{"id":7445,"date":"2010-11-23T09:30:52","date_gmt":"2010-11-23T08:30:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7445"},"modified":"2014-02-17T10:53:48","modified_gmt":"2014-02-17T09:53:48","slug":"pascal-beuckeranja-kruegerdie-verlogene-politik-macht-um-jeden-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7445","title":{"rendered":"Pascal Beucker\/Anja Kr\u00fcger:\u00bbDie verlogene Politik. Macht um jeden Preis\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Shocking News: In der Politik wird gelogen. Ungef&auml;hr das denkt man beim Titel des Buches von Pascal Beucker und Anja Kr&uuml;ger &bdquo;Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis&ldquo;, das vor einigen Wochen im Knaur-Verlag erschienen ist. Der Titel t&auml;uscht jedoch: Die AutorInnen befassen sich mit den gro&szlig;en Politikfeldern und analysieren die getroffenen Entscheidungen und politischen Ideologien an Hand der Interessenlage der handelnden Akteure. Eine Rezension von Klemens Himpele.<br>\n<!--more--><br>\nPascal Beucker und Anja Kr&uuml;ger gehen zun&auml;chst der Frage nach, wie mit Unwahrheiten, Dementis und Manipulationen gearbeitet wird. Dabei werfen sie auch einen Blick auf die Frage, welche Handlungen tats&auml;chlich Konsequenzen f&uuml;r handelnde Personen haben und dass es stark von den &bdquo;zeitgen&ouml;ssischen Wertvorstellungen&ldquo; (S. 30) abh&auml;ngt, welche Konsequenzen tats&auml;chlich zu bef&uuml;rchten sind. Dabei gehen die AutorInnen auf verschiedene Vorg&auml;nge in der j&uuml;ngeren Vergangenheit ein und versuchen auch zu definieren, was eigentlich eine L&uuml;ge ist. Regelm&auml;&szlig;ige Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten wissen, wie solche Manipulationen und L&uuml;gen funktionieren. Das Verdienst des Buches von Beucker und Kr&uuml;ger ist eine systematische Aufarbeitung dieser Problematik an Hand einiger Politikfelder. Das Buch ist dabei gut recherchiert und stringent gegliedert. Es eignet sich daher f&uuml;r einen &Uuml;berblick, und selbst wer sich regelm&auml;&szlig;ig informiert wird einige Vorg&auml;nge (wieder-)entdecken und in die eigene politische Analyse einbeziehen k&ouml;nnen. Zudem finden sich sch&ouml;ne Aussagen wieder, die allzu gerne in Vergessenheit geraten. So hat bspw. der ehemalige Bundesau&szlig;enminister Josef Fischer 1994 gesagt: &bdquo;Aber eines ist f&uuml;r mich jedenfalls klar: Wo deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg gew&uuml;tet haben, darf es keine Eins&auml;tze geben&ldquo; (S. 39). Nach der Ernennung zum Au&szlig;enminister war Fischer dann bekanntlich dabei, als Jugoslawien bombardiert wurde.<\/p><p>Das Buch ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Zun&auml;chst wird der Frage nachgegangen, warum die Entscheidungen eben oft nicht als Sachentscheidung getroffen werden. Anhand einiger Beispiele wird der Einfluss verschiedenen Interessen dokumentiert. Die AutorInnen gehen auf die Atomlobby ebenso ein wie auf die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und beschreiben das Vorgehen der Akteure. Im Abschnitt &uuml;ber die &bdquo;Riester-Renten-L&uuml;ge&ldquo; werden die Fakten dargestellt, die eigentlich inzwischen bekannt sein sollten: Wer verdient an der Rentenreform, wem nutzt sie, wem schadet sie? Dabei wird systematisch untersucht, wie die Entscheidungen zu Stande kommen und wie sie begr&uuml;ndet worden sind. In einem weiteren Abschnitt geht es um das &bdquo;Fordern und F&ouml;rdern&ldquo; bei der Arbeitsmarktreform der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung. Benannt wird auch das Problem, dass die &bdquo;Kunden&ldquo; der Arbeitsagentur in unterschiedliche Kategorien aufgeteilt werden und vor allem denen, die es am n&ouml;tigsten h&auml;tten, kaum bis gar nicht geholfen wird (S. 94). Das Grundph&auml;nomen beschreiben Beucker und Kr&uuml;ger (S. 96) wie folgt: &bdquo;Die Regierenden erkl&auml;ren die Opfer von Wirtschaftswandel und verfehlter Arbeitsmarktpolitik f&uuml;r die eigene Misere selbst verantwortlich, sie machen sie zu Schuldigen.