{"id":74513,"date":"2021-07-22T09:05:13","date_gmt":"2021-07-22T07:05:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74513"},"modified":"2022-02-14T15:19:43","modified_gmt":"2022-02-14T14:19:43","slug":"vom-nsu-vs-bis-zum-amri-komplex-interview-mit-thomas-moser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74513","title":{"rendered":"Vom NSU-VS- bis zum Amri-Komplex  &#8211; Interview mit Thomas Moser"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin <strong>Thomas Moser<\/strong> im Zusammenhang mit den NSU-Recherchen ab 2012 begegnet. Er hatte sich sehr stark in die Mordumst&auml;nde in Heilbronn 2007 hineingekniet. Am Rande eines gro&szlig;en Festplatzes, quasi unter den Augen von Ausstellern, wurde um die Mittagszeit ein Mordanschlag auf Polizisten ver&uuml;bt, f&uuml;r den die neonazistische Terrorgruppe &bdquo;NSU&ldquo; verantwortlich gemacht wurde. Dabei ist Thomas Moser u.a. auf eine ganz wertvolle Spur gesto&szlig;en: Auf insgesamt vierzehn Phantombilder, die Zeugen erstellt hatten, die sich zur Tatzeit auf dem Festplatz aufgehalten hatten. F&uuml;r jeden Fahnder ein Traum und ein gro&szlig;es Gl&uuml;ck. Doch dann passierte das v&ouml;llig Unerwartete: Nichts. Anstatt mit diesen Phantombildern zu fahnden, wurde diese wertvollen Hinweise &bdquo;vergraben&ldquo;. Thomas Moser hatte sie ausgegraben, ver&ouml;ffentlicht und damit einen ganz wesentlichen Grund an die &Ouml;ffentlichkeit gebracht, der dem offiziellen Ermittlungsergebnis widerspricht: Alle Phantombilder haben nicht das Geringste mit den beiden NSU-Mitgliedern Uwe B&ouml;hnhardt und Uwe Mundlos gemein, die zusammen den Mordanschlag ver&uuml;bt haben sollen. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5036\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74513-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74513-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210722_Vom_NSU_VS_bis_zum_Amri_Komplex_Interview_mit_Thomas_Moser_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Auch damals hat dieser &bdquo;verlorene&ldquo; Schatz in der Presse vor allem Stillschweigen und betretenes Schweigen ausgel&ouml;st. Fast zehn Jahre sp&auml;ter st&ouml;&szlig;t Thomas Moser im Fall Amri auf dasselbe Desinteresse, was erhebliche Widerspr&uuml;che anbelangt, die die offizielle Version unglaubw&uuml;rdig machen.<\/p><p>&bdquo;Ich bin selber Pressevertreter und will jetzt keine uferlose Schelte begehen, aber die Art und Weise, wie Kollegen und ich berichtet haben, war doch sehr unterschiedlich. Wir sa&szlig;en in derselben Sitzung wie in der vom M&auml;rz 2020, als die Tatortermittler &uuml;ber ihre Arbeit im LKW berichtet haben. Da kam heraus, dass es von Amri im F&uuml;hrerhaus des Lastwagens keine Fingerabdr&uuml;cke und belastbaren DNA-Spuren gab. Das fand ich hoch elektrisierend, aber es wurde von niemandem berichtet, obwohl Kollegen in dieser Sitzung sa&szlig;en und h&auml;tten berichten k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>&Uuml;ber seine lange und ausdauernde Arbeit zum Amri-Komplex hat er ein Buch geschrieben: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/der-amri-komplex.html\">Der Amri-Komplex. Ein Terroranschlag, zw&ouml;lf Tote und die Verstrickungen des Staates.<\/a>&ldquo; Was am Amri-Komplex neu und anders ist, was daran Zufall, was daran systemisch ist und warum diese Wiederholungen erw&uuml;nscht sind, ist Gegenstand dieses Interviews.