{"id":75155,"date":"2021-08-13T11:30:52","date_gmt":"2021-08-13T09:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75155"},"modified":"2022-02-14T13:47:26","modified_gmt":"2022-02-14T12:47:26","slug":"klimaneutralitaet-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75155","title":{"rendered":"\u201eKlimaneutralit\u00e4t jetzt!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der sch&ouml;nen, neuen, gr&uuml;nen Finanzwelt scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Wir h&ouml;ren von &bdquo;gr&uuml;nem Stahl&ldquo;, einer &bdquo;klimafreundlichen EU&ldquo; oder einer &bdquo;Blue Economy&ldquo;, die die Meere sauber macht. Nahezu jeden Tag kommen &ouml;kologische Finanzprodukte auf den Markt, und das nachhaltig investierte Verm&ouml;gen erklimmt immer neue H&ouml;chstst&auml;nde. Flankiert wird das Ganze von einer Politik, die sich immer ehrgeizigere Klimaziele setzt. &Uuml;ber diese Entwicklung hat sich <strong>Thomas Trares<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem Siegener &Ouml;konomen <strong>Helge Peukert<\/strong> unterhalten, der sich in seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/uncategories\/klimaneutralitaet-jetzt.html\">&bdquo;Klimaneutralit&auml;t jetzt!&ldquo;<\/a> genau mit diesen Themen besch&auml;ftigt hat.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Peukert, Sie haben mit &bdquo;Klimaneutralit&auml;t jetzt!&ldquo; ein umfangreiches Werk zur aktuellen Klimapolitik vorgelegt. Davor haben Sie sich lange Zeit intensiv mit dem Thema Kapitalm&auml;rkte auseinandergesetzt, insbesondere mit der gro&szlig;en Finanzmarktkrise von 2008. Warum nun der Schwenk hin zum Thema Umwelt?<\/strong><\/p><p>Ich wollte eigentlich etwas zu Schattenbanken schreiben. Dann kam Corona, f&uuml;r mich auch ein Ausdruck unserer &ouml;kologisch &uuml;bergriffigen und imperialen Lebensweise, die B&auml;ume im nahen Wald starben wegen D&uuml;rre ab und ich las, h&ouml;rte und sah &uuml;berall &bdquo;Hurra &ndash; wir sind jetzt oder bald klimaneutral&ldquo;. Da hatte ich das Gef&uuml;hl: Hier stimmt was nicht. Wie k&ouml;nnen Unternehmen, Staaten und Aktivit&auml;ten ohne gr&ouml;&szlig;ere &Auml;nderungen pl&ouml;tzlich klimaneutral werden? Das war der Ausgangspunkt.<\/p><p>Jetzt gerade wundere ich mich dar&uuml;ber, dass die in diesen Dimensionen v&ouml;llig neuen, sintflutartigen &Uuml;berflutungen nicht sofort zu einer wirkungsvollen gesetzlichen Eind&auml;mmung der nach wie vor dramatisch voranschreitenden Versiegelungen in Deutschland f&uuml;hrt, deren Ausma&szlig;e sich auch in meiner Wohngemeinde un&uuml;bersehbar bemerkbar machen, wo man f&uuml;r den Bau eines Parkhauses &Ouml;kopunkte einfahren kann, weil auf dem Dach ein paar Gr&auml;ser nicht gem&auml;ht werden, so dass sich dort ein paar Bienchen tummeln k&ouml;nnen, aber die Wiese des Kindergartens ist weg.