{"id":74455,"date":"2021-07-20T10:55:10","date_gmt":"2021-07-20T08:55:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74455"},"modified":"2026-01-27T11:39:49","modified_gmt":"2026-01-27T10:39:49","slug":"kinder-in-der-pandemie-instrumentalisierung-pur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74455","title":{"rendered":"Kinder in der Pandemie: \u201eInstrumentalisierung pur!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir brauchen ein Aufholpaket f&uuml;r die vers&auml;umte Sozial-, Familien- und Bildungspolitik.&ldquo; Das sagt der (Kinder-)Politikwissenschaftler <strong>Michael Klundt<\/strong> in einem zweiteiligen Interview mit den NachDenkSeiten. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72896\">Am Umgang<\/a> der Weichensteller mit den Kindern, Jugendlichen und Familien in der Pandemie l&auml;sst Klundt kein gutes Haar. &bdquo;Die nun etwa f&uuml;r Hessens Schulkinder geplanten &sbquo;Lern-Camps&lsquo; w&auml;hrend der Ferien w&auml;ren wahrscheinlich genau der richtige Ort f&uuml;r die Mitglieder des Bundeskabinetts und der Landesregierungen, um ihre jahrelangen Vers&auml;umnisse im Bildungsbereich aufzuarbeiten&ldquo;, sagt Klundt. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6272\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74455-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74455-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210720_Kinder_in_der_Pandemie_Instrumentalisierung_pur_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Klundt, bei unserem letzten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68268\">Interview<\/a> im Dezember sagten Sie, dass die Kinder und Jugendlichen am st&auml;rksten von den Corona-Ma&szlig;nahmen betroffen sind. Mittlerweile gab es Berichte sowohl aus &Ouml;sterreich als auch aus <a href=\"https:\/\/www.kma-online.de\/aktuelles\/medizin\/detail\/kinder-und-jugendpsychiatrien-kommen-an-ihre-grenzen-a-45585\">Deutschland<\/a>, wonach es in den Kinder- und Jugendpsychiatrien zu einer regelrechten &bdquo;Triage&ldquo; komme.  Jakob Maske, der Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugend&auml;rzte (BVKJ) <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/panorama\/corona-kinderaerzte-schuloeffnungen-triage-100.html\">sagte<\/a> im Mai: &bdquo;Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausma&szlig;, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt. Wer nicht suizidgef&auml;hrdet ist und &lsquo;nur&rsquo; eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen.&ldquo;  <\/strong><br>\n<strong>Sehen Sie sich in Ihrer Einsch&auml;tzung best&auml;rkt?<\/strong><\/p><p>Leider ja. Und viele Medien tragen daran eine Mitschuld. Soweit ich das mitbekommen habe, ist praktisch keines der meinungsbildenden, etablierten Medien auf die Anh&ouml;rung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages im September 2020 eingegangen. Die psychosozialen Folgen der Corona-Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Kinder blieben monatelang weitgehend unbeachtet. Die vielen besorgniserregenden Probleme waren schon damals zu sehen. Die Kinderrechts-Expertin Claudia Kittel vom Deutschen Institut f&uuml;r Menschenrechte und ich haben im Bundestag darauf aufmerksam gemacht. <\/p><p><strong>Z&ouml;gerlich haben Medien dann irgendwann aber doch berichtet.