{"id":74546,"date":"2021-07-23T09:10:15","date_gmt":"2021-07-23T07:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74546"},"modified":"2021-07-23T09:48:43","modified_gmt":"2021-07-23T07:48:43","slug":"geniale-betrueger-der-journalist-felix-holtermann-hat-in-einem-lesenswerten-buch-den-skandal-rund-um-den-zahlungsdienstleister-wirecard-aufgearbeitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74546","title":{"rendered":"\u201eGeniale Betr\u00fcger\u201c \u2013 der Journalist Felix Holtermann hat in einem lesenswerten Buch den Skandal rund um den Zahlungsdienstleister Wirecard aufgearbeitet"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit: Zusammenbruch eines Dax-Konzerns in nur sieben Tagen, der Vorstandsvorsitzende im Gef&auml;ngnis, ein Vorstand auf der Flucht, in der Bilanz ein Loch von rund 1,9 Milliarden Euro, &uuml;ber 3,2 Milliarden Euro Schaden bei den Gl&auml;ubigern, der B&ouml;rsenwert von rund 24 Milliarden Euro verdampft, Anleger get&auml;uscht, Pr&uuml;fer und Aufseher blamiert, das Vertrauen in den deutschen Finanzplatz ersch&uuml;ttert. Die Rede ist von der Pleite des Zahlungsabwicklers Wirecard, der vor gut einem Jahr Insolvenz anmeldete. Der &bdquo;Handelsblatt&ldquo;-Journalist Felix Holtermann hat nun in dem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/geniale-betrueger.html?listtype=search&amp;searchparam=Felix%20Holtermann%20geniale%20betr%C3%BCger\">Geniale Betr&uuml;ger &ndash; Wie Wirecard Politik und Finanzsystem blo&szlig;stellt<\/a>&ldquo; den Skandal rund um den Zahlungsdienstleister aufgearbeitet. Holtermann besch&auml;ftigt sich bereits seit 2019 intensiv mit Wirecard und ist einer der wenigen Journalisten, die den fl&uuml;chtigen Asienvorstand Jan Marsalek pers&ouml;nlich getroffen haben. Auf die Frage, wie der Fall Wirecard &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich werden konnte, hat er eine klare Antwort: &bdquo;Betrogen wurde ein System, das betrogen werden wollte.&ldquo; Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDenn alle machten mit: Anleger, Aufseher, Banker, B&ouml;rsen, Journalisten und Politiker. Alle wollten sich im Glanz des Unternehmens sonnen. Wirecard war der neue Hoffnungstr&auml;ger, die deutsche Antwort auf das Silicon Valley, eine neue SAP. &bdquo;Die Old Economy Deutschland, das Land der Autobauer und Schraubenh&auml;ndler, gierte nach einem globalen, digitalen Finanzwunder &ndash; und schien es mit Wirecard gefunden zu haben&ldquo;, schreibt Holtermann. (S.16)<\/p><p><strong>Anf&auml;nge in der Porno- und Gamblingbranche<\/strong><\/p><p>Wirecard war ein internationaler Player im Gesch&auml;ft mit elektronischen Geldtransfers. In den Anfangsjahren stammten die Kunden vor allem aus der Porno- und der Gambling-Industrie, sp&auml;ter kamen &bdquo;seri&ouml;sere&ldquo; Adressen wie der Discounter Aldi oder die &Ouml;sterreichische Bundesbahn hinzu. Wirecard wies offiziell phantastische Wachstumsraten aus. Doch sp&auml;testens 2015, wahrscheinlich aber schon viel fr&uuml;her, wurden die Bilanzen frisiert, am Ende fehlten 1,9 Milliarden Euro. Parallel dazu hatte Wirecard auch noch ein massives Geldw&auml;scheproblem. &bdquo;Wie gro&szlig; genau es war, ist noch l&auml;ngst nicht aufgearbeitet&ldquo;, betont Holtermann. (S.119)<\/p><p>Dabei ist es keineswegs so, dass die illegalen Machenschaften nicht bemerkt worden w&auml;ren. Dem Shortseller Tobias Bosler fiel bereits 2008 auf, dass bei Wirecard trotz der damals h&auml;rter werdenden Gangart der US-Beh&ouml;rden gegen das dortige Online-Poker- und -Gl&uuml;cksspielgesch&auml;ft die Gewinne einfach weiter stiegen. Bosler witterte Betrug. Ein paar Jahre sp&auml;ter nahmen dann der Finanzjournalist Heinz-Roger Dohms und Analyst Thomas Borgwerth in einem <a href=\"https:\/\/www.manager-magazin.de\/digitales\/it\/wirecard-das-250-millionen-euro-raetsel-des-zahlungsdienstleisters-a-1135587.html\">Beitrag f&uuml;r das &bdquo;Manager-Magazin&ldquo; die Wirecard-Bilanz des Jahres 2015 auseinander<\/a>. Die beiden sprachen damals schon von einem &bdquo;250-Millionen-Euro-R&auml;tsel des Zahlungsdienstleisters&ldquo;. (S. 47)<\/p><p><strong>Kritiker werden bedroht<\/strong><\/p><p>Doch Kritiker