{"id":74046,"date":"2021-07-07T10:00:34","date_gmt":"2021-07-07T08:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74046"},"modified":"2021-07-07T11:25:50","modified_gmt":"2021-07-07T09:25:50","slug":"stoerfeuer-des-deutschen-aussenministeriums-gegen-gespraechsplattform-zwischen-deutschland-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74046","title":{"rendered":"St\u00f6rfeuer des deutschen Au\u00dfenministeriums gegen Gespr\u00e4chsplattform zwischen Deutschland und Russland"},"content":{"rendered":"<p>Hat das deutsche Au&szlig;enministerium die 16. Deutsch-Russische St&auml;dtepartnerschaftskonferenz in der russischen Stadt Kaluga &ndash; trotz Gru&szlig;wort von Heiko Maas &ndash; hintertrieben? In Moskau hat <strong>Ulrich Heyden<\/strong> mit <strong>Reiner Braun<\/strong> vom Friedensb&uuml;ro Berlin &uuml;ber die Konferenz und mutma&szlig;liches St&ouml;rfeuer gegen das wichtige Treffen gesprochen.<br>\n<!--more--><br>\nVom 28. bis 30. Juni fand in der s&uuml;dwestlich von Moskau gelegenen Stadt Kaluga die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eBJmZittDlM\">Deutsch-Russische St&auml;dtepartnerschaftskonferenz<\/a> statt. Ziel der Konferenz war es, den Austausch zwischen den Zivilgesellschaften von Russland und Deutschland zu unterst&uuml;tzen. Die St&auml;dtepartnerschaftskonferenz ist das einzige verbliebene zivilgesellschaftliche Forum, welches es zwischen Deutschland und Russland noch gibt: Die regelm&auml;&szlig;igen deutsch-russischen Regierungskonsultationen gibt es seit 2014 nicht mehr. Der Vorstand des Petersburger Dialogs hat eine f&uuml;r 8. und 9. Juli 2021 in Moskau geplante gemeinsame Vorstandssitzung mit der russischen Seite <a href=\"https:\/\/petersburger-dialog.de\/vorstand-des-petersburger-dialogs-repressiver-umgang-mit-ngo-ist-voellig-inakzeptabel-und-heizt-spannungen-weiter-an\/\">abgesagt<\/a>, weil Russland drei deutsche NGOs &ndash; darunter die &bdquo;Liberale Moderne&ldquo; von Ralf F&uuml;cks und Marieluise Beck &ndash; zu &bdquo;unerw&uuml;nschten&ldquo; Organisationen erkl&auml;rt hatte.<\/p><p><strong>Russland als &bdquo;Virusvariantengebiet&ldquo;? Konferenz fast geplatzt<\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.deutsch-russisches-forum.de\/portal\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/SPK-2021-Programm-END-deu.pdf\">Die Konferenz<\/a> in Kaluga w&auml;re fast geplatzt. Denn die Bundesregierung hatte Russland am 29. Juni als &bdquo;Virusvariantengebiet&ldquo; bezeichnet und damit in die h&ouml;chste Corona-Risikokategorie eingestuft, was bedeutete, dass man nach der R&uuml;ckreise aus Russland in eine 14-t&auml;gige Quarant&auml;ne in Deutschland musste. Am 5. Juli wurde Russland dann v&ouml;llig &uuml;berraschend vom &bdquo;Virusvariantengebiet&ldquo; zum &bdquo;Hochinzidenzgebiet&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/regierung-virusvariantengebiete-101.html\">zur&uuml;ckgestuft<\/a>. <\/p><p>Das Deutsch-Russische Forum (DRF), eine der Organisatoren der Konferenz, hatte schon im Vorfeld erfahren, dass Berlin Russland zum &bdquo;Virusvariantengebiet&ldquo; deklarieren wollte, weshalb das DRF drei Tage vor der Konferenz eine Pressemitteilung verschickte, in der vor einer Einreise in die Russische F&ouml;deration gewarnt wurde. <\/p><p>Diese Warnung war f&uuml;r viele Personen, die sich f&uuml;r die Konferenz angemeldet hatten, Anlass, nicht nach Russland zu fahren. Gegen eine Reise nach Kaluga entschied sich auch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und die ehemalige Vizepr&auml;sidentin des Bundestages Antje Vollmer. Von