{"id":74537,"date":"2021-07-22T16:33:03","date_gmt":"2021-07-22T14:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74537"},"modified":"2021-07-22T17:34:05","modified_gmt":"2021-07-22T15:34:05","slug":"kuba-haiti-ein-kurzer-historisch-oekonomischer-vergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74537","title":{"rendered":"Kuba \u2013 Haiti. Ein kurzer historisch-\u00f6konomischer Vergleich"},"content":{"rendered":"<p>Der Anregung eines NachDenkSeiten-Lesers entsprechend baten wir um einen Vergleich der Entwicklung von Haiti und Kuba. Es gab mehrere Angebote. Hier ist der Text von <strong>Michael Steinhauser<\/strong>, der sich als erster gemeldet hatte. Steinhauser arbeitet wissenschaftlich im Bereich Entwicklungspolitik. Vielen Dank f&uuml;r die M&uuml;he.<br>\n<!--more--><br>\nDie Geschichte der beiden Gro&szlig;e-Antillen-Staaten gleicht sich auf verbl&uuml;ffende Weise und ist doch ab dem 19. Jahrhundert grundverschieden. In beiden Staaten wurde die urspr&uuml;ngliche Kultur der Taino, ab der beginnenden spanischen Kolonisierung im Jahr 1493, so gut wie zerst&ouml;rt. Viel zu wertvoll waren die &uuml;ppigen Ertragsm&ouml;glichkeiten durch den Anbau von Kaffee, Zucker und H&ouml;lzern den spanischen Besatzern. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts war die native Bev&ouml;lkerung der beiden Inseln fast ausgerottet. Aus gutem Grund wird sich heute kaum ein Bewohner Kubas oder Haitis, ganz im Gegenteil zum lateinamerikanischen Festland, als Mestize bezeichnen.<\/p><p>W&auml;hrend sich Kuba bis zu Beginn der &bdquo;langen Revolution&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] 1868 fest in spanischer Hand befand, mit Ausnahme einer kurzen englischen Herrschaft im Jahr 1762, wurde das Regime auf Haiti 1700 durch Frankreich abgel&ouml;st. Der franz&ouml;sische K&ouml;nig hatte ein ebenso gro&szlig;es Interesse an der Ausbeutung der Insel wie die spanische Krone. Die Bev&ouml;lkerungen beider Inseln wurden bei allen Entscheidungen selbstredend nicht miteinbezogen. Sie bestanden nunmehr aus wei&szlig;en Europ&auml;ern und einem gro&szlig;en Anteil an schwarzen Sklaven aus Westafrika, da die indigene Bev&ouml;lkerung durch eingeschleppte Seuchen dezimiert wurde. Im Laufe des 18. Jahrhunderts prosperierten beide Inseln, wobei Haiti bereits zur Zeit der Franz&ouml;sischen Revolution seinen wirtschaftlichen H&ouml;hepunkt erreichte[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], w&auml;hrend die kubanische Bl&uuml;tezeit erst mit dem Nordamerikahandel im 19. Jahrhundert begann und Kuba 1868 zur reichsten Kolonie der Welt machen sollte.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Eine extreme Ungleichverteilung des geschaffenen Wohlstands, wie ein Aufkeimen von nationalistischen Ideen, brachte die kubanischen Untertanen 1868 zu einem ersten ernstzunehmenden Aufstand, der sich &uuml;ber zehn Jahre erstreckte und den Spaniern milit&auml;risch alles abverlangte. Das Momentum von &bdquo;Libert&eacute;, &Eacute;galit&eacute; und Fraternit&eacute;&ldquo; erfasste Haiti wesentlich fr&uuml;her als Kuba. Sp&auml;testens mit dem Sklavenaufstand von 1791, organisiert von &bdquo;Maroons&ldquo;, schwarzen, in die unzug&auml;nglichen Bergregionen geflohenen Sklaven, die schon seit den 1750er Jahren Guerillaangriffe gegen die Franzosen f&uuml;hrten. Beide Umsturzversuche scheiterten. Was jedoch nicht scheiterte, war das Herausbilden eines &bdquo;unbesiegbaren Hasses gegen die Unterdr&uuml;cker&ldquo;, wie es der Dichter des Modernismo, Jos&eacute; Mart&iacute;, ausdr&uuml;ckte. Dieser independentismo ist das, was alle nachfolgenden lateinamerikanischen Revolutionsversuche, sowie die Doktrin des heutigen sozialistischen Kubas, kennzeichnet.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Etwas Verwertbares brachte der gescheiterte Sklavenaufstand von 1791 jedoch: die Abschaffung der Sklaverei auf Haiti. 