<\/strong><\/p><p>Es dauerte noch fast ein halbes Jahr. Erst im Fr&uuml;hjahr dieses Jahres haben Medien gro&szlig;fl&auml;chig das Leiden der Kinder in den Blick genommen. Allerdings gilt es, auch daran Kritik zu &uuml;ben. <\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Die Berichterstattung war verbunden mit der als Versprechen getarnten Erpressung, die Kinderrechte auf Bildung zur&uuml;ckzuerhalten, wenn die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73270\">Kinder geimpft<\/a> sind. Und kaum ein Medium hat sich damit wirklich selbstkritisch auseinandergesetzt &ndash; mit einer Ausnahme: Ausgerechnet Julian Reichelt in der BILD hat nach vielen Jahren ressentiment-geleiteter und hasserf&uuml;llter Beitr&auml;ge tats&auml;chlich einmal weitgehend den richtigen Ton getroffen. <\/p><p><strong>Der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt, hat sich bei den Kindern entschuldigt und dabei auch die Berichterstattung der Medien kritisiert?<\/strong><\/p><p>Reichelt bat auf BILD.de am 27. Mai sogar die 14 Millionen Kinder in Deutschland explizit &bdquo;um Verzeihung f&uuml;r anderthalb Jahre einer Politik, die Euch zu Opfern gemacht hat. Zu Opfern von Gewalt, Vernachl&auml;ssigung, Isolation, seelischer Einsamkeit. F&uuml;r eine Politik und eine mediale Berichterstattung, die Euch bis heute wie Gift das Gef&uuml;hl einfl&ouml;&szlig;t, Ihr w&auml;ret eine t&ouml;dliche Gefahr f&uuml;r unsere Gesellschaft. Das seid Ihr nicht, lasst Euch das nicht einreden. Wir haben Euch zu sch&uuml;tzen, nicht Ihr uns.&ldquo; <\/p><p>Wie brutal die Folgen der Corona-Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Kinder waren, offenbare eine neue Polizeistatistik &uuml;ber Kindesmisshandlungen im letzten Jahr. Reichelt sagte dazu: &bdquo;Es ist eine Statistik der Schande! Das besch&auml;mt uns als Gesellschaft&ldquo;. Solche und &auml;hnliche Worte waren in den letzten 15 Monaten leider nur sehr selten aus den Redaktionsstuben zu h&ouml;ren, zu lesen und zu sehen. <\/p><p><strong>Da wir &uuml;ber die Medien sprechen: Wie haben Sie die Berichterstattung in der Pandemie wahrgenommen? Ist Ihnen noch etwas aufgefallen? Da gibt es zu viel, wor&uuml;ber man sprechen m&uuml;sste. Ich m&ouml;chte nur an die Reaktionen auf die Aktion <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71825\">#allesdichtmachen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71947\">erinnern<\/a> Die Schauspieler wurden hart angegangen.<\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72153\">Hart angegangen<\/a> ist gut. Linksliberale Medien und Journalisten wie Stephan Hebel haben die Schauspieler kollektiv als <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/meinung\/kommentare\/allesdichtmachen-jan-josef-liefers-ulrich-tukur-corona-krise-theater-film-kunst-90472803.html\">&bdquo;Brandstifter&ldquo;<\/a> beschimpft. Damit konnte jegliche coronapolitik-kritische Position sofort als &bdquo;rechts-offen&ldquo; und halb-faschistisch stigmatisiert werden. Wer also wissen will, wie es zu dieser unglaublichen monatelangen Ignoranz kommen konnte, muss sich auch mit Leuten wie Hebel auseinandersetzen, die bereits die kleinste ironisierende Darstellung aus dem Feld &ouml;ffentlicher Meinungsbildung verdr&auml;ngt haben &ndash; mit bis heute gravierenden, auch beruflichen Konsequenzen f&uuml;r die Stigmatisierten. <\/p><p><strong>Der Regisseur Dietrich Br&uuml;ggemann hat in einem <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/was-machen-wir-hier-eigentlich-dietrich-brueggemann-ueber-die-aktion-allesdichtmachen\/27273610.html\">Beitrag<\/a> im Tagesspiegel Stellung bezogen und beschrieben, wie weitreichend die Konsequenzen aus der &bdquo;Berichterstattung&ldquo; waren.<\/strong><\/p><p>Offensichtlich ist es nicht nur sofort zu W&uuml;nschen nach Berufsverboten f&uuml;r die Beteiligten gekommen, sondern manche Schauspieler haben seitdem mit ernsthaften beruflichen Konsequenzen &agrave; la Black-Lists und Vertragsaufl&ouml;sungen zu tun.