den 150 angemeldeten Teilnehmern aus Deutschland reisten am 28. Juni nur noch 50 Personen nach Kaluga. <\/p><p><strong>Hier folgt ein Interview mit Reiner Braun vom Friedensb&uuml;ro Berlin, der an der St&auml;dtepartnerschaftskonferenz teilgenommen hat:<\/strong><\/p><p>Ulrich Heyden sprach in Moskau mit Reiner Braun vom Berliner Friedensb&uuml;ro. Braun, der seit Anfang der 1980er Jahre in der deutschen Friedensbewegung aktiv ist, hat an der St&auml;dtepartnerschaftskonferenz in Kaluga teilgenommen. Er h&auml;lt die Konferenz, trotz geringerer Teilnehmerzahl, f&uuml;r gelungen. <\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/Reiner-Braun-im-Gespraech-mit-Ulrich-Heyden-M-oskau-2021.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><br>\n<small>Reiner Braun im Gespra&#776;ch mit Ulrich Heyden, Moskau 2021 \/ Foto: Ulrich Heyden<\/small><\/div><p><strong>Was haben Sie auf der Konferenz in Kaluga erlebt?<\/strong><\/p><p><strong>Reiner Braun:<\/strong> Ich muss erstmal sagen, was die Konferenz in Kaluga eigentlich war. Das war das alle zwei Jahre stattfindende deutsch-russische St&auml;dtepartnerschaftstreffen. Wir haben 102 St&auml;dtepartnerschaften zwischen Deutschland und Russland. Diese Partnerschaften sind so ein bisschen das Unterpfand f&uuml;r Gemeinsames zwischen Deutschland und Russland, nachdem in der offiziellen Politik zurzeit &uuml;berhaupt nichts l&auml;uft. <\/p><p>Das 16. Partnerschaftstreffen in Kaluga wurde von der russischen und der deutschen Seite intensiv vorbereitet. Es bekam dann den ersten Genickschlag durch die Verordnung des Ausw&auml;rtigen Amtes, Russland zum Hochrisikogebiet zu erkl&auml;ren, was dazu f&uuml;hrte, dass sich die deutsche Teilnehmerzahl von 150 auf etwa 50 Menschen reduzierte. <\/p><p>Trotzdem war es ein hochinteressantes Treffen, das versucht hat, Elemente von partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland auf allen Ebenen zu entwickeln: St&auml;dtepartnerschaft, Kultur, Sport, Musik, Zusammenleben und Vereine. Das Gemeinsame wurde &uuml;ber das Trennende gestellt. Das war die Atmosph&auml;re und die Philosophie dieses Treffens. Und ich glaube, dieses Treffen hat seinen Anspruch von den faktischen Ergebnissen her zu mehr als hundert Prozent erf&uuml;llt. <\/p><p>Neue Partnerschaften wurden vereinbart. Und was besonders wichtig ist, es wurde auch eine Kontinuit&auml;t vereinbart. Das n&auml;chste Treffen der deutsch-russischen St&auml;dtepartnerschaft findet 2023 in Deutschland statt, genauer gesagt in Essen. 2025 soll dann das n&auml;chste Treffen in der russischen Stadt Jaroslawl stattfinden.  <\/p><p>Ob diese Treffen, so wie das Treffen in Kaluga, unterst&uuml;tzt vom Ausw&auml;rtigen Amt stattfinden kann, h&auml;ngt nat&uuml;rlich ganz entscheidend von den politischen Rahmenbedingungen ab. Daf&uuml;r werden aber alle die, die dort waren, und die vielen, die nicht dort waren, aber hinter diesem Gedanken stehen, eintreten. <\/p><p>Es gab noch etwas Besonderes bei diesem Treffen. Und das war die Verbindung zu dem 80. Jahrestag des &Uuml;berfalls des deutschen Faschismus auf die Sowjetunion. Dieser Gedanke des &bdquo;Niemals wieder&ldquo; und alles zu tun, damit es niemals wieder Krieg zwischen unseren L&auml;ndern gibt, durchzog wie ein roter geistiger, moralisch-ethischer Faden <a href=\"https:\/\/www.deutsch-russisches-forum.de\/portal\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Programm-AG-4-Kaluga-Stand-18.