&ldquo; Die AutorInnen gehen auch auf die Ausf&auml;lle des FDP-Vorsitzenden Westerwelle ein (&bdquo;sp&auml;tr&ouml;mische Dekadenz&ldquo;) und zeigen hieran den (medialen) Verlauf solcher Debatten (S. 106).<\/p><p>Der Abschnitt &uuml;ber die &bdquo;Steuerl&uuml;ge&ldquo; beginnt mit der &bdquo;Merkelsteuer&ldquo;: Die SPD hatte so die durch die Union angek&uuml;ndigte Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer um 2 Prozentpunkte genannt &ndash; um dann in der Gro&szlig;en Koalition eine Erh&ouml;hung um 3 Prozentpunkte mitzubeschlie&szlig;en. Interessant sind die historischen Einlassungen der AutorInnen (S. 116), da die Mehrwertsteuer schon &ouml;fter erh&ouml;ht wurde &ndash; obwohl das vorher entweder nicht angek&uuml;ndigt oder sogar abgelehnt worden war. Nat&uuml;rlich darf in diesem Kapitel auch die Finanzierung der deutschen Einheit nicht fehlen und das Versprechen Helmut Kohls, das Ganze ohne Steuererh&ouml;hungen zu bewerkstelligen (im Gegensatz zu Oskar Lafontaine, der vor den hohen Kosten der Vereinigung gewarnt hatte) &ndash; der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Entscheidend f&uuml;r das Steuerkapitel ist die zutreffende Einsch&auml;tzung der AutorInnen, dass Steuerpolitik eben Wirtschafts- und Sozialpolitik ist (S. 118). Es folgen Abschnitte &uuml;ber die &bdquo;Bildungsl&uuml;ge&ldquo; (etwa mit einem Verweis auf den Besuch des UN-Sonderberichterstatters Mu&ntilde;oz, S. 142) und &uuml;ber die Gesundheitspolitik und die Zweiklassenmedizin in Deutschland. Dabei machen die AutorInnen folgendes deutlich: &bdquo;Ert&ouml;nt der Ruf nach &sbquo;mehr Eigenverantwortung&lsquo;, m&uuml;ssen bei Patienten alle Alarmglocken schrillen. Denn diese W&ouml;rter sind nichts weiter als ein Synonym f&uuml;rs Selbstbezahlen&ldquo; (S. 160). Lesenswert ist auch der Umgang mit Politikerinnen in der Quoten- und Quorendebatte. Dabei wird auch auf den unglaublich geringen Anteil an Frauen in den Fraktionen der FDP eingegangen (im Saarland und Bremen nur M&auml;nner, in f&uuml;nf weiteren Fraktionen nur eine Frau, S. 190), aber auch auf die Debatten in der SPD und den Unionsparteien. Dar&uuml;ber hinaus geht es um die Verdienstunterschiede und die Repr&auml;sentanz der Frauen in den Spitzen der Unternehmen. Beucker und Kr&uuml;ger r&auml;umen gr&uuml;ndlich mit dem Vorurteil auf, die Quote w&uuml;rde schlechte Frauen an guten M&auml;nnern vorbeischieben.<\/p><p>Angesichts der uns&auml;glichen Debatte rund um den &bdquo;Zirkus Sarrazin&ldquo; (S. 197) ist das Kapitel zur Integration besonders lesenswert. Zwar bezieht sich der &bdquo;Zirkus Sarrazin&ldquo; noch nicht auf sein Buch (sondern auf das Lettre-Gespr&auml;ch); die Debatte hat sich inzwischen bekanntlich eher versch&auml;rft. Beucker und Kr&uuml;ger gehen detailliert auf die Vers&auml;umnisse und L&uuml;gen der deutschen Politik ein. Dabei ist die L&uuml;ge von den &bdquo;Gastarbeitern&ldquo;, die alle (!) wieder zur&uuml;ckgehen in ihre Heimat noch vergleichsweise bekannt. Interessant ist dabei jedoch die Biografie von Armando Rodrigues de S&aacute;. Er ist der &bdquo;eine Millionste Gastarbeiter&ldquo;, das