95 Jahre vor der Beendigung der Sklaverei auf kubanischem Boden. Nach Wirren, die genauso chaotisch verliefen wie die Nachrevolutionsjahre im Mutterland Frankreich, versuchte Napol&eacute;on Bonaparte mit milit&auml;rischer Gewalt, die Kolonie in seinem Besitz zu halten, was letztlich aufgrund des massiven haitianischen Widerstands zum Scheitern verurteilt war. Insbesondere die Wiedereinf&uuml;hrung der Sklaverei mobilisierte die Massen. Hierbei war sich der Franz&ouml;sische Kaiser nicht zu schade, polnische Einheiten einzusetzen, die heute noch an ihren blau&auml;ugigen Nachfahren auf Haiti zu erkennen sind. Am ersten Januar 1804 proklamierte Haiti seine Unabh&auml;ngigkeit von Frankreich.<\/p><p>W&auml;hrend Haiti den mutigen, aber durchaus ungewissen Sprung in die Unabh&auml;ngigkeit schaffte, lag eine Unabh&auml;ngigkeit Kubas zu diesem Zeitpunkt noch im Reich der Fantasien. Z&auml;he Unabh&auml;ngigkeitskriege gegen die Spanier zogen sich bis ins Jahr 1898 hin und brachten schlie&szlig;lich die Wende. Wohlgemerkt nicht f&uuml;r die kubanischen Revolution&auml;re, sondern f&uuml;r die Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA intervenierten milit&auml;risch, als Vorwand diente ein in Havanna explodierender US-Kreuzer, und beendeten jede revolution&auml;re Bewegung. Die spanischen Eliten behielten ihre Privilegien und Stellungen, mussten forthin aber die Anweisungen der Amerikaner akzeptieren. F&uuml;r die US-Eliten war die Kontrolle Kubas ein wichtiges Ziel, in geostrategischer wie in &ouml;konomischer Hinsicht, das sich jetzt zu erf&uuml;llen schien. Alle Tr&auml;ume einer Unabh&auml;ngigkeit hatten sich zu diesem Zeitpunkt j&auml;h zerschlagen.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Die so ab 1902 entstandene Republik Kuba war nichts weiter als eine Pseudo-Republik von Amerikas Gnaden. Das sogenannte Platt Amendment erlaubte den US-Amerikanern weitreichende Durchgriffsrechte in Kuba, wie etwa die Kontrolle der kubanischen Innen- und Au&szlig;enpolitik.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Diese Anma&szlig;ung eines demokratisch verfassten Staates stellt auch die Grundlage f&uuml;r die heutige Existenz der US-Naval-Base Guantanamo dar. Die kubanischen Revolutionskriege stellten f&uuml;r die USA eine gl&uuml;ckliche F&uuml;gung des Schicksals, ganz im Sinne ihrer Manifest Destiny, dar, zumal sie in der Vergangenheit einige Versuche unternommen hatten, die Insel von der spanischen Krone zu erwerben.<\/p><p>Der US-amerikanischen Regierung war durchaus bewusst, dass eine dauerhafte Kontrolle Kubas nur durch &bdquo;Boots on the ground&ldquo; zu realisieren war, was sie bei jeder m&ouml;glichen Abweichung von ihren Zielvorstellungen auch praktizierten, so etwa in den Jahren 1906 bis 1909, 1912, 1917 und 1923.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Dies diente meist dazu, amerikanische Investitionen auf Kuba abzusichern, die sich im Zuge des kubanischen Nordamerikahandels seit den 1870er Jahren vervielfacht hatten. Die US-amerikanische Dominanz &uuml;ber die kubanische Wirtschaft wurde 1904 mit dem Trade Reciprocity Treaty weiter verst&auml;rkt, der kubanischen Agrarprodukten eine 20-prozentige Zollerleichterung bei der US-Einfuhr garantierte, jedoch f&uuml;r amerikanische Produkte den Zoll um 40 Prozent reduzierte.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Bereits 1895 hatten US-amerikanische Investoren eine Summe von $ 95 Millionen auf Kuba angelegt.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] In den 1920er Jahren kontrollieren amerikanische Unternehmen zwei Drittel der kubanischen Zuckerproduktion sowie weite Teile der Infrastruktur und der Versorgungsunternehmen.