-Juni-2021-deu.pdf\">das ganze Treffen<\/a>. <\/p><p>Wir hatten eine total positive und sehr kreative Atmosph&auml;re, die eigentlich zu Optimismus Anlass gibt. Der Botschafter Deutschlands in Russland <a href=\"https:\/\/germania.diplo.de\/ru-de\/aktuelles\/-\/2468718\">nahm teil<\/a>. Der deutsche Au&szlig;enminister schickte <a href=\"https:\/\/germania.diplo.de\/ru-de\/aktuelles\/maas-kaluga\/2468716\">ein Gru&szlig;wort<\/a>. Das zeigt doch, dass die Gemeinsamkeiten und das Ringen um den Dialog hoffentlich am Ende st&auml;rker sein werden als alle konfrontativen Tendenzen, die wir zur Zeit erleben. <\/p><p><strong>Mich w&uuml;rde interessieren, welche bekannten Personen, B&uuml;rgermeister und Minister aus Deutschland und welche bekannten Vertreter deutscher Parteien und Organisationen in Kaluga teilnahmen?<\/strong><\/p><p>Die deutsche Beteiligung hat, gerade was die Prominenz betrifft,  unter der Entscheidung des Ausw&auml;rtigen Amtes gelitten. Antje Vollmer, die ehemalige Vizepr&auml;sidentin des Bundestages, konnte es einfach nicht machen. Gerhard Schr&ouml;der konnte es nicht machen. Von daher handelte es sich bei den deutschen Teilnehmern im Wesentlichen um Vertreter der Zivilgesellschaft aus den verschiedensten Gruppierungen. Es waren Menschen da, die entweder in der deutschen Friedensbewegung oder in deutsch-russischen Freundschaftsaktivit&auml;ten engagiert sind. Das ist ein vielf&auml;ltiges Netzwerk von Menschen, die sich entweder im Deutsch-Russischen Forum und oder im Bundesverband der Ost-West-Gesellschaften zusammengeschlossen haben. <\/p><p>Prominenz fehlte auf diesem Treffen, aber vielleicht war das sogar eine St&auml;rke dieses Treffens, weil es jetzt untermauert ist durch die, auf die es jetzt ankommt, wenn wir die Konfrontation &uuml;berwinden wollen. Die Konfrontation wird &uuml;berwunden durch die sogenannte Volksdiplomatie oder Diplomatie von unten, wie man es auch immer nennt. Denn man muss feststellen, dass die deutsche Politik in der Weiterentwicklung des Dialoges mit Russland v&ouml;llig versagt hat und sich mit abenteuerlichen Konstruktionen auf den Weg einer Destruktions- und Konfrontationspolitik begeben hat, die wirklich allem, was einmal vereinbart worden ist, vom deutsch-russischen Vertrag von 1970 &uuml;ber die Charta von Paris, Hohn spricht. <\/p><p>Bei diesen Vereinbarungen wurde ja gerade festgelegt, dass man, wenn es schwierig ist, miteinander reden und aufeinander zugehen muss. Genau das passiert zurzeit nicht. Und von daher war dieses Treffen eigentlich genau die Opposition zu dem, was wir in der offiziellen Politik zurzeit erleben. <\/p><p><strong>Gab es die M&ouml;glichkeit, dass die Konferenz wie geplant stattfindet? Haben die Organisatoren versucht, mit dem zust&auml;ndigen Bundesinnenministerium zu sprechen und darauf zu dringen, die versch&auml;rften Einreisebedingungen aus Russland um zwei Tage zu verschieben, damit die Konferenz, die ja einen gro&szlig;en Wert hat, wie geplant stattfinden kann?<\/strong><\/p><p>Mein Eindruck ist, dass das Deutsch-Russische Forum und vor allem der Vorstand und die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung wirklich alles versucht haben, das Beste aus dieser Konferenz zu machen. Sie versuchten bis zur letzten Sekunde zu retten, was zu retten ist und dar&uuml;ber hinaus. Also wer den Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer nach dieser Konferenz in Kaluga gesehen hat, der wusste schon, wie ihn das alles mitgenommen hat. Das Gesicht sah etwas angestrengt aus, um es mal vorsichtig zu formulieren. <\/p><p>Ob das jetzt auch eine bewusste Teilprovokation zur weiteren Versch&auml;rfung war, da muss sich jeder seine pers&ouml;nliche Meinung bilden. Ich kann nur sagen, mich hat das