Foto von ihm und dem Moped ist ins kollektive Ged&auml;chtnis der Deutschen eingebrannt. Was man nicht wei&szlig; ist der Umgang mit de S&aacute;, der in Baracken lebt und schwerste Arbeit verrichtet. Nach einem Arbeitsunfall kehrt er nach Portugal zur&uuml;ck. Die Ersparnisse der &bdquo;Gastarbeit&ldquo; gehen f&uuml;r Arztbehandlungen drauf und de S&aacute; stirbt im Alter von 53 Jahren 1979 an Krebs. &bdquo;Von seinem Tod nimmt kein deutsches Medium Notiz&ldquo; (S. 208). Wer sich den Umgang mit den &bdquo;Gastarbeitern&ldquo; vor Augen f&uuml;hrt der wundert sich &uuml;ber wenig: Integration war von der Mehrheitsgesellschaft nicht vorgesehen. Interessant sind auch die Einlassungen der AutorInnen zur Kriminalit&auml;t von Ausl&auml;nderInnen in Deutschland. Die entsprechenden Ziffern lagen fr&uuml;her unter denen der Deutschen. Beucker und Kr&uuml;ger schreiben das Ansteigen der Kriminalit&auml;tsraten auch der Tatsache zu, dass die MigrantInnen inzwischen verstanden h&auml;tten, dass es f&uuml;r sie in Deutschland keine Gerechtigkeit gibt. <\/p><p>Die Vers&auml;umnisse der Politik bei dieser Frage sind frappierend: &bdquo;Es muss anerkannt werden, dass hier eine nicht mehr umkehrbare Entwicklung eingetreten ist und die soziale Verantwortung gegen&uuml;ber den heute &ndash; zumeist schon &uuml;ber eine beachtliche Zeitspanne &ndash; in Deutschland lebenden und einstmals in der Mehrzahl gezielt &sbquo;angeworbenen&lsquo; Menschen und ihren Kindern nicht eine Variable der jeweiligen Arbeitsmarktlage sein kann&ldquo; (S. 210). Dies ist ein Zitat aus einem Memorandum von Heinz K&uuml;hn aus dem Jahre 1979 (!). K&uuml;hn macht auch konkrete Vorschl&auml;ge &ndash; was folgt, ist eine Debatte &uuml;ber die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht. Beucker und Kr&uuml;ger behandeln die Lebensl&uuml;ge der Union genauso wie die Fehler von Helmut Schmidt. Dieser lamentierte lieber &uuml;ber den Fehler, so viele Ausl&auml;nder ins Land zu holen, anstatt L&ouml;sungen anzugehen. &bdquo;Mir kommt kein T&uuml;rke mehr &uuml;ber die Grenze&ldquo; wird der so beliebte Altkanzler zitiert (S. 221). Dabei w&auml;re es genau in seiner Regierungszeit notwendig gewesen, ein echtes Umdenken in der Politik gegen&uuml;ber MigrantInnen einzuleiten.<\/p><p>Im letzten Abschnitt geht es um die Frage der Parteienfinanzierung und der jeweiligen Skandale insbesondere auch der Unionsparteien. Sowohl die Skandale &bdquo;Flick&ldquo; als auch &bdquo;Kohl&ldquo; werden aufgearbeitet und eingeordnet.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Pascal Beucker und Anja Kr&uuml;ger haben ein lesenswertes und gut recherchiertes Buch vorgelegt. Es enth&auml;lt zahlreiche gute Quellen und Zitate; dem Buch ist anzumerken, dass viel Arbeit darin steckt. Es ist eine hilfreiche Informationsquelle &uuml;ber verschiedene Vorg&auml;nge in Deutschland, die das Einordnen mancher Entscheidungen und Vorg&auml;nge erleichtert. Dabei beziehen die AutorInnen selbstbewusst Stellung &ndash; was dem Buch zu Gute kommt.<\/p><p><strong>Pascal Beucker \/ Anja Kr&uuml;ger: Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis<\/strong>, Knaur-Verlag, M&uuml;nchen, ISBN: 978-3-426-78345-0, 302 Seiten, 8,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shocking News: In der Politik wird gelogen. Ungef&auml;hr das denkt man beim Titel des Buches von Pascal Beucker und Anja Kr&uuml;ger &bdquo;Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis&ldquo;, das vor einigen Wochen im Knaur-Verlag erschienen ist. 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