{"id":7461,"date":"2010-11-24T15:11:08","date_gmt":"2010-11-24T14:11:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7461"},"modified":"2019-07-05T11:35:22","modified_gmt":"2019-07-05T09:35:22","slug":"griechenland-nach-den-kommunalwahlen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7461","title":{"rendered":"Griechenland nach den Kommunalwahlen (II)"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"?p=7429\">Beitrag vom 22. November<\/a> gab uns Niels Kadritzke eine Einsch&auml;tzung der politischen Lage in Griechenland nach den dortigen Kommunalwahlen vom 7. und 14. November.<br>\nEine anschauliche Illustration der griechischen Verh&auml;ltnisse bieten die folgenden Ausz&uuml;ge aus Interviews mit jungen Nicht- und Protestw&auml;hlern, die von der Athener Zeitung Kathimerini einen Sonntag nach dem zweiten Wahlgang publiziert wurden (&bdquo;Warum wir nicht gew&auml;hlt haben&ldquo;).<br>\nDie acht interviewten jungen Frauen und M&auml;nner sind gewiss nicht voll repr&auml;sentativ f&uuml;r ihre Altersgruppe, weil sie vorwiegend aus der Mittelschicht stammen und eine qualifizierte Ausbildung haben. Aber ihre Argumente geben Auskunft &uuml;ber das Lebensgef&uuml;hl einer Altersgruppe, die sich schon heute als &bdquo;verlorene Generation&ldquo; wahrnimmt. Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Natali Papadopoulou<\/strong>, 22 Jahre (studiert an einem Kolleg f&uuml;r Kommunikation und Werbung, wohnt bei den Eltern)<br>\nDas letzte Mal habe ich bei den Parlamentswahlen von 2007 gew&auml;hlt, damals gab ich meine Stimme der Pasok, aber das wirklich nur, weil meine Eltern Pasok-Anh&auml;nger sind. Seitdem habe ich nicht mehr gew&auml;hlt. Ich informiere mich zwar, damit ich das Wichtigste mitkriege. Aber ansonsten habe ich das Interesse an der Politik verloren, seit mir klar geworden ist, dass der Zustand des Landes unannehmbar ist, dass ich aber nichts machen kann, um diesen Zustand zu &auml;ndern.<br>\nDie meisten meiner Altersgenossen w&auml;hlen auch nicht; weil sie zu lahm sind, oder weil sie es f&uuml;r zwecklos halten, oder auch weil sie einfach nicht ausreichend &uuml;ber die Probleme informiert sind. Ich pers&ouml;nlich will auf keinen Fall meine Stimme einem Politiker geben &ndash; und damit einer Partei &ndash; zu dem ich kein Vertrauen habe und von dem ich auch nicht glaube, dass er etwas bewirken kann&hellip; Das einzige, was mich vielleicht mobilisieren k&ouml;nnte, w&auml;re die Kandidatur eines Freundes oder Bekannten, den ich wom&ouml;glich unterst&uuml;tzten w&uuml;rde.<br>\nNat&uuml;rlich wollen meine Eltern mir meine Wahlabstinenz ausreden&hellip; Aber ich habe kapiert, dass die Politik nur aus Worten und Versprechen besteht. In der Praxis sehe ich, wie die &Auml;lteren nur um ihre Renten f&uuml;rchten, w&auml;hrend die J&uuml;ngeren an die drohende Arbeitslosigkeit denken. Ich &uuml;berlege deshalb ganz ernsthaft, nach meinem Examen ins Ausland zu gehen, wo ich sicher bessere Chancen auf eine Arbeit und bessere Perspektiven habe.&ldquo;<\/p><p><strong>Giorgos Bilios<\/strong>, 25 Jahre (Absolvent einer Hotelfachschule, derzeit Kellner in einem Restaurant; wohnt bei seinen Eltern)<br>\nMeine Eltern haben mich immer zum W&auml;hlen angehalten, mit der Begr&uuml;ndung, man m&uuml;sse sich an den &ouml;ffentlichen Dingen beteiligen&hellip; Dennoch bin ich entschieden gegen die Abhaltung von Wahlen unter diesen Bedingungen. Das Klima in Griechenland ist in letzter Zeit katastrophal und ich sehe keinen einzigen Grund, an den Wahlen teilzunehmen, und das gilt auch f&uuml;r Parlamentswahlen. Auch Nichtw&auml;hlen ist f&uuml;r mich eine Meinungs&auml;u&szlig;erung, und zwar die einzig m&ouml;gliche, wenn mich keiner der Kandidaten &uuml;berzeugt&hellip; F&uuml;r mich ist das eine v&ouml;llig bewusste Entscheidung. &Uuml;berall machen Gesch&auml;fte zu, die jungen Leute haben &ndash; im besten Fall &ndash; 500 Euro an Einkommen, es gibt Tausende Arbeitslose mit akademischem Abschluss. Und die Politiker? Sie schieben sich nur gegenseitig die Schuld zu, aber keiner bekennt sich zu seiner Verantwortung. Wen soll ich denn da unterst&uuml;tzen? Und warum?