{"id":75171,"date":"2021-08-17T09:00:23","date_gmt":"2021-08-17T07:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75171"},"modified":"2026-01-27T11:39:37","modified_gmt":"2026-01-27T10:39:37","slug":"ulrich-teusch-ich-mache-mir-sorgen-um-den-demokratischen-rechtsstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75171","title":{"rendered":"Ulrich Teusch: \u201eIch mache mir Sorgen um den demokratischen Rechtsstaat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Politische Angst: Das ist es, was der Journalist und Autor <strong>Ulrich Teusch<\/strong> zum ersten Mal in seinem Leben w&auml;hrend der Corona-Krise versp&uuml;rt hat. Und das hat seinen Grund: &bdquo;Es geht in diesem Land vielfach nicht mehr mit rechtsstaatlichen Dingen zu. Wir erleben eine Krise der Verfassung, des Rechtsstaats, der Rechtsprechung, der Rechtssicherheit&ldquo;, sagt Teusch im Interview mit den NachDenkSeiten. Ein Interview &uuml;ber sein Buch &bdquo;Politische Angst &ndash; Warum wir uns kritisches Denken nicht verbieten lassen d&uuml;rfen&ldquo;, den Freiheitsbegriff und dar&uuml;ber, was er unter &bdquo;Antipolitiker&ldquo; versteht. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=73707\">Man nahm mir meine Grundrechte<\/a>. Selbst auf das Recht, Rechte zu haben, war kein Verlass mehr.&ldquo;<\/strong><br>\n<strong>Herr Teusch, das schreiben Sie in Ihrem aktuellen Buch. Was ist der Hintergrund dieser Aussagen? <\/strong><\/p><p>Ich mache mir Sorgen um den demokratischen Rechtsstaat, wobei mein Akzent weniger auf &bdquo;demokratisch&ldquo; als auf &bdquo;Rechtsstaat&ldquo; liegt. Was seit anderthalb Jahren in diesem Land und in &auml;hnlicher Weise in anderen L&auml;ndern stattfindet, mag demokratisch legitimiert sein. Immerhin sind die meisten Exekutiven ja frei gew&auml;hlt, und glaubt man Umfragen, dann erfreuen sie und ihre &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; sich immer noch einer breiten Zustimmung der Bev&ouml;lkerung. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72085\">Anders sieht es mit dem Rechtsstaat<\/a> aus: Viele Grundrechte wurden faktisch au&szlig;er Kraft gesetzt. Es wird der Eindruck erweckt, als sei es v&ouml;llig in Ordnung, den B&uuml;rgern Rechte zu nehmen und sie ihnen &ndash; unter von der Exekutive diktierten Bedingungen &ndash; irgendwann (vielleicht) wieder zur&uuml;ckzugeben. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=68202\">Welches Grundrechtsverst&auml;ndnis offenbart sich da?<\/a> <\/p><p>Inzwischen kann man feststellen: Es geht in diesem Land vielfach nicht mehr mit rechtsstaatlichen Dingen zu. Wir erleben eine Krise der Verfassung, des Rechtsstaats, der Rechtsprechung, der Rechtssicherheit. Die Judikative, angefangen beim Bundesverfassungsgericht, macht eine erb&auml;rmliche Figur. Und die wenigen r&uuml;hmlichen Ausnahmen &ndash; etwa in Weimar &ndash; werden in ungeh&ouml;riger Weise unter Druck gesetzt. Das sind unglaubliche Vorg&auml;nge. Wo soll das hinf&uuml;hren, wo soll das enden?