<\/p><p><strong>Der Begriff &bdquo;klimaneutral&ldquo; scheint es Ihnen ja angetan zu haben, in Ihrem Buch sprechen Sie auch von einem &bdquo;Wiesel-Wort&ldquo;, also einem Wort mit vager, unscharfer Bedeutung. Mal abgesehen vom inflation&auml;ren Gebrauch des W&ouml;rtchens &bdquo;klimaneutral&ldquo; &ndash; welche Widerspr&uuml;che sind Ihnen in der Klimadebatte noch aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Einmal angefangen, landet man dann unweigerlich auch bei den nationalen, europ&auml;ischen und internationalen Vereinbarungen, die so alle getroffen wurden. Alleine das Studium der EU-Regelungen zum Thema umfasst tausende Seiten an Bestimmungen, technischen Durchf&uuml;hrungsbestimmungen usw. Sch&ouml;n und gut, aber gleichzeitig stieg und steigt die Kurve der CO2-Anreicherung der Atmosph&auml;re und damit die Erderw&auml;rmung unbeeindruckt munter weiter an. Wie das? Das war neben der Inflation der Behauptungen zur Klimaneutralit&auml;t das zweite R&auml;tsel.<\/p><p>Das dritte R&auml;tsel besteht nach wie vor f&uuml;r mich darin, dass die EU &ndash; immerhin &ndash;  tausende von Bestimmungen zu Emissionen mit b&uuml;rokratischem Technikanhang einf&uuml;hrt, dem aber ein extrem &bdquo;liberaler&ldquo; Schlendrian gegen&uuml;bersteht, so dass in Rum&auml;nien die letzten Urw&auml;lder weitgehend illegal, aber bisher folgenlos, von Umweltverbrechern flachgelegt werden und die Holzprodukte dann bei uns beim Umweltheuchler Ikea in den Regalen landen. Oder denken wir an die wilden M&uuml;lldeponien auf den griechischen Inseln. Werden die geschlossen, landet der M&uuml;ll dann eben vor den Deponien, wogegen sich einige griechische Umweltsch&uuml;tzer zu wehren versuchen, sowas aber von den nicht nur deutschen Urlaubern l&auml;ssig ignoriert wird. Oder nehmen wir die deutschen Gebrauchtwagen, die einen hohen Anteil daran haben, dass Sofia die Hauptstadt Europas mit der h&ouml;chsten Luftbelastung ist, da sofort der Kat ausgebaut und extra verkauft wird und die Autos dann illegal, aber unbehelligt noch mal gute 100.000 Kilometer ohne rumfahren und durch deutsche und EU-Milliardensubventionen dieser Missstand durch die gr&uuml;ne Abwrackpr&auml;mie f&uuml;r E-Autos, deren Herstellung der Batterien mit bis zu 17 Tonnen CO2 bei der Produktion einhergehen, gleich mit gef&ouml;rdert wird.<\/p><p><strong>Ein weiterer Widerspruch ist sicher auch, dass es inzwischen eine un&uuml;berschaubare Vielfalt an gr&uuml;nen Finanzprodukten gibt &ndash; vom DKB &Ouml;kofonds TDL &uuml;ber den DPAM INVEST B Equities World Sustainable bis hin zum &Ouml;koworld Rock&acute;N&acute;Roll Fonds, um nur einige besonders klangvolle Namen zu nennen. Dennoch ist es gar nicht so einfach, ein Produkt zu finden, das den klassischen Anlagekriterien Rendite, Sicherheit und Liquidit&auml;t gen&uuml;gt und obendrein noch die Umwelt sch&uuml;tzt.<\/strong><\/p><p>Ja, je breiter diversifiziert ein gr&uuml;ner oder ethischer Fonds ist, desto st&auml;rker wird auch sein Anspruch verw&auml;ssert. So beinhaltet der neue Euro Stoxx 50 ESG-Unternehmen wie Total, ENI, Unilever, BMW, Daimler, BASF, die Investoren mit &ouml;kologischem Anspruch etwas suspekt erscheinen d&uuml;rften. Zwar gibt es Alternativen, etwa Branchenfonds. Aber wer zuletzt zum Beispiel auf die deutschen Anbieter von Photovoltaikanlagen setzte, musste schmerzlich erfahren, wie riskant es ist, alles auf eine Karte zu setzen. Mit Branchenfonds konnte man viel Geld verlieren.