&ldquo;<\/p><p><strong>Lila Pitteri<\/strong>, 26 Jahre (studiert Philologie an der Universit&auml;t Athen, hat schon eine Ausbildung als Fotografin hinter sich, wohnt bei ihrer Mutter)<br>\nBei allen fr&uuml;heren Wahlen habe ich mitgemacht, seit ich 18 bin. Ich halte das grunds&auml;tzlich auch f&uuml;r richtig und gut. In letzter Zeit bin ich aber so entt&auml;uscht von dem Zustand des Landes, dass ich jetzt nicht mehr w&auml;hlen gegangen bin&hellip;. Obwohl dies keine Parlamentswahlen waren, hatten alle Kandidaten eine Partei hinter sich, die ihre Entscheidungen beeinflusst. Nach gr&uuml;ndlichem Nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass ich keinen dieser Leute w&auml;hlen will. Ich hatte das Gef&uuml;hl, dass es keinerlei Bedeutung hat: die Gesicherter &auml;ndern sich, aber ansonsten bleibt alles beim Alten&hellip;<br>\nMit meinem Nichtw&auml;hlen habe ich glaube ich dazu beigetragen, der allgemeinen Entt&auml;uschung Ausdruck zu geben. Es stimmt zwar, dass besonders viele junge Leute so gedacht haben, aber nicht nur die Jungen sind weggeblieben, meine Mutter etwa hat auch nicht gew&auml;hlt, aus denselben Gr&uuml;nden wie ich. Ich bin jetzt 26 und wei&szlig;, dass ich wahrscheinlich keine Arbeit finde und von 600 Euro leben muss. F&uuml;r wen soll ich denn stimmen? F&uuml;r den, der mir die Fl&uuml;gel stutzt und mir meine Tr&auml;ume nimmt? F&uuml;r den, dem es gleichg&uuml;ltig ist, dass die meisten Jugendlichen aus Griechenland weg wollen?<br>\nNat&uuml;rlich gibt es auch die Nichtw&auml;hler, die schlicht keinen Bock haben: die alles vom Kanapee aus verfolgen und nur an den n&auml;chsten Kaffee und an den n&auml;chsten Einkaufsbummel denken. Wenn man denen das Einkommen k&uuml;rzt, grummeln sie nur. Das sind die passiven Nichtw&auml;hler, ich geh&ouml;re zu den aktiven, die mit dem Nichtw&auml;hlen ihre Wut ausdr&uuml;cken.&ldquo;<\/p><p><strong>Velissarios Prassas<\/strong>, 26 Jahre (hat einen Fachhochschulabschluss f&uuml;r die Restauration von Geb&auml;uden, arbeitet als Angestellter in einer Firma)<br>\nIch habe auch an den letzten Wahlen nicht teilgenommen. Mich repr&auml;sentiert keiner der Kandidaten. Ich glaube auch nicht, dass sich was &auml;ndert. Aber es stimmt auch nicht, dass man mit Nichtw&auml;hlen nur die Verh&auml;ltnisse perpetuiert. War es denn fr&uuml;her besser, als wir noch nicht so viele Nichtw&auml;hler hatten?<br>\nIch denke, wer w&auml;hlen geht, erwartet f&uuml;r seine Stimme eine Gegenleistung; damit hat er sich schon auf das Klientelsystem eingelassen. Immer wird es Politiker geben, die irgendwas verteilen, und diejenigen, die sich eine Beg&uuml;nstigung versprechen. Das ist es, was die herrschenden Verh&auml;ltnisse perpetuiert &ndash;  nicht die Wahlabstinenz.<br>\nAndererseits halte ich es f&uuml;r einen Fehler, f&uuml;r einen Kandidaten zu stimmen, der von einer der kleineren Parteien unterst&uuml;tzt wird, nur um das Zweiparteiensystem nicht zu st&auml;rken. Auch die kleineren Parteien haben ja keine substantiellen Ideen&hellip;. Ich bin keineswegs Nichtw&auml;hler, weil ich nicht informiert bin. Ich kannte alle Kandidaten, aber ich wollte ihn eben nicht meine Stimme geben. Man muss ja nicht 50 Jahre alt werden, um das System abzulehnen. Allerdings hat mich doch eines verbl&uuml;fft: dass trotz der vielen Nichtw&auml;hler die Politiker sich noch als Sieger gefeiert haben &ndash; und zwar ausnahmslos alle. <\/p><p><strong>Spyros Samaras<\/strong>, 24 Jahre (organisiert nach einem BWL-Studium kulturelle Veranstaltungen, wohnt noch bei den Eltern)<br>\nW&auml;hlen w&uuml;rde ich nur dann, wenn es darum ginge, extreme Entwicklungen zu verhindern. Zum Beispiel um zu verhindern, dass ein Kandidaten durchkommt, der von den Chrysi Avghi-Leuten unterst&uuml;tzt wird. Bei Parlamentswahlen w&uuml;rde ich allerdings vielleicht mitw&auml;hlen; das ist was anderes, weil die Stimmen f&uuml;r die kleinen Parteien den gro&szlig;en das Leben schwer machen.