<\/p><p>Jedenfalls: Die Tatsache, dass Herr Hebel in einer Kommission sitzt, die das j&auml;hrliche Unwort des Jahres &bdquo;k&uuml;rt&ldquo;, weist darauf hin, dass er in der Lage ist, zu unterscheiden. Ein Journalist wie Hebel ist f&auml;hig, die 50 Beitr&auml;ge differenziert zu betrachten und zu sagen, welche Videos ihm aus welchem Grund nicht gefallen haben.  Aber &ndash; und das hat er getan &ndash;  alle Schauspielerinnen und Schauspieler als &bdquo;Brandstifter&ldquo; abzutun? Dieser Beitrag der Frankfurter Rundschau war meiner Meinung nach einer der schlimmsten journalistischen Amokl&auml;ufe im liberalen Milieu der letzten Jahre. <\/p><p>Selbst als Politiker begannen, den Schauspielern mit Berufsverboten in McCarthy-Manier zu drohen, hat das die gro&szlig;e Mehrheit der anderen Medien aber offensichtlich nicht gest&ouml;rt. Die haben oft in die gleiche Kerbe geschlagen. Beim Berliner Tagesspiegel wurden gleich ganze Redaktionskollektive mit dem Nazi-Verdacht auf Verantwortliche von #allesdichtmachen gehetzt, sodass man &ndash; ob dieser Formen von Rufmord- und Lynch-Journalismus &ndash; bei Springer fast neidisch wurde und sich der arme Heinrich B&ouml;ll mit seiner &bdquo;Verlorenen Ehre der Katharina Blum&ldquo; geradezu im Grabe herumgedreht h&auml;tte, wenn er das nicht sowieso schon seit Jahren t&auml;te &ndash; angesichts einer nach ihm benannten Stiftung f&uuml;r R&uuml;stungspropaganda und Russland-Bek&auml;mpfung. <\/p><p>Wer sich f&uuml;r einen demokratischen Rechtsstaat einsetzt, den oder die darf es indes genauso wenig kalt lassen, wenn mittels autorit&auml;r-b&uuml;rokratischer und wahlweise geheimdienstlicher Methoden zivilgesellschaftliche Organisationen wie Attac oder die VVN, Medien wie die junge welt oder Ken.fm sowie Parteien wie die Basis oder die DKP in ihrer Existenz gef&auml;hrdet werden. Um daf&uuml;r sensibilisiert zu sein, muss man mit keiner der genannten Organisationen meinungsm&auml;&szlig;ig bzw. von der inhaltlichen Ausrichtung her &uuml;bereinstimmen.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zu unserem eigentlichen Thema. Seit M&auml;rz 2020 ist viel Zeit vergangen. Wo es am Anfang noch Dunkelstellen gab, l&auml;sst sich heute klarer sehen. Welche Fehler wurden im Hinblick auf das Wohl der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73059\">Kinder und Jugendlichen<\/a> von politischer Seite aus Ihrer Sicht begangen?<\/strong><\/p><p>Eine absurde Situation ist zu beobachten. Politiker, Medienmacher und Wissenschaftler, die sich seit mehr als einem Jahr so gut wie gar nicht f&uuml;r die Bed&uuml;rfnisse und Rechte von Kindern und Jugendlichen interessierten, fordern nun mit gro&szlig;er Lautst&auml;rke deren sofortige Impfung. Begr&uuml;ndung: Damit k&ouml;nnten die Kinder und Jugendlichen vorgeblich endlich wieder zum Beispiel ihr Kinderrecht auf Bildung wahrnehmen. Dieses Verhalten erscheint mir irgendwie suspekt. <\/p><p><strong>Warum?<\/strong><\/p><p>Erinnern wir uns, wie Journalisten und Politiker sich w&auml;hrend der Pandemie an &bdquo;der&ldquo; Wissenschaft ausgerichtet haben. Was von dort kam, sollte von uns B&uuml;rgern sozusagen als &bdquo;Gesetz&ldquo; betrachtet werden. Was die Impfung von Kindern angeht, verhalten viele Politiker und Journalisten sich nun so, als ob sie &uuml;ber der Wissenschaft st&uuml;nden. All die von wissenschaftlichen und medizinischen Sachverst&auml;ndigen und Fachgesellschaften ge&auml;u&szlig;erten Bedenken zur Kinderimpfung werden abgetan. Politische Verantwortliche sowie manche Medien und einige Wissenschaftler wischen die ge&auml;u&szlig;erten Bedenken und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Bedarfen, Nutzen und Risiken von Kinder-Impfungen schlicht weg. Das halte ich f&uuml;r einigerma&szlig;en bedenklich.