<\/p><p>ESG-Investments (2) werden h&auml;ufig nach dem Best-Practice-Ansatz angelegt, so dass es reicht, wenn ein Unternehmen zum Beispiel weniger umweltsch&auml;dlich agiert als der Durchschnitt. So kommt es, dass Aktien von &Ouml;l-, Gas-, Auto- und Atomenergieunternehmen in vielen ESG-Angeboten enthalten sind. Ein anderer Ansatz definiert den eher bescheidenen ethischen Anspruch &uuml;ber Ausschlusskriterien: Nur ein oder zwei Bereiche oder Branchen werden ausgeschlossen, zum Beispiel Waffen und Pornografie. Es gibt ferner Fonds mit Positivlisten, die definieren, welche Kriterien Unternehmen erf&uuml;llen m&uuml;ssen. Sie sind aber h&auml;ufig sehr gro&szlig;z&uuml;gig ausgelegt und beinhalten z.B., dass Unternehmen nur zu 40 Prozent im &Ouml;lgesch&auml;ft unterwegs sein d&uuml;rfen.<\/p><p>Ein Anschauungsbeispiel ist der j&uuml;ngst erfolgte Rauswurf der Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler direkt nach der Probezeit bei der zur Deutschen Bank geh&ouml;rigen DWS, der gr&ouml;&szlig;ten deutschen Fondsfirma. Sie hat die Nachhaltigkeitsbekundungen des Chefs Asoka W&ouml;hrmann eingefordert, wirft dem Unternehmen jetzt Greenwashing vor und kritisiert den intransparenten Umgang mit ihrer Beschwerde.<\/p><p>Zwar gibt es erfreulich selektive Fondsangebote wie die von &Ouml;koworld (<em>&Ouml;kovision Classic<\/em>), meist sind dort aber recht hohe Verwaltungsgeb&uuml;hren und Ausgabeaufschl&auml;ge von bis zu f&uuml;nf Prozent f&auml;llig. Auch &ouml;ffentliche Institutionen auf Landes- und Bundesebene bieten vermehrt gr&uuml;ne Anlagen an, die sicher und hinsichtlich gr&uuml;ner Komponenten ganz akzeptabel sind, aber Anlegern keine Rendite bieten.<\/p><p><strong>Und weshalb erfreuen sich solche Anlagen dennoch gro&szlig;er Aufmerksamkeit?<\/strong><\/p><p>Sie erlauben Unternehmen, als Teil der L&ouml;sung und nicht des Problems aufzutreten. Der Politik erm&ouml;glichen sie, die Diskussion &uuml;ber Grenzen des Wachstums zu vermeiden, und B&uuml;rger bekommen die M&ouml;glichkeit, guten Gewissens Geld anzulegen und damit vermeintlich sogar noch etwas f&uuml;r die Umwelt zu tun, die leider eher leer ausgeht, womit der Begriff &bdquo;Klimaneutralit&auml;t&ldquo; noch eine ganz neue, unerfreuliche inhaltliche F&auml;rbung erf&auml;hrt.<\/p><p>Am einfachsten w&auml;re nat&uuml;rlich eine Investition in ein konkretes Projekt, z.B. in einen Windpark. Dabei hat man aber das Risiko des Totalverlustes, da es sich meist um Nachrang-Anleihen handelt. Hier k&ouml;nnte der Staat aktiv werden und hunderte solcher Projekte b&uuml;ndeln und als Fonds anbieten, so dass das Risiko bei Einzelinsolvenzen minimiert wird. Ein solches Standardprodukt w&uuml;rde sich f&uuml;r gr&uuml;n und vern&uuml;nftig risikoavers eingestellte Anleger eignen, auch als Produkt im Rahmen der in der bisherigen Form gescheiterten Riester-Rente. Ich selber habe &uuml;brigens in Zeiten des Anlagenotstands mit gutem Gef&uuml;hl einiges Geld in den Wiwin Just Green Impact gesteckt, der nur weltweit in rund 70 dunkelgr&uuml;ne kleine und mittlere Unternehmen investiert, aber auch h&ouml;heren Wertschwankungen als die bestenfalls hellgr&uuml;nen Fonds unterliegen d&uuml;rfte.