<br>\nDie meisten von uns, die nicht gew&auml;hlt haben, haben einfach genug von der Korruption des Systems und von dem System selbst. Um es drastisch auszudr&uuml;cken: Ich bin Nichtw&auml;hler, weil mein Stolz es nicht zul&auml;sst, mich zu einem politischen Omeletts verarbeiten zu lassen &ndash;  wobei die Griechen die Eier sind, die man bekanntlich zerschlagen muss, um ein Omelette zu machen.&ldquo; <\/p><p><strong>Kelly Schaleki<\/strong>, 24 Jahre (hat VWL studiert und hat einen Angestelltenjob)<br>\nIch w&uuml;nschte mir einen B&uuml;rgermeister, der die Vergeudung von Steuergeldern einschr&auml;nkt und die ganze Stadt umkrempelt, damit sie effektiver regiert und f&uuml;r ihr B&uuml;rger bewohnbarer wird. In meinen Augen hei&szlig;t das, den &ouml;ffentlichen Dienst umzubauen (nicht abzubauen) und die Vergabe der finanziellen Mittel ganz neu zu gestalten und zu kontrollieren. Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal nicht gew&auml;hlt, weil ich nicht wei&szlig;, welcher der Kandidaten bereit und f&auml;hig ist, solche Vorstellungen umzusetzen&hellip;. Wenn ich meinen engeren Freundeskreis betrachte, ist es kein Zufall, dass immer mehr junge Leute sich bewusst von der Politik abwenden: Ihre Entt&auml;uschung m&uuml;ndet eben in Gleichg&uuml;ltigkeit.<\/p><p><strong>Antonis Avlonitis<\/strong>, 20 Jahre (Student der Informatik und Kommunikationswissenschaft an der &Auml;g&auml;is-Universit&auml;t in Samos)<br>\nDies war das erste Mal, das ich h&auml;tte w&auml;hlen sollen. Ich bin deshalb auch an meinen Wohnort Athen gefahren, aber am Ende habe ich mich zum Nichtw&auml;hlen entschieden, weil ich mich durch keine der Wahlliste repr&auml;sentiert f&uuml;hlte. Das Grundproblem in meiner Kommune ist, dass alles, was sie anpackt, nicht richtig gemacht wird. Und dass die meisten Ank&uuml;ndungen blo&szlig;e Worte bleiben, die von den Kandidaten, sobald sie gew&auml;hlt sind, wieder vergessen werden. W&uuml;rde ich zur Wahl gehen, w&auml;re die einzige Alternative, einen &bdquo;wei&szlig;en&ldquo; oder ung&uuml;ltigen Stimmzettel abzugeben. Aber diese Stimmen st&auml;rken (in der ersten Runde) den f&uuml;hrenden Kandidaten, und ich wollte auf keinen Fall die Kandidaten der gro&szlig;en Parteien unterst&uuml;tzen. Aber das Nichtw&auml;hlen ist auch eine Stimmabgabe. Es ist eine starke Botschaft an die Machthaber, vor allem, wenn viele W&auml;hler die Teilnahme verweigern. Bei uns zu Hause gibt es viele politische Diskussionen, wobei alle sagen, was sie von den gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nden halten. Das hat dazu gef&uuml;hrt, dass dieses Mal weder meine Eltern noch mein Bruder gew&auml;hlt haben.&ldquo;<\/p><p>(Interviews von Vasilias Dimitrakopoulos, Atho Dimoula und Semina Sarantopoulou, Beilage vom 21. November, Seiten 36-42)<\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Wenn ich meine eigenen Kinder (24 und 28 Jahre) befrage, wie sie oder ihre Freundinnen und Freunde die politischen Parteien bei uns einsch&auml;tzen und welche Meinungen sie &uuml;ber die M&ouml;glichkeit haben, durch eine Stimmabgabe bei Wahlen die Zust&auml;nde bei uns im Land zu verbessern, dann weichen deren Urteile im Gro&szlig;en und Ganzen nicht von denen der hier zitierten jungen Leute in Griechenland ab.<br>\nAuch sie meinen, dass es bei uns ungerecht zugeht, dass sich die Chancen f&uuml;r die Jungen verschlechtert haben, dass m&auml;chtige Interessengruppen ohne R&uuml;cksicht auf die Interessen der Mehrheit die Politik bestimmen, dass der einzelne W&auml;hler mit seiner Stimme keinen Einfluss aus&uuml;ben kann, dass die gro&szlig;en Parteien am Tropf der Lobbyisten h&auml;ngen oder dass CDU und SPD keine wirkliche politische Alternative anbieten, sondern im Grunde nur f&uuml;r ein &bdquo;Weiter-so&ldquo; eintreten.<br>\nWer hat denn die Reformen gemacht, die die CDU\/FDP-Koalition jetzt nur radikaler umsetzt, fragte mich mein Sohn. Und ich konnte ihm nicht wirklich widersprechen. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"?p=7429\">Beitrag vom 22. November<\/a> gab uns Niels Kadritzke eine Einsch&auml;tzung der politischen Lage in Griechenland nach den dortigen Kommunalwahlen vom 7. und 14. 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