auml;rtigen Form (&hellip;) noch mehr ist als unser Bed&uuml;rfnis nach Verbundenheit zu unseren Mitmenschen, unseren Wunsch zu lieben und geliebt zu werden und die Traurigkeit, die wir empfinden, wenn wir uns ohne Freunde glauben. Sie umfasst vielmehr auch, wie losgel&ouml;st von Politikern und der Politik wir uns f&uuml;hlen, wie abgeschnitten von unserer Arbeit und unserem Arbeitsplatz, wie ausgeschlossen von gesellschaftlichen Vorteilen und wie machtlos, unsichtbar und &uuml;berh&ouml;rt sich so viele von uns f&uuml;hlen. Es ist eine Einsamkeit, die hinausgeht &uuml;ber das menschliche Bed&uuml;rfnis nach emotionaler N&auml;he, denn sie ist auch Ausdruck des menschlichen Bed&uuml;rfnisses, geh&ouml;rt und gesehen zu werden, umsorgt zu werden, frei agieren zu k&ouml;nnen, freundlich, fair und respektvoll behandelt zu werden. Herk&ouml;mmliche Ma&szlig;st&auml;be beinhalten das nur zum Teil&ldquo; (S. 19-20).\n<\/p><\/blockquote><p>Und dann stellt Hertz im Zusammenhang mit ihrer Definition von Einsamkeit noch eine Frage: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wann hatten Sie zuletzt das Gef&uuml;hl, von ihren gew&auml;hlten Politikern nicht geh&ouml;rt oder vernachl&auml;ssigt zu werden oder dass Menschen in Machtpositionen Ihre Probleme egal sind?&ldquo; (S. 20).\n<\/p><\/blockquote><p>Ich vermute, diese Frage werden viele Menschen so beantworten: &bdquo;Dieses Gef&uuml;hl habe ich andauernd.&ldquo;<\/p><p><strong>Gesellschaftliche Folgen der Einsamkeit<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In einer Welt, in der &sbquo;Ich produziere, also bin ich&lsquo; gilt, in der man sich wegen seiner Arbeitslosigkeit oder seiner statusniedrigen Arbeit sch&auml;mt, f&auml;llt das Versprechen von wiederbelebter Gemeinschaft und wiederhergestelltem Ansehen auf besonders fruchtbaren Boden&ldquo; (S. 64).\n<\/p><\/blockquote><p>Hertz f&uuml;hrt daf&uuml;r zahlreiche Belege und Zitate von Menschen an, die von Arbeitslosigkeit, Niedrigl&ouml;hnen und statusniedriger Arbeit betroffen sind. Viele davon f&uuml;hlten und f&uuml;hlen sich vom politischen Establishment im Stich gelassen. Umgekehrt f&uuml;hlen sich viele dieser Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung von Politikern wie Trump ernstgenommen und wahrgenommen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Einst h&auml;tte Eric (ein Grafiker aus Frankreich; UB) seine politische Heimat vielleicht in der Sozialistischen Partei gefunden, heute jedoch findet er seinen Platz in dieser rechtsradikalen nationalistischen und populistischen Partei. Denn wie die ehemals demokratischen Bahnarbeiter, die sich 2016 Trump zuwandten, ist auch er &uuml;berzeugt, dass nur der Rassemblement National die &sbquo;kleinen Leute&lsquo; besch&uuml;tzt, zu denen er sich nicht ohne Stolz selbst z&auml;hlt, Leute, die von den anderen Parteien &sbquo;im Stich gelassen wurden&lsquo;. Das Versagen der Linken ist nat&uuml;rlich, dass sie in den Augen vieler nicht mehr als Parteien gesehen werden, denen die Interessen der &sbquo;Vergessenen&lsquo; und &sbquo;Verlassenen&lsquo; am Herzen liegen&ldquo; (S. 62).\n<\/p><\/blockquote><p>Dies wird sofort nachvollziehbar, wenn man einmal zwei Aussagen aus dem US-Wahlkampf von 2016 gegen&uuml;berstellt, n&auml;mlich eine von  Hillary Clinton und eine von Donald Trump. Hillary Clinton sagte 2016 Folgendes: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Krass verallgemeinert: Man kann die H&auml;lfte der Trump-Unterst&uuml;tzer da hineinstecken, was ich einen Korb von Erb&auml;rmlichen (basket of deplorables) nenne.