{"id":74590,"date":"2021-07-24T14:00:14","date_gmt":"2021-07-24T12:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74590"},"modified":"2021-07-26T12:05:17","modified_gmt":"2021-07-26T10:05:17","slug":"diktatur-und-mobilfunk-in-myanmar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74590","title":{"rendered":"Diktatur und Mobilfunk in Myanmar"},"content":{"rendered":"<p>Der norwegische Mobilfunkbetreiber hat letzte Woche sein Netz in Myanmar an eine libanesische Firma verkauft und will sich aus dem Land zur&uuml;ckziehen. Die Gr&uuml;nde hierf&uuml;r sind vielf&auml;ltig. Seit dem Putsch am 1. Februar dieses Jahres hat sich die Situation in Myanmar dramatisch ver&auml;ndert. F&uuml;r Telenor geht es aber nicht nur um Profiteinbu&szlig;en, es geht auch um die Sicherheit seiner eigenen Mitarbeiter vor Ort und um ethische Prinzipien, die nach Einsch&auml;tzung der Gesch&auml;ftsleitung den weiteren Verbleib angesichts der neuen Forderungen der Junta in Myanmar unm&ouml;glich machen. Von <strong>Marco Wenzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie viele andere Firmen auch, hatte sich Telenor vom Schein tr&uuml;gen lassen und geglaubt, Myanmar sei endlich auf dem Weg zu einer Demokratie und lie&szlig; sich daher von hohen Gewinnerwartungen im Rahmen des Aufbaus des Mobilfunknetzes in Myanmar blenden. Die Geschichte h&ouml;rte sich ja auch gut an und alle Welt wollte daran glauben. Das Milit&auml;r schien willens zu sein, die Macht an eine Zivilregierung abzugeben und der von der Friedensnobelpreistr&auml;gerin Aung Suu Kyi im Jahre 1988 gegr&uuml;ndeten Partei NLD die Regierungsmacht zu &uuml;bergeben. Es war fast zu sch&ouml;n, um wahr zu sein, 43 Jahre Milit&auml;rdiktatur schienen zu Ende zu gehen. Wer aber genauer hinsah, der konnte erkennen, dass das Parlament in Myanmar von Anfang an nur ein Scheinparlament war und dass die eigentliche Macht in Verwaltung und Wirtschaft nach wie vor noch beim Milit&auml;r lag. Jetzt zieht Telenor sich mit Verlust aus dem Myanmargesch&auml;ft zur&uuml;ck.<\/p><p>Es gibt zurzeit viele Gr&uuml;nde f&uuml;r Menschen, die das noch tun k&ouml;nnen, Myanmar zu verlassen. F&uuml;r ihren R&uuml;ckzug aus dem Land gibt Telenor die nachfolgenden drei Gr&uuml;nde an: <\/p><p><strong>1. Die wirtschaftliche Lage<\/strong><\/p><p>Das Internet wurde in Myanmar erst im Jahre 2000 eingef&uuml;hrt und es gab von Anfang an Bestrebungen des Milit&auml;rs, kritische Seiten zu blockieren. Aber seit 2000 ist der Sektor f&uuml;r Internet und Mobilfunk trotzdem im Aufwind. Telenor ist seit Beginn 2014 in Myanmar aktiv. Ein komplett neues Netz musste aufgebaut werden. Telenor hat hunderte Millionen US-Dollar darin investiert.<\/p><p>Telenor geh&ouml;rt neben Ooredoo, der staatlichen MPT und Mytel, einem Gemeinschaftsunternehmen der vietnamesischen Gesellschaft Viettel und dem Milit&auml;r, zu den vier gro&szlig;en Mobilfunkanbietern in Myanmar. Heute hat Telenor rund 18 Millionen Kunden und bedient damit ein Drittel der 54 Millionen Einwohner des Landes. Seit dem Milit&auml;rputsch schreibt das Unternehmen rote Zahlen. <\/p><p>Die Mobilfunkbetreiber in Myanar wurden nach dem Putsch gezwungen, den Zugang zu Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram zu sperren, weil diese genutzt wurden, um die Proteste zu organisieren und um Nachrichten &uuml;ber die Repressionsma&szlig;nahmen, den Terror und die Menschenrechtsverletzungen der Tatmadaw in aller Welt &ouml;ffentlich zu machen. Mitte M&auml;rz wurden die Internetanbieter, zu denen auch Telenor geh&ouml;rt, gezwungen, den Internetzugang ihrer Kunden zu kappen. Der Internetzugang ist bis heute nicht vollst&auml;ndig wiederhergestellt, die Telekommunikationsunternehmen erhalten regelm&auml;&szlig;ig von der Junta Listen mit zu sperrenden Websites und Telefonnummern von Aktivisten.