<\/p><p><strong>Bitte nennen Sie uns die Kernpunkte der offiziellen Erz&auml;hlung zum Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin vom 19. Dezember 2016?<\/strong><\/p><p>Die Rahmenerz&auml;hlung ist, Deutschland sei von einem Meer von Fl&uuml;chtlingen geflutet worden, alle Stellen seien &uuml;berfordert gewesen, kompletter Kontrollverlust dar&uuml;ber, wer in der Deutschland-WG wohnt und sich aufh&auml;lt. Dass das konkrete Anschlagsnarrativ dann von einem einzelnen, isolierten, einsamen, ferngesteuerten Attent&auml;ter ausgeht, passt mit dieser potentiellen Massengefahr nicht so richtig zusammen. Nach der h&auml;tte es ja Dutzende von Anschl&auml;gen geben m&uuml;ssen. Die offizielle Anschlagsversion hei&szlig;t, Anis Amri war ein Alleint&auml;ter, ohne Komplizen oder Mitwisser in Berlin und Deutschland, lediglich psychisch unterst&uuml;tzt von IS-Kadern aus dem Ausland. Die Tat sei spontan am Abend des Anschlagstages ausgef&uuml;hrt worden. Ein Mann, der m&ouml;glicherweise nicht mal Auto fahren konnte, setzt sich in einen 40-Tonner, f&auml;hrt durch eine dunkle unbekannte Stadt und rast kollisionsfrei in einen Weihnachtsmarkt. Vollkommen unverletzt geht er von dannen, holt seinen Rucksack und flieht solo erfolgreich durch halb Europa, ehe er in einer Nachtaktion von zwei Polizisten erschossen wird. Das BKA reist nach Italien, schaut sich aber nicht mal den Leichnam an, geschweige denn Pistole und alle anderen Sachen. Klappe zu, Anschlag erfolgreich einget&uuml;tet, Bahn frei f&uuml;r die sicherheitspolitischen Konsequenzen. Sorry f&uuml;r die Polemik, aber nach vier Jahren Vertuschungen, Manipulationen und Spiegelfechtereien f&auml;llt mir kein geeignetes Gegenmittel ein.<\/p><p><strong>Welche gravierenden Fakten f&uuml;hren Sie an, die die offizielle Version unglaubw&uuml;rdig machen?<\/strong><\/p><p>Die Spurenlage im LKW, Zeugenbeobachtungen und andere Ermittlungserkenntnisse f&uuml;hren mich zu dem Schluss, dass Anis Amri nicht der Fahrer des LKW war. Amri war zur Tatzeit zwar am Tatort, seine Fingerabdr&uuml;cke finden sich au&szlig;en am Tat-LKW, pers&ouml;nliche Sachen von ihm lagen im LKW, er trug die Pistole bei sich, mit der &ndash; mutma&szlig;lich &ndash; der polnische Speditionsfahrer erschossen wurde &ndash; so gesehen kann er als Tatbeteiligter gelten. Aber: In der LKW-Fahrerkabine gibt es an den unbeweglichen Teilen keine Fingerabdr&uuml;cke und belastbare DNA von Amri. Stattdessen gibt es beispielsweise DNA einer bis heute nicht identifizierten unbekannten Person, die auf dem Fahrersitz gesessen haben muss. Augenzeugen schilderten, dass der ausgestiegene Fahrer helle Boots trug, w&auml;hrend Amri rote Sportschuhe anhatte. Hinzu kommt, dass die pers&ouml;nlichen Gegenst&auml;nde Amris eher Beweismittel f&uuml;r Manipulationen sind als f&uuml;r seine T&auml;terschaft. Im Loch des herausgefallenen vorderen Scheinwerfers, ganz hinten, lag das ber&uuml;hmte HTC-Handy. Das muss eine dritte Person dort abgelegt haben. Wenn den LKW also jemand anderes gefahren hat, m&uuml;ssen wir von einer T&auml;tergruppierung ausgehen. Schlie&szlig;lich bin ich in den Akten noch auf Dementis von Amri gesto&szlig;en. Schriftlich und m&uuml;ndlich hat er gegen&uuml;ber mehreren Leuten nach dem Anschlag erkl&auml;rt, er habe mit der Sache nichts zu tun. Er hatte zwar damit zu tun, hatte vielleicht aber realisiert, dass er allein daf&uuml;r verantwortlich gemacht werden soll und widersprach deshalb. Wer k&ouml;nnte zum T&auml;terkreis geh&ouml;rt haben? Belastbare Tatspuren f&uuml;hren beispielsweise zu seinem Freund Ben Ammar, zu seinen Mitbewohnern Kamel A. und Khaled Abdeldaim oder zu den Mitgliedern der Fussilet-Moschee Soufiane Amri, Emrah Civelek, Nkanga Lutumba. In diesem Kreis gibt es mutma&szlig;lich auch V-Personen der Sicherheitskr&auml;fte.