{"id":74186,"date":"2021-07-13T09:10:18","date_gmt":"2021-07-13T07:10:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74186"},"modified":"2021-07-14T07:25:54","modified_gmt":"2021-07-14T05:25:54","slug":"diktatursozialisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74186","title":{"rendered":"\u201eDiktatursozialisiert\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Diffamierung als Auszeichnung: Die ostdeutsche &bdquo;durchg&auml;ngig skeptischere, distanziertere und auch kritischer ausgepr&auml;gte Grundeinstellung gegen&uuml;ber Politik und Demokratie&ldquo;, wie im Einheitsbericht der Bundesregierung negativ vermerkt, hat eine positive Seite: Jene, die erfahren mussten, durch mediale Trugbilder get&auml;uscht worden zu sein, haben jede Leichtgl&auml;ubigkeit verloren. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2862\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74186-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74186-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210713_Diktatursozialisiert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer ist Marco Wanderwitz, dass er unsereins mit dem Wort &bdquo;diktatursozialisiert&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/kritik-wanderwitz-ostdeutschland-101.html\">beschimpfen kann<\/a>? 1975 in Karl-Marx-Stadt geboren (wie auch ich Jahre fr&uuml;her), trat er 1990 der Jungen Union und 1998 der CDU bei. Laut Wikipedia war er von 1999 bis 2012 stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Chemnitzer Land (ab 2009 Zwickau) und ist seit 2012 Kreisvorsitzender in Zwickau. Seit 2002 ist er Mitglied des deutschen Bundestages. Politisch umtriebig, zielstrebig, hat er es in kurzer Zeit in die Regierung geschafft. Seit Februar 2020 ist er Parlamentarischer Staatssekret&auml;r beim Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Energie und Beauftragter der Bundesregierung f&uuml;r die neuen Bundesl&auml;nder. Als ob diese beiden Funktionen nicht genug seien, ist er au&szlig;erdem als Rechtsanwalt in Leipzig t&auml;tig. Pikanterweise  geh&ouml;rte er zu den neun Bundestagsabgeordneten, die gegen die zwangsweise Ver&ouml;ffentlichung ihrer Nebeneink&uuml;nfte durch das 2005 verabschiedete Transparenzgesetz vor dem Bundesverfassungsgericht klagten und dort scheiterten. Wer sich &uuml;ber seine sonstigen politischen Ansichten informieren will, zum Beispiel was den Mindestlohn und die Finanzierung der Krankenkassen betrifft, wird im Internet leicht f&uuml;ndig.  <\/p><p>&bdquo;Himmelsrichtungen spielen keine Rolle mehr&ldquo;, sagte Marco Wanderwitz, als er am 7. Juli im Haus der Bundespressekonferenz  den aktuellen &bdquo;Einheitsbericht&ldquo; der Bundesregierung vorstellte. Das entsprach wohl eigener Erfahrung und Vorgehensweise. Kaum jemand wird einen DDR-Hintergrund besonders betonen, wenn er oder sie in der BRD Karriere machen will. Nur 4,2 Prozent der &bdquo;Elitepositionen&ldquo; sind laut Handelsblatt von Ostdeutschen besetzt. M&ouml;gen die Zahlen je nach Studien unterschiedlich ausfallen, weil &bdquo;Elite&ldquo; ein schwammiger Begriff ist, es dorthin zu schaffen, verlangt  Durchsetzungswillen &ndash; und Anpassungsleistung. Mehr ostdeutsche F&uuml;hrungskr&auml;fte &ndash; diese Forderung kommt pers&ouml;nlichem Aufstiegswillen entgegen, aber nicht automatisch einer besseren Vertretung ostdeutscher Interessen. Die Neuank&ouml;mmlinge auf den Etagen der Macht m&uuml;ssen sich wom&ouml;glich als besonders systemkonform erweisen nach dem radikalen Elitewechsel, der in Folge des Beitritts der DDR zur BRD stattgefunden hat.