wie Bosler und Dohms drangen nie wirklich durch. Ein Grund daf&uuml;r war Wirecards aggressive Abwehrstrategie. &bdquo;Wie interne E-Mails und Honoraraufstellungen nach dem Untergang belegten, arbeitete eine ganze Armada an Beratern und Kanzleien im Auftrag des Konzerns daran, Kritiker anzuschw&auml;rzen und Wirecard in ein besseres Licht zu stellen&ldquo;, schreibt Holtermann. (S. 93) Der Brite Fraser Perring etwa, den Holtermann als den &bdquo;effektivsten Kritiker&ldquo; des Konzerns bezeichnet, hat eigenen Angaben zufolge 393 Todesdrohungen wegen Wirecard erhalten. Und der bereits erw&auml;hnte Bosler wurde in seinem B&uuml;ro sogar von einem Schl&auml;gertrupp aufgesucht. &bdquo;Die waren schwarz angezogen, hatten das Hemd aufgekn&ouml;pft und die &Auml;rmel hochgekrempelt, Brusthaare raus, Goldkette.&ldquo; (S. 84)<\/p><p>Doch wer sind die handelnden Charaktere, die all dies in Gang gesetzt haben? Was besch&auml;ftigt sie? Was treibt sie an? Wirecard-Chef Braun gab sich gerne als Vision&auml;r und konnte vor allem Anleger begeistern, auf Mitarbeiter wirkte er aber auch unnahbar, bisweilen gar autistisch. Marsalek indes hinterlie&szlig; bei Holtermann bei ihrem Treffen in M&uuml;nchen im Februar 2020 einen r&auml;tselhaften Eindruck. Der Asienvorstand unterhielt zudem enge Kontakte ins Geheimdienstmilieu und gab sich gerne als Lebemann. &bdquo;Der junge Vorstand gibt das Geld aus, als k&ouml;nne er es selbst drucken.&ldquo; (S. 44) Die &uuml;brigen Wirecard-Manager beschreibt Holtermann als &bdquo;langgedient, unkritisch und dem &uuml;berm&auml;chtigen Chef treu ergeben&ldquo;. (S. 76)<\/p><p><strong>Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander<\/strong><\/p><p>Offenbar klafften auf der F&uuml;hrungsebene des Konzerns Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. W&auml;hrend sich Wirecard nach au&szlig;en stets als hochinnovatives Unternehmen feierte, basierte das zentrale IT-System der Wirecard Bank bis zum Schluss auf einer jahrzehntealten L&ouml;sung des fr&uuml;heren Volksbankendienstleisters GAD. Zudem legte Braun in seiner Art, das Unternehmen zu f&uuml;hren, eine &bdquo;seltsame Unwucht&ldquo; an den Tag, wie Holtermann bemerkt. &bdquo;Operatives Gesch&auml;ft, Technologie und Produktentwicklung interessieren ihn kaum. Geradezu obsessiv k&uuml;mmert er sich stattdessen ums Finanzielle und um die Au&szlig;endarstellung.&ldquo; (S.37). Unter dem Strich wurde Wirecard selbst nach dem Aufstieg in den Dax im Jahr 2018 noch gef&uuml;hrt &bdquo;wie ein kleiner Mittelst&auml;ndler&ldquo;.<\/p><p>Klar ist heute auch, dass der Wirecard-Skandal erst durch das kollektive Versagen vieler Akteure m&ouml;glich wurde. Die gr&ouml;&szlig;ten Fehlleistungen verortet Holtermann jedoch bei der Finanzaufsicht Bafin. &bdquo;Statt das zu beaufsichtigende Unternehmen kritisch unter die Lupe zu nehmen, geb&auml;rden sich die Finanzaufseher zunehmend als Hilfstruppen Wirecards.&ldquo; (S. 212) Das Leerverkaufsverbot f&uuml;r die Wirecard-Aktie, die Anzeige gegen &bdquo;Financial Times&ldquo;-Reporter Dan McCrum, dessen Recherchen das &bdquo;L&uuml;gengeb&auml;ude&ldquo; rund um Wirecard erst zum Einsturz brachten, wie auch die Einstufung von Wirecard als Technologieunternehmen &ndash; all diese Entscheidungen der Bafin erwiesen sich als fatal.<\/p><p><strong>Fehlleistungen der Bafin<\/strong><\/p><p>Und als w&auml;re dies nicht schon genug, delegierte die Bafin die Pr&uuml;fung der Wirecard-Bilanz auch noch an die privatrechtlich organisierte Deutsche Pr&uuml;fstelle f&uuml;r Rechnungslegung (DPR), in der Finanzbranche auch Bilanzpolizei genannt. Die DPR war urspr&uuml;nglich von der Wirtschaft gegr&uuml;ndet worden, um einer strengeren staatlichen Regulierung zuvorzukommen. Die &bdquo;Bilanzpolizisten&ldquo; waren jedoch mit dem Fall Wirecard komplett &uuml;berfordert. Die Pr&uuml;fung dauerte gut 15 Monate, selbst bei der Insolvenz von Wirecard lag immer noch kein Abschlussbericht vor. &bdquo;Die Selbstregulierung der Wirtschaft hat komplett versagt&ldquo;, konstatiert Holtermann. (S.224)<\/p><p>Versagt haben auch die Wirtschaftspr&uuml;fer von Ernst &amp; Young (EY), die zehn Jahre lang ihre Unterschrift unter