{"id":74422,"date":"2021-07-19T12:08:42","date_gmt":"2021-07-19T10:08:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74422"},"modified":"2021-07-30T11:09:21","modified_gmt":"2021-07-30T09:09:21","slug":"wer-jetzt-nur-vom-klimawandel-spricht-lenkt-von-den-fehlern-der-politik-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74422","title":{"rendered":"Wer jetzt nur vom Klimawandel spricht, lenkt von den Fehlern der Politik ab"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal hat es ein Jahrhunderthochwasser gegeben. Betroffen waren diesmal vor allem Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Schnell setzte sich die dominierende Deutung durch, dies sei vor allem eine Folge des Klimawandels. Es mag sein, dass der Klimawandel dazu f&uuml;hrt, dass derartige Wetterereignisse h&auml;ufiger auftreten werden. Mit dieser Erkenntnis lassen sich k&uuml;nftige Hochwasserereignisse jedoch auf absehbare Zeit nicht verhindern. Je mehr nun wieder einmal &bdquo;nur&ldquo; &uuml;ber Klimapolitik gesprochen wird, desto mehr geraten leider auch Themen in den Hintergrund, die im konkreten Kontext viel wichtiger w&auml;ren. Wie sch&uuml;tzen wir uns vor Hochwasser und extremen Wetterereignissen? Und hier hat Deutschland gro&szlig;en Aufholbedarf. Ein wenig zugespitzt: Die Toten h&auml;tten sich durch eine CO2-Steuer und Teslas nicht verhindern lassen, durch Deichbau, &Uuml;berflutungsfl&auml;chen und D&auml;mme vielleicht schon. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1496\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74422-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74422-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210719_Wer_jetzt_nur_vom_Klimawandel_spricht_lenkt_von_den_Fehlern_der_Politik_ab_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Bereits am vorletzten Sonntag warnte der private Wetterdienst <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/kachelmannwetter\/posts\/4228387893894925\">Kachelmannwetter<\/a> vor einem kommenden Starkregen im Rheinland und der Eifel. Einen Tag sp&auml;ter pr&auml;zisierten sich die <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/kachelmannwetter\/posts\/4229548303778884\">Warnmeldungen<\/a> und deuteten an, dass es vor allem in der Eifel wohl zu extremen Starkregen-Ereignissen kommen wird. Zeitgleich gab das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/European_Flood_Awareness_System\">Europ&auml;ische Flut-Warnsystem EFAS<\/a> eine Warnmeldung heraus, die vor einer &bdquo;extremen Flut&ldquo; f&uuml;r die drei Tage sp&auml;ter betroffenen Gebiete <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/germany-floods-dozens-dead-despite-early-warnings\/\">warnte<\/a>. Am Dienstag schickte dann auch noch der Deutsche Wetterdienst DWD eine &bdquo;amtliche Gefahrenmeldung&ldquo; heraus, die ziemlich pr&auml;zise genau die Gebiete umfasste, in denen es zwei Tage sp&auml;ter zur Hochwasserkatastrophe kommen sollte. Geschehen ist nichts.