&ldquo; (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/praesidentschafts-wahlkampf-in-den-usa-clinton-relativiert-beleidigende-aussage-ueber-trump-anhaenger-1.3156407\">sueddeutsche.de<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Trump antwortete wie folgt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Meine Gegenkandidatin bezeichnet Sie als bedauernswert und unverbesserlich, ich dagegen nenne Sie hart arbeitende amerikanische Patrioten, die ihr Land lieben und sich eine bessere Zukunft w&uuml;nschen, f&uuml;r unser ganzes Volk. Sie sind &hellip;Soldaten und Matrosen, Zimmerer und Schwei&szlig;er &hellip;Sie sind Amerikaner, und Sie haben ein Anrecht auf eine politische F&uuml;hrung, die Sie ehrt, die Sie wertsch&auml;tzt und Sie verteidigt. Jeder Amerikaner hat das Anrecht, in unserem Land mit W&uuml;rde und Respekt behandelt zu werden&ldquo; (S. 65).\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die politischen Ursachen f&uuml;r das massenhafte Einsamkeitsgef&uuml;hl<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es fing an in den 1980er Jahren, als eine besonders harte Form des Kapitalismus um sich griff: der Neoliberalismus, eine Ideologie, deren vorrangiger Schwerpunkt auf Freiheit lag &ndash; &sbquo;freie&lsquo; Wahl, &sbquo;freie&lsquo; M&auml;rkte, &sbquo;Freiheit&lsquo; von Eingriffen durch Regierung oder Gewerkschaften &ndash; und die begr&uuml;ndet war auf einer idealisierten Form von Eigenst&auml;ndigkeit, dem Prinzip des schlanken Staats und einem r&uuml;cksichtslosen Konkurrenzdenken, das Eigennutz &uuml;ber Gemeinschaft und Gemeinwohl stellte&ldquo; (S. 23).\n<\/p><\/blockquote><p>Die Umsetzung dieser Ideologie in Politik war, so Hertz, eine wesentliche Ursache f&uuml;r die beschriebene Entwicklung. Erstens weil so eine enorme soziale Ungleichheit entstand und Armut und soziale Unsicherheit immer mehr zunahmen, und zweitens weil Unternehmen und Finanzinstitutionen immer mehr Macht bekamen. <\/p><p>Eine weitere Ursache f&uuml;r dieses existentielle Einsamkeitsgef&uuml;hl sieht Hertz in der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Dem kann ich nur zustimmen. Ein Beispiel: Ich erinnere mich an einen Restaurantbesuch vor der Coronakrise. Am Nebentisch sa&szlig; ein Elternpaar mit ihren zwei Kindern. Keiner der vier wechselte auch nur ein Wort mit den anderen am Tisch. Alle starrten nur stumm und wie weggetreten auf ihre Smartphones. <\/p><p><strong>Der L&ouml;sungsvorschlag von Noreena Hertz<\/strong><\/p><p>Noreena Hertz ist der Auffassung, dass der Kapitalismus nicht abgeschafft, sondern reformiert werden m&uuml;sse:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das politische Ziel, den B&uuml;rgern ein Gef&uuml;hl von F&uuml;rsorge zu vermitteln, ist nicht unvereinbar mit dem Kapitalismus. Tats&auml;chlich ist es ein grundlegendes Missverst&auml;ndnis anzunehmen, dass die neoliberale Variante des Kapitalismus mit der Einstellung &sbquo;Jeder gegen jeden&lsquo; und &sbquo;Jeder ist sich selbst der N&auml;chste&lsquo; dessen einzige Form w&auml;re. (&hellip;) Gemeinsam m&uuml;ssen wir eine kooperativere Form des Kapitalismus definieren und erschaffen, die nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Bedingungen erf&uuml;llt&ldquo; (S. 296-297).\n<\/p><\/blockquote><p>Hertz macht daf&uuml;r eine Vielzahl von Vorschl&auml;gen, was institutionell ver&auml;ndert werden m&uuml;sste und wie die Politik sich ver&auml;ndern muss. Dazu geh&ouml;ren zum Beispiel repr&auml;sentativ zusammengesetzte B&uuml;rgerbeir&auml;te, die gew&auml;hlte Gremien unterst&uuml;tzen, damit die B&uuml;rger mehr Einfluss bekommen. Aber auch eine Politik, die aktiv etwas daf&uuml;r tut, gemeinschaftsrelevante Strukturen wie belebte Innenst&auml;dte zu erhalten. Denn diese seien enorm wichtig f&uuml;r ein funktionierendes Gemeinschaftsleben. Und last but not least apelliert sie an uns alle, im Alltag unser Verhalten zu