<\/p><p>Wer noch vor einem Jahr &bdquo;Herdenimmunit&auml;t&ldquo; als menschenfeindliches Unwort abtat, fordert sie nun bei der Kinder-Impfung ganz offen und explizit ein und gibt sogar zu, dass es ihm\/ihr gar nicht um die Kinder dabei gehe. Deren Behandlung und die Kinder selbst sind wieder mal nur Objekte, ein Mittel zum Zweck: Instrumentalisierung pur! Das beobachte ich seit &uuml;ber einem Jahr. Erst durch organisierte Angstkampagnen, dann Maskenkampagnen, dann Testkampagnen und nun Impfkampagnen. Die subjektiven Bed&uuml;rfnisse und Interessen der Heranwachsenden spielen bei alldem so gut wie keine Rolle.<\/p><p><strong>Wie h&auml;tte Politik denn vorgehen sollen? H&auml;tte es &uuml;berhaupt Alternativen gegeben?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gab es Alternativen. Beispiele sowohl in Europa als auch in anderen Teilen der Welt zeigen, dass die Priorit&auml;ten bez&uuml;glich der Kinder und Jugendlichen bei der Pandemiebek&auml;mpfung auch anders gesetzt werden k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Was ist denn die deutsche Priorit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Oft schien das Motto zu lauten: Bildung blockieren, Bundesliga, Bierg&auml;rten, Baum&auml;rkte &ouml;ffnen und Corona-Ignoranz in der Arbeitswelt durchhalten (siehe Tiert&ouml;tungsindustrie,  Hygienema&szlig;nahmen im Betrieb, wo die F&uuml;hrung ins Home-Office geht und die Besch&auml;ftigten im Aerosole-Paradies des Gro&szlig;raumb&uuml;ros und der Fabrikhallen verbleiben). <\/p><p><strong>Wie sieht der Gegenentwurf aus? Was wurde in anderen Teilen der Welt besser gemacht?<\/strong><\/p><p>Da m&uuml;ssen wir gar nicht weit in die Welt schauen. Bei aller Kritik auch am Vorgehen der franz&ouml;sischen Regierung: Dort war der Umgang mit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=62255\">Kindern<\/a> ein anderer. <\/p><p><strong>Welcher denn?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Frankreich stellt <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72408\">Schulen<\/a> und Kitas &uuml;ber alles&ldquo;, meldete die Tageszeitung DIE WELT am 26. April 2021. Wie die S&uuml;ddeutsche Zeitung einen Monat vorher unter der &Uuml;berschrift: &bdquo;Da kann man was lernen&ldquo; berichtete, galt und gilt in Frankreich vom Pr&auml;sidenten &uuml;ber den Premierminister bis zum Bildungs- und Gesundheitsminister eine fast umgedrehte Priorisierung aller Ma&szlig;nahmen gegen Corona. W&auml;hrend in Deutschland viele Schulkinder der Mittelstufe noch zu Pfingsten 2021 fast ein halbes Jahr nicht mehr in die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71880\">Schule<\/a> gehen durften (nicht einmal mit Wechselunterricht), blieben Kitas und Schulen in Frankreich im Winter\/Fr&uuml;hjahr 2020\/2021 weitgehend ge&ouml;ffnet. Lieber wurden Ausgangssperren (f&uuml;r Erwachsene) versch&auml;rft und Bars sowie Restaurants geschlossen. &bdquo;Schulen auf, Schulen zu &ndash; nicht in Frankreich und der Schweiz. Dort bleiben sie auch im Lockdown weitgehend ge&ouml;ffnet. Masseninfektionen bleiben trotzdem weitgehend aus&ldquo;, hie&szlig; es auf S&uuml;ddeutsche.de vom 23. M&auml;rz 2021.<\/p><p><strong>Was ist in Deutschland los? Warum wurde dieser Weg beschritten? Haben Sie eine Vermutung?