<\/p><p><strong>Ein Diktat aus Desinformationen, Zerm&uuml;rbung und Erpressung<\/strong><\/p><p>Gleichsam mit eisernen Besen wurde damals weggekehrt, was noch irgendwie mit der DDR verbunden war. Was allein an ostdeutschen Hochschulen geschah, spottet jeder Beschreibung. Gestandene Wissenschaftler &ndash; nicht etwa nur auf gesellschaftswissenschaftlichem Gebiet &ndash; hatten sich einer entw&uuml;rdigenden Evaluierung zu unterziehen, als ob nun besonders rigoros nachzuholen w&auml;re, was bei der Entnazifizierung 1945 im Westen vers&auml;umt wurde. Allein an der Universit&auml;t Leipzig, die 1991 auch den Namen Karl Marx absch&uuml;ttelte, wurden 7.000 von 12.000 Mitarbeitern entlassen. Welches Potenzial an Kreativit&auml;t da vergeudet wurde, um kritischem Einspruch von vornherein die Luft abzudr&uuml;cken! Eine &bdquo;Vereinigungsmaschinerie, die nur einen kleinen Teil der Ostdeutschen brauchte, um genauso weitermachen zu k&ouml;nnen wie bisher&ldquo;, nennt es Michael Meyen, der damals an der Sektion Journalistik in Leipzig studierte, die bald geschlossen wurde, doch jung genug war, um es an die Ludwig-Maximilians-Universit&auml;t M&uuml;nchen zu schaffen. Inzwischen Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaft im Beamtenstatus, zitiert er in seinem Buch &bdquo;Das Erbe sind wir. Warum die DDR-Journalistik zu fr&uuml;h beerdigt wurde&ldquo; (Herbert von Halem Verlag, 2020) die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, &bdquo;dass Gesellschaften stets gespalten sind&ldquo; und &bdquo;durch hegemoniale Praktiken konstruiert werden&ldquo;. Die Geschichtspolitik, &bdquo;die ein bestimmtes Bild der DDR durchgesetzt hat&ldquo;, geh&ouml;rt f&uuml;r ihn zu einer solchen hegemonialen Praxis. &bdquo;Sie hilft, eine Ordnung zu st&uuml;tzen, die das Privateigentum verg&ouml;ttert und einen Kult um das Individuum entfacht, obwohl weite Teile der Bev&ouml;lkerung gar nicht die M&ouml;glichkeit haben, das auszuleben, was in ihnen steckt.&ldquo;<\/p><p>Was der Beitritt der DDR zum politischen System der BRD nach Artikel 23 f&uuml;r sie bedeutete, haben viele DDR-B&uuml;rger am 18. M&auml;rz 1990 nicht vorausgesehen, als sie der erst am 6. Februar in Westberlin gegr&uuml;ndeten &bdquo;Allianz f&uuml;r Deutschland&ldquo; (gebildet aus der Ost-CDU und den neugegr&uuml;ndeten Parteien Deutsche Soziale Union und Demokratischer Aufbruch) ihre Stimme gaben. Noch im November 1989 hatten sich 86 Prozent f&uuml;r den &bdquo;Weg eines besseren, reformierten Sozialismus&ldquo; ausgesprochen und nur f&uuml;nf Prozent f&uuml;r einen &bdquo;kapitalistischen Weg&ldquo;, so zitiert die renommierte Essayistin Daniela Dahn, Mitbegr&uuml;nderin des &bdquo;Demokratischen Aufbruchs&ldquo; in der DDR, eine Erhebung der Leipziger Institute f&uuml;r Jugend- und Marktforschung. Im Buch &bdquo;Tamtam und Tabu&ldquo;, das sie zusammen mit dem Psychologieprofessor Rainer Mausfeld ver&ouml;ffentlichte, wird analysiert, durch welche Einfl&uuml;sse von au&szlig;en es zu dieser Wahl gekommen ist. &bdquo;Der eigentliche Wunsch bestand bis