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] 1955, vier Jahre vor der gegl&uuml;ckten sozialistischen Revolution der Revolutionarios um die Br&uuml;der Castro und Ernesto Guevara, kontrollierten US-Investoren 90 Prozent der Telekommunikation und Stromversorgung, 50 Prozent der Zugverbindungen und 40 Prozent der Rohrzuckerproduktion.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Der interessierte Leser kann sich leicht vorstellen, dass von den enormen Ertr&auml;gen nur ein kleiner Teil bei der kubanischen Bev&ouml;lkerung verblieb. Kuba hatte sich zu einem Magneten f&uuml;r US-Investitionen in unmittelbarer N&auml;he des amerikanischen &bdquo;Heartland&ldquo; einwickelt, den die USA nicht kampflos bereit waren, aufzugeben.<\/p><p>W&auml;hrend in Kuba der Status Quo nach der gescheiterten Revolution von 1898 aufrechterhalten werden konnte, schien sich in Haiti zun&auml;chst eine Art vormoderne Demokratie zu entwickeln, in der freilich nur die mulattischen Nachfahren der europ&auml;ischen Eroberer bestimmten. Dieses System war als eine Art Divide et Impera gedacht, das einen Ausgleich zwischen der &ouml;konomisch reichen Schicht der europ&auml;ischen Nachfahren und den oftmals von Schwarzen dominierten Offiziersr&auml;ngen erm&ouml;glichen sollte. Das System scheiterte, was zur zwischenzeitlichen Teilung des Landes in eine Nord- und S&uuml;dh&auml;lfte f&uuml;hrte. Nach der gewaltsamen Wiedervereinigung Haitis 1822 wurde das Land, bis in das 20. Jahrhundert hinein, durch eine &bdquo;politique de doublure&ldquo; dominiert, bei der die Machtverh&auml;ltnisse alles andere als klar waren. Die National Party, die von Schwarzen, vornehmlich aus dem Milit&auml;r, dominiert wurde, und die Liberal Party der urbanen Eliten fochten best&auml;ndig auf blutige Weise die Macht im kleinen Haiti aus. Nachdem es 1915 zu schwersten Unruhen kam, entschlossen sich die USA, milit&auml;risch einzugreifen und errichteten bis 1934 eine amerikanische Administration auf der Insel. Die Amerikaner f&uuml;rchteten eine m&ouml;gliche Einflussnahme durch europ&auml;ische M&auml;chte auf Haiti und den damit einhergehenden Verlust des freien Zugangs zum Panama-Kanal.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<\/p><p>W&auml;hrend Kuba f&uuml;r die US-Administration, auf Grund der hohen Direktinvestments, h&ouml;chste Priorit&auml;t besa&szlig;, wurde Haiti lediglich als Interessenziel zweiter Klasse angesehen. So unterhielten die USA erst ab 1862 diplomatische Beziehungen zum Staat Haiti. Die amerikanischen Plantagenbesitzer der S&uuml;dstaaten waren zutiefst beunruhigt &uuml;ber den erfolgreichen Aufstand der schwarzen haitianischen Sklaven und versuchten erfolgreich, die US-Regierung dazu zu bringen, &bdquo;die Revolution, die nicht sein durfte, die undenkbar schien&ldquo;, m&ouml;glichst zu verschweigen und bis zur Sezession der S&uuml;dstaaten 1862 nicht anzuerkennen.[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] Trotz des geringen &bdquo;Zugriffs&ldquo; der Amerikaner auf Haiti wurden in den Inselstaat Mitte des 19. Jahrhunderts mehr G&uuml;ter exportiert als in jeden anderen Staat Lateinamerikas.[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] Die amerikanisch-haitianischen Wirtschaftsbeziehungen hatten also nicht den Charakter von Investition und Ausbeutung wie in Kuba, sondern waren gr&ouml;&szlig;tenteils, mit Ausnahme von Investitionen in Infrastruktur, rein handelsbasiert. Die Handelsbeziehungen waren jedoch keine Beziehungen unter Gleichen. Es hatte sich, aufgrund der internationalen Isolation Haitis &ndash; abgesehen von Frankreich und den USA &ndash; eine merkantilistische Wirtschaftsordnung entwickelt, die die USA stark bevorteilte.[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] Diese Art von &bdquo;Partnerschaft&ldquo; beschr&auml;nkte sich keineswegs nur auf Haiti, sondern stellte die wirtschaftspolitische Strategie f&uuml;r den gesamten Karibikraum dar.[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<\/p><p>W&auml;hrend auf Kuba der Reichtum f&uuml;r amerikanische Investoren und lokale Eliten bis zur sozialistischen Revolution 1959 stetig vermehrt werden konnte, stellt sich die &ouml;konomische Situation in Haiti seit der Unabh&auml;ngigkeit 1804 schwieriger dar. Eine Landverteilung, vergleichbar mit Maos &bdquo;Gro&szlig;em Sprung nach vorn&ldquo;, sorgte daf&uuml;r, dass die Produktivit&auml;t der Agrarproduktion rasch sank.[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] Die nun kleinteiligen Plantagen wurden haupts&auml;chlich f&uuml;r den einheimischen Konsum genutzt, w&auml;hrend die Exportmengen drastisch abnahmen. Im Wesentlichen &auml;nderte auch das &bdquo;Engagement&ldquo; der Amerikaner und deren Unterst&uuml;tzung von wechselnden autorit&auml;ren Regimen, bis zu den ersten freien Wahlen 1990, nichts an der &ouml;konomischen Misere. Haiti ist bis heute eines der &auml;rmsten L&auml;nder der Welt.<\/p><p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die wirtschaftliche Armut Haitis sind mannigfaltig, ebenso wie f&uuml;r den relativen Reichtum Kubas, und k&ouml;nnen hier selbstverst&auml;ndlich nicht vollst&auml;ndig abgehandelt werden. Nach dem Versuch einer historisch-politischen Einordnung beider L&auml;nder mit ihren jeweiligen kolonialen bzw. postkolonialen Vergangenheiten, stechen einige Gr&uuml;nde heraus. Auf Kuba konnte durch die Kontinuit&auml;t der Regime bis zur sozialistischen Revolution eine kapitalistische Plantagenwirtschaft &ndash; durchaus auf neuestem technischen Stand mit zus&auml;tzlichen industriellen und touristischen Sektoren &ndash; aufrechterhalten werden, w&auml;hrend auf Haiti die Umverteilung von Land, als Versuch, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, dauerhaft scheiterte. Nat&uuml;rlich spielen neben einem verfehlten wirtschaftlichen Konzept auch st&auml;ndige Unruhen und Umsturzversuche verschiedener, um die Macht ringender Einflussgruppen eine tragende Negativrolle. Ausl&auml;ndische Hilfe, etwa durch die USA oder Frankreich, konnte nicht erwartet werden, da diese den kleinen Staat nur als Absatzmarkt ihrer eigenen &Ouml;konomien sowie als geopolitische Interessenssph&auml;re betrachteten. Naturkatastrophen, wie Erdbeben und &Uuml;berschwemmungen, taten ihr &Uuml;briges zur katastrophalen Lage.<\/p><p>Auf Kuba hingegen konnte die sozialistische Regierung ab 1959 auf Mittel zur&uuml;ckgreifen, die Haiti niemals besa&szlig;. Mittels einer modernen Landwirtschaft, industriellen Anlagen, gut ausgebildeten Fachkr&auml;ften sowie der technisch-wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der UdSSR konnte das Land seinen relativen Wohlstand halten und in den folgenden Jahrzehnten weiter ausbauen. M&ouml;chte man also aus heutiger Perspektive einen Systemvergleich beider L&auml;nder anstellen, d&uuml;rfen diese historischen Entwicklungen keinesfalls unber&uuml;cksichtigt bleiben. Der Westen muss sich angesichts des &bdquo;failed state&ldquo; Haiti dennoch die Frage gefallen lassen, wieso trotz intensiver entwicklungspolitischer Hilfen seit vielen Jahrzehnten &ndash; Haiti hat die gr&ouml;&szlig;te Dichte an NGOs weltweit &ndash; das Land weiter in einem unm&ouml;glichen Zustand verharrt und das, obwohl Haiti nach wie vor als Partner der westlichen Welt gesehen wird.<\/p><p>Anhand verschiedener empirischer Daten wird das ganze Ausma&szlig; der divergierenden Entwicklung Kubas und Haitis deutlich. So befindet sich etwa das Pro-Kopf-Einkommen (real in Landesw&auml;hrung wie auch in US-Dollar) in Haiti im Jahr 2020 ($ 1188) 10 Prozent unterhalb des Wertes von 1970.[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] Dieselben Daten zeigen f&uuml;r Kuba einen Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen von 200 Prozent (auf $ 6804) seit dem Jahr 1970.