{"id":74005,"date":"2021-07-06T10:00:53","date_gmt":"2021-07-06T08:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74005"},"modified":"2021-07-16T11:56:18","modified_gmt":"2021-07-16T09:56:18","slug":"verlorene-lebenszeit-durch-corona-eine-weitere-saeule-wankt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74005","title":{"rendered":"Verlorene Lebenszeit durch Corona \u2013 eine weitere S\u00e4ule wankt"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als 91.000 Menschen sind in Deutschland nach Angaben des RKI an oder mit Covid-19 verstorben. Das RKI hat &bdquo;errechnet&ldquo;, dass diese Menschen im Durchschnitt ohne Covid-19-Erkrankung noch 9,6 Jahre l&auml;nger gelebt h&auml;tten. Das ist kaum glaubhaft, lag das Durchschnittsalter der Verstorbenen doch bei 83 Jahren und waren doch fast alle Verstorbenen schwer vorerkrankt. Der promovierte Mathematiker <b>G&uuml;nter Eder<\/b> hat sich f&uuml;r die NachDenkSeiten die Zahlen genauer angeschaut und kommt bei seiner eher konservativen Berechnung zu ganz anderen Zahlen. Demnach h&auml;tten 85% der Verstorbenen ohne Corona nur noch eine Restlebenserwartung von zehn Wochen gehabt. Erg&auml;nzt mit den RKI-Sch&auml;tzungen kommt man damit zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass im letzten Jahr mehr Lebenszeit durch Verkehrsunf&auml;lle als durch Covid-19 ausgel&ouml;scht wurde.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2521\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74005-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74005-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210707_Verlorene_Lebenszeit_durch_Corona_eine_weitere_Saeule_wankt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Im M&auml;rz letzten Jahres traten in Deutschland die ersten Coronaf&auml;lle auf und etliche Infizierte verstarben. Die Ungewissheit, wie ansteckend und gef&auml;hrlich das neuartige Virus sei, war allgemein gro&szlig; und niemand wusste, was auf das Land zukam. In den Medien wurde viel &uuml;ber dramatische Ereignisse in anderen L&auml;ndern und auf den Intensivstationen der Krankenh&auml;user berichtet und Virologen hielten 280.000 Corona-Todesopfer f&uuml;r m&ouml;glich oder rechneten gar mit bis zu 500.000 Toten.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>][<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Vor dem Hintergrund, dass Grippewellen in den vorangegangenen Jahren &bdquo;nur&ldquo; zwanzig- bis f&uuml;nfundzwanzigtausend Tote zur Folge hatten, war das eine erschreckende Perspektive, die vielen Menschen Angst machte.<\/p><p>Mittlerweile hat man wichtige Erfahrungen mit den gesundheitlichen Folgen von Coronainfektionen sammeln k&ouml;nnen und wei&szlig; besser, wie sich das Virus unter den Menschen ausbreitet. Das Krankheitsgeschehen wird insgesamt besser verstanden und auch aus Behandlungsfehlern in der Anfangsphase hat man gelernt. Trotzdem sind viele Fragen, die f&uuml;r die Einsch&auml;tzung des Gefahrenpotentials wichtig sind, weiterhin offen. Das betrifft unter anderem das durch Corona ausgel&ouml;ste Sterbegeschehen.<\/p><p><b>Anmerkungen zur RKI-Studie &uuml;ber verlorene Lebensjahre<\/b><\/p><p>Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland 90.270 Menschen an oder mit Corona verstorben (RKI vom 18. Juni 2021). In einer wissenschaftlichen Studie hat das Robert Koch-Institut (RKI) das Sterbegeschehen genauer untersucht. Dabei ist man insbesondere der Frage nachgegangen, wie viele Lebensjahre Verstorbene aufgrund von Coronainfektionen verloren haben. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: Wie lange Verstorbene voraussichtlich noch gelebt h&auml;tten, wenn sie sich nicht mit dem Virus infiziert h&auml;tten. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Die Studie wurde im Februar 2021 im &Auml;rzteblatt ver&ouml;ffentlicht und kam zu dem Ergebnis, dass Covidverstorbene im Mittel 9,6 Jahre l&auml;nger gelebt h&auml;tten, wenn sie sich nicht infiziert h&auml;tten. Das Ergebnis &uuml;berrascht hinsichtlich der H&ouml;he der vermeintlich verlorenen Lebenszeit. Es &uuml;berrascht vor allem deshalb, weil die Verstorbenen im Durchschnitt bereits 83 Jahre alt waren und fast ausnahmslos unter einer oder mehreren Vorerkrankungen litten. Letzteres haben die am Hamburger Universit&auml;tsklinikum Eppendorf (UKE) durchgef&uuml;hrten Obduktionen von 735 Coronatoten ergeben. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Dass Coronatote wegen ihrer Vorerkrankungen deutlich k&uuml;rzer gelebt h&auml;tten als andere Personen gleichen Alters, glauben die Autoren der Studie nicht. &bdquo;Vorerkrankungen, welche die Lebenszeit verk&uuml;rzen, sind nichts Coronaspezifisches&ldquo;, rechtfertigt A. Rommel das Vorgehen und hat keine Zweifel, dass das Ergebnis, das auf der Annahme grunds&auml;tzlich gleicher Lebenserwartung beruht, richtig ist. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Nicht alle Leser teilen diese &Uuml;berzeugung. Es gibt zwei Leserkommentare zu der Studie und beide befassen sich mit dem Aspekt der Vorerkrankung. Der erste spricht die Autoren direkt an und weist sie darauf hin, dass wegen der Vernachl&auml;ssigung der Vorerkrankungen &bdquo;der Verlust an Lebensjahren grob, um ein Vielfaches, &uuml;bersch&auml;tzt (wird)&ldquo;. Und auch der zweite Leserbriefschreiber kommt zu dem Schluss, dass das gew&auml;hlte Vorgehen &bdquo;definitiv ungeeignet (ist), die Sterblichkeit\/Lebenszeitverlust einer neuen Krankheit zu bestimmen&ldquo;. Er h&auml;lt es f&uuml;r mathematisch unzul&auml;ssig, dass &bdquo;die zu beweisende Sterblichkeit als Voraussetzung verwendet (wird)&ldquo;. Seine Einlassung endet mit der Forderung: &bdquo;Diese Studie sollte so schnell wie m&ouml;glich zur&uuml;ckgezogen werden, bevor jemand diese Methode nutzt, um z.B. die verlorene Lebenszeit durch Impfungen zu beweisen.&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p><b>&Uuml;bersterblichkeit bei Grippewellen in der Vergangenheit<\/b><\/p><p>Es ist bedauerlich, dass in der RKI-Studie nicht der Versuch unternommen worden ist, die H&ouml;he der verlorenen Lebensjahre realit&auml;tsorientiert abzusch&auml;tzen; denn f&uuml;r die Beurteilung der Angemessenheit der Ma&szlig;nahmen, die zur Eind&auml;mmung des Coronageschehens von politischer Seite ergriffen wurden, ist der Aspekt von zentraler Bedeutung. Wegen der Wichtigkeit der Frage wird im Weiteren der Versuch unternommen, eine Antwort zu finden, die die reale Ausgangssituation st&auml;rker ber&uuml;cksichtigt. Zu diesem Zweck werden die vom Statistischen Bundesamt ver&ouml;ffentlichten allgemeinen Sterbedaten einer gr&uuml;ndlichen Analyse unterzogen und darauf untersucht, ob sie Hinweise auf die H&ouml;he verlorener Lebensjahre enthalten. Dabei muss man sich im Klaren dar&uuml;ber sein, dass es keinen streng kausalen Nachweis f&uuml;r deren H&ouml;he geben kann. Denn letztlich wei&szlig; niemand, wann jemand gestorben w&auml;re, wenn er sich nicht mit dem Coronavirus infiziert h&auml;tte. Man kann lediglich auf Basis wahrscheinlichkeitstheoretischer &Uuml;berlegungen mehr oder weniger fundierte Sch&auml;tzwerte f&uuml;r die Zeitspanne angeben. Hier macht sich das Fehlen aussagekr&auml;ftiger und belastbarer Daten zum Krankheitsgeschehen und zu den Krankheitsverl&auml;ufen schmerzhaft bemerkbar<\/p><p>Im Jahr 2020 verstarben insgesamt 985.996 Personen. Das sind 15.034 Verstorbene mehr, als nach den Sterbezahlen der vorangegangenen Jahre zu erwarten gewesen w&auml;ren. Die &Uuml;bersterblichkeit entspricht einer Quote von 1,55% (2020). Detaillierte Erl&auml;uterungen dazu, wie die Quote ermittelt worden ist, finden sich in dem im Februar 2021 auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichten Artikel &bdquo;Ein statistischer Blick auf die &Uuml;bersterblichkeit in Zeiten von Corona&ldquo;. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Die Abbildung 1 gibt Aufschluss &uuml;ber die H&ouml;he der &Uuml;bersterblichkeit in den letzten zehn Jahren.<\/p><p>Abbildung 1<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Aus der Abbildung ist zu ersehen, dass Jahre mit positiver &Uuml;bersterblichkeit relativ zuf&auml;llig verteilt &uuml;ber die Zeit auftreten, Jahre mit Untersterblichkeit dagegen stets auf ein Jahr mit relativ hoher &Uuml;bersterblichkeit (&uuml;ber 1%) folgen. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Geschehens, wie es nach Grippewellen h&auml;ufig zu beobachten ist. Und die Jahre 2013, 2015 und 2018 waren Grippejahre mit vielen Todesf&auml;llen.