<\/p><p>Telenor hatte ein erfolgreiches Gesch&auml;ft in Myanmar aufgebaut. Jetzt verkaufte es sein Gesch&auml;ft an die libanesische Investmentfirma M1 Group f&uuml;r 105 Mio. USD, weit unter dem gesch&auml;tzten Wert von 650 Millionen USD, und k&uuml;ndigte seinen R&uuml;ckzug aus dem Land an. Es wird spekuliert, dass M1 das Mobilfunknetz an eine russische oder eine chinesische Firma weiterverkaufen k&ouml;nnte. China und Russland unterhalten enge Beziehungen zur Milit&auml;rjunta und haben sich bisher stets geweigert, den Putsch zu verurteilen.<\/p><p><strong>2. Die Sicherheit der Angestellten<\/strong><\/p><p>Den F&uuml;hrungskr&auml;ften der gro&szlig;en Telekommunikationsfirmen in Myanmar wurde von der Junta verboten, das Land ohne Erlaubnis zu verlassen. Eine Anordnung des Post- und Telekommunikationsministeriums von Mitte Juni besagt, dass leitende Angestellte, sowohl Ausl&auml;nder als auch Staatsangeh&ouml;rige Myanmars, eine Sondergenehmigung einholen m&uuml;ssen, um das Land zu verlassen. Das Verbot soll Druck auf die Telekommunikationsfirmen aus&uuml;ben, eine von der Junta geforderte Spionagetechnologie einzurichten. <\/p><p>F&uuml;r die &Uuml;berwachung der Mobilfunkkunden brauchen die Milit&auml;rs die Mitwirkung der Netzbetreiber und deren Angestellten. Das Ausreiseverbot soll die Angestellten zur Kooperation mit der Junta zwingen. Das Milit&auml;r geht auch t&auml;tlich gegen Mitarbeiter der Mobilfunkunternehmen vor oder bedroht sie, wenn sie sich weigern, ihre Anordnungen auszuf&uuml;hren. Manche Mitarbeiter, so wird berichtet, wurden auch schon festgenommen und verh&ouml;rt. <\/p><p>Ganz allgemein versch&auml;rft sich die Sicherheitslage in Myanmar zunehmend. Das Milit&auml;r hat ein neues Netzwerk pro-milit&auml;rischer und nationalistischer Gruppen gegr&uuml;ndet bzw. wieder reaktiviert, die Pjusawhti. Es handelt sich hierbei um faschistische Hardliner, die Terror unter der Bev&ouml;lkerung verbreiten und einen schmutzigen Krieg gegen die demokratischen Kr&auml;fte f&uuml;hren, die sich dem Putsch widersetzen. Die Pyusawhti kann die n&auml;chtliche Ausgangssperre ignorieren, um ihre Anschl&auml;ge auszuf&uuml;hren, weil es Partner des Milit&auml;rs ist und von der USDP, der Partei des Milit&auml;rs, unterst&uuml;tzt wird. <\/p><p>Das Netzwerk arbeitet mit der Junta zusammen, um Angriffe auszuf&uuml;hren, die darauf abzielen, Terror zu verbreiten und den Ruf der Volksverteidigungskr&auml;fte und anderer Widerstandsgruppen zu beflecken, indem sie versuchen, diese Attentate den Regimegegnern in die Schuhe zu schieben. Zudem sind sie verdeckt als Spitzel t&auml;tig, um Regierungsgegner zu denunzieren. Wenn sie die n&ouml;tigen Informationen bekommen haben, erledigt dann die Tatmadaw den Rest. Die Gruppen sind sehr gef&auml;hrlich und zunehmend seit Mitte Mai aktiv. Auf ihr Konto gehen zahlreiche Bombenattentate auf Schulen, Krankenh&auml;user und sogar auf die NLD-B&uuml;ros in Mandalay und Rangun Mitte Juni sowie zahlreiche T&ouml;tungen von Regierungsgegnern, inklusive von Dorfvorstehern, die zur NLD geh&ouml;ren, und sogar von Abgeordneten der NLD.