zutiefst schockiert und &uuml;berrascht, dass so kurz vor der Konferenz bei der Unklarheit der Corona-Zahlen in Russland und angesichts der Zahlen von Kaluga, die deutlich unter den Zahlen von Moskau liegen, gleich das gesamte riesige Russland zu einer Zone mit h&ouml;chstem Risiko deklariert wurde. <\/p><p>Ich pers&ouml;nlich m&ouml;chte eigentlich sehr vorsichtig sein. F&uuml;r mich steht wirklich im Mittelpunkt: Es gab soviel Positives auf dieser Konferenz, das man st&auml;rker in den Mittelpunkt r&uuml;cken muss. <\/p><p>Und es ist ja wieder erstaunlich, dass diese Konferenz in den deutschen Medien so gut wie keine Rolle spielt. Aber die kleinste Versch&auml;rfung und die kleinste Konfrontationsm&ouml;glichkeit wird hochgespielt, wird dramatisiert, wird als Versch&auml;rfung benutzt.<\/p><p>Das passt ein bisschen zu der &Auml;u&szlig;erung von Antje Vollmer, die letzte Woche auf unserer Pressekonferenz in Berlin, wo wir unseren Aufruf <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2021\/06\/das-glueck-des-friedens-neu-begreifen\/\">&bdquo;Lasst uns Frieden stiften&ldquo;<\/a> vorgestellt haben, sagte, die deutschen Medien spielen sogar gegen&uuml;ber der Politik noch eine Vorreiterrolle in der Konfrontation. Ich glaube, das ist durch die Konferenz in Kaluga nochmal unterstrichen worden. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie bitte ausf&uuml;hren, was es mit dem Aufruf &bdquo;Lasst uns Frieden stiften&ldquo; auf sich hat?<\/strong><\/p><p>Der Aufruf wurde in der russischen Zeitung &bdquo;Kommersant&ldquo; und in der &bdquo;Berliner Zeitung&ldquo; ganzseitig abgedruckt. Er hatte 1.300 Unterzeichner. Die Botschaft war, dass wir 80 Jahre nach dem &Uuml;berfall mit Russland Frieden, Kooperation, Dialog und Abr&uuml;stung wollen. Das war der Kerngedanke dieses Aufrufes, der vom Deutsch-Russischen Forum und dem Berlin Peace Bureau in drei Wochen aus dem Boden gestampft wurde. Wir wollten zeigen, es gibt auch ein anderes Deutschland, das Deutschland des Dialogs, das friedliche Deutschland. Und wir waren &uuml;berrascht &uuml;ber die vielf&auml;ltigen Reaktionen.<\/p><p><strong>Welche Reaktionen?<\/strong><\/p><p>Auf der Pressekonferenz in Berlin waren immerhin die S&uuml;ddeutsche Zeitung, die Berliner Zeitung und andere. Gerhard Schr&ouml;der und Horst Teltschik haben den Aufruf unterschrieben. Das sind ja durchaus Konservative. Also Menschen unterschiedlicher Gesinnungen und &Uuml;berzeugungen, von konservativ bis links, vereint in dem Gedanken, dass wir kooperative Beziehungen zu Russland brauchen. <\/p><p>Und wir werden weiter daran arbeiten, den Gedanken der Kooperation in den Mittelpunkt zu r&uuml;cken. Das wird eine ganz gro&szlig;e Aufgabe. Und ich muss ehrlich sagen: besonders nach der Bundestagswahl. Die Regierungskonstellationen, die man sich nach der Wahl vorstellen kann, stimmen, was das Verh&auml;ltnis zu Russland angeht, nicht besonders optimistisch. Von daher ist das Engagement der Zivilgesellschaft und sind die Aktionen der Friedensbewegung erst recht erforderlich. <\/p><p><strong>Was wurde in Kaluga an ganz konkreten, greifbaren Schritten beschlossen?<\/strong><\/p><p>Also, Bremen will eine St&auml;dtepartnerschaft mit einer russischen Stadt. Das ist in Kaluga einget&uuml;tet worden. Eine weitere St&auml;dtepartnerschaft eines kleineren Ortes ist unterschrieben worden. Einget&uuml;tet wurde, dass wir die deutsch-russische Geschichtskommission und die Erinnerungskultur basierend auf dem dreib&auml;ndigen gemeinsamen Werk[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] der Geschichtsaufarbeitung direkt in die Schulen und Hochschulen bringen wollen. Und wir wollen helfen, dass das wirklich ein Bestandteil der Lehrpl&auml;ne an den Schulen und der Ausbildungsinhalte in der Lehrerfortbildung an den Universit&auml;ten wird, in Deutschland und in Russland. Auch im Bereich Medizin und Corona sind in Kaluga Vereinbarungen zwischen den Fachleuten getroffen worden. Es geht unter anderem um die Frage: Was lehrt uns Corona f&uuml;r die Zukunft?