<\/p><p><strong>Ein Problem bei den &ouml;kologischen Finanzprodukten ist ja, dass es keine einheitlichen Standards gibt. Bei den &uuml;blicherweise verwendeten ESG-Kriterien (Environment, Social, Government) handelt es sich um keinen gesch&uuml;tzten Begriff. Das hei&szlig;t, jeder Anbieter kann im Grunde machen, was er will. Die Europ&auml;ische Union hat im Fr&uuml;hjahr mit der sogenannten Taxonomie einen Kriterienkatalog vorgelegt, der diesen Mangel beheben soll. Was ist davon zu halten?<\/strong><\/p><p>Die EU hat die Sache &uuml;ber die Taxonomie wie stets sehr technisch und mit einer Kanonade an Regulierungen und Verordnungen angegangen und bereits vermittels der Technical Expert Group hunderte Seiten an Klassifikationen hervorgebracht, die neue Fachleute und f&uuml;r Unternehmen b&uuml;rokratischen Aufwand produziert. Und in Deutschland gibt es noch extra Ma&szlig;nahmen im Rahmen der Sustainable-Finance-Strategie. Man wird sehen, wozu dieses noch sehr im Fluss Befindliche f&uuml;hren wird, wobei der Grundgedanke, der beliebigen Begriffsverwendung einen Riegel vorzuschieben, an sich richtig ist.<\/p><p>Greifen wir hier nur einen Aspekt heraus. Die EU hat bisher zwei Messlatten vorgeschlagen. Diese Indices sind vor allem f&uuml;r institutionelle Anleger wie Pensionsfonds oder (R&uuml;ck-)Versicherer, aber auch f&uuml;r Einzelanleger relevant. Die strengere Variante hei&szlig;t Paris-Aligned-Benchmark (PAB), die weniger strenge Climate Transition Benchmark (CTB). Bei beiden ist ein Sinken des CO2-Aussto&szlig;es um j&auml;hrlich sieben Prozent gefordert. Die sieben Prozent beziehen sich auf das Gesamtportfolio eines Indexes und sind keine Minderungsvorschrift f&uuml;r alle enthaltenen einzelnen Unternehmen. Bei der PAB muss der CO2-Aussto&szlig; von vorherein um die H&auml;lfte geringer sein als bei zu vergleichenden Herkunftsindices. Bei der CTB liegt dieser Prozentsatz bei 30 Prozent. Liegt beim PAB also die verpflichtende Minderung zur Benchmark 2020 bei 50 Prozent, so ergeben sich bei vorgeschriebener geometrischer Berechnung 2021: 46,50; 2025: 34,78 und 2030: 24,20 Prozent. Bei der CTB, die mit 30 Prozent startet, landet man 2030 bei 33,88 Prozent.<\/p><p>Entscheidend ist: Diese Einsparungen erfolgen in erster Linie durch Umgewichtungen. So hat Tesla im Herkunftsindex MSCI World beispielsweise einen Anteil von 0,9 Prozent und im entsprechenden PAB 1,5 Prozent. So kommt es, dass der &uuml;bliche MSCI World einen vom Indexanbieter MSCI berechneten &ouml;kologischen Fu&szlig;abdruck von durchschnittlich 52 Tonnen C02 bei enthaltenen Unternehmen pro eine Million Dollar Unternehmenswert aussto&szlig;en, der entsprechende SRI Carbon Select &bdquo;nur&ldquo; 14. Um die sieben Prozent pro Jahr einhalten zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen gegebenenfalls jedes Jahr die Gewichtungen ver&auml;ndert werden.<\/p><p>So weit, so gut. Die Schw&auml;che dieser gr&uuml;nen Indices besteht nat&uuml;rlich darin, dass durch Umgewichtungen unmittelbar &uuml;berhaupt nicht weniger CO2 durch Unternehmen ausgesto&szlig;en wird und nur Vorg&auml;nge auf dem Sekund&auml;rmarkt ohne Neuausgabe von Aktien, die Unternehmen Finanzmittel zuf&uuml;hren, stattfinden. Auch werden bei der CTB &uuml;berhaupt keine Aktivit&auml;tsbereiche ausgeschlossen. Bei der PAB sind ein Prozent Kohle, immerhin zehn Prozent &Ouml;l und bei Naturgas 