ver&auml;ndern und sich zum Beispiel mal f&uuml;r die Nachbarn zu interessieren oder einen Smalltalk mit der Bedienung in einem Cafe zu f&uuml;hren. Denn auch solche Mikroaktionen wirkten sich auf das gesellschaftliche Klima aus. <\/p><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Man kann aus dem Buch von Noreena Hertz lernen, dass Einsamkeit eine Folge des neoliberalen Kapitalismus ist und ein nicht zu untersch&auml;tzendes gesellschaftliches wie politisches Problem, das unsere Demokratie zerst&ouml;ren kann. Wir k&ouml;nnen aber auch daraus lernen, dass wir im Alltag als Individuum einen Beitrag zur Ver&auml;nderung des sozialen Klimas leisten k&ouml;nnen. Und dass es sich lohnt, im Alltag freundlich und h&ouml;flich aufeinander zuzugehen und auch mal einen Smalltalk mit der Verk&auml;uferin oder einem Sitznachbarn im Bus zu f&uuml;hren &ndash; anstatt auf das Smartphone zu starren und allein schon k&ouml;rpersprachlich auszudr&uuml;cken: Sprich mich nicht an. <\/p><p>Und dies sollte man nicht nur als &bdquo;Dienst an der Gemeinschaft&ldquo; verstehen, der das gesellschaftliche Klima verbessert. Sondern als ein Verhalten erkennen, das unserem eigenem Wohlbefinden dient, seelisch wie k&ouml;rperlich, und unsere Gesundheit nachweislich f&ouml;rdert. Daf&uuml;r bringt Noreena Hertz viele beeindruckende Beispiele und Belege. <\/p><p>Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, ganz bewusst im Alltag diese Strategie der freundlichen Zuwendung und des Smalltalks zu forcieren. Und nicht, wie ich es auch schon oft getan habe als freiberuflicher Homeoffice-Arbeiter, genervt zu st&ouml;hnen, wenn ich in die Stadt fahren muss, um z.B. ein bestelltes Buch abzuholen. Sondern darin eine Chance auf Kontakte zu anderen Menschen zu sehen. Auch wenn dieser Kontakt heute noch durch die Maskenpflicht in Innenr&auml;umen etwas schwieriger ist, weil man die Mimik des anderen nicht erkennen kann. <\/p><p>Deshalb m&ouml;chte ich das Buch von Noreena Hertz allen empfehlen und ans Herz legen. Die Lekt&uuml;re lohnt sich und macht was mit einem. <\/p><p><em>Noreena Hertz: Das Zeitalter der Einsamkeit, &Uuml;ber die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt, Hamburg 2. Aufl. 2021, HarperCollins Verlag, 431 Seiten, 22 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon bevor das Corona-Virus und die damit zusammenh&auml;ngenden Lockdowns viele Menschen unter Isolation und Einsamkeit leiden lie&szlig;en, f&uuml;hlten sich viele Menschen weltweit einsam und alleingelassen. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Wieso die Menschen so einsam geworden sind, welche Folgen dies individuell wie gesellschaftlich hat und was man tun kann, um diese Entwicklung zur&uuml;ckzudrehen &ndash; das ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73944\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":73945,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,165,205,208],"tags":[2094,2778,1183,441,866,929,1760,2855,633,2604],"class_list":["post-73944","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","tag-digitalisierung","tag-einsamkeit","tag-exklusion","tag-freiheit","tag-konkurrenzdenken","tag-krankheiten","tag-kriminalitaet","tag-morbiditaet","tag-politikerverdrossenheit","tag-stress"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210704_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=73944"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":73973,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/73944\/revisions\/73973"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=73944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=73944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=73944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}