<\/p><p>Ihnen gegen&uuml;ber stehen zunehmend radikale Gruppen von meist jungen Regierungsgegnern, die in den Untergrund gegangen sind und ihrerseits Anschl&auml;ge auf Polizeiposten und Regierungsgeb&auml;ude ausf&uuml;hren und die auch regelm&auml;&szlig;ig Spitzeln die Kehle aufschlitzen oder regierungstreue Beamte erschie&szlig;en. Entgegen den Pjusawhti oder den Tatmadaw haben diese Gruppierungen jedoch einen Verhaltenskodex und es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine solche Gruppierung, auch wenn sie nicht unter dem Kommando der Parallelregierung NUG steht, Schulen, Krankenh&auml;user oder Einrichtungen der NLD angreifen w&uuml;rde. <\/p><p>Seit dem Putsch hat es bereits mehr als 300 Bombenanschl&auml;ge im Land gegeben. Es wird zunehmend gef&auml;hrlicher in Myanmar, wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, kann schnell mal eine Pechstr&auml;hne haben. <\/p><p>Und dann ist da noch die neue Covid-Welle, die zurzeit komplett aus dem Ruder l&auml;uft. Myanmar scheint auf eine schwere COVID-19-Krise zuzusteuern, die das Land verw&uuml;sten k&ouml;nnte, das Virus unter Kontrolle zu bringen, ist eine Herausforderung, der die Junta und das Gesundheitssystem unter den aktuellen Bedingungen nicht gewachsen sind. &ldquo;Der Junta fehlen die Ressourcen, die F&auml;higkeiten und die Legitimit&auml;t, diese Krise unter Kontrolle zu bringen,&rdquo; sagte der UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r Myanmar, Tom Andrews.<\/p><p>Das Regime in Myanmar hat f&uuml;r diese Woche eine landesweite Abriegelung verh&auml;ngt und gleichzeitig die Anzahl der Feiertage in dieser Woche von zwei auf f&uuml;nf erh&ouml;ht, um die Ausbreitung von COVID-19 einzud&auml;mmen, w&auml;hrend die Zahl der Infektionen und Todesf&auml;lle im Lande weiter ansteigt. Die Junta gab letzten Mittwoch bekannt, dass vom 17. bis 25. Juli offizielle Feiertage sein werden.<\/p><p>Am letzten Mittwoch meldete Myanmar 145 Todesf&auml;lle &ndash; die h&ouml;chste t&auml;gliche Zahl seit dem Milit&auml;rputsch. (&Uuml;ber die Pandemie in Myanmar werden die NachDenkSeiten n&auml;chste Woche noch einen eigenen Beitrag bringen.) <\/p><p>Und als sei das alles noch nicht genug, droht aufgrund der b&uuml;rgerkriegsbedingten Ernteausf&auml;lle dieses Jahres und der fehlenden Einnahmen durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und der Pandemie demn&auml;chst eine Hungersnot.<\/p><p><strong>3. Spionagesoftware und Ethik<\/strong><\/p><p>Bereits zwei Jahre vor dem Putsch, im Januar 2019, kontaktierte das zust&auml;ndige Ministerium die Mobilfunkunternehmen, um die technischen Aspekte der &Uuml;berwachung von Sprache, SMS und Daten zu besprechen. Das Ministerium, damals unter der Regierung der NLD, war mit ehemaligen Milit&auml;roffizieren besetzt und stellte 6,19 Mrd. Kyat (etwa 3,2 Mio &euro;) im Budget f&uuml;r 2019-20 bereit, um ein System zu implementieren, das in der Lage w&auml;re, bis zu 120 Anrufe im Telenor-Netzwerk gleichzeitig abzufangen und gleichzeitig auch ein Gigabyte pro Sekunde der Kundendaten des Unternehmens zu &uuml;berwachen. Im Dezember 2020 schlug Telenor Alarm und enth&uuml;llte, dass die Beh&ouml;rden bald schon einen direkten Zugriff auf Nutzerdaten in Echtzeit haben w&uuml;rden.<\/p><p>Einige Monate vor dem Putsch am 1. Februar wurden die Telekommunikations- und Internetprovider dann angewiesen, eine Spionagesoftware zu installieren, die es der Armee erm&ouml;glicht, die Kommunikation der B&uuml;rger abzuh&ouml;ren. Nach dem Putsch und infolge der umfangreichen Proteste hat das Regime alle Betreiber nochmals angewiesen, die Abh&ouml;rtechnik zu installieren, und ihnen eine Frist bis zum 5. Juli gesetzt, damit die Beh&ouml;rden Anrufe, Nachrichten und Webverkehr aussp&auml;hen und die Benutzer verfolgen k&ouml;nnen.