<\/p><p>Der Effekt r&uuml;hrt daher, dass bei einer Grippewelle vor allem das Leben von Menschen mit schwachem oder geschw&auml;chtem Immunsystem gef&auml;hrdet ist. An der Grippe sterben folglich &uuml;berproportional viele alte und vorerkrankte Menschen. Geht man &ndash; in Form eines Gedankenexperiments &ndash; davon aus, dass viele der verstorbenen Menschen im darauffolgenden Jahr verstorben w&auml;ren, wenn sie nicht erkrankt w&auml;ren, so hat die Grippewelle zur Folge, dass im n&auml;chsten Jahr weniger Menschen als &uuml;blich sterben. Das der Grippe nachfolgende Jahr w&uuml;rde folglich mit einer Untersterblichkeit einhergehen. Genau dieser Effekt ist in Abbildung 1 mehrmals zu beobachten.<\/p><p>Nun h&auml;lt sich die Realit&auml;t nat&uuml;rlich nicht immer streng an vorgegebene Schemata. Aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse oder Krankheiten weichen &Uuml;bersterblichkeitsverl&auml;ufe in der Regel mehr oder weniger stark vom erwarteten Verlauf ab. So kann es beispielsweise passieren, dass eine Untersterblichkeit, die nach einer vorangegangenen starken Grippewelle zu erwarten gewesen w&auml;re, nicht eintritt, weil sie von einer neuen Krankheitswelle mit vielen Todesf&auml;llen &uuml;berlagert wird.<\/p><p>Um den zwischen &Uuml;ber- und Untersterblichkeit bestehenden zeitlichen Zusammenhang besser zu verstehen, ist in Abbildung 2 beispielhaft der Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit in der Grippesaison 2013\/2014 dargestellt. Die &Uuml;bersterblichkeitskurve in dieser Periode zeichnet sich aus durch einen klaren, von wenigen St&ouml;reffekten &uuml;berlagerten Verlauf. Grunds&auml;tzlich ist die gleiche Struktur auch in den Grippeperioden 2015\/2016 und 2018\/2019 zu erkennen. Allerdings ist der Verlauf, insbesondere 2018\/2019, stark &uuml;berlagert durch anderweitige Einfl&uuml;sse. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Abbildung 2<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Aus der Abbildung ist zu ersehen, dass die &Uuml;bersterblichkeit im ersten Quartal des Jahres 2013 aufgrund der sich ausbreitenden Grippe stark ansteigt und im M&auml;rz ihren H&ouml;hepunkt erreicht. Danach gehen die Werte &uuml;ber einen Zeitraum von elf Monaten nahezu kontinuierlich zur&uuml;ck und erreichen im Februar 2014 ihr absolutes Minimum. Danach steigt die Kurve wieder an und pendelt sich im Sommer auf Werte um die Nullachse ein.<\/p><p>Die wichtigsten und markantesten Zeitpunkte des Grippegeschehens sind das Maximum der &Uuml;bersterblichkeit im M&auml;rz 2013 und das Maximum der Untersterblichkeit im Februar 2014. Die beiden weit auseinanderliegenden Zeitpunkte sind &uuml;ber die Lebenserwartung, die die Verstorbenen gehabt h&auml;tten, wenn sie sich nicht infiziert h&auml;tten, stochastisch miteinander verkn&uuml;pft. Der Kurvenverlauf l&auml;sst sich so interpretieren, dass die Verstorbenen im Mittel noch elf Monate gelebt h&auml;tten, wenn sie nicht an der Grippe erkrankt w&auml;ren. Es ist ihnen folglich eine Lebenszeit von elf Monaten verlorengegangen. Das gilt nat&uuml;rlich nicht f&uuml;r jeden Einzelnen, es ist ein mittlerer Wert f&uuml;r den Gro&szlig;teil der Verstorbenen.<\/p><p><b>&Uuml;bersterblichkeit aufgrund von Corona<\/b><\/p><p>Wie sieht es nun mit der &Uuml;bersterblichkeit w&auml;hrend der Coronapandemie aus? Abbildung 3 gibt Aufschluss &uuml;ber den zeitlichen Verlauf der &Uuml;bersterblichkeit in den Jahren 2020 und 2021. Aufgetragen ist jeweils die Zahl der Verstorbenen pro Woche (Stand: 15. Juni 2021). [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Die Kurve weist zwischen der 19. und 42. Kalenderwoche 2020 einen zickzackf&ouml;rmigen Verlauf um die Nulllinie herum auf, der im Wesentlichen auf Zufallseffekte zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein d&uuml;rfte. Nicht zufallsbedingt ist der starke Anstieg in der 33. Woche. In dieser Woche gab es einige extrem hei&szlig;e Sommertage.<\/p><p>Abbildung 3<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Im Fr&uuml;hjahr und Herbst\/Winter nimmt die Zahl der Sterbef&auml;lle systematisch zu. Die Zunahme f&auml;llt (mit einer zeitlichen Verz&ouml;gerung von zwei bis drei Wochen) mit der Ausbreitung des Coronavirus zusammen. Im April 2020 steigt die &Uuml;bersterblichkeit auf bis zu 2.000 Personen pro Woche an (15. KW) und im Dezember, auf dem H&ouml;hepunkt der zweiten Welle, sogar auf &uuml;ber 6.000 Personen pro Woche (52.\/53. Woche). Danach gehen die Werte stark zur&uuml;ck und erreichen in der neunten Kalenderwoche 2021 mit einer Untersterblichkeit von etwa 4.000 Personen pro Woche ihr absolutes Minimum. In den Folgewochen steigt die Kurve wieder an und befindet sich seit der 15. Woche auf einem Niveau etwas oberhalb der Nulllinie. Eine bedrohliche dritte Welle, wie sie vielfach vorausgesagt wurde, ist in den Sterbezahlen nicht zu erkennen.<\/p><p>Der Vollst&auml;ndigkeit halber muss erw&auml;hnt werden, dass es im Jahr 2020 nicht nur Phasen der &Uuml;bersterblichkeit gab, sondern auch eine lange Phase der Untersterblichkeit zu Jahresbeginn. Die Untersterblichkeit in den ersten drei Monaten des Jahres hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Gesamt&uuml;bersterblichkeit im Jahr 2020 nicht deutlich h&ouml;her ausgefallen ist, sondern bei &bdquo;lediglich&ldquo; 1,55% liegt (vgl. Abb. 1).<\/p><p>&Auml;hnlich wie bei Grippeepidemien ist der Kurvenverlauf gekennzeichnet durch ein ausgepr&auml;gtes &Uuml;bersterblichkeitsmaximum und ein (darauffolgendes) ausgepr&auml;gtes Minimum. &Uuml;berraschend ist, wie nah die beiden Ereignisse zeitlich beieinander liegen. W&auml;hrend bei der Grippe 2013\/2014 etwa 11 Monate zwischen dem Maximum und dem Minimum liegen, sind es bei Corona lediglich 10 Wochen. Wenn man nun, was nahe liegt, den Sachverhalt bei Corona genauso interpretiert wie beim Grippegeschehen, bedeutet dies, dass der Gro&szlig;teil der Verstorbenen im Mittel noch 10 Wochen gelebt h&auml;tte, wenn er sich nicht mit dem Virus infiziert h&auml;tte.<\/p><p>Wegen der extrem kurzen Zeitspanne scheint das Ergebnis im ersten Augenblick kaum glaubhaft zu sein. Doch wenn man bedenkt, dass die Verstorbenen im Mittel bereits 83 Jahre alt waren und dass fast alle Betroffenen mit relevanten Vorerkrankungen belastet waren, muss man ein solches Resultat durchaus f&uuml;r m&ouml;glich halten. Es kommt hinzu, dass es sich bei Sars-CoV-2 um eine neuartige Coronavariante handelt, auf die das Immunsystem alter Menschen m&ouml;glicherweise, wenn sie gravierend vorerkrankt sind, nicht mehr angemessen zu reagieren vermag.<\/p><p>Hinsichtlich der Interpretation der Ergebnisse stellt sich die Frage, ob und wie die ermittelten &Uuml;bersterblichkeitswerte mit den vom Robert Koch-Institut ver&ouml;ffentlichten Angaben zur Zahl der Coronatoten zusammenpassen. Um hier&uuml;ber Aufschluss zu erhalten, ist in Abbildung 4 die &Uuml;bersterblichkeitskurve zusammen mit den RKI-Angaben zur Zahl der Covidtoten aufgetragen (RKI-Daten vom 18. Juni 2021). [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Die &Uuml;bersterblichkeitskurve ist f&uuml;r die vergleichende Darstellung dahingehend abgewandelt worden, dass zum einen die Hitzeperiode als Einflussgr&ouml;&szlig;e rausgenommen wurde und dass zum anderen alle im Jahr 2020 auftretenden negativen &Uuml;bersterblichkeitswerte gleich Null gesetzt wurden, da negative Werte f&uuml;r die Anzahl Coronatoter wenig Sinn ergeben. Die &Uuml;bersterblichkeitswerte f&uuml;r 2021 sind zun&auml;chst unver&auml;ndert &uuml;bernommen worden.<\/p><p>Abbildung 4<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Die Kurvenverl&auml;ufe stimmen im Jahr 2020 sehr gut &uuml;berein. Sie best&auml;tigen die grunds&auml;tzliche Richtigkeit der vom RKI ver&ouml;ffentlichten Corona-Sterbezahlen. F&uuml;r die Zeit danach trifft das pl&ouml;tzlich nicht mehr zu. Was ist geschehen? Woran liegt es, dass die Kurven nach dem Jahreswechsel pl&ouml;tzlich nicht mehr zusammenpassen?<\/p><p>Die Erkl&auml;rung hierf&uuml;r k&ouml;nnte sein, dass sich ab 2021 ein Effekt in der &Uuml;bersterblichkeitskurve bemerkbar macht, der auch 2020 bereits vorhanden war, aber nicht ausgepr&auml;gt genug war, um deutlich sichtbar zu werden. Gemeint ist der auf die &Uuml;bersterblichkeit folgende Effekt der Untersterblichkeit. In 2021 ist der Effekt so ausgepr&auml;gt, dass er nicht mehr, wie noch 2020, vernachl&auml;ssigt werden kann. Der Effekt macht sich mit einer zeitlichen Verz&ouml;gerung von etwa zehn Kalenderwochen bemerkbar und hat seine st&auml;rkste Auspr&auml;gung in der neunten Kalenderwoche 2021. Er &uuml;berlagert die Entwicklung der Corona-Sterbezahlen und f&uuml;hrt so zu der &Uuml;bersterblichkeitskurve, die in Abbildung 4 sehen ist.