<\/p><p><strong>Ihr Buch hei&szlig;t &bdquo;Politische Angst&ldquo;. Mir ist aufgefallen, dass Sie recht offen &uuml;ber Ihre &Auml;ngste schreiben&hellip; <\/strong><\/p><p>Ja, das ist ein sehr pers&ouml;nliches Buch, jedenfalls &uuml;ber weite Strecken. Das hei&szlig;t: Ich berichte viel von eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Empfindungen, und ich glaube, dass vieles von dem, was ich da schreibe, repr&auml;sentativ ist, also von vielen anderen Menschen so oder &auml;hnlich auch erlebt, erfahren und empfunden wurde (und wird). Ich hoffe, dass sich die Leserinnen und Leser in dem Text wiedererkennen und er ihnen vielleicht hilft. Was die Angst betrifft: Ich schreibe in der Tat ziemlich offen &uuml;ber meine &Auml;ngste. Es hat mich einige &Uuml;berwindung gekostet, das zu tun, mich also in dieser Weise zu offenbaren. Aber es ist, glaube ich, einfach notwendig. Es hat keinen Sinn, Normalit&auml;t vorzut&auml;uschen, wo keine mehr ist. <\/p><p><strong>Was hat es denn nun mit der politischen Angst auf sich? Und warum haben Sie diese versp&uuml;rt &ndash; zum ersten Mal in Ihrem Leben, wie Sie schreiben? <\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst: Angst ist nat&uuml;rlich ein gro&szlig;es Thema und dieses Thema hat viele Dimensionen und Facetten. Wir wissen mindestens seit Machiavelli und Hobbes, dass Angst ein &uuml;beraus effektives Herrschaftsmittel ist. Die entsprechenden Machttechniken wurden im Lauf der Geschichte stetig perfektioniert. Sie werden auch gegenw&auml;rtig wieder eingesetzt. Das ist vielfach beschrieben und analysiert worden, zuletzt etwa von Rainer Mausfeld, Hannes Hofbauer und anderen. Es bleiben jedoch Fragen: Warum lassen sich Menschen &uuml;berhaupt (und so leicht) &auml;ngstigen? Warum geben die meisten von ihnen dem Druck immer wieder nach? Warum opfern sie ihre individuelle Freiheit allzu oft einer tr&uuml;gerischen Sicherheit? Und warum sind wenige andere standhaft?<\/p><p>Was mich selbst betrifft: Ich habe es in der Tat im Zuge der Corona-Krise zum ersten Mal in meinem Leben mit politischer Angst zu tun bekommen. Bis dahin kannte ich auf politischem Feld nur Sorge, Anspannung, &Auml;rger, Emp&ouml;rung. Nie f&uuml;hlte ich mich unmittelbar und pers&ouml;nlich bedroht. Nun jedoch &uuml;berw&auml;ltigten mich die schlagartigen, herrischen politischen Eingriffe in mein Leben. Das kam alles pl&ouml;tzlich, unerwartet &ndash; und meine emotionale Reaktion darauf hat mich &uuml;berrascht.<\/p><p><strong>Warum hat sie das &uuml;berrascht?<\/strong><\/p><p>Weil meine Ichwerdung, meine Individuation, eigentlich erfolgreich verlaufen ist. Ich habe eine stabile, selbstbewusste Pers&ouml;nlichkeit ausgebildet. Individuelle Freiheit und Autonomie gehen mir &uuml;ber alles. Und ich litt nie darunter, dass ich mit meinen politischen Ansichten meist zu einer kleinen Minderheit geh&ouml;rte, dass mich mein Individualismus also m&ouml;glicherweise zum gesellschaftlichen Au&szlig;enseiter stempelte. Politisch &bdquo;nicht anschlussf&auml;hig&ldquo; zu sein, war f&uuml;r mich nichts Ungew&ouml;hnliches. Damit kam ich klar. <\/p><p>Doch das hatte sich jetzt ge&auml;ndert. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gef&uuml;hl, dass ich einen hohen Preis f&uuml;r meine Freiheit zahlen musste. Das Gef&uuml;hl, politisch allein, einsam, isoliert zu sein, dieses Gef&uuml;hl stellte sich jetzt dauerhaft ein und zudem mit einer Intensit&auml;t, die mir bis dahin unbekannt war. Es wurde noch absichtsvoll verst&auml;rkt durch die staatlich verordneten Kontaktverbote und -einschr&auml;nkungen. Ich kam mir verloren vor, aus der Zeit gefallen, f&uuml;hlte mich unfrei. Meine Angst war politisch begr&uuml;ndet. Ja, ich empfand politische Angst. Und ich tue es nach wie vor.