<\/strong><\/p><p>Es erscheint schon zweifelhaft, dass &uuml;ber ein Jahr hinweg in der h&ouml;chsten politischen Runde des Landes nur Virologen mit Physikern &uuml;ber die Gestaltung von Kitas und Schulen und Jugendhilfe diskutieren, w&auml;hrend Ministerpr&auml;sidenten &bdquo;Candy Crush&ldquo; und andere Computer Games auf dem Handy spielen. Mit anderen Worten: Das nicht-verfassungsgem&auml;&szlig;e Gremium der sogenannten Ministerpr&auml;sidenten-Konferenz mutierte zur m&auml;chtigsten politischen Entscheidungsinstanz im Land. In Notverordnungsmanier werden ohne gesetzgeberische Befugnis und ohne parlamentarische Integration alleine durch Verordnungen bei offensichtlich geistiger Abwesenheit mancher Teilnehmer Entscheidungen gef&auml;llt, die weitreichender kaum sein k&ouml;nnten. Die anwesenden Berater unterscheiden sich nur noch darin, ob sie den Regierungskurs unterst&uuml;tzen oder sogar dessen Versch&auml;rfung pr&auml;ferieren. <\/p><p>Wie soll unter diesen Umst&auml;nden wenigstens noch ein gewisser Sachverstand hinsichtlich Kindeswohlvorrang-Pr&uuml;fung und Kinderrechten gew&auml;hrleistet werden?<\/p><p><strong>Sie bem&auml;ngeln also die Zusammensetzung der Entscheidungsgremien?<\/strong><\/p><p>Mindestens m&uuml;sste die Familienministerin dabei sein und am besten auch Kinder&auml;rzte, Kindheitswissenschaftlerinnen, Kinderpsychologinnen, P&auml;dagogen, Sozialarbeiterinnen, Soziologen und Erzieherinnen. Andernfalls werden das Kindeswohl sowie die Interessen und Rechte von Kindern und Jugendlichen weiterhin str&auml;flich vernachl&auml;ssigt. <\/p><p>Die Einseitigkeit der ver&ouml;ffentlichten und exekutierten Meinungen und Verordnungen im Fr&uuml;hjahr 2020 ist nicht zu leugnen. <\/p><p>Die Bundesfamilienministerin sa&szlig; w&auml;hrend des ersten Lockdowns im Fr&uuml;hjahr 2020 nicht im Corona-Krisen-Kabinett und im Bundesland Hessen bestand das &bdquo;Corona-Kabinett&ldquo; in den ersten Monaten nur aus M&auml;nnern. <\/p><p>Kinder und Jugendliche wurden einfach nicht als systemrelevant betrachtet.<\/p><p>Wie wir wissen, erledigt nun die Bundesjustizministerin kommissarisch und quasi nebenbei die Aufgaben des Postens der Familienministerin. Alleine das spricht B&auml;nde, was die Wertsch&auml;tzung der Bundesregierung f&uuml;r Kinder, Jugendliche, Frauen, Familien und Senioren angeht.<\/p><p><strong>Was sollten Politiker nun f&uuml;r das Wohl von Kindern und Jugendlichen tun?<\/strong><\/p><p>Wir brauchen ein &bdquo;Aufholpaket&ldquo; f&uuml;r die vers&auml;umte Bildungs-, Sozial- und Familienpolitik. Die Regierenden haben ihre L&uuml;cken aufzuarbeiten und ihren &bdquo;Stoff&ldquo; aufzuholen. Die nun etwa f&uuml;r Hessens Schulkinder geplanten &bdquo;Lern-Camps&ldquo; w&auml;hrend der Ferien w&auml;ren wahrscheinlich genau der richtige Ort f&uuml;r die Mitglieder des Bundeskabinetts und der Landesregierungen, um ihre jahrelangen Vers&auml;umnisse im Bildungsbereich aufzuarbeiten und schnellstm&ouml;gliche Konzepte z.B. f&uuml;r Luftfilter in allen Bildungseinrichtungen zu entwickeln.<\/p><p>Die Kinder und Jugendlichen tragen dabei keine Schuld bzw. Verantwortung. Nachhilfebedarf ist somit zun&auml;chst einmal ein Armutszeugnis des Bildungssystems und nicht der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler.<\/p><p><strong>Wie konkret m&uuml;sste denn das &bdquo;Aufholpaket&ldquo; aussehen? Haben Sie auch Zahlen?<\/strong><\/p><p>In einem der reichsten L&auml;nder dieser Erde fehlen ca. 35 Milliarden EUR j&auml;hrlich und seit Jahren als Investitionsl&uuml;cke nur f&uuml;r Schulgeb&auml;ude (inkl. benutzbarer Hygienebereiche und Schulr&auml;ume mit Waschbecken inkl. Seife). Die digitale Infrastruktur ist da noch nicht einmal mitgerechnet. Nur mal zur Einordnung des sogenannten Aufhol-Pakets der Bundesregierung in H&ouml;he von 2 Mrd. Euro: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht von einem &bdquo;Sanierungsstau an Schulen in H&ouml;he von 44,2 Milliarden Euro, 9,7 Milliarden Euro an Kitas und rund 50 Milliarden Euro an Hochschulen&ldquo;, der endlich aufgel&ouml;st werden m&uuml;sse. <\/p><p>Der Kooperationsverbund Schulsozialarbeit forderte schon 2015 eine deutliche Ausweitung der Schulsozialarbeit. F&uuml;r 150 Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler m&uuml;sse mindestens eine Vollzeitstelle zur Verf&uuml;gung stehen. Dazu m&uuml;ssten rund 62.000 neue Stellen geschaffen werden. &bdquo;Die zus&auml;tzlichen Kosten f&uuml;r diesen Ausbau bezifferte der Verbund auf rund 3,6 Milliarden Euro j&auml;hrlich.&ldquo; Zum Kampf gegen Kinderarmut und deren Versch&auml;rfung seit der Corona-Krise errechnet das B&uuml;ndnis Kindergrundsicherung (2021) einen Bruttobedarf von ca. 113 Mrd. EUR und netto: 20,5 Mrd. <\/p><p>Die Universit&auml;t der Bundeswehr in M&uuml;nchen hat &uuml;brigens ausgerechnet, dass eine vollst&auml;ndige Ausr&uuml;stung der deutschen Schulen mit Luftfiltern etwa ein Sechstel der Summe gekostet h&auml;tte, die der Bund allein in die Lufthansa gesteckt hat, also etwa 1,5 Mrd. Euro (vgl. Neue Presse v. 27.5.2021). Statt ausreichender Luftfilter-Ausr&uuml;stung gab es dann im letzten Jahr ausgiebige Milit&auml;r-Aufr&uuml;stung um mehrere Milliarden Euro. Auch dies war sicherlich eine Priorit&auml;tensetzung. Dagegen ist das sogenannte Aufhol-Paket der Bundesregierung eine regelrechte Verh&ouml;hnung der Kinder und Jugendlichen, die aufzuholende Defizite praktisch nur bei ihnen sieht und nicht bei der Regierung.<\/p><p><strong>In den Medien werden immer wieder Familien und Kinder gezeigt, die die Lockdown-Situation und die Ma&szlig;nahmen mit Leichtigkeit meistern. In <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/swr\/homeschooling-111.html\">Beitr&auml;gen<\/a> sieht man dann Symbolbilder, die Eltern mit ihren Kindern beim Homeschooling zeigen, wie sie in einem lichtdurchfluteten Raum an einem wohl nicht g&uuml;nstigen Massivholztisch sitzen. Als Betrachter denkt man sich: Sieht doch gut aus. Alles ist in Ordnung. Ist das wirklich die Realit&auml;t? <\/strong><\/p><p>In der Tat: Sah und h&ouml;rte man im Fernsehen Kinder und ihre Perspektiven, so waren diese &uuml;berwiegend mittelschichtsorientiert (oft sa&szlig;en sie im Garten und hinter ihnen sah man sogar noch ein gro&szlig;es Trampolin). Selten ging es um Arbeiter- und Kassiererinnen-, Krankenschwestern-, Reinigungskraft- und Altenpfleger-Kinder. Und sozial benachteiligte Kinder und Familien wurden fast ausschlie&szlig;lich unter Kinderschutz-Kriterien betrachtet, als w&uuml;rden nur die Armen ihre Kinder misshandeln. <\/p><p>Die sozio&ouml;konomischen Sorgen der Familien in prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen zum Beispiel nach Wegfall kostenloser Mittagessen in Kitas, Horten und Schulen f&uuml;r viele hunderttausende Kinder waren monatelang praktisch gar kein &ouml;ffentliches Thema. Da war und ist jeder Profi-Fu&szlig;ballverein und jeder millionenschwere Promi medienrelevanter als 13 Millionen Kinder und Jugendliche zusammen (&uuml;brigens auch hinsichtlich Hygienematerial, Masken-, Test- und Behandlungsm&ouml;glichkeiten, an die jeder Bundesliga-Club offenbar schneller herankam als alle Fachkr&auml;fte von Altenheimen und Jugend-Einrichtungen zusammen).<\/p><p><strong>Im Fernsehen sehen wir Eltern, die sagen, dass ihre Kinder mit der Pandemie gut klarkommen und kein Problem damit haben, eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72145\">Maske<\/a> zu tragen. Auch so entsteht der Eindruck: Im Grunde gibt es keine gr&ouml;&szlig;eren Probleme.<\/strong><\/p><p>Das mag ja auch f&uuml;r manche gelten, aber die mir zur Verf&uuml;gung stehenden Daten sprechen in der Regel eine andere Sprache (obwohl sie fast alle nur digital ermittelt wurden und somit wom&ouml;glich einen Mittelschichts-Bias besitzen, bei dem die besonders benachteiligten Kinder in Obdachlosigkeit, in Armut, in Fl&uuml;chtlingsheimen, in sanktionierten Hartz-IV-Haushalten und mit technischen M&auml;ngeln nicht einmal ausreichend Ber&uuml;cksichtigung finden).