erfundene Zahlen setzten, wie auch die Banken samt ihrer Aktienanalysten. Ein besonders schlagendes Beispiel ist hier die fr&uuml;here Commerzbank-Analystin Heike Pauls, laut Holtermann ein &bdquo;beinharter Groupie von Wirecard-Chef Markus Braun&ldquo;. Pauls brandmarkte in ihren Reports negative Presseartikel &uuml;ber Wirecard gerne als &bdquo;Fake News&ldquo;, und &bdquo;Financial Times&ldquo;-Journalist McCrum, der entscheidende Mann bei der Aufdeckung des Wirecard-Skandals, wurde von ihr sogar als &bdquo;Serient&auml;ter&ldquo; bezeichnet. (S. 204) <\/p><p>Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bekommen ihr Fett weg. Schlie&szlig;lich sind ihre Ministerien f&uuml;r die Wirtschaftspr&uuml;feraufsicht Apas und die Finanzaufsicht Bafin zust&auml;ndig und damit auch f&uuml;r deren Versagen in der Wirecard-Aff&auml;re. Neben Altmaier und Scholz waren aber auch noch andere Politiker und Ex-Politiker in den Fall verwickelt, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der fr&uuml;here Ministerpr&auml;sident Schleswig-Holsteins, Harry Carstensen, der ehemalige Erste B&uuml;rgermeister Hamburgs, Ole von Beust, und nicht zuletzt CDU-Politiker Friedrich Merz.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Die Liste all der Pleiten, Pech und Pannen rund um den Wirecard-Skandal kann im Rahmen einer Rezension bei weitem nicht ersch&ouml;pfend dargestellt, ja bestenfalls nur angerissen werden. Wer also mehr erfahren m&ouml;chte, dem sei unbedingt die Lekt&uuml;re dieses Buchs empfohlen. Denn Holtermann ist es gelungen, all die Bruchst&uuml;cke und Einzelteile des Skandals zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuf&uuml;gen. Insofern d&uuml;rfte das Buch vor allem denjenigen, die den Skandal bislang nur scheibchenweise &uuml;ber den ein oder anderen Medienbericht verfolgt haben, noch einmal ganz neue Einblicke bieten.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus dr&auml;ngt sich die Frage auf, ob in dem Wirecard-Skandal nicht auch ein allgemeines Muster sichtbar wird, anhand dessen man Betrug, T&auml;uschung und Manipulation erkennen kann. So war der Fall Wirecard gepr&auml;gt von Unstimmigkeiten und Widerspr&uuml;chen (Zahlen in der Bilanz passten nicht zusammen), von Intransparenzen (die meisten der mit Wirecard befassten Personen d&uuml;rften das Gesch&auml;ftsmodell erst gar nicht verstanden haben), von einem aggressiven und r&uuml;den Umgang mit Kritikern sowie von einem Management, das seine Energie vor allem in den Aufbau einer sch&ouml;nen Fassade gesteckt hat. Wenn also mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, dann sollte man genauer hinschauen. Denn &bdquo;geniale Betr&uuml;ger&ldquo; sind sicher nicht nur bei Wirecard zu finden.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/db33fb3c4871405ba15e21f19008d646\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit: Zusammenbruch eines Dax-Konzerns in nur sieben Tagen, der Vorstandsvorsitzende im Gef&auml;ngnis, ein Vorstand auf der Flucht, in der Bilanz ein Loch von rund 1,9 Milliarden Euro, &uuml;ber 3,2 Milliarden Euro Schaden bei den Gl&auml;ubigern, der B&ouml;rsenwert von rund 24 Milliarden Euro verdampft, Anleger get&auml;uscht, Pr&uuml;fer und Aufseher blamiert,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74546\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":74547,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,136,208],"tags":[287,3104,544,2914,2717],"class_list":["post-74546","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-oekonomie","category-banken-boerse-spekulation","category-rezensionen","tag-bafin","tag-holtermann-felix","tag-insolvenz","tag-wirecard","tag-wirtschaftskriminalitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/210723_wirecard_Buch.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74546","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74546"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74546\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74555,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74546\/revisions\/74555"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74547"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}