<\/p><p><strong>Zur politischen Aufkl&auml;rung wurde ein PUA in Berlin eingerichtet. Beim PUA handelt sich um das &bdquo;sch&auml;rfste Schwert des Parlaments&ldquo;. So wird der PUA in der Selbstdarstellung gerne bezeichnet. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?<\/strong><\/p><p>Nach NSU und Amri k&ouml;nnen wir das inzwischen genauer beobachten. Einerseits haben die Untersuchungsaussch&uuml;sse durchaus M&ouml;glichkeiten, die sie aber anwenden m&uuml;ssen. Beispielsweise, wenn es um die Ladung von Zeugen geht. Wenn eine Beh&ouml;rde einen Zeugen nicht aussagen lassen will, verweigert sie den Namen und die Adresse. Die Parlamente sind aber hoheitliche Organe, sie brauchen nicht unbedingt die Unterst&uuml;tzung von Beh&ouml;rden und Ministerien, sie k&ouml;nnen selber t&auml;tig werden, die Anschrift eines Zeugen ausfindig machen und ihn vorladen. Und wenn sich ihre Untersuchungen auf die Beh&ouml;rden selber beziehen, verbietet es sich sowieso, sich von ihnen etwas sagen zu lassen. Beh&ouml;rden, die Gegenstand der Untersuchung sind, legen doch nicht die Regeln der Untersuchung fest. Im Abschlussbericht des Bundestagsausschusses, im Sondervotum von FDP, Linkspartei und Gr&uuml;nen, steht zum Beispiel folgender Satz: &ldquo;Wenn die eigentlich zu Kontrollierenden jedoch beginnen, die Untersuchenden zu kontrollieren und zu &uuml;berwachen, wird der gesamte grundgesetzliche Auftrag des Ausschusses ad absurdum gef&uuml;hrt.&rdquo; Eine Konsequenz k&ouml;nnte zum Beispiel sein: Wenn eine Beh&ouml;rde unvollst&auml;ndige oder geschw&auml;rzte Akten liefert, begibt sich der Ausschuss selber in die Registraturen und holt sich das Material. <\/p><p><strong>Das &bdquo;Schwert&ldquo; war ja schon bei anderen Anl&auml;ssen recht stumpf. Man erinnere sich nur an die vielen PUA zum NSU-Komplex. Es w&auml;re aber gar kein Problem, das Schwert &bdquo;nachzusch&auml;rfen&ldquo;, wenn man mit den bestehenden Befugnissen nicht zurechtkommt. Gerade in Berlin k&ouml;nnte man annehmen, dass es der amtierenden Regierungskoalition aus Linken, SPD und Gr&uuml;nen am Herzen l&auml;ge, die Macht des Parlaments zu st&auml;rken. Warum macht man das nicht?<\/strong><\/p><p>Weil man sich dann mit den Sicherheitsbeh&ouml;rden und der Exekutive anlegen m&uuml;sste. Man m&uuml;sste ihre Dominanz infrage stellen und Gewaltenteilung einfordern, zur&uuml;ckfordern quasi. Eine solche Auseinandersetzung w&auml;re nicht einfach und nicht schnell vor&uuml;ber. Hinzu kommt, dass jede Partei ja schon mal selber regiert hat bzw. perspektivisch regieren wird. Dann ist es bequem, wenn man die Befugnisse der Exekutive f&uuml;r sich selber in Anspruch nehmen kann und die Kontrollm&ouml;glichkeiten der Parlamente beschnitten sind. Der ganze demokratische Systemaufbau ist zu sehr an Machtfragen ausgerichtet und zu wenig an Fragen des sozialen Friedens und der Wahrhaftigkeit in Konflikten.