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie f&uuml;r uns einordnen, wie Sie die Zeit seit M&auml;rz 2020 erlebt haben? Was ist da passiert? <\/strong><\/p><p>In einem der Anfangskapitel des Buches erz&auml;hle ich ja recht ausf&uuml;hrlich und in anonymisierter Form die dramatische, authentische Geschichte einer vierk&ouml;pfigen Familie. Diese Familie wurde nicht Opfer von Corona, sondern der &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; gegen Corona. Sie ist haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Schicksale dieser Art gibt es zuhauf, auch noch deutlich schlimmere. Sie gehen vermutlich allein in diesem Land in die Millionen. Das alles h&auml;tte es nicht geben d&uuml;rfen und d&uuml;rfte es nicht geben. Womit ich Ihre Frage schon beantwortet habe: Ich halte den staatlich-administrativen Umgang mit &bdquo;Corona&ldquo; f&uuml;r vollkommen einseitig, kontraproduktiv, verfehlt. Die Folgen sind katastrophal und werden uns noch lange, sehr lange in Atem halten.<\/p><p><strong>Halten wir doch mal auseinander, wie sich die Verantwortlichen auf politisch-administrativer Seite samt ihrer Experten verhalten haben und wie die B&uuml;rger reagiert haben. Pl&ouml;tzlich haben Politiker &ndash; im Namen der Sicherheit &ndash; die Grundrechte massiv eingeschr&auml;nkt. War das f&uuml;r Sie nachzuvollziehen?<\/strong><\/p><p>Nein, das war f&uuml;r mich von Anfang an nicht nachvollziehbar. Ich glaube auch nicht (mehr), dass die drastischen Eingriffe lediglich unserer Sicherheit und Gesundheit dienen sollten. <\/p><p><strong>Sondern?<\/strong><\/p><p>Der sozialen Kontrolle. Es handelte sich um gezielt repressive Ma&szlig;nahmen. Wer das nicht glauben will, sollte mal kurz kontrafaktisch denken und sich vorstellen, die Abwehr- und Schutzma&szlig;nahmen w&auml;ren tats&auml;chlich in bester Absicht ergriffen worden, also allein der brennenden Sorge um unser aller Gesundheit, unser aller Leben geschuldet gewesen. Nehmen wir an, diese rein mitmenschliche, uns allen zugewandte Haltung w&auml;re der ma&szlig;gebliche politische Ansatz der Obrigkeiten gewesen. Wie h&auml;tten sie, also die Obrigkeiten, in diesem Fall die von ihnen f&uuml;r erforderlich gehaltenen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=67788\">&bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo;<\/a> gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit, also uns, kommuniziert und begr&uuml;ndet? <\/p><p>Die Antwort liegt auf der Hand: Sie h&auml;tten sie g&auml;nzlich anders kommuniziert, g&auml;nzlich anders begr&uuml;ndet, als sie es tats&auml;chlich getan haben. Sie h&auml;tten ein v&ouml;llig anderes gesellschaftliches Klima erzeugt. Sie h&auml;tten auf Freiwilligkeit gesetzt, h&auml;tten mit guten Argumenten und mit Geduld zu &uuml;berzeugen versucht, h&auml;tten mit Anreizen gearbeitet etc. Obwohl man also mit der Krise auch ganz anders h&auml;tte umgehen k&ouml;nnen, ist man mit ihr genau so und nicht anders umgegangen: n&auml;mlich autorit&auml;r und repressiv. Das war kein Fehler und kein Versehen &ndash; es war Absicht. Und es erlaubt R&uuml;ckschl&uuml;sse auf die Motivlage der politisch Verantwortlichen. Zudem nimmt das Ganze kein Ende: Der Deutsche Bundestag beharrt mit seiner Mehrheit und mit ebenso abenteuerlichen wie l&auml;cherlichen Begr&uuml;ndungen darauf, dass wir uns weiterhin in einer &bdquo;epidemischen Lage von nationaler Tragweite&ldquo; bef&auml;nden. Das grenzt an Willk&uuml;r. Und wenn man auf der Basis von Willk&uuml;r herrscht, landet man irgendwann bei der Willk&uuml;rherrschaft. <\/p><p><strong>Zu den B&uuml;rgern. Masken, Abstandsgebote, Ausgangssperre, Tracking- oder Tracing-App: All das wurde weitestgehend hingenommen. Erstaunlich, oder?