<\/p><p><strong>Welche politischen Parteien aus Deutschland waren in Kaluga vertreten?<\/strong><\/p><p>Die Konferenz wurde unterst&uuml;tzt von zwei Stiftungen, von denen man es auf den ersten Blick nicht erwartet, von der Konrad-Adenauer- und der Hanns-Seidel-Stiftung. Die waren auch beide mit ihren Moskauer Repr&auml;sentanten vertreten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung als aktiver politischer Unterst&uuml;tzer des Forums war mit ihrer Moskauer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin vertreten und ein aktiver Bestandteil der Diskussion. <\/p><p>Indem ich das aufz&auml;hle, wird auch deutlich, wer fehlte. Das passt ein bisschen in das Bild der Konfrontation. Mehr braucht man dazu nicht sagen. <\/p><p>Auf der Konferenz entstand die Idee, ob wir nicht am 8.\/9. Mai 2022 einen Friedenszug Berlin-Moskau mit 500 Teilnehmern machen sollten, wo die Friedensbotschaft in Opposition zu den Panzern von damals nach Moskau kommt. Geplant sind auf dem Weg in die russische Hauptstadt vielf&auml;ltige Veranstaltungen. F&uuml;r diese Idee gab es spontanen Applaus. <\/p><p><strong>Waren die deutschen Oppositionsparteien &bdquo;Die LINKE&ldquo; und die &bdquo;Alternative f&uuml;r Deutschland&ldquo; auf der Konferenz in Kaluga vertreten?<\/strong><\/p><p>Die Partei &bdquo;Die LINKE&ldquo; war vertreten durch einen Mitarbeiter der Bundestagsfraktion, der zust&auml;ndig ist f&uuml;r diesen Bereich. Die AfD war vertreten durch den Vorsitzenden der Deutsch-Russischen Parlamentarier-Gruppe, der, und das will ich ausdr&uuml;cklich sagen, in Kaluga eine ausgesprochen positive, friedensf&ouml;rdernde und konstruktive Rolle gespielt hat. <\/p><p>Ich habe selber zum Thema AfD als Kriegspartei publiziert. Aber ich muss sagen, der Auftritt dort war emotional und politisch friedensf&ouml;rdernd. <\/p><p><strong>Sie sind eine Woche in Russland. Wie erleben Sie Russland, die Menschen und vor allem die Corona-Krise? Russland steckt gerade in der dritten Corona-Welle und die Regierung hat sehr strenge Hygiene-Ma&szlig;nahmen beschlossen. Wie erleben Sie das, wenn Sie Russland und Deutschland vergleichen?<\/strong><\/p><p>Ungezwungener, offener. Eigentlich auch liberaler. Und damit auch sehr sympathisch. Ich habe so ein bisschen das Gef&uuml;hl, dass sich die Menschen in diesem Land an Corona gew&ouml;hnt haben und irgendwie auch versuchen, mit Corona zu leben, ohne dass sie ihren Lebensinhalt und die Freude und Gestaltung gerade jetzt im Sommer aufgeben. <\/p><p>Ich bin am Wochenende auf einer bewegenden russischen Hochzeit gewesen. Ich habe da keinen gro&szlig;en Unterschied zu einer Hochzeit vor oder nach der Corona-Zeit bemerkt. Das war sehr, sehr angenehm. Wir waren eine Stunde vor Moskau in einem gro&szlig;en Parkgel&auml;nde. <\/p><p>Der erste Blick von Moskau ist t&auml;uschend. Die &ouml;konomische Krise sieht man kaum. Aber ich bemerke diese Krise, wenn ich einkaufen gehe und auf die Preise gucke, und ich merke es, wenn ich Geld tausche und sehe, dass der Euro in Russland wesentlich mehr wert ist als vor zwei Jahren. <\/p><p>Aber die &ouml;konomische Krise ist unter der Oberfl&auml;che, au&szlig;er wenn man hier in den Park geht und dort ein paar mehr Obdachlose sieht als fr&uuml;her. Aber diese Krise wird &uuml;berw&ouml;lbt von der gigantischen Entwicklung dieser Stadt. Ich habe eine Kollegin, die ist anl&auml;sslich der Konferenz in Kaluga das erste Mal seit 35 Jahren wieder in Moskau gewesen, die sagte, &bdquo;ich habe nichts wiedererkannt&ldquo;.