<\/p><p>Verschiedene Studien und Stellungnahmen lassen sich bereits als Nachweise daf&uuml;r nehmen, dass das Wohl von Millionen Kindern und Jugendlichen seit &uuml;ber 15 Monaten einer enormen Belastung und Beeintr&auml;chtigung ausgesetzt ist. <\/p><p><strong>Was sagen die Studienergebnisse?<\/strong><\/p><p>Die von Forscherinnen und Forschern der Universit&auml;ten T&uuml;bingen und Luxemburg durchgef&uuml;hrte internationale Studie COVID KIDS befragte mehrere tausend Kinder und Jugendliche in Brasilien, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz im Alter zwischen 6 und 16 Jahren. Dabei ist herausgekommen, dass das Wohlbefinden und die Kontakttiefe mit Lehrpersonen w&auml;hrend der Schulschlie&szlig;ungen besonders bei Grundschulkindern besorgniserregend herabfiel. &bdquo;Seit der Pandemie geht es Kindern und Jugendlichen in Deutschland deutlich schlechter. Gaben f&uuml;r die Zeit vor der Pandemie mehr als 95 Prozent der Befragten aus Deutschland an, mit ihrem Leben zufrieden oder sehr zufrieden gewesen zu sein, so waren dies f&uuml;r die Zeit w&auml;hrend der Pandemie nur noch 53 Prozent&ldquo; (Universit&auml;t T&uuml;bingen, 2020, S. 1). War diese drastische Abnahme von Lebenszufriedenheit f&uuml;r die Kindheitsforscherinnen und -forscher bereits dramatisch, so betonten sie zudem: &bdquo;Ein besonders beunruhigendes Ergebnis ist, dass mehr als die H&auml;lfte der befragten deutschen Grundschulkinder w&auml;hrend der Schulschlie&szlig;ungen vor den Sommerferien fast nie Kontakt zu ihren Lehrpersonen hatte.&ldquo; (ebd.)<\/p><p><strong>Das klingt nach einem Albtraum.<\/strong><\/p><p>Ja, und die psychosozialen Folgen der Corona-Krise sind laut Copsy-Studie (Corona und Psyche) der Hamburger Universit&auml;ts-Klinik Eppendorf (UKE) nicht &uuml;bersehbar. Vor der Pandemie f&uuml;hlte sich ein Drittel aller befragten Kinder und Jugendlichen &bdquo;psychisch stark belastet&ldquo;, seit der Corona-Krise sind es 71 Prozent. Schwerwiegende Anzeichen f&uuml;r das Leiden der Kinder gibt es mittlerweile viele.<\/p><p>Titelbild: Gargonia \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir brauchen ein Aufholpaket f&uuml;r die vers&auml;umte Sozial-, Familien- und Bildungspolitik.&ldquo; Das sagt der (Kinder-)Politikwissenschaftler <strong>Michael Klundt<\/strong> in einem zweiteiligen Interview mit den NachDenkSeiten. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72896\">Am Umgang<\/a> der Weichensteller mit den Kindern, Jugendlichen und Familien in der Pandemie l&auml;sst Klundt kein gutes Haar. &bdquo;Die nun etwa f&uuml;r Hessens Schulkinder geplanten &sbquo;Lern-Camps&lsquo; w&auml;hrend der Ferien w&auml;ren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74455\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":67256,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,167,149,209,123,183],"tags":[3064,3058,247,2625,2880,2911,3002,2857,1956],"class_list":["post-74455","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-familienpolitik","category-gesundheitspolitik","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-allesdichtmachen","tag-diffamierung","tag-hebel-stephan","tag-home-office","tag-impfungen","tag-kinderrechte","tag-klundt-michael","tag-lockdown","tag-reichelt-julian"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/shutterstock_1670025949.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74455"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":80806,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74455\/revisions\/80806"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/67256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}