zuletzt darin, Eigenes in die Einheit einzubringen&ldquo;, meint Daniela Dahn:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Meinungsumschwung war einem Diktat aus Desinformationen, Zerm&uuml;rbung und Erpressung geschuldet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;H&ouml;henflug der Ungleichheit&ldquo;<\/strong><\/p><p>In seinem Buch &bdquo;Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst&ldquo; (Westend, 2019) spricht Albrecht M&uuml;ller in diesem Zusammenhang von einem &bdquo;Tummelfeld f&uuml;r nicht endende Versuche der Meinungsmache, politisch sehr erfolgreich und sachlich h&ouml;chst problematisch&ldquo;, und erkl&auml;rt detailliert, wie &bdquo;Wir sind <strong>das<\/strong> Volk&ldquo; als in der DDR mehrheitlich verinnerlichte Parole zu &bdquo;Wir sind <strong>ein<\/strong> Volk&ldquo; mutieren konnte. Was als spontane &Auml;u&szlig;erung erscheinen konnte, war in Wirklichkeit Ergebnis einer Kampagne, &bdquo;geplant und umgesetzt jedenfalls von der Bild-Zeitung und der CDU-Gesch&auml;ftsstelle unmittelbar nach dem Mauerfall im November 1989&ldquo;.<\/p><p>Hinzu kam: DDR-B&uuml;rger hatten schlichtweg eine andere BRD vor Augen, als sie sie dann bekamen. Dass der &bdquo;H&ouml;henflug der Ungleichheit&ldquo; (Albrecht M&uuml;ller, &bdquo;Die Revolution ist f&auml;llig. Aber sie ist verboten&ldquo;, Westend 2020) dort bereits in den 1970er und 80er Jahren begonnen hatte, war vielen so nicht bewusst. Immer noch hatten sie den &bdquo;Goldenen Westen&ldquo; im Sinn, der mit Hilfe des Marshallplans als Gegengewicht zum sowjetischen System aufgebaut wurde. Zudem schwebte &uuml;ber ihnen die L&uuml;ge, dass die DDR vor der Pleite stand. Das Versprechen auf Konsum- und Bewegungsm&ouml;glichkeiten sollte bereits mit der W&auml;hrungsunion eingel&ouml;st werden, die unter Umgehung des Parlaments, sogar &uuml;ber den Kopf von Bundesbankpr&auml;sident Karl Otto P&ouml;hl hinweg, beschlossen wurde. DDR-B&uuml;rger, die sich &uuml;ber das Westgeld freuten, ahnten nicht, dass bald 95 Prozent des volkseigenen Wirtschaftsverm&ouml;gens in westliche H&auml;nde &uuml;bergehen w&uuml;rden. Die Zahl der bundesdeutschen Million&auml;re habe sich auf &uuml;ber eine Million verdoppelt, schreibt Daniela Dahn in ihrem Buch &bdquo;Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute&ldquo; (Rowohlt, 2019), &bdquo;w&auml;hrend im Osten mit der ersehnten D-Mark die Zahl der Arbeitslosen von null auf vier Millionen stieg&ldquo;.  <\/p><p><strong>Feindliche &Uuml;bernahme auf Wunsch der &Uuml;bernommenen<\/strong><\/p><p>&bdquo;Feindliche &Uuml;bernahme auf Wunsch der &Uuml;bernommenen&ldquo; nennt sie den Umsturz von 1989\/90, dem zur Beruhigung der B&uuml;rgerrechtler immer noch gern das Etikett &bdquo;friedliche Revolution&ldquo; aufgeklebt wird. Massenhafte Entt&auml;uschung war die Folge. Denn der Wahlslogan der CDU von 1957 &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; galt schon l&auml;ngst nicht mehr. In einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft waren die Ostdeutschen die &bdquo;armen Verwandten&ldquo;. Dass sie nach 1945 &bdquo;auch klein anfangen mussten&ldquo;, meinte die Westberliner Tante meines Mannes. Wie h&auml;tte sie, umgeben von &bdquo;<em>Bild<\/em>&ldquo; &amp; Co., einen gerechten Blick auf Anspr&uuml;che aus 40 Jahren