<\/p><p>Es ist aber noch unklar, inwieweit die beiden ausl&auml;ndischen Anbieter Telenor und Ooredoo (Katar) dem nachgekommen sind. Ein Gesetz zur Cybersicherheit verpflichtet die Telekommunikationsanbieter dazu, auf Anfrage Daten zur Verf&uuml;gung zu stellen und Inhalte zu entfernen oder zu blockieren, die als st&ouml;rend f&uuml;r &ldquo;Einheit, Stabilisierung und Frieden&rdquo; angesehen werden. Dazu verlangt das Regime auch, Daten &uuml;ber seine Nutzer weiterzugeben, wie z.B. deren Wohnadressen und Anruflisten. Gleichzeitig wurden die Datenschutzgesetze au&szlig;er Kraft gesetzt.<\/p><p>Als die Regierung Myanmars 2019 f&uuml;r die SIM-Karten-Registrierung die Vorlage eines Ausweises oder Reisepasses einf&uuml;hrte, &auml;u&szlig;erte Telenor Bedenken wegen der mangelnden Datenschutzrechte. Trotzdem hat das Unternehmen unregistrierte SIM-Karten im Juni letzten Jahres gek&uuml;ndigt.<\/p><p>Gegen die Bestimmungen der Junta k&ouml;nnen die Telefonfirmen sich nicht wehren: &ldquo;Die Betreiber m&uuml;ssen diese Informationen zur Verf&uuml;gung stellen, die wir anfordern, um eine Person zu verhaften oder zu &uuml;berpr&uuml;fen, oder es werden Ma&szlig;nahmen gegen sie ergriffen&rdquo;, sagte ein Polizeibeamter. Die Informationsanfragen k&ouml;nnen das Ausweisdokument, das zur Registrierung einer SIM-Karte verwendet wurde, Aufzeichnungen von Mobilfunkmasten, die zur Verfolgung der Bewegungen einer Person verwendet werden k&ouml;nnen, sowie die Wohnadresse und die Anrufliste eines Kunden umfassen, so der Polizeibeamte. Der Beamte, der zu einem neuen Cybersicherheitsteam innerhalb der Polizei geh&ouml;rt, best&auml;tigte, dass sie auf diese Informationen von allen vier Mobilfunkbetreibern in Myanmar zugreifen k&ouml;nnen. Das Regime kann damit alle Daten abgreifen, die es will, und es gibt keine Regeln daf&uuml;r, wie damit umgegangen werden darf. Das stellt ein erhebliches Risiko f&uuml;r jeden Kunden dar. <\/p><p>Nachdem Telenor zun&auml;chst die Welt &uuml;ber die Direktiven der Gener&auml;le informiert hatte, wurde das Unternehmen inzwischen vom Regime zum Schweigen gezwungen. Die Weitergabe von Benutzerdaten an die Beh&ouml;rden bringt viele Menschen in Gefahr. Telenor, das nach eigenen Angaben gro&szlig;en Wert auf Menschenrechte und verantwortungsvolle Gesch&auml;ftspraktiken legt, m&ouml;chte der Junta nun nicht weiter dabei helfen, den Internetzugang zu beschr&auml;nken und Regimegegner ins Visier zu nehmen, indem es seine Nutzerdaten an ein Regime weitergibt, das entschlossen ist, jede Opposition niederzuschlagen. <\/p><p>Zurzeit verl&auml;sst sich das Milit&auml;r noch haupts&auml;chlich auf Informanten, um seine Gegner zu verfolgen, aber dies k&ouml;nnte sich bald &auml;ndern. Der erh&ouml;hte Einsatz von &Uuml;berwachungstechnologie wird es dem Regime in Zukunft erleichtern, Demonstranten und Regimegegner aufzusp&uuml;ren.<\/p><p>Die Gewalt hat seit dem Putsch mehr als 200.000 Menschen vertrieben. Sie sind untergetaucht und auf der Flucht vor der Festnahme durch die Tatmadaw. Viele von ihnen sind zur Fahndung ausgeschrieben, weil sie sich an der Bewegung des zivilen Ungehorsams gegen die Milit&auml;rdiktatur beteiligen. Sie schlafen nicht mehr als zwei N&auml;chte hintereinander am selben Ort. Mehr als 900 Menschen wurden bereits von den Sicherheitskr&auml;ften get&ouml;tet, 5.200 befinden sich in Haft, berichten die Vereinten Nationen. Da kann man nicht riskieren, dass ihr Mobiltelefon verr&auml;t, wo sie sich aufhalten.