50-Prozent-Anteile am Unternehmenswert zugelassen. Kritisch ist anzumerken, dass auch Kompensationsausgaben (<em>offsets<\/em>) in einem gewissen Rahmen anrechenbar sind, also zum Beispiel die F&ouml;rderung von Windkraftanlagen in Indien, die aber bereits f&uuml;r wenige Euro pro Tonne erworben werden k&ouml;nnen und sich kaum nachweisen l&auml;sst, dass in einer wachsenden Wirtschaft wie der Indiens dadurch tats&auml;chlich weniger Kohle verstromt wird. Und schlie&szlig;lich k&ouml;nnen Unternehmen, die gering oder gar nicht in einem der gr&uuml;nen Indices drin sind, weitermachen wie vorher, wenngleich zuzugestehen ist, dass schon sehr viele Unternehmen &ndash; wenn auch klimatologisch gesehen zu geringf&uuml;gige &ndash; Minderungen vornehmen und transparent dar&uuml;ber berichten.<\/p><p><strong>Da wir gerade auf der internationalen Ebene sind &ndash; die beiden &Ouml;konomen Heiner Flassbeck und Hans-Werner Sinn sagen ja in seltener Eintracht, dass all die ganzen Klimaanstrengungen ohnehin f&uuml;r die Katz&rsquo; sind, solange es keine weltweit eingef&uuml;hrte CO2-Steuer gibt. Was ist davon zu halten?<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich haben die beiden nat&uuml;rlich recht, es gibt das gr&uuml;ne Paradox: Senken einige L&auml;nder den R&uuml;ckgriff auf fossile Energiequellen, dann sinken die Preise f&uuml;r &Ouml;l, Gas und Kohle durch die geringere Nachfrage. Die Scheichs und andere Autokraten werden sicher nicht die F&ouml;rderung einstellen. Das Pariser Klimaabkommen hat das Problem eher versch&auml;rft, da jedes Land nach Lust und Laune beliebige Reduktionsziele festlegen kann und man sich nicht auf den gemeinsamen Nenner von verbindlichen CO2-Reduktionszielen einigte. Sollte &Ouml;l noch billiger werden (derzeit kostet ein Liter &Ouml;l weniger als 40 US-Cent), steigen auch sicher L&auml;nder aus ihren sowieso zu geringf&uuml;gigen nationalen Zusagen aus, da es &uuml;berhaupt keine Sanktionen f&uuml;r Nichterf&uuml;llung oder Abgang gibt.<\/p><p>Eine gewisse Minderung des Paradoxes kann durch die Einf&uuml;hrung der geplanten Grenzausgleichsabgabe erfolgen, wenn Importe durch einen Zoll in H&ouml;he des Preises f&uuml;r CO2-Zertifikate des innereurop&auml;ischen Emissionshandels belastet werden. Sollten sich die erneuerbaren Energien aber weltweit durchsetzen, werden die Autokraten kurz vor Ultimo alles an fossilen Ressourcen raushauen, um wenigstens &uuml;berhaupt noch was f&uuml;r ihre fossilen Reserven zu bekommen. Die einzige L&ouml;sung, die vor vielen Jahren von Massarrat vorgeschlagen und jetzt sogar von Sinn, der schon begriffen hat, dass uns das Wasser bis zum Hals steht, in Erw&auml;gung gezogen wird, ein internationales Kartell mit den Produzentenl&auml;ndern zu organisieren und ihnen Preis- und Absatzgarantien zu geben, nat&uuml;rlich gegen sehr deutlich reduzierte F&ouml;rdermengen. Eigentlich m&uuml;ssten 80 Prozent der restlichen fossilen Ressourcen, leider gibt es noch sehr viel davon im Boden, der F&ouml;rderung entzogen werden. Trotz allem Wind- und Solar-Tamtam hat sich die Kohlenstoffintensit&auml;t in den letzten Jahrzehnten nicht vermindert. Wird weiter so gef&ouml;rdert, wie von der Internationalen Energieagentur realistischer Weise vorhergesagt, rasen wir direkt in die Klimakrise und auf drei bis vier Grad Erderw&auml;rmung zu.