<\/p><p>Betrachtet man die Inflationsraten beider L&auml;nder, so f&auml;llt auf, dass Kuba, bis auf kurze Episoden in den 90er und 00er Jahren, moderate Raten von 0 bis 5 Prozent aufweist. In Haiti ist die Lage zu vielen Zeitpunkten dramatisch. Nicht nur liegt die Inflationsrate im Durchschnitt bei mindestens 10 Prozent, es gibt auch h&auml;ufig extreme Spitzen nach oben mit bis zu 92 Prozent, so etwa im Jahr 2000.[<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]<\/p><p>Die Entwicklung der Handelsbilanzen ist in beiden L&auml;ndern besorgniserregend. In Kuba lag das Handelsbilanzdefizit in den 2010er Jahren best&auml;ndig zwischen minus 5 Prozent und minus 9 Prozent.[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] In Haiti lagen die Zahlen im selben Zeitraum zwischen minus 18 Prozent und minus 25 Prozent.[<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] Beide L&auml;nder haben demnach massive Probleme, erfolgreich am Welthandel teilzunehmen, und k&ouml;nnen einen Gro&szlig;teil ihrer dringend ben&ouml;tigten Waren nicht selbst fertigen.<\/p><p>Erfreulich ist Lage am Arbeitsmarkt f&uuml;r Kuba mit nur 3,8 Prozent Arbeitslosigkeit im Jahr 2020. Das Land konnte seine Arbeitslosenquote von &uuml;ber 8 Prozent in den 1990er Jahren best&auml;ndig senken. In Haiti stieg die Quote von ca. 7 Prozent in 90ern auf bis zu 16,8 Prozent im Jahr 2007, mit leicht sinkender Tendenz.[<a href=\"#foot_22\" name=\"note_22\">22<\/a>]<\/p><p>Die Lebenserwartung liegt im Jahr 2019 auf Kuba bei, mit westlichen L&auml;ndern vergleichbaren, 78 Jahren.[<a href=\"#foot_23\" name=\"note_23\">23<\/a>] Auf Haiti erreichen die Menschen im Durchschnitt lediglich 64 Lebensjahre.[<a href=\"#foot_24\" name=\"note_24\">24<\/a>] Die Daten zeigen, dass seit 1960 die Lebenserwartung in Haiti um 23 Jahre und in Kuba um 15 Jahre gestiegen ist. Angesichts von Krisen und des R&uuml;ckgangs des Pro-Kopf-Einkommens in Haiti scheint diese Entwicklung eher auf anhaltender Entwicklungshilfe als auf eigenen Fortschritten zu basieren. Darauf deuten auch die Daten der Gesundheitsausgaben in Relation zum BIP hin.[<a href=\"#foot_25\" name=\"note_25\">25<\/a>] W&auml;hrend in Kuba im Jahr 2018 ca. 11 Prozent des BIPs f&uuml;r Gesundheit aufgewendet wurden, waren es auf Haiti nur ca. 7,5 Prozent, was praktisch keine Verbesserung seit den 1990er Jahren bedeutet. Die Pro-Kopf-Ausgaben in laufender US-W&auml;hrung weisen auf dasselbe Bild hin.[<a href=\"#foot_26\" name=\"note_26\">26<\/a>]<\/p><p>Ein &auml;hnliches Bild ergibt sich bei der Bildung. K&ouml;nnen 99,75 Prozent der Menschen &uuml;ber 15 Jahre auf Kuba lesen und schreiben, so liegt der Wert in Haiti bei nur 61,7 Prozent.[<a href=\"#foot_27\" name=\"note_27\">27<\/a>] Diese Werte sind keine &Uuml;berraschung. So liegen die Bildungsausgaben in Relation zum BIP auf Haiti nur bei 2,8 Prozent im Jahr 2018, auf Kuba hingegen bei 12,7 Prozent im Jahr 2010.[<a href=\"#foot_28\" name=\"note_28\">28<\/a>] Auf Haiti konnten sich die Ausgaben seit den 1990er Jahren zumindest verdreifachen, w&auml;hrend sie sich auf Kuba, aufgrund des h&ouml;heren Startniveaus, nur verdoppelten.<\/p><p>Der CPI (Corruption Perceptions Index) gibt an, wie stark die von der Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hlte Korruption bei Beamten und Politikern ist. Kuba liegt hierbei im oberen positiven Drittel aller Staaten weltweit (Platz 63 von 180), Haiti auf Platz 170 von 180.[<a href=\"#foot_29\" name=\"note_29\">29<\/a>] [<a href=\"#foot_30\" name=\"note_30\">30<\/a>] Angesichts der h&auml;ufigen Meldungen &uuml;ber versickernde Hilfsgelder in Haiti ist dies keine gro&szlig;e &Uuml;berraschung.