<\/p><p><strong>Welche Rechte und Befugnisse k&ouml;nnten die bedauerte Hilflosigkeit beseitigen? Schlie&szlig;lich k&ouml;nnte das Parlament die entsprechenden Gesetzess&auml;nderungen beschlie&szlig;en, wenn man nach wie vor davon ausgeht, dass das Parlament die Legislative ist, also alles in der Hand hat, &bdquo;Gesetzesl&uuml;cken&ldquo; und andere &bdquo;Schlupfl&ouml;cher&ldquo; zu schlie&szlig;en.<\/strong><\/p><p>Zum Beispiel &uuml;ber Zeugen und Akten zu entscheiden, oder &uuml;ber die Frage &Ouml;ffentlichkeit oder nicht. Eine andere M&ouml;glichkeit w&auml;re, ein &ouml;ffentliches, externes Fragerecht einzuf&uuml;hren. Wenn die Abgeordneten keine Fragen mehr haben, sind die Zuschauer dran und k&ouml;nnen ihre Fragen stellen. Ein Extra-Recht k&ouml;nnte man f&uuml;r Opfer einf&uuml;hren, analog den Rechten der Nebenklage in Strafprozessen. Warum sollen Opfer zusammen mit ihren Anw&auml;lten in Untersuchungsaussch&uuml;ssen nicht einen Sitzplatz, Frage- und Antragsrecht haben? Und umgekehrt sollte man die Vertreter der Exekutive auch schon mal vor die T&uuml;r setzen. Warum sollen sie wie Spitzel in einer internen Beratungssitzung der Abgeordneten sitzen d&uuml;rfen und so erfahren, was der Ausschuss plant und wen er vernehmen will?<\/p><p><strong>Sch&uuml;tzen sich die Parlamentarier nicht davor, ein &bdquo;sch&auml;rferes Schwert&ldquo; in der Hand zu haben? Halten diese das &bdquo;Schwert&ldquo; also selbst stumpf? Wie sind Ihre Erfahrungen? Und warum ergreift die rot-rot-gr&uuml;ne Regierung in Berlin nicht diese Chance, dem allseits wiederholten Credo von der &bdquo;l&uuml;ckenlosen Aufkl&auml;rung&ldquo; Taten folgen zu lassen?<\/strong><\/p><p>In der Frage steckt idealerweise ja schon die Antwort. Die Abgeordneten wollen gar keine besseren Verh&auml;ltnisse. Das k&ouml;nnte ja Folgen haben. K&auml;me man der Wahrheit zu nahe, br&auml;chte man unter Umst&auml;nden die Sicherheitsorgane in allzu gro&szlig;e Schwierigkeiten. Und wenn man selber regiert oder anstrebt zu regieren, hat man kein Interesse an schwachen Sicherheitsorganen. Vor allem die Polizei wird immer wichtiger und immer mehr zu einem politischen Instrument. Das wurde im Corona-Regime regelrecht durchexerziert. Die rot-rot-gr&uuml;ne Regierung in Berlin hat ein &ldquo;Versammlungsfreiheitsgesetz&rdquo; verabschiedet, das einen Freibrief f&uuml;r die Polizei darstellt. &ldquo;Besser&rdquo; kann es die AfD auch nicht machen. Nebenbei wird das Grundgesetz durch die Hintert&uuml;r ver&auml;ndert. Das macht das Berliner Versammlungsgesetz eigentlich verfassungswidrig. Das schert in Coronazeiten aber niemanden mehr, geschweige denn, dass es &uuml;berhaupt auff&auml;llt.<\/p><p><strong>Der Verfassungsschutz spielt eine wichtige und undurchsichtige Rolle rund um den Anschlag. Das ist nicht erst seit diesem Anschlag in Berlin so. Fast &uuml;berall, wo es um Terrorismus geht, behindert der Verfassungsschutz die Aufkl&auml;rung, anstatt &bdquo;l&uuml;ckenlos&ldquo; aufzukl&auml;ren. Wiederholt sich das im Amri-Komplex?<\/strong><\/p><p>Die Erkenntnis ist, dass das BfV, also der Bundesverfassungsschutz, in der Operation &ldquo;Amri-Breitscheidplatz&rdquo; mindestens gleichberechtigter Partner mit dem LKA Berlin und dem BKA war. Es gibt aber sogar Hinweise, dass das BfV den Hut aufhatte. Die kleine Dreier-Koalition FDP, LP, Gr&uuml;ne hat in ihrem Sondervotum eine sagenhafte Enth&uuml;llung vorgenommen. Sie sprechen &ndash; in Frageform &ndash; davon, dass der Amri-Komplize Bilel Ben Ammar m&ouml;glicherweise ein V-Mann des BfV war. Sie erkl&auml;ren zwar, dass der Ausschuss keine Belege daf&uuml;r gefunden hat. Dass sie die Sache aber zumindest benennen, dokumentiert, dass sie ihnen wichtig genug erschien und dass die Hinweise, die sie haben, doch irgendwie ernstzunehmen sind. Sollte die Mutma&szlig;ung zutreffen, h&auml;tten wir nat&uuml;rlich den GAU.