DDR haben k&ouml;nnen? Solches von &bdquo;Oben-Herab&ldquo; war Massenerfahrung. Eigentlich begann es schon mit den 100 Westmark Begr&uuml;&szlig;ungsgeld und den langen Schlangen vor den Bankschaltern. Freilich, die wei&szlig;e Robbe hat meine Tochter immer noch, die eine Verk&auml;uferin in Westberlin uns nach R&uuml;cksprache mit ihrem Chef f&uuml;r unsere restlichen 10 DM &uuml;berlie&szlig;, obgleich sie teurer war. <\/p><p>Aber das sind Almosen. Laut &bdquo;Einheitsbericht&ldquo; empfinden sich 33 Prozent der Ostdeutschen als &bdquo;Mensch zweiter Klasse&ldquo;, aber auch 25 Prozent der Westdeutschen. Dort ist es Armut, hier kommt eine vorher nicht gekannte Entw&uuml;rdigung hinzu. Die Dem&uuml;tigung, den Arbeitsplatz zu verlieren, vom Arbeitsamt durch diverse Umschulungskurse gejagt zu werden, gar in Hartz IV nebst Sanktionen abzust&uuml;rzen, die Enteignungen nach dem Prinzip R&uuml;ckgabe vor Entsch&auml;digung, die Missachtung von Lebensleistung, ja die Entwertung ganzer Biographien, wie h&auml;tte das keine Spuren hinterlassen sollen. Da geht die Soziologin Yana Milev sogar so weit, in ihrem Buch &bdquo;Entkoppelte Gesellschaft&ldquo; (Peter Lang Verlag, 2018) von Ostdeutschen als ins Exil gezwungenen Menschen zu sprechen, &uuml;ber deren K&ouml;pfe hinweg und ohne deren Befragung oder Beteiligung entschieden wird. Die massive Deindustrialisierung des Ostens und der Zwang zu einer neuen Wanderarbeiterschaft von hoch qualifizierten Facharbeitern, die Vereinigungskriminalit&auml;t im Umfeld der Treuhandanstalt, die zielgerichtete Aneignung ostdeutschen Produktiv- und Immobilienverm&ouml;gens und nicht zuletzt die stetige Rede vom &bdquo;Unrechtsstaat&ldquo; konnten nicht ohne Folgen bleiben und wirken bis in nachfolgende Generationen hinein.<\/p><p><strong>&bdquo;Diktatursozialisiert&ldquo;<\/strong><\/p><p>Und nun auch noch &bdquo;diktatursozialisiert&ldquo;. Was Marco Wanderwitz in einem <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/podcasts\/f-a-z-podcast-fuer-deutschland\/ostbeauftragter-ueber-afd-waehler-nach-30-jahren-nicht-in-der-demokratie-angekommen-17363632.html\">FAZ-Interview<\/a> sagte, nahm er <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/diktatursozialisierung-mir-ist-immer-noch-kein-besserer-begriff-eingefallen-li.169654\">auf der Pressekonferenz<\/a> nicht zur&uuml;ck. Wer AfD w&auml;hle, w&auml;hle rechtsradikal. Als ob es die AfD nur im Osten g&auml;be und man die DDR auch f&uuml;r sie verantwortlich machen k&ouml;nne. Dass die verf&uuml;gbaren Einkommen im Osten laut &bdquo;Einheitsbericht&ldquo; im Jahre 2020 bei 86 Prozent des Westens lagen, dass es dort ein durchschnittliches Immobilien- und Geldverm&ouml;gen von rund 182.000 Euro, hier aber nur von 88.000 Euro gibt (mit wie wenig die Masse der Ostdeutschen auskommen muss, ist nicht erw&auml;hnt), regt einen weniger auf als die Tatsache, dass die Armutsquote in Ost und West nach oben geht. Dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer tiefer wird, empfinden Ostdeutsche wohl noch viel st&auml;rker als Skandal, weil sie die Erinnerung an eine weitgehend egalit&auml;re, solidarische Gesellschaft noch in sich tragen. <\/p><p>Wenn es im Bericht hei&szlig;t, Deutschland sei auf dem Weg zu gleichwertigen Lebensverh&auml;ltnissen weit vorangekommen, wird damit der Abschied