<\/p><p>Der Autor k&ouml;nnte noch unz&auml;hlige weitere Indikatoren benennen, die eine generell schlechte Lage in beiden L&auml;ndern aufzeigen. Im Vergleich zu Haiti, dessen Bev&ouml;lkerung in ihrer Geschichte praktisch nie auch nur zu einem moderaten Wohlstand gelangte, steht Kuba vergleichsweise gut da. Die kubanische Regierung konnte den Schock der 1990er Jahre, die Aufl&ouml;sung der UdSSR, letztlich gut &uuml;berstehen und sich in vielen Bereichen deutlich verbessern. Haiti hingegen ist nach wie vor, trotz fr&uuml;her Unabh&auml;ngigkeit und langer Zugeh&ouml;rigkeit zur westlichen Einflusssph&auml;re, einer der &auml;rmsten Staaten der Welt und wird es auch auf absehbare Zeit bleiben. Letztlich ist das Scheitern von Staaten wie Haiti auch ein Ausweis des Scheiterns der westlichen Welt in &ouml;konomischen, aber auch in menschlichen Belangen. Niemand in den Amtsstuben von Berlin, Paris oder Washington sollte sich &uuml;ber den &Uuml;berdruss am Westen und die Ann&auml;herung an andere Systeme wundern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Mires, Fernando 1978: Kuba: Die Revolution ist keine Insel. Berlin, S. 31ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vgl. San Jose State University; <a href=\"https:\/\/www.sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm\">sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Baedeker Allianz Reisef&uuml;hrer: Kuba, Baedeker, 3. Auflage, Stuttgart 1999\/2000, S.48; bei books.google.de auffindbar<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. Torres-Cuevas, Eduardo. En busca de la cubanidad. Vol. I [In Search for Cubanhood]. La Habana: Ciencias Sociales, 2006<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] The deep, historical roots of Cuban anti-imperialism, Third World Quarterly, September 2017, S.4; DOI:10.1080\/01436597.2017.1374171<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Vgl. Bevans, C.I., ed. &ldquo;The Platt Amendment&rdquo;in Treaties and Other International Agreements of the United States of America, 1776-1949, vol. 8. Washington, D.C.: United States Government Printing Office, 1971<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] The deep, historical roots of Cuban anti-imperialism, Third World Quarterly, September 2017, S.5; DOI:10.1080\/01436597.2017.1374171<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Vgl. Instituto de Historia de Cuba. Historia de Cuba. La neocolonia [History of Cuba: The neocolony]. La Habana, Editora Pol&iacute;tica, 1998<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Williams, William A. The Roots of the Modern American Empire: A Study of the Growth and Shaping of Consciousness in a Marketplace Society. New York: Random House, 1969; S.5<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Lieuwen, Edwin. U. S. Policy in Latin America: A Short History. New York: Frederick A. Praeger, 1965; S.33<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] US Department of Commerce. Investment in Cuba: Information for United States Businessmen, Washington, DC: GPO, 1956; S.10<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Vgl. San Jose State University; <a href=\"https:\/\/www.sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm\">sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Reinhardt, Thomas. &ldquo;200 Years of Forgetting: Hushing up the Haitian Revolution.&rdquo; Journal of Black Studies 35 (2005): 246-261. S.250<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Farmer, Paul. The Uses of Haiti. Maine: Common Courage Press, 2006. S.51<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Plummer, Brenda Gayle. Haiti and the United States: The Psychological Moment. Athens: The University of Georgia Press, 1992. S.40<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] ebd. S.12<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Vgl. <a href=\"https:\/\/www.sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm\">sjsu.edu\/faculty\/watkins\/haiti.