<\/p><p><strong>Wenn der VS immer wieder behauptet, dass der Quellenschutz einer umf&auml;nglichen Aufkl&auml;rung Grenzen setzt, was in der Regel bedeutet, dass V-Leute und VS ggf. gar nichts zur Aufkl&auml;rung beitragen, dann gibt es doch damit einen extralegalen Raum, der der Strafverfolgung und Aufkl&auml;rung entzogen wird. Stimmt das? Und was halten Sie vom unentwegt angef&uuml;hrten &bdquo;Quellenschutz&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Quellenschutz ist schon zweifelhaft, wenn es nur um Informationen geht. Interessanterweise hat sich der Berliner Innensenator Geisel bei seiner Zeugenvernehmung im U-Ausschuss des Abgeordnetenhauses vor einem Jahr daf&uuml;r ausgesprochen, den Quellenschutz zu lockern und ihn nicht &uuml;ber die Aufkl&auml;rung von Mordf&auml;llen zu stellen. Quellenschutz wird im Zweifelsfall zum T&auml;terschutz. Sollte eine Quelle aber au&szlig;erdem zum potentiellen T&auml;terkreis geh&ouml;ren, w&auml;re Quellenschutz nicht nur T&auml;terschutz, sondern er w&auml;re dann auch noch Beh&ouml;rdenschutz. Mit dem Quellenschutz sch&uuml;tzen sich die quellen-f&uuml;hrenden &Auml;mter und die Verantwortlichen in diesen &Auml;mtern letztendlich selber.<\/p><p><strong>Es mutet doch im ersten Moment paradox an, wenn die Parlamentarier nicht alles daf&uuml;r tun, um Terror-Anschl&auml;ge zu verhindern, erst recht dann, wenn der Verfassungsschutz mit V-Leuten &bdquo;mittendrin&ldquo; ist. Kann man das mit Pannen erkl&auml;ren?<\/strong><\/p><p>Nach NSU und Breitscheidplatz nicht mehr. Das bewusste, aktive und zielgerichtete Handeln des Verfassungsschutzes ist belegt, genauso wie die programmatischen Vertuschungen und Verschleierungen. Da wird ein komplett anderes Spiel gespielt. Getoppt wird das schlie&szlig;lich noch durch den Verdacht, dass unter den mutma&szlig;lichen T&auml;tern V-Leute waren. Sp&auml;testens nach NSU, Amri, aber zum Beispiel auch dem L&uuml;bcke-Mord kann man nicht mehr einfach zur Tagesordnung &uuml;bergehen.<\/p><p><strong>Im NSU-Komplex gab es von Angeh&ouml;rigen und Rechtsanw&auml;lten der Mordopfer immer wieder den sehr handfesten Vorwurf, dass manche Morde h&auml;tten verhindert werden k&ouml;nnen, dass es sich um &bdquo;betreutes Morden&ldquo; handelte. Gibt es im Amri-Komplex &auml;hnliche schwerwiegende Indizien?<\/strong><\/p><p>Die Causa Ben Ammar w&auml;re so etwas. Es gibt mindestens noch einen weiteren &ndash; mutma&szlig;lichen &ndash; V-Mann, der sehr nahe am Geschehen war. Man kann die Frage auch andersherum angehen: Warum h&auml;lt der Sicherheitsapparat an der angeblichen T&auml;terschaft von Anis Amri fest, obwohl mehr f&uuml;r eine andere T&auml;terschaft spricht? Offensichtlich muss man eine oder mehrere Personen aus dem Fokus nehmen.<\/p><p><strong>Sie haben auch sehr viel zum NSU-VS-Komplex recherchiert und publiziert. Fast unisono spricht man dort von einem &bdquo;kompletten Beh&ouml;rdenversagen&ldquo;. Wenn Sie das mit dem Amri-Komplex vergleichen, stellt sich doch die Frage: Hat sich irgendetwas an den Grundbedingungen f&uuml;r ein &bdquo;Beh&ouml;rdenversagen&ldquo; ge&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>&ldquo;Beh&ouml;rdenversagen&rdquo; &ndash; das ist ja die Notausrede. Man l&auml;sst sich sozusagen f&uuml;r ein kleineres &Uuml;bel bashen, um das gr&ouml;&szlig;ere &Uuml;bel aus dem Blickfeld zu nehmen. Und dieses gr&ouml;&szlig;ere &Uuml;bel ist eben kein Versagen oder irgendeine tausendste Panne, sondern ein kriminelles Handeln. Das, was wir anhand der zur&uuml;ckliegenden Fragen er&ouml;rtert haben.<\/p><p><strong>Manchmal stelle ich mir wie in einem Krimi folgende Situation vor. Der Chef des Geheimdienstes h&ouml;rt sich geduldig an, was man dem Verfassungsschutz alles vorwirft, alles nachweist. Er nickt, er nickt fast schon ein bisschen gelangweilt, wie Al Capone, und antwortet dann ganz bed&auml;chtig: Ja, nicht schlecht. Na und? Was wollen Sie jetzt machen? Kommt Ihnen das Ganze manchmal &auml;hnlich vor? <\/strong><\/p><p>Man m&uuml;sste nat&uuml;rlich wissen, was dem Geheimdienstchef konkret vorgehalten wird. Sind es wirklich nur Vers&auml;umnisse und Pannen? Oder ist es etwa aktives Handeln, Verstrickungen, antidemokratische Operationen usw. Wenn man ihm so etwas nachweisen kann und ver&ouml;ffentlichen w&uuml;rde, k&auml;me er vermutlich nicht mehr mit einem provokanten Schulterzucken davon. Wenn Ben Ammar im Dienst des BfV stand, wenn einer oder zwei oder alle drei des NSU-Kerntrios V-Leute waren, oder wenn Markus H., der beim L&uuml;bcke-Mord anzunehmenderweise dabei war, nachgewiesen werden k&ouml;nnte, dass er im staatlichen Auftrag unterwegs war, h&auml;tten wir sicher eine andere Debatte.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Interview.<\/strong><\/p><p>Titelbild: Aldo91\/shutterstock.com und &copy; Angela Margarethe Lehner<\/p><p><em>Wer im Rhein-Main-Gebiet wohnt oder die inzidenz-basierte Reisefreiheit genie&szlig;en m&ouml;chte, der kann zur Buchvorstellung nach Frankfurt am 22. Juli um 19.30 Uhr kommen:<\/em><\/p><p>Genusskomplizen<br>\nAn der Kleinmarkthalle 7-9<br>\n60311 Frankfurt<br>\nMit Anmeldung: <a href=\"https:\/\/genusskomplizen.net\/veranstaltungen\/\">genusskomplizen.net\/veranstaltungen\/<\/a><br>\nE-Mail: <a href=\"mailto:veranstaltungen@genusskomplizen.net\">veranstaltungen@genusskomplizen.net<\/a><\/p><p><strong>Quellen und Hinweise:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/der-amri-komplex.html\">Der Amri-Komplex. Ein Terroranschlag, zw&ouml;lf Tote und die Verstrickungen des Staates<\/a><\/em>, Thomas Moser, Westendverlag 2021<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/krass-und-konkret.de\/politik-wirtschaft\/beim-terrorismus-im-fall-des-nsu-und-von-amri-wissen-wir-noch-nicht-wer-die-taeter-waren\/\">Beim Terrorismus im Fall des NSU und von Amri wissen wir noch nicht, wer die T&auml;ter waren<\/a><\/em>, Florian R&ouml;tzer im Interview mit Thomas Moser<\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/wolfwetzel.de\/index.php\/2018\/03\/19\/das-massive-behoerdenversagen-in-sachen-nsu-macht-karriere\/\">Das &bdquo;massive Beh&ouml;rdenversagen&ldquo; in Sachen &bdquo;NSU&ldquo; macht Karriere<\/a><\/em>, Wolf Wetzel<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin <strong>Thomas Moser<\/strong> im Zusammenhang mit den NSU-Recherchen ab 2012 begegnet. Er hatte sich sehr stark in die Mordumst&auml;nde in Heilbronn 2007 hineingekniet. 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