von einer &bdquo;Regionalpolitik mit spezifischer Ausrichtung f&uuml;r die neuen L&auml;nder&ldquo; umh&uuml;llt. &bdquo;Ma&szlig;stab k&ouml;nne nicht mehr der Zustand der ehemaligen DDR 1989 sein, sondern der Zustand aller Regionen in Deutschland&ldquo;, wird Wanderwitz von der Berliner Zeitung zitiert. Bedeutet das, im Osten m&uuml;sse man sich damit abfinden, dass es in l&auml;ndlichen Gebieten nach Beitritt zur BRD bergab ging, was Verkehrsanbindung und &uuml;berhaupt die &ouml;ffentliche Infrastruktur betrifft,  weil es auch mancherorts  im Westen nicht gut aussieht? Sch&ouml;n restaurierte Marktpl&auml;tze und Verwahrlosung nur wenige Kilometer weiter? Aber wussten wir nicht schon l&auml;ngst, dass es im Kapitalismus vor allem auf die Fassade ankommt?<\/p><p>Ich sage &bdquo;Wir&ldquo;, weil es dieses Gef&uuml;hl im Osten noch gibt. Die Leute sind (noch?) nicht so voneinander abgeschottet, auch wenn ihnen eingetrichtert wird, dass sie ganz allein verantwortlich daf&uuml;r sind, wie gut oder schlecht sie leben. Dass damit auch eine Freiheit verbunden ist, die fr&uuml;her gedeckelt war, wissen sie zu sch&auml;tzen. Deren Kehrseite, die soziale K&auml;lte, lehnen sie ab. Kaum jemand wird die DDR zur&uuml;ckhaben wollen, aber die BRD ist eben nicht das, was sie versprach. Die &bdquo;bl&uuml;henden Landschaften&ldquo; sind Helmut Kohls leere Beschw&ouml;rung geblieben. Ob es sein Wunschbild oder von vornherein eine L&uuml;ge war, egal. Wir sind in einer Realit&auml;t angekommen, die wir vorher nur aus Lehrb&uuml;chern kannten. Indoktrination stie&szlig; auf Widerwillen und f&uuml;hrte nicht selten zum gegenteiligen Ergebnis. H&ouml;rte ich schon die Eingangsmusik zu Karl-Eduard von Schnitzlers &bdquo;Schwarzem Kanal&ldquo;, in dem er polemisch Ausschnitte aus dem Westfernsehen kommentierte, schaltete ich um. Gerhard L&ouml;wenthals &bdquo;ZDF-Magazin&ldquo; habe ich mir &ouml;fter angetan, neugierig auf die fremde Sicht &hellip;<\/p><p>Obwohl sie noch nie den Namen Karl Popper geh&ouml;rt hatten, dessen Vorstellung einer &bdquo;offenen Gesellschaft&ldquo; war bet&ouml;rend gerade f&uuml;r Intellektuelle, die von geistiger Freiheit leben. Das trennte sie von der Masse derer, die &ndash; auch in der DDR &ndash; mehr ihre materiellen Interessen im Auge hatten. Von Parteitag zu Parteitag wurden konkrete Verbesserungen der Lebensverh&auml;ltnisse beschlossen, in kleinen Schritten, an die man sich gew&ouml;hnt hatte ebenso wie an die &bdquo;zweite Lohnt&uuml;te&ldquo; aus vielerlei Subventionen von Grundnahrungsmitteln, Mieten bis hin zu Theaterkarten. Dass die Konsumtion immer mehr zu Lasten der Investitionen ging und dennoch mit den M&ouml;glichkeiten des Westens nicht mithalten konnte, war wohl auch eine Ursache f&uuml;r das &ouml;konomische Scheitern, das von verschiedenen Seiten politisch bef&ouml;rdert wurde. <\/p><p><strong>Diffamierung als Auszeichnung<\/strong><\/p><p>Marco Wanderwitz ist zugutezuhalten, dass sein Bericht zwischen Ost und West &bdquo;vergleichsweise konstante Unterschiede bei der Bewertung von Politik und Demokratie&ldquo; konstatiert. Dass es im Osten eine &bdquo;durchg&auml;ngig skeptischere, distanziertere und auch kritischer ausgepr&auml;gte Grundeinstellung&ldquo; gibt, sollte uns zur Ehre gereichen.  <\/p><p>&bdquo;Diktatursozialisiert&ldquo;? Die DDR betrachtete sich selbst als Diktatur des Proletariats. Der Soziologe Wolfgang Engler hat sie eine &bdquo;arbeiterliche Gesellschaft&ldquo; genannt (&bdquo;Die Ostdeutschen als Avantgarde&ldquo;, Aufbau Verlag, 2004). Denn auch die Funktion&auml;rsschicht war dominiert von Leuten, die nicht mit dem goldenen L&ouml;ffel im Mund geboren wurden und eine Politik f&uuml;r die kleinen Leute machen wollten. Ein Staat, der im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs entstand und dessen Funktionstr&auml;ger selbst zu den Verfolgten des verbrecherischen Naziregimes geh&ouml;rten, auch wenn sie sich ins Exil gerettet hatten. &bdquo;Nie wieder!&ldquo; &ndash; aus diesem Schwur ergab sich eine Umgestaltung der Gesellschaft vom Grundsatz her: Vergesellschaftung der Produktion, soziale Gerechtigkeit als Ziel. Eingebunden in das sowjetische Imperium, befand sich die DDR unter einem Schutzschirm und zugleich in Abh&auml;ngigkeit. Der Kalte Krieg forderte nicht nur &ouml;konomisch seinen Tribut. Ganz offiziell wurde von Agitation und  Propaganda gesprochen. Es gab sogar eine spezielle Abteilung im Zentralkomitee daf&uuml;r. Zensur war kein Geheimnis. Machtpolitik in keiner Weise verschleiert. Mechanismen, die heute &bdquo;hinter dem Vorhang&ldquo; oder &bdquo;unter der Decke&ldquo; existieren, lagen klar zutage. <\/p><p>&bdquo;Diktatursozialisiert&ldquo;? Der diffamierende Begriff benennt in gewissem Sinne einen Vorteil: Unsereins hat schon in der Schule gelernt, dass &bdquo;die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist&ldquo;, zugleich &bdquo;&uuml;ber die Mittel zur geistigen Macht&ldquo; disponiert, wie es in der &bdquo;Deutschen Ideologie&ldquo; von Marx und Engels hei&szlig;t. Das kapitalistische System zu durchschauen, bedeutet nat&uuml;rlich noch l&auml;ngst nicht, es zu ver&auml;ndern, zumal die Wege dorthin vernebelt sind und gef&auml;hrlich. Nicht zum eigenen Wohlgefallen hat unsereins Ideologie unverdeckt in Aktion gesehen, was aber hilft, sie auch in verdeckter Form zu erkennen. Und jene, die erfahren mussten, durch mediale Trugbilder get&auml;uscht worden zu sein, haben jede Leichtgl&auml;ubigkeit verloren. <\/p><p>Titelbild: danielo \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diffamierung als Auszeichnung: Die ostdeutsche &bdquo;durchg&auml;ngig skeptischere, distanziertere und auch kritischer ausgepr&auml;gte Grundeinstellung gegen&uuml;ber Politik und Demokratie&ldquo;, wie im Einheitsbericht der Bundesregierung negativ vermerkt, hat eine positive Seite: Jene, die erfahren mussten, durch mediale Trugbilder get&auml;uscht worden zu sein, haben jede Leichtgl&auml;ubigkeit verloren. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":74187,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,11],"tags":[277,1543,575,687,3098],"class_list":["post-74186","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-ostdeutschland","tag-ungleichheit","tag-wanderwitz-marco"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/shutterstock_1970286823.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74186"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74229,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74186\/revisions\/74229"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74187"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}