<\/p><p>Politik und Medien zeigten sich stattdessen &bdquo;&uuml;berrascht&ldquo;. Noch am Abend vor der Katastrophe, als es schon kr&auml;ftige Niederschl&auml;ge gab, sprach man im Wetterteil des Heute-Journals nach der l&auml;chelnden Abmoderation von Claus Kleber verniedlichend von in der Nacht zu erwartenden <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/heute-journal\/heute-journal-vom-14-07-2021-100.html\">&bdquo;ergiebigen Regenf&auml;llen&ldquo;<\/a> &ndash; kein Wort von der von nahezu allen Diensten vorhergesagten Katastrophe. Die f&uuml;r das EFAS-System mitverantwortliche Hydrologin Hannah Cloke <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/germany-floods-dozens-dead-despite-early-warnings\/\">fand klare Worte<\/a> und sprach von einem &bdquo;monumentalen Versagen&ldquo; der deutschen Beh&ouml;rden. Wie viele Menschenleben h&auml;tten gerettet werden k&ouml;nnen, wenn man die klaren Warnungen ernstgenommen und die gef&auml;hrdeten Gebiete evakuiert h&auml;tte? Wie viele Menschen w&uuml;rden heute noch leben, wenn man auch &bdquo;nur&ldquo; fr&uuml;hzeitig eine klare Warnmeldung herausgegeben h&auml;tte? <\/p><p>Doch auch dies ist nur die konkrete Ebene. Es h&auml;tte gar nicht zu einer derart verheerenden Hochwasserkatastrophe kommen m&uuml;ssen. In Sachen Katastrophen- und insbesondere Hochwasserschutz ist Deutschland jedoch ein Entwicklungsland, wie es der Chef des Wissenschafts-Ressorts der WELT, Axel Bojanowski, sehr <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/plus232592295\/Hochwasser-Unfassbare-Ignoranz-ermoeglichte-erst-die-Katastrophe.html\">treffend formuliert<\/a>. Seiner Meinung nach wurde die Katastrophe erst durch eine &bdquo;unfassbare Ignoranz&ldquo; erm&ouml;glicht und es f&auml;llt schwer, ihm da zu widersprechen. Es hat einige &bdquo;Jahrhundertfluten&ldquo; gebraucht, um in Deutschland zumindest an den gro&szlig;en Fl&uuml;ssen kleinere Hochwasserschutzma&szlig;nahmen zu verwirklichen. An den von Sturzfluten noch viel st&auml;rker gef&auml;hrdeten kleineren Fl&uuml;ssen und erst recht den B&auml;chen ist so gut wie nichts passiert. <\/p><p>Im Gegenteil. Flussl&auml;ufe wurden begradigt, nat&uuml;rliche &Uuml;berflutungsfl&auml;chen wurden durch Versiegelung, Bebauung und landwirtschaftliche Nutzung abgeschafft. &Uuml;ber 80 Prozent der als nat&uuml;rliche Retentionsfl&auml;chen geltenden Auen sind vor allem durch die Landwirtschaft plattgemacht worden. Es gibt keine leistungsf&auml;higen Drainagesysteme, die Abwasserentsorgung wurde durch regional vollkommen unsinnige Wassersparma&szlig;nahmen unterdimensioniert und die vorhandenen Talsperren werden im Sommer im &bdquo;D&uuml;rremodus&ldquo; gefahren, waren daher in den betroffenen Gebieten schon vor dem Starkregen nahezu randvoll und konnten so nat&uuml;rlich auch keinen Hochwasserschutz mehr gew&auml;hrleisten. Und es sage niemand, dass man die Katastrophe nicht h&auml;tte kommen sehen. Alleine die Akte &bdquo;Bewertung des Hochwasserrisikos in Rheinland-Pfalz&ldquo; weist hunderte bedrohte St&auml;dte aus, darunter auch genau die Gebiete, die nun besonders vom Hochwasser getroffen wurden. <\/p><p>Es ist auch nicht korrekt, wenn man nun behauptet, dass die &uuml;berfluteten St&auml;dte und D&ouml;rfer in der Zeit vor dem Klimawandel keine Hochwasserprobleme gehabt h&auml;tten. Das nun &uuml;berflutete Bad Neuenahr an der Ahr wurde beispielsweise bereits <a href=\"https:\/\/www.kreis-ahrweiler.de\/kvar\/VT\/hjb1955\/hjb1955.11.htm\">1804<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hochwasser_der_Ahr_am_13._Juni_1910\">1910<\/a> verheerend &uuml;berflutet und jeweils gab es ebenfalls dutzende Menschenleben und massive Zerst&ouml;rungen zu betrauern. Das betroffene Bad M&uuml;nstereifel wurde <a href=\"https:\/\/www.bad-muenstereifel.de\/leben-in-bad-muenstereifel\/stadtportrait\/geschichte\/\">1416<\/a> durch eine &Uuml;berflutung nahezu komplett zerst&ouml;rt. Und damals sprach man wohl eher von einer Strafe Gottes als vom Klimawandel.