<\/strong><\/p><p>Ich nehme eine tiefe Spaltung der Gesellschaft wahr: Wir haben eine Minderheit, die unter den Zumutungen des repressiven Ma&szlig;nahmenstaates leidet und sich so gut es geht gegen sie auflehnt. Dieser gegen&uuml;ber steht ein gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung &ndash; ich wei&szlig; nicht, ob es (noch) die Mehrheit ist &ndash; der sich der offiziellen Corona-Politik bereitwillig angeschlossen und die diversen &bdquo;Ma&szlig;nahmen&ldquo; mitgetragen hat. Diese Menschen hatten offenkundig kein Problem damit, dass zahlreiche Grundrechte fl&auml;chendeckend au&szlig;er Kraft gesetzt wurden. Sie glaubten an den Ernst der Lage und an die ungeheure Gef&auml;hrlichkeit des &bdquo;neuartigen&ldquo; Virus. Sie glaubten auch den im Panikmodus berichtenden Altmedien. <\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie dieses Verhalten?<\/strong><\/p><p>Sie meinen die Affirmation, die Anpassung, den Konformismus? Ich folge da Erich Fromm, auf den ich ja im Buch &ouml;fter Bezug nehme. Ich vermute, dass ein so gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung sich der neuen Normalit&auml;t auch deshalb so bereitwillig und zuverl&auml;ssig f&uuml;gte und f&uuml;gt, weil er Angst davor hat, zur Minderheit zu geh&ouml;ren und im Ernstfall alleinzustehen. Weil er sich vor einer abweichenden Positionierung f&uuml;rchtet. Weil ihm die Last der Freiheit zu schwer w&auml;re. Er geht konform, um diese Last abzusch&uuml;tteln. Es handelt sich also m&ouml;glicherweise um ein Fluchtverhalten. <\/p><p><strong>Fromm bezeichnet diesen Menschentypus, diesen Charakter als &bdquo;autorit&auml;r&ldquo;&hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, Menschen dieses Typs bewundern die Autorit&auml;t und sind bereit, sich ihr zu unterwerfen, m&ouml;chten aber gleichzeitig selbst eine Autorit&auml;t sein, der sich die anderen zu unterwerfen haben. Sie kennen nur Macht und Ohnmacht, nur Herrschen und Beherrscht-Werden &ndash; aber niemals Solidarit&auml;t. Der autorit&auml;re Charakter, sagt Fromm, habe sogar eine regelrechte Affinit&auml;t zu Lebensbedingungen, welche die menschliche Freiheit einschr&auml;nken. Er liebe es, sich dem Schicksal zu ergeben. Dies mache seinen &bdquo;Heroismus&ldquo; aus.<\/p><p><strong>Sie haben viel &uuml;ber den Begriff Freiheit nachgedacht. In den Medien war der Tenor in etwa wie folgt: In einer Gesellschaft m&uuml;ssen alle aufeinander R&uuml;cksicht nehmen. Das Freiheitsbed&uuml;rfnis des einzelnen B&uuml;rgers muss da zur&uuml;ckstehen, wo die eigene Freiheit ein Problem f&uuml;r die anderen B&uuml;rger mit sich bringt. <\/strong><br>\n<strong>So einfach ist es dann aber doch nicht, oder?<\/strong><\/p><p>Dass alle aufeinander R&uuml;cksicht nehmen sollten, ist ja nicht falsch. Die Betonung liegt aber auf &bdquo;alle&ldquo;. Solidarit&auml;t ist keine Einbahnstra&szlig;e. Wenn zum Beispiel gesagt wird, &bdquo;Jeder Corona-Tote ist einer zu viel&ldquo;, dann gilt auch: &bdquo;Jeder Ma&szlig;nahmen-Tote ist einer zu viel.&ldquo; Auch in einer schweren Krise m&uuml;ssen wir in der Lage sein, alle mit ins Boot zu holen, Kompromisse zu schlie&szlig;en, einen modus vivendi zu finden. Mit einem virologischen Tunnelblick kann man keine komplexe Gesellschaft steuern. Dazu braucht es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, bei dem sich niemand ausgeschlossen f&uuml;hlen darf. Leider hat in den vergangenen anderthalb Jahren so ziemlich das Gegenteil stattgefunden. <\/p><p><strong>Sie f&uuml;hren in Ihrem Buch einen interessanten Vergleich an. 1969 hