{"id":74819,"date":"2021-08-03T10:54:37","date_gmt":"2021-08-03T08:54:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74819"},"modified":"2021-08-04T08:04:38","modified_gmt":"2021-08-04T06:04:38","slug":"identitaetspolitik-toetet-das-kino","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74819","title":{"rendered":"Identit\u00e4tspolitik t\u00f6tet das Kino"},"content":{"rendered":"<p>Der Weltkonzern Amazon will die Regeln Hollywoods neu definieren. Die neuen <a href=\"https:\/\/press.aboutamazon.com\/news-releases\/news-release-details\/amazon-studios-releases-inclusion-policy-and-playbook-strengthen\/\">Richtlinien<\/a> des Tochterunternehmens Amazon Studios verpflichten im Namen von &bdquo;Diversit&auml;t, Gerechtigkeit und Inklusion&ldquo; Filmemacher, k&uuml;nftig Schauspieler so zu besetzen, dass &bdquo;deren Geschlecht, Geschlechtsidentit&auml;t, Nationalit&auml;t, Ethnizit&auml;t, sexuelle Orientierung und Behinderung&ldquo; mit den Figuren, die sie im Film verk&ouml;rpern, &uuml;bereinstimmt. Ein Schwuler darf also nur noch von einem schwulen Schauspieler, ein Italiener nur noch von einem Italiener gespielt werden. Dabei ist es doch eigentlich die Kunst des Schauspiels, fremde Charaktere zu verk&ouml;rpern. Die meisten gro&szlig;en Filme der Vergangenheit h&auml;tte es mit diesen Richtlinien nie gegeben, die gr&ouml;&szlig;ten Schauspieler w&auml;ren wohl heute Kellner oder Taxifahrer, da sie kein Engagement bekommen h&auml;tten. Und selbst f&uuml;r die Minderheiten, f&uuml;r die man sich angeblich einsetzen will, bringen solche Richtlinien mehr Nach- als Vorteile. Es w&auml;re besser, Amazon w&uuml;rde sich mal um die Rechte seiner Mitarbeiter einsetzen, als das Medium Film mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Woke\">woken<\/a> Zeitgeist kaputtzumachen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5226\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-74819-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=74819-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210803_Identitaetspolitik_toetet_das_Kino_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer kennt ihn nicht &ndash; Marlon Brando als Don Vito Corleone im grandiosen ersten Teil der Filmtrilogie &bdquo;Der Pate&ldquo;. W&auml;re das Kino bereits 1972 derart identit&auml;tspolitisch sensibel wie heute, h&auml;tte Brando die Rolle des italo-amerikanischen Mafiabosses &uuml;berhaupt nicht bekommen. Brandos Vorfahren hie&szlig;en n&auml;mlich Brandau und wanderten vor vielen Generationen aus der Oberpfalz nach Nebraska aus. Sizilianisch ist an Brando also nichts. Heute w&uuml;rde man seine oscarpr&auml;mierte Darstellung wohl als &bdquo;kulturelle Aneignung&ldquo; bezeichnen. Aber heute w&auml;re Marlon Brando wohl ohnehin unbekannt, da er auch nie die Rolle des polnisch-st&auml;mmigen Stanley Kowalski in der Verfilmung des Tennessee-Williams-St&uuml;cks &bdquo;Endstation Sehnsucht&ldquo; bekommen h&auml;tte, die ihm 1948 zum Durchbruch verhalf.<\/p><p>H&auml;tte es die Amazon-Regeln schon fr&uuml;her gegeben, w&uuml;rde wohl auch kaum jemand Tom Hanks kennen. In seinen gro&szlig;en fr&uuml;hen Filmen spielte er schlie&szlig;lich einen Schwulen (Philadelphia) und einen geistig Behinderten (Forrest Gump) &ndash; zwei Rollen, die er als heterosexueller Normalbegabter nicht bekommen h&auml;tte. Sean Penn h&auml;tte nie den Schwulen-Aktivisten Harvey Milk verk&ouml;rpern d&uuml;rfen und die beiden heterosexuellen Schauspieler Heath Ledger und Jake Gyllenhaal w&auml;ren als Besetzung f&uuml;r die beiden Hauptrollen des Schwulen-Liebesfilms &bdquo;Brokeback Mountain&ldquo; ebenfalls nicht in Frage gekommen. Al Pacino h&auml;tte nicht den erblindeten Frank Slade in &bdquo;Der Duft der Frauen&ldquo; und Dustin Hoffman nicht den Autisten Raymond Babbitt in &bdquo;Rainman&ldquo; spielen d&uuml;rfen. All diese gro&szlig;en Schauspielleistungen w&auml;ren so nicht m&ouml;glich gewesen, h&auml;tte Hollywood sich schon fr&uuml;her den Regeln der Diversit&auml;t unterworfen.<\/p><p>Ein Film wie Schindlers Liste s&auml;he heute auch anders aus. Der Qu&auml;ker Ben Kingsley h&auml;tte nicht den Juden Itzhak Stern spielen d&uuml;rfen und der Nordire Liam Neeson sowie der Brite Ralph Fiennes k&auml;men als Darsteller der Deutschen Oskar Schindler und Amon G&ouml;th auch nicht in Frage. Auch der 2019 mit so ziemlich allen Filmpreisen der Welt ausgezeichnete Film &bdquo;Bohemian Rhaposdy&ldquo; h&auml;tte so nie gedreht werden k&ouml;nnen. Es ist nun mal gar nicht woke und identit&auml;tspolitisch korrekt, wenn ein heterosexueller Amerikaner mit koptisch-&auml;gyptischen Wurzeln wie Rami Malek einen schwulen Briten mit parsisch-indischen Wurzeln wie Freddy Mercury spielt. Ein klarer Versto&szlig; gegen die Amazon-Richtlinien.<\/p><p>Es ist wirklich traurig. Konnten Filmemacher in der Vergangenheit Rollen nach Talent besetzen, wird man k&uuml;nftig wohl auf das Vorsprechen verzichten und sich stattdessen erst einmal die Abstammungsurkunde und ein Attest &uuml;ber die sexuelle Orientierung der Schauspieler anschauen. So was gab es &ndash; wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen &ndash; schon fr&uuml;her; wobei die Frage doch mal interessant w&auml;re, ob Schauspieler, die sich k&uuml;nftig f&uuml;r die Rolle eines Nazis in Amazon-Produktionen bewerben, nicht vielleicht auch einen &bdquo;Arier-Nachweis&ldquo; brauchen. Schlie&szlig;lich sollen Rollen ja nicht entgegen der ethnischen und nationalen Herkunft der zu verk&ouml;rpernden Figur besetzt werden. <\/p><p>Um die &bdquo;m&auml;nnliche, wei&szlig;e Dominanz&ldquo; in Filmproduktionen zu verhindern, schreiben die neuen Amazon-Richtlinien zudem vor, dass in jeder Produktion eine relevante Rolle f&uuml;r einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/LGBT\">&bdquo;LGBTQIA+ Menschen&ldquo;<\/a>, einen &bdquo;Menschen mit Behinderung&ldquo; und einen Angeh&ouml;rigen von drei &bdquo;regional unterrepr&auml;sentierten Minderheiten&ldquo; vorbehalten sein soll &ndash; 50 Prozent davon m&uuml;ssen &uuml;brigens mit Frauen besetzt sein. Das erinnert eher an die Zusammensetzung einer Boygroup, wo ja auch kein Farbiger, kein Asiat und kein Schwuler fehlen darf, als an eine ernsthafte Filmproduktion. <\/p><p>Na, das kann ja lustig werden, wenn es zum Beispiel um historische Stoffe geht. Wir d&uuml;rfen uns also schon auf lesbische Latino-Wikingerinnen und schwule schwarze rollstuhlfahrende Herz&ouml;ge im viktorianischen England freuen. Absurd? Keineswegs. Die Netflix-Produktion <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bridgerton\">&bdquo;Bridgerton&ldquo;<\/a>, die in der britischen Adelsschicht des fr&uuml;hen 19. Jahrhunderts spielt, hat kurzerhand s&auml;mtliche Protagonisten &bdquo;ethnisch korrekt&ldquo; besetzt. Nun lernen unsere Kinder also, dass der viktorianische Adel zu erheblichen Teilen afrikanisch-st&auml;mmig war. Da werden sich ja die Geschichtslehrer, die diesen Unsinn wieder ausb&uuml;geln m&uuml;ssen, freuen. Oder wird nun auch die Geschichte umgeschrieben?<\/p><p>Wozu das Ganze? Um die Schauspieler geht es den Identit&auml;ts-Ideologen dabei sicher nicht. Warum hat es denn so lange gedauert, bis sich namhafte Schauspieler zu ihrer Homosexualit&auml;t bekannt haben? Sie hatten Angst, dass sie nach ihrem Outing auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Die Amazon-Richtlinien manifestieren genau das. Schwule Schauspieler werden auf die Rolle des &bdquo;Quoten-Schwulen&ldquo; festgelegt. Und wenn man die Regeln wirklich w&ouml;rtlich nimmt, werden Schauspieler, die einer der genannten Gruppen angeh&ouml;ren, sogar aktiv diskriminiert. Denn wenn Rollen streng nach Ethnie und sexueller Orientierung vergeben werden m&uuml;ssen, dann d&uuml;rfte auch kein schwuler Latino einen heterosexuellen wei&szlig;en Charakter spielen. Ein Ian McKellen d&uuml;rfte nicht mehr Richard III., Jody Foster nicht mehr die Laurel Sommersby spielen d&uuml;rfen &ndash; zwei Rollen, die sich nach der literarischen Vorlage nicht ohne groteske Verrenkungen umschreiben lassen k&ouml;nnen.<\/p><p>Es geht vielmehr um &bdquo;Volksp&auml;dagogik&ldquo;. Die Idee &ndash; je mehr homosexuelle, farbige oder behinderte Menschen wir in Fernsehen und Film sehen, desto &bdquo;normaler&ldquo; empfinden wir das. Ist das so? Ich finde homosexuelle Lebensformen vollkommen normal, f&uuml;hle mich jedoch zusehends durch das identit&auml;tspolitische Trara genervt und zahlreichen homosexuellen Freunden und Freundinnen von mir geht es genauso. Eine derartige p&auml;dagogische Indoktrination ist ohnehin eher aus totalit&auml;ren Gesellschaften bekannt; und selbst dort ist es zweifelhaft, ob sie wirklich erfolgreich im Sinne der Ideologen funktioniert hat. Je mehr man merkt, dass man indoktriniert wird, desto mehr verwehrt man sich dagegen.<\/p><p>Eine Folge der neuen Richtlinien, die bereits vorhersehbar ist, ist, dass die Qualit&auml;t der Filme unter ihrer ideologischen Instrumentalisierung leiden wird. Gro&szlig;e Werke setzen sich kritisch mit dem Zeitgeist auseinander; vor allem dann, wenn er mit einer ideologischen Meinungsmache einhergeht und totalit&auml;re Z&uuml;ge tr&auml;gt. Filme nach dem Muster Amazon &auml;hneln in ihrem &bdquo;k&uuml;nstlerischen&ldquo; Anspruch eher den belanglos kitschigen Durchhaltefilmen der UFA, die ja auch &ndash; zumindest nach den Ma&szlig;st&auml;ben der damaligen Ideologie &ndash; politisch korrekt besetzt wurden. Dar&uuml;ber k&ouml;nnte man ja mal nachdenken.<\/p><p>Eine besondere Ironie hat die gesamte Geschichte nat&uuml;rlich dadurch, dass ausgerechnet Amazon sich nun als H&uuml;ter der Diversit&auml;t und der Gerechtigkeit aufspielt. Das Unternehmen, das wie kaum ein anderes daf&uuml;r bekannt ist, dass es gar keine Probleme damit hat, dass seine Mitarbeiter &ndash; gleich welcher Ethnie oder sexuellen Orientierung &ndash; unter prek&auml;ren Bedingungen schuften m&uuml;ssen. Aber dem schwulen Latino, der bei Amazon in die Flasche pinkeln muss, weil die Taktung seiner Arbeit keine Toilettenpause zul&auml;sst, wird sicher total happy sein, wenn nun eine lesbische Farbige den James Bond spielen darf &ndash; die Bond-Produktionsfirma MGM wurde j&uuml;ngst von Amazon Studios <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/tv-kino\/amazon-kauft-mgm-bond-in-neuen-diensten-90681732.html\">&uuml;bernommen<\/a>. Sch&ouml;ne neue Welt! <\/p><p>Titelbild: Screenshot &ndash; Bridgerton\/Netflix<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d6d376c5e3264da3ae1e5a35c6455083\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weltkonzern Amazon will die Regeln Hollywoods neu definieren. Die neuen <a href=\"https:\/\/press.aboutamazon.com\/news-releases\/news-release-details\/amazon-studios-releases-inclusion-policy-and-playbook-strengthen\/\">Richtlinien<\/a> des Tochterunternehmens Amazon Studios verpflichten im Namen von &bdquo;Diversit&auml;t, Gerechtigkeit und Inklusion&ldquo; Filmemacher, k&uuml;nftig Schauspieler so zu besetzen, dass &bdquo;deren Geschlecht, Geschlechtsidentit&auml;t, Nationalit&auml;t, Ethnizit&auml;t, sexuelle Orientierung und Behinderung&ldquo; mit den Figuren, die sie im Film verk&ouml;rpern, &uuml;bereinstimmt. 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