<\/p><p>Wenn man denn zu dem Schluss gekommen ist, dass der Klimawandel derartige Wetterextreme h&auml;ufiger auftreten l&auml;sst, dann sollte doch gerade ein vergleichsweise modernes Land wie Deutschland die n&ouml;tigen Vorkehrungen treffen, dass unsere St&auml;dte besser mit diesen Extremen zurechtkommen als im Mittelalter oder in vorindustriellen Zeiten. Doch so einfach ist das offenbar nicht. Hochwasserschutz kostet Geld, der n&ouml;tige R&uuml;ckbau von versiegelten Fl&auml;chen ist bei Wirtschaft und vielen W&auml;hlern unbeliebt. Da ist es nat&uuml;rlich leichter, nun mit dem Klimawandel hausieren zu gehen und die Flut wie einst im Mittelalter als Strafe f&uuml;r unser s&uuml;ndiges Leben zu sehen. <\/p><p>Gef&auml;hrlich wird dieses Framing dann, wenn die Fokussierung auf den Klimawandel dazu f&uuml;hrt, den Schutz der Menschen vor k&uuml;nftigen Hochwasserereignissen zu verdr&auml;ngen. Und daf&uuml;r ist es einerlei, ob man nun ein Freund oder Gegner der Energiewende, neuer Ern&auml;hrungsformen oder des Abschieds von Verbrennungsmotoren ist. Selbst wenn man in Deutschland dem &bdquo;Klimaschutz&ldquo; absoluten Vorrang einr&auml;umt, w&auml;ren die Auswirkungen auf den Klimawandel und die damit verbundenen Wetterextreme eher gering. Die Flutkatastrophe in Westdeutschland w&auml;re auch passiert, wenn jeder Deutsche seinen Strom aus regenerativen Energien bezieht, einen Tesla besitzt und sich vegan ern&auml;hrt. Die Folgen des Hochwassers w&auml;ren jedoch viel geringer ausgefallen, wenn man den Hochwasserschutz ernstgenommen h&auml;tte. <\/p><p>Nun k&ouml;nnte man als Freund des Klimaschutzes ja sagen, man k&ouml;nne ja beides tun und eine progressive Klimapolitik st&uuml;nde einem ernsthaften Hochwasserschutz nicht im Wege. Doch so einfach ist es nicht. Weder im Bund noch in den L&auml;ndern genie&szlig;t der Hochwasserschutz Priorit&auml;t. W&auml;hrend beispielsweise eine CO2-Steuer Geld in die Kassen bringt, kosten Hochwasser- und Katastrophenschutz Geld, und da sie auch beim W&auml;hler nicht gerade oben auf der Wunschliste stehen, bringen sie noch nicht einmal Stimmen. Und daran wird sich auch nichts &auml;ndern, wenn man nun &ndash; wie im Mittelalter &ndash; die Folgen solcher Wetterextreme allenthalben als eine Strafe f&uuml;r unseren Lebenswandel sieht und implizit durch einen klimafreundlichen Umbau der Gesellschaft Bu&szlig;e tun will.<\/p><p>Titelbild: Screenshot bild.de <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/997ca3dfff334d67852da85dee848f9b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal hat es ein Jahrhunderthochwasser gegeben. Betroffen waren diesmal vor allem Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Schnell setzte sich die dominierende Deutung durch, dies sei vor allem eine Folge des Klimawandels. Es mag sein, dass der Klimawandel dazu f&uuml;hrt, dass derartige Wetterereignisse h&auml;ufiger auftreten werden. 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