<\/p><p><strong>Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ja k&uuml;rzlich bei ihrer Sommerpressekonferenz gesagt, dass gemessen an dem Ziel, den weltweiten Temperaturanstieg auf das im Pariser Abkommen beschlossene Ziel, unter zwei Grad Erderw&auml;rmung zu bleiben, w&auml;hrend ihrer Kanzlerschaft &bdquo;nicht ausreichend viel passiert&ldquo; sei. Hat Sie da recht?<\/strong><\/p><p>Da muss ich ihr ausnahmsweise ohne Wenn und Aber zustimmen, mit dem Zusatz, dass von deutscher Seite viele angepeilte Ma&szlig;nahmen der EU nicht nur den Verkehrssektor betreffend aktiv behindert und vorgeschriebene EU-Umweltstandards hierzulande nicht eingehalten wurden und werden. Laut neuestem IPCC-Bericht hatten wir &ndash; obwohl konservativ berechnet &ndash; ab 2020 weltweit bei einer Wahrscheinlichkeit von 83 Prozent noch 300 Gigatonnen Restbudget an CO2-Emissionen. Ab 2022 sind das dann 230 Gigatonnen. Bei rund einem Prozent Anteil deutscher Inl&auml;nder an der Weltbev&ouml;lkerung bleiben uns bei gerechter Gleichverteilung demnach noch 2,3 Gigatonnen. Die sind selbst gem&auml;&szlig; den Zielen des nachgebesserten deutschen Klimaschutzgesetzes in etwa vier Jahren aufgebraucht.<\/p><p><strong>Im September steht ja auch noch die Bundestagswahl an. Sie haben sich im Vorfeld die Wahlprogramme der Parteien hinsichtlich ihrer Aussagen zum Klimaschutz angeschaut. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?<\/strong><\/p><p>In den Programmen stehen tolle Versprechen zu allerlei Umweltma&szlig;nahmen und zur alsbaldigen Klimaneutralit&auml;t, wobei man sich allerdings schon fragt, warum die in den letzten Jahrzehnten meist Regierungen stellenden Systemparteien nicht Jahrzehnte fr&uuml;her draufgekommen sind, denn jetzt ist das Emissionsrestbudget nach meiner Analyse eigentlich schon komplett aufgebraucht. Greifen wir einmal die Position zur E-Mobilit&auml;t heraus, die in meinen Augen eine absolute Fehlentwicklung darstellt, da alleine die Produktion der Autos bereits mit mindestens 20 Tonnen CO2 einhergeht und vor Erreichen von 100 Prozent &Ouml;kostrom (in der EU sind f&uuml;r 2030 etwa 40 Prozent vorgesehen) zus&auml;tzliche Stromnachfrage wie die der E-Autos durch Kohle- und Gaskraftwerke befriedigt wird, also nichts mit &bdquo;klimafreundlichen&ldquo; Autos.<\/p><p>Die AfD tritt, auf den ersten Blick vorbildlich, f&uuml;r den Erhalt heimatlicher W&auml;lder ein, in denen keine Windkraftanlagen gebaut werden sollen, und sie weist auf die mangelnden Stromkapazit&auml;ten und die hohen Umweltbelastungen bei der Batterieproduktion hin. Leider erfolgen diese Aussagen im Rahmen einer letztlichen Leugnung des Klimawandels, und die AfD ist pro Braunkohle, pro Verbrennungsmotor, pro Atom und contra jegliche &bdquo;Planwirtschaft&ldquo; des Green Deals der EU. Die FDP ist zwar f&uuml;r den Ausbau der (Schnell-)Lades&auml;ulen, aber gegen Kaufpr&auml;mien und f&uuml;r einen europaweiten CO2-Emissionshandel des gesamten Verkehrssektors. Technologieoffenheit ist Trumpf, auch Flugtaxis geh&ouml;ren dazu. Von Begrenzungen des Verkehrs oder pr&auml;zisen Minderungsangaben