<\/p><p>Falls die &Uuml;berlegung zutrifft und sie das Geschehen richtig beschreibt, ist es auch f&uuml;r 2021 m&ouml;glich, aus den Sterbedaten des Statistischen Bundesamtes Sch&auml;tzwerte f&uuml;r die Zahl der Coronatoten abzuleiten. Hierf&uuml;r muss lediglich die zu erwartende Untersterblichkeit angemessen ber&uuml;cksichtigt werden. Das Ergebnis des Rechenprozesses ist in Abbildung 5 dargestellt.<\/p><p>Abbildung 5<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/210706-Lebensjahre-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Abgesehen von zuf&auml;lligen Schwankungen stimmen die Kurvenverl&auml;ufe jetzt &uuml;ber den gesamten Zeitraum hinweg gut &uuml;berein. Die gute &Uuml;bereinstimmung in 2021 ist ein Indiz f&uuml;r die Richtigkeit der Annahme, dass der Gro&szlig;teil der Covidtoten, wenn er sich nicht infiziert h&auml;tte, tats&auml;chlich nur noch kurze Zeit gelebt h&auml;tte.<\/p><p>Dem Algorithmus zur Absch&auml;tzung der Zahl der Covidtoten liegt die Annahme zugrunde, dass der Gro&szlig;teil der Verstorbenen eine Lebensperspektive von zehn Wochen gehabt hat. Konkret wird davon ausgegangen, dass dies f&uuml;r 85% der Verstorbenen gilt. F&uuml;r die verbleibenden 15% ist eine l&auml;ngere &Uuml;berlebenszeit unterstellt worden. Die gew&auml;hlte Aufteilung von 85% (kurze Lebensperspektive) zu 15% (l&auml;ngere Perspektive) kann verst&auml;ndlicherweise nur eine erste grobe N&auml;herung f&uuml;r die tats&auml;chlichen &Uuml;berlebenschancen sein. M&ouml;glicherweise wird man die prozentuale Aufteilung sp&auml;ter einmal genauer angeben k&ouml;nnen, wenn man umfassendere und differenziertere Daten zum Sterbegeschehen zur Verf&uuml;gung hat.<\/p><p>Mit der angenommenen Aufteilung von 85% zu 15% ist es m&ouml;glich, die kurzfristige Entwicklung der Zahl der Covidtoten recht verl&auml;sslich abzusch&auml;tzen. F&uuml;r dar&uuml;ber hinausgehende Absch&auml;tzungen, wie beispielsweise die der H&ouml;he der durchschnittlich verlorenen Lebensjahre aller Verstorbenen, reichen die Annahmen nicht aus. Hierf&uuml;r ben&ouml;tigt man zus&auml;tzliche Informationen &uuml;ber mittel- und langfristige Coronaeffekte, die es in Form, Inhalt und Umfang zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt nicht gibt und nicht geben kann.<\/p><p>Aus diesem Grund wird darauf verzichtet, einen belastbaren Durchschnittswert f&uuml;r die Zahl verlorener Lebensjahre berechnen zu wollen. Stattdessen wird die Ermittlung eines Schwellenwertes angestrebt, bei dem man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass er eine theoretische Obergrenze f&uuml;r die tats&auml;chliche Zahl verlorener Lebensjahre darstellt. Um eine solche Obergrenze zu ermitteln, wird auf die Ergebnisse der RKI-Studie zur&uuml;ckgegriffen. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Es wird unterstellt, dass die Verstorbenen mit l&auml;ngerer Lebensperspektive, also 15% der Betroffenen, im Mittel noch 9,6 Jahre gelebt h&auml;tten. Diese Annahme stellt mit ziemlicher Sicherheit eine obere Grenze f&uuml;r die Lebensperspektive dar, da sie auf der Annahme beruht, dass Coronaverstorbene im Mittel nicht st&auml;rker vorbelastet sind als andere Menschen gleichen Alters. Wenn dem so w&auml;re, w&uuml;rde das bedeuten, dass 99% aller Gleichaltrigen auch mit einer oder mehreren Vorerkrankungen belastet sein m&uuml;ssten. Das ist, selbst wenn man bedenkt, dass Vorerkrankungen allgemein verbreitet sind, extrem unwahrscheinlich.<\/p><p>Die Berechnung der Obergrenze der durchschnittlich verlorenen Lebensjahre beruht damit auf der Annahme, dass<\/p><ul>\n<li>85% der Verstorbenen eine Lebensperspektive von zehn Wochen gehabt h&auml;tten und<\/li>\n<li>15% der Coronaverstorbenen im Mittel noch 9,6 Jahre gelebt h&auml;tten.<\/li>\n<\/ul><p>Damit erh&auml;lt man als Sch&auml;tzwert einen mittleren Wert von 1,6 verlorenen Lebensjahren.<\/p><p><b>Years of life lost<\/b><\/p><p>Eine zentrale Aufgabe der Weltgesundheitsorganisation ist es, dazu beizutragen, dass die Gesundheitssysteme der L&auml;nder dieser Welt insgesamt besser werden. Zu diesem Zweck hat sie in den 1990er Jahren ein Konzept entwickelt, das das Krankheits- und Sterbegeschehen in unterschiedlichen L&auml;ndern vergleichbar machen soll. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Zentraler Baustein des Konzepts sind die durch vorzeitiges Versterben verlorenen Lebensjahre, abgek&uuml;rzt YLL (years of life lost). Den YLL-Wert eines Landes erh&auml;lt man durch Multiplikation der j&auml;hrlichen Zahl der Verstorbenen mit den durchschnittlich verlorenen Lebensjahren. Der Wert gibt Aufschluss &uuml;ber die durch Krankheiten oder Unf&auml;lle insgesamt verlorene Lebenszeit, die durch geeignete Ma&szlig;nahmen oder Therapien unter Umst&auml;nden h&auml;tte verhindert oder zumindest verringert werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Das Robert Koch-Institut hat auf das Konzept zur&uuml;ckgegriffen, um die Dimension des coronabedingten Sterbegeschehens zu quantifizieren. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Ausgehend von durchschnittlich 9,6 verlorenen Lebensjahren wird der YLL-Wert durch Multiplikation mit der Zahl der Coronatoten gewonnen. &bdquo;Um eine &Uuml;bersch&auml;tzung zu vermeiden, werden nur Sterbef&auml;lle einbezogen, bei denen Covid-19 als Ursache &uuml;bermittelt wurde&ldquo;, hei&szlig;t es hierzu in der Studie. Das Vorgehen ist nachvollziehbar und verst&auml;ndlich, wirft allerdings die Frage auf, warum der Aspekt nicht bereits bei der Ermittlung der durchschnittlich verlorenen Lebensjahre ber&uuml;cksichtigt worden ist.<\/p><p>Die verwendeten Meldedaten wiesen f&uuml;r 2020 insgesamt 38.641 Todesf&auml;lle aus (Stand: 18. Januar 2021). In 31.638 F&auml;llen ist Covid-19 als Todesursache &uuml;bermittelt worden. Auf Basis dieser Angabe kommt die RKI-Studie zu dem Schluss, dass im Jahr 2020 insgesamt 303.608 Lebensjahre durch Covid-19 verlorengegangen sind.<\/p><p>Die Situation stellt sich weit weniger dramatisch dar, wenn man davon ausgeht, dass die Verstorbenen nur noch durchschnittlich 1,6 Jahre zu leben gehabt h&auml;tten. Nach gegenw&auml;rtigem Datenstand (18. Juni 2021) sind 2020 insgesamt 41.449 Personen an oder mit Covid verstorben. Diese Zahl wird f&uuml;r die Berechnung der Obergrenze der insgesamt verlorenen Lebensjahre verwendet, da der Wert von 1,6 verlorenen Lebensjahren f&uuml;r alle coronabedingt Verstorbenen gilt und nicht nur f&uuml;r die, die AN Corona gestorben sind. Die individuell verlorenen Lebenszeiten summieren sich so zu einem YLL-Wert von 66.318 Lebensjahren. Unter den oben skizzierten Annahmen stellt der Wert eine obere Grenze f&uuml;r die insgesamt verlorenen Lebensjahre dar.<\/p><p>Doch unabh&auml;ngig davon, ob die insgesamt verlorene Lebenszeit bei maximal 66.318 oder bei 303.608 Lebensjahren liegt, letztlich sagt der absolute Wert als solcher wenig aus &uuml;ber die gesellschaftliche Dimension bzw. Relevanz des Sterbegeschehens. Die nimmt erst Gestalt an, wenn man den Wert in Relation zu Sterbedaten betrachtet, die auf andere Sterbeursachen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind. Hier bietet sich der Verkehrssektor zum Vergleich an. Dieser ist nicht nur datenm&auml;&szlig;ig gut dokumentiert, sondern hier l&auml;sst sich auch der YLL-Wert einfach und verl&auml;sslich ermitteln.<\/p><p>Nat&uuml;rlich sind derartige Vergleiche immer problematisch, da man Vorg&auml;nge miteinander in Beziehung setzt, die sich in ihren Abl&auml;ufen und Konsequenzen stark bis sehr stark voneinander unterscheiden. In gewisser Weise ist es, als w&uuml;rden &Auml;pfel und Birnen miteinander verglichen. Trotzdem kann und sollte man auf solche Betrachtungen nicht grunds&auml;tzlich verzichten, da sie vielfach interessante und wertvolle Erkenntnisse liefern.<\/p><p>Im Jahr 2020 starben, dem Statistischen Bundesamt zufolge, auf Deutschlands Stra&szlig;en 2.724 Menschen. Das Durchschnittsalter der Verkehrstoten betrug 51 Jahre. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] F&uuml;r die Absch&auml;tzung der insgesamt durch Verkehrsunf&auml;lle verlorenen gegangenen Lebensjahre ist ein konservatives Vorgehen gew&auml;hlt worden, das den tats&auml;chlichen YLL-Wert tendenziell eher unter- als &uuml;bersch&auml;tzt. Es wird davon ausgegangen, dass die Lebenserwartung der t&ouml;dlich Verungl&uuml;ckten der allgemeinen Lebenserwartung der Menschen in Deutschland entspricht. Diese liegt bei 81 Jahren. Die Verstorbenen h&auml;tten danach, wenn sie nicht verungl&uuml;ckt w&auml;ren, im Mittel noch 30 Jahre gelebt. Multipliziert man den Wert mit der Zahl der Verkehrstoten, erh&auml;lt man einen YLL-Wert von 81.720 Lebensjahren.