<\/p><p><strong>In diesen Tagen gibt es ein internationales Ereignis, welches froh stimmt, welches aber auch gro&szlig;e Fragen aufwirft: der Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan, lange von der Friedensbewegung gefordert, jetzt &uuml;berst&uuml;rzt durchgef&uuml;hrt.  Der russische Au&szlig;enminister Sergej Lawrow hat am 2. Juli erkl&auml;rt, dass ihm dieser &uuml;berst&uuml;rzte Abzug gar nicht passt, weil er das Gef&uuml;hl hat, dass die Terroristen vom IS in Afghanistan st&auml;rker werden und nach Norden vordringen und die Republiken Usbekistan und Tadschikistan, die im Norden an Afghanistan grenzen, destabilisiert werden k&ouml;nnen, wenn dort der islamistische Untergrund Kraft sch&ouml;pft aus dem Aufschwung des IS in Afghanistan. <\/strong><\/p><p>Pers&ouml;nlich freue ich mich dar&uuml;ber, dass die westlichen Interventionstruppen abziehen. Das ist eine alte Forderung von uns gewesen, dass diese Truppen in Afghanistan nichts zu suchen haben. Ich kann den russischen Au&szlig;enminister verstehen, aber ich muss nicht in allen Fragen, wo ich einen anderen strategischen Blickwinkel drauf habe, mit ihm &uuml;bereinstimmen. F&uuml;r uns ist der Kernpunkt: Ausl&auml;ndische Truppen haben in Afghanistan nichts zu suchen. Wir haben genug Schande und genug Zerst&ouml;rung dort angerichtet. Und ich bin froh, dass die Truppen dort abziehen. Wie &uuml;berst&uuml;rzt oder weniger &uuml;berst&uuml;rzt, ist mir relativ egal. <\/p><p>Die Frage ist ja, was kommt jetzt? Kommen wir jetzt zu einem Dialog &uuml;ber die Zukunft der gesamten Region? Es muss immer darum gehen, wie ist das Verh&auml;ltnis zwischen Afghanistan, Pakistan und Indien. Heute muss man ja auch China mit einbeziehen. Gibt es da jetzt dialogische Strukturen, die sich durchsetzen oder nicht?<\/p><p>Und f&uuml;r Afghanistan selbst, da muss ich sagen, wenn das Kind so tief in den Brunnen gefallen ist, gibt es kurzfristig keine gute L&ouml;sung f&uuml;r Afghanistan. Was immer geschieht, ist schlecht. Dieses Schlechte hat sich in &uuml;ber zwanzig Jahren entwickelt. Das kann man nicht einfach wegdr&uuml;cken. Wir k&ouml;nnen meiner Ansicht nach nur versuchen, einen ganz langfristigen Weg zu finden, der weniger von Afghanistan selbst als von dialogischen Strukturen der umliegenden L&auml;nder ausgeht. <\/p><p>Titelbild: danielo\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Verlag: degruyter.com. <\/p>\n<p>Band 1 Deutschland &ndash; Russland<br>\nBand 1. Das 18. Jahrhundert<br>\nHorst M&ouml;ller, Claus Scharf, Wassili Dudarew, Maja Lawrinowitsch 2018<\/p>\n<p>Band 2 Deutschland &ndash; Russland<br>\nBand 2. Das 19. Jahrhundert<br>\nHelmut Altrichter, Nikolaus Katzer, Wassili Dudarew, Anna Matwejewa 2020<\/p>\n<p>Band 3 Deutschland &ndash; Russland<br>\nBand 3. Das 20. Jahrhundert<br>\nHelmut Altrichter, Viktor Ischtschenko 2014<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f5ec5a82ab3a46acb62eec49b07c94e2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat das deutsche Au&szlig;enministerium die 16. Deutsch-Russische St&auml;dtepartnerschaftskonferenz in der russischen Stadt Kaluga &ndash; trotz Gru&szlig;wort von Heiko Maas &ndash; hintertrieben? 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