ist au&szlig;er dem wohlfeilen Bekenntnis zu den Pariser Klimazielen keine Rede. Die CDU bekennt sich zum 1,5-Grad-Ziel, ist aber gegen Tempolimits und Dieselfahrverbote. Technologieoffenheit ist auch f&uuml;r sie der Leitwert, schlie&szlig;lich soll ihr zufolge der &bdquo;Automobilstandort Deutschland gesichert&ldquo; werden. Auch f&uuml;r die SPD soll &bdquo;die Automobilindustrie Leitindustrie bleiben&ldquo;, aber sie tritt f&uuml;r einen Umweltbonus und ein Tempolimit ein und will bis 2030 insgesamt 15 Millionen E-Mobile auf deutschen Stra&szlig;en sehen.<\/p><p>Die Gr&uuml;nen gestehen zu, das Auto werde f&uuml;r viele weiterhin wichtig sein, sie wollen aber u.a. bis 2030 die Fahrgastzahlen des &Ouml;PNV um 50 Prozent erh&ouml;hen und alsbald Tempolimits einf&uuml;hren. Ab 2030 sollen nur emissionsfreie Fahrzeuge zugelassen werden, und ihr Anteil soll dann wie bei der SPD bei 15 Millionen Fahrzeugen liegen, um einen klimaneutralen Autoverkehr und das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Und mit gewisser Kauff&ouml;rderung unterst&uuml;tzte &bdquo;klimafreundliche Autos&ldquo; sollen einhergehen mit einem fl&auml;chendeckenden Ausbau der Ladeinfrastruktur. Allein die Herstellung der angestrebten Zahl an E-Autos w&uuml;rde 15 Millionen mal 20 Tonnen pro Fahrzeug, also 300 Millionen Tonnen CO2 bedeuten. Zurzeit sind in Deutschland 48 Millionen Fahrzeuge unterwegs. Die Umweltzerst&ouml;rung durch Lithiumgewinnung und vieles mehr kommen hinzu. Wie kann man da von klimafreundlichen Autos sprechen?<\/p><p>Die Linke spricht sich gegen Kaufpr&auml;mien und f&uuml;r den weitgehenden &Uuml;bergang zum &ouml;ffentlichen Verkehr aus. Elektro-Autos sind im Prinzip nur f&uuml;r Handwerker und als (&ouml;ffentliche) Einsatzfahrzeuge auf den Stra&szlig;en vorgesehen. Der &Ouml;PNV soll hierzu unterst&uuml;tzend kostenlos sein, und es soll Tempolimits (120\/80\/30) geben. Neben der Linken ist nur die &Ouml;DP f&uuml;r eine eindeutige Begrenzung des PKW-Verkehrs. In St&auml;dten gilt maximal ein Drittel bis 2035 als Zielwert im Rahmen eines von der &Ouml;DP geforderten allgemeinen Stopps des Wachstumszwangs.<\/p><p>Die Analyse ergibt also, dass nur die &Ouml;DP und Die Linke nicht vom Technooptimismus befallen sind und den Autokonzernen keine Milliarden an Zusch&uuml;ssen hinterherwerfen wollen. Anstelle von selbstfahrenden E-Kleinbussen im 5-Minutentakt plus erg&auml;nzendem Carsharing soll es weitergehen mit dem PKW, anstelle zu fordern, dass ab 2030 keine PKW mehr f&uuml;r den rein privaten Gebrauch zugelassen werden d&uuml;rfen und nur eine geringe Anzahl von Autos als Betriebsfahrzeuge oder f&uuml;r besondere Transportzwecke eingesetzt werden. Das Motto der meisten Parteien scheint zu sein: M&ouml;glichst wenig R&auml;der stehen still, weil die marktkapitalistische Systemlogik es so will.<\/p><p><strong>Herr Peukert, vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p>Titelbild: metamorworks\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/763eec6bf59f4c83856e0bac6d717ae5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der sch&ouml;nen, neuen, gr&uuml;nen Finanzwelt scheint nichts mehr im Wege zu stehen. 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