<\/p><p>W&ouml;rter wie &ldquo;Revolution&rdquo; und &ldquo;Protest&rdquo; werden in das System eingegeben. Wenn das System feststellt, dass jemand diese W&ouml;rter oft benutzt, wird die Person auf die Liste der Verd&auml;chtigen gesetzt und dann h&ouml;rt die Polizei ihre Gespr&auml;che mit. Bei den Festgenommenen werden die Daten von ihren Mobiltelefonen und Laptops extrahiert, um weitere Verd&auml;chtige zu finden. Die Polizei &uuml;berpr&uuml;ft das Mobiltelefon, die Telefonlisten und die Chat-Anwendungen, Facebook und die Fotogalerie, um weitere Verd&auml;chtige oder Freunde zu finden, die mit einem Festgenommenen in Verbindung stehen. Die gefundenen Daten werden zudem als Beweismittel vor den &bdquo;Gerichten&ldquo; des Milit&auml;rs verwendet.<\/p><p>Aber nicht nur die Telefone der bereits verhafteten Regimegegner werden durchsucht. Die Tatmadaw halten in ihrem Versuch der totalen Kontrolle und Einsch&uuml;chterung der Bev&ouml;lkerung auch wahllos und willk&uuml;rlich Menschen auf der Stra&szlig;e an und verlangen die Herausgabe ihres Handys, um es auf verd&auml;chtige Inhalte zu durchsuchen. Wenn sie f&uuml;ndig werden, dann werden die Besitzer verhaftet und auf dem Revier verh&ouml;rt oder gar sofort ins Gef&auml;ngnis geworfen oder Schlimmeres. Das Ziel ist es, den Menschen Angst einzufl&ouml;&szlig;en. Zudem kommt es oft zu Razzien w&auml;hrend der n&auml;chtlichen Ausgangssperre. Die Tatmadaw dringen in die H&auml;user ein, um sie nach verd&auml;chtigem Material oder versteckten Personen zu durchsuchen. Auch hierbei werden in der Regel die Mobiltelefone und Laptops nach regimekritischen Daten durchsucht.<\/p><p>Der R&uuml;ckzug von Telenor bedeutet einen R&uuml;ckschlag f&uuml;r die Aktivisten. Telenor hatte sich bisher, so gut es konnte, gegen die Anweisungen des Milit&auml;rs gewehrt, w&auml;hrend die beiden myanmarischen Firmen Mytel und MPT (Myanmar Posts &amp; Telecommunications) erwartungsgem&auml;&szlig; die Forderungen der Junta zum Ausspionieren ihrer Kunden eins zu eins umsetzten. Viele Mobilfunknutzer sind deshalb nach dem Putsch zu Telenor hin&uuml;bergewechselt. Aktivisten &auml;u&szlig;erten ihre Besorgnis &uuml;ber den R&uuml;ckzug von Telenor. Sie sahen Telenor als den sichersten Betreiber an und vertrauten darauf, dass Telenor ihre Daten nicht weitergeben w&uuml;rde. <\/p><p>Telenor hatte sich zu Transparenz verpflichtet, ganz im Gegensatz zu den anderen Mobilfunkanbietern in Myanmar, ist aber nach dem Putschversuch nicht mehr in der Lage, weiterhin transparent zu bleiben. Die Mobilfunkbetreiber in Myanmar haben keine andere Wahl, als die Anweisungen der Junta, entgegen eigener Sicherheitsbedenken, zu befolgen. <\/p><p>Aber der R&uuml;ckzug von Telenor wird auch von den Regimegegnern als &uuml;bereilt kritisiert. Telenor h&auml;tte sich die Sache zu einfach gemacht, meinen viele. Denn die Firma befindet sich mehrheitlich im Besitz des norwegischen Staates. Der norwegische K&ouml;nig reiste sogar 2014, zum Beginn der Aktivit&auml;ten von Telenor, pers&ouml;nlich nach Myanmar und wurde dort mit allen Staatsehren von der Regierung empfangen. Viele kritisieren, dass der norwegische Staat sich h&auml;tte auf diplomatischer Ebene einschalten und mit den Gener&auml;len Tacheles reden m&uuml;ssen, statt sich sang- und klanglos aus dem Staub zu machen. <\/p><p><strong>Fluch und Segen des Mobilfunks<\/strong><\/p><p>So hilfreich und bequem der Gebrauch des Mobilfunks heutzutage auch sein mag, so birgt er auch gro&szlig;e Gefahren f&uuml;r seinen Besitzer, wenn die Daten, die bei seiner Benutzung anfallen, in die falschen H&auml;nde gelangen und abgegriffen werden k&ouml;nnen. Seit der Verbreitung der Mobiltelefone mit eingebauten Kameras zum Fotografieren ist es f&uuml;r beide Seiten, sowohl f&uuml;r das Regime als auch f&uuml;r seine Gegner, schwer, etwas geheimzuhalten. Das gilt nicht nur in Myanmar.