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.PCAP.KN?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.PCAP.KN?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.DEFL.KD.ZG?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.DEFL.KD.ZG?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/472816\/umfrage\/handelsbilanz-vonkuba\/\">de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/472816\/umfrage\/handelsbilanz-vonkuba\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.theglobaleconomy.com\/Haiti\/Trade_balance\/\">de.theglobaleconomy.com\/Haiti\/Trade_balance\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_22\" name=\"foot_22\">&laquo;22<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SL.UEM.TOTL.ZS?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SL.UEM.TOTL.ZS?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_23\" name=\"foot_23\">&laquo;23<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SP.DYN.LE00.IN?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SP.DYN.LE00.IN?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_24\" name=\"foot_24\">&laquo;24<\/a>] ebd.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_25\" name=\"foot_25\">&laquo;25<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SH.XPD.CHEX.GD.ZS?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SH.XPD.CHEX.GD.ZS?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_26\" name=\"foot_26\">&laquo;26<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SH.XPD.CHEX.PC.CD?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SH.XPD.CHEX.PC.CD?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_27\" name=\"foot_27\">&laquo;27<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SE.ADT.LITR.ZS?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SE.ADT.LITR.ZS?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_28\" name=\"foot_28\">&laquo;28<\/a>] <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/SE.XPD.TOTL.GD.ZS?locations=CU-HT\">data.worldbank.org\/indicator\/SE.XPD.TOTL.GD.ZS?locations=CU-HT<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_29\" name=\"foot_29\">&laquo;29<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/594953\/umfrage\/wahrgenommenekorruption-in-kuba\/\">de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/594953\/umfrage\/wahrgenommenekorruption-in-kuba\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_30\" name=\"foot_30\">&laquo;30<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/594666\/umfrage\/wahrgenommenekorruption-in-haiti\/\">de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/594666\/umfrage\/wahrgenommenekorruption-in-haiti\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anregung eines NachDenkSeiten-Lesers entsprechend baten wir um einen Vergleich der Entwicklung von Haiti und Kuba. Es gab mehrere Angebote. Hier ist der Text von <strong>Michael Steinhauser<\/strong>, der sich als erster gemeldet hatte. Steinhauser arbeitet wissenschaftlich im Bereich Entwicklungspolitik. Vielen Dank f&uuml;r die M&uuml;he.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,126,20,132,30],"tags":[881,430,1487,380,1043,978,499,2196,365,1792,1368,2217,2956,564,1556],"class_list":["post-74537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-armut","tag-bildungsausgaben","tag-entwicklungshilfe","tag-export","tag-frankreich","tag-haiti","tag-handelsbilanz","tag-indigene-voelker","tag-inflation","tag-kolonialismus","tag-kuba","tag-lebenserwartung","tag-sklaverei","tag-spanien","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74537"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74542,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74537\/revisions\/74542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}