<\/p><p>Maximal 66.000 verlorene Lebensjahre durch Corona und mindestens 80.000 verlorene Lebensjahre durch Verkehrsunf&auml;lle: Die Relation &uuml;berrascht und macht sprachlos. Nat&uuml;rlich muss man ber&uuml;cksichtigen, dass hier Sch&auml;tzwerte miteinander verglichen werden, die mit Unsicherheiten behaftet sind, und zudem wird nur ein ausgew&auml;hlter Aspekt des Gesamtgeschehens betrachtet, n&auml;mlich die verlorenen Lebensjahre der Verstorbenen. Aber gerade dieser Aspekt ist angesichts des Leids, das damit einhergeht, von herausragender Bedeutung. Man kann ihn nicht allein deshalb f&uuml;r irrelevant erkl&auml;ren, weil er das Resultat vollkommen unterschiedlicher Ursachen ist.<\/p><p>Vor dem Hintergrund, dass auf jedes verlorene Lebensjahr aufgrund von Coronainfektionen mindestens 1,2  verlorene Lebensjahre durch Verkehrsunf&auml;lle kommen, muss die Frage nach dem Sinn und der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der Ma&szlig;nahmen, die zur Eind&auml;mmung des Coronageschehens ergriffen wurden, neu gestellt werden. Nat&uuml;rlich muss dabei ber&uuml;cksichtigt werden, dass zum Zeitpunkt der Entscheidungen vieles nicht bekannt war. Um aber auf &auml;hnliche Krisen in Zukunft besser reagieren zu k&ouml;nnen (und auch die Coronakrise ist ja noch nicht beendet), ist es wichtig, die St&auml;rken und Schw&auml;chen einzelner Ma&szlig;nahmen zu kennen. Nur so ist es m&ouml;glich, die Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit von Ma&szlig;nahmen angemessen zu beurteilen.<\/p><p><b>Fazit<\/b><\/p><p>Die gesch&auml;tzten 1,6 verlorenen Lebensjahre sind ein oberer Grenzwert f&uuml;r die Lebenszeit, die den Verstorbenen aufgrund ihrer Coronaerkrankung genommen worden ist. Dem Wert liegt die Annahme zugrunde, dass 85% der Verstorbenen nur eine kurze Lebensperspektive hatten und 15% im Mittel noch fast zehn Jahre gelebt h&auml;tten. &Uuml;ber die mittlere Lebenszeit, die die Menschen tats&auml;chlich verloren haben, macht der Wert keine Aussage. Es mag sein, dass die Zahl verlorener Lebensjahre nur geringf&uuml;gig unter der Obergrenze von 1,6 Jahren liegt. Genauso gut kann sich allerdings herausstellen, dass die Verstorbenen eine Perspektive von lediglich einem Jahr oder noch weniger gehabt h&auml;tten.<\/p><p>Jedes Leben z&auml;hlt, hie&szlig; es zu Beginn der Coronakrise. Die Aussage ist richtig und nicht zu beanstanden, aber sie rechtfertigt nicht automatisch jede Ma&szlig;nahme gegen die Ausbreitung des Virus. Insbesondere dann nicht, wenn man bereits viel &uuml;ber das Coronageschehen wei&szlig; oder wissen k&ouml;nnte. Denn Leid kann nicht nur durch Corona verursacht werden, sondern auch durch Ma&szlig;nahmen, die seiner Bek&auml;mpfung dienen. Beide Aspekte m&uuml;ssen ber&uuml;cksichtigt und gegeneinander abgewogen werden. Und hier dr&auml;ngt sich der Verdacht auf, dass die Folgen des Infektionsgeschehens vielfach einseitig und dramatisierend dargestellt wurden, um f&uuml;r geplante Gegenma&szlig;nahmen die n&ouml;tige Akzeptanz in der Bev&ouml;lkerung zu finden. [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<\/p><p>Neue Erkenntnisse sollten grunds&auml;tzlich zum Anlass genommen werden, bisheriges Handeln kritisch zu hinterfragen. Und vielleicht kann man hier von Schweden lernen. Gemessen an der Zahl der Verstorbenen ist man dort, auch ohne harte Lockdown-Ma&szlig;nahmen und ohne jeglichen Maskenzwang, genauso gut (oder schlecht) durch die zweite Coronawelle gekommen wie in Deutschland. Aber dadurch, dass man st&auml;rker auf Eigenverantwortung statt Reglementierung gesetzt hat, ist das Land heute nicht so tief in zwei, sich unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;berstehende Lager gespalten. Diese Coronawunde wird in Deutschland erst noch heilen m&uuml;ssen.