<\/p><p>Das Milit&auml;r hat die Macht in Myanmar &uuml;bernommen und es hat Waffen. Die Tatmadaw alleine entscheiden in Myanmar, was Gesetz ist und was nicht. Die Justiz ist nicht unabh&auml;ngig, Klagen gegen Ma&szlig;nahmen der Tatmadaw sind sinnlos. Es gibt keine Gewaltenteilung. Wenn Telenor sich nicht f&uuml;gt, werden die Sicherheitskr&auml;fte ihre B&uuml;ros st&uuml;rmen und sich mit Gewalt die Informationen holen, die sie w&uuml;nschen. Und sie werden bei der Gelegenheit auch noch gleich die ganze Belegschaft verhaften.<\/p><p>Die Forderungen des Regimes, mit denen Telenor f&uuml;r den Zugriff auf Anrufe, SMS-Nachrichten und Internet-Nutzungsdaten der Nutzer in Echtzeit konfrontiert wird, sind in vielen L&auml;ndern &uuml;blich und als &ldquo;rechtm&auml;&szlig;iges Abh&ouml;ren&rdquo; bekannt. In Myanmar gibt es jedoch keine Kontrollen wie z.B. eine gerichtliche &Uuml;berpr&uuml;fung dar&uuml;ber, welche Daten &uuml;berwacht werden d&uuml;rfen und unter welchen Umst&auml;nden das geschehen darf. Kein Richter muss eine vorherige Genehmigung zum Abh&ouml;ren erteilen, die Tatmadaw macht, was sie will.<\/p><p>Die Entwicklung in Myanmar sollte jedem zu denken geben, der seine Daten unbedarft im Internet auf den sozialen Medien preisgibt. Die meisten glauben, es k&ouml;nne ja nichts passieren, sie seien ja unbescholtene B&uuml;rger und machten nichts Verbotenes. Da h&auml;tten sie ja auch nichts zu bef&uuml;rchten, wenn jemand wei&szlig;, wo wer gerade ist. <\/p><p>Auch die Menschen in Myanmar waren bis zum ersten Februar unbescholtene B&uuml;rger. Sie waren Krankenschwestern, &Auml;rzte, Anw&auml;lte, Lehrer, Staatsangestellte oder sie waren Sch&uuml;ler und Studenten. Nichts Besonderes, meist nicht mal politisch aktiv. Manche von ihnen waren B&uuml;rgermeister, Dorfvorsteher oder sogar Abgeordnete.<\/p><p>Nach dem Putsch sind viele von ihnen jetzt auf der Flucht, m&uuml;ssen sich verstecken und sind zur Fahndung ausgeschrieben. Weil sie sich an Demonstrationen beteiligt hatten, weil sie sich an der Bewegung des zivilen Ungehorsams beteiligen oder weil sie der NLD angeh&ouml;ren, der Partei, die die vorherige Regierung gestellt hatte und die letzten Wahlen im November 2020 mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit gewonnen hatte.  <\/p><p>Titelbild: Phuong D. Nguyen\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der norwegische Mobilfunkbetreiber hat letzte Woche sein Netz in Myanmar an eine libanesische Firma verkauft und will sich aus dem Land zur&uuml;ckziehen. Die Gr&uuml;nde hierf&uuml;r sind vielf&auml;ltig. Seit dem Putsch am 1. Februar dieses Jahres hat sich die Situation in Myanmar dramatisch ver&auml;ndert. F&uuml;r Telenor geht es aber nicht nur um Profiteinbu&szlig;en, es geht auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74590\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":74591,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[184,126,20,182],"tags":[850,2586,2177,1969,2875,1554,663,2972,2490,2834,220],"class_list":["post-74590","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ueberwachung","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","tag-datenschutz","tag-gewaltenteilung","tag-militaerdiktatur","tag-mobilfunk","tag-myanmar","tag-orwell-2-0","tag-putsch","tag-reisebeschraenkungen","tag-staatsterrorismus","tag-virenerkrankung","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/shutterstock_285324275.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74590"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74633,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74590\/revisions\/74633"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/74591"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}