<\/p><p>Titelbild: whiteMocca\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Tobias Schmidt &ndash; <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/politik\/artikel\/2009910\/virologe-drosten-es-waere-mit-278-000-corona-todesopfern-zu-rechnen\">Charite-Virologe Drosten &uuml;ber das Coronavirus: &bdquo;Wir stehen erst am Anfang&ldquo;<\/a> In: Neue Osnabr&uuml;cker Zeitung vom 6.3.2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Coronavirus in Deutschland &ndash; Virologe St&uuml;rmer: <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/coronavirus-in-deutschland-virologe-stuermer-im-schlimmsten.694.de.html?dram:article_id=472686\">Im schlimmsten Fall &bdquo;knapp 500.000 zus&auml;tzliche Tote&ldquo;<\/a>, Interview im Deutschlandfunk vom 17.3.2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Alexander Rommel et al.: <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/217880\/COVID-19-Krankheitslast-in-Deutschland-im-Jahr-2020\">Covid-19-Krankheitslast in Deutschland im Jahr 2020<\/a>. In: Deutsches &Auml;rzteblatt, Jg 118, S. 145-51, Heft 9 vom 5. M&auml;rz 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Obduktionen in Hamburg: <a href=\"https:\/\/www.riffreporter.de\/de\/wissen\/verlorene-lebenszeit-durch-corona\">Fast alle Toten waren vorerkrankt<\/a>. NTV vom 18. Februar 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Christian J. Meier: <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wissen\/Fast-alle-Corona-Toten-waren-vorerkrankt-article22371530.html\">Ein Jahrzehnt verlieren<\/a>. In: RiffRepoerter vom 10. M&auml;rz 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] G&uuml;nter Eder: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69639\">Ein statistischer Blick auf die &Uuml;bersterblichkeit in Zeiten von Corona<\/a>. NachDenkSeiten vom 9. Februar 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Statistisches Bundesamt: <a href=\"https:\/\/www-genesis.destatis.de\/genesis\/online?sequenz=statistikTabellen&amp;selectionname=12613#abreadcrumb\">Statistik der Sterbef&auml;lle, Code 12013-0006, Gestorbene: Deutschland, Monate, Geschlecht.<\/a> Fallzahlen f&uuml;r Deutschland 2011 &ndash; 2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Bevoelkerung\/Sterbefaelle-Lebenserwartung\/Tabellen\/sonderauswertung-sterbefaelle.html\">Sterbef&auml;lle &ndash; Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesl&auml;ndern f&uuml;r Deutschland 2016 &ndash; 2021<\/a>. Publikation vom 15. Juni 2021<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Robert Koch-Institut: <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Projekte_RKI\/COVID-19_Todesfaelle.html\">COVID-19_Todesf&auml;lle nach Sterbedatum<\/a> (Stand: 18. Juni 2021)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Dietrich Plass et al.: <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/pdf.asp?id=161704\">Entwicklung der Krankheitslast in Deutschland 2020<\/a>. In: Deutsches &Auml;rzteblatt, Jg 111, S. 629-638, Heft 38 vom 19. September 2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Statistisches Bundesamt: <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Gesellschaft-Umwelt\/Verkehrsunfaelle\/Tabellen\/getoetete-alter.html\">Verkehrsunf&auml;lle &ndash; Get&ouml;tete nach Alter und je 1 Millionen Einwohner.<\/a> (Stand: 8. April 2021)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Florian Reiter: <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/aus-dem-innenministerium-wie-sag-ichs-den-leuten-internes-papier-empfiehlt-den-deutschen-angst-zu-machen_id_11851227.html\">Internes Papier aus Innenministerium empfahl, den Deutschen Corona-Angst zu machen.<\/a> Focus online vom 11.4.2020<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als 91.000 Menschen sind in Deutschland nach Angaben des RKI an oder mit Covid-19 verstorben. Das RKI hat &bdquo;errechnet&ldquo;, dass diese Menschen im Durchschnitt ohne Covid-19-Erkrankung noch 9,6 Jahre l&auml;nger gelebt h&auml;tten. Das ist kaum glaubhaft, lag das Durchschnittsalter der Verstorbenen doch bei 83 Jahren und waren doch fast alle Verstorbenen schwer vorerkrankt. Der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74005\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":74006,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,149,123,129],"tags":[343,2217,2453,2856,405,2834],"class_list":["post-74005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","tag-luegen-mit-zahlen","tag-lebenserwartung","tag-mortalitaet","tag-robert-koch-institut","tag-statistisches-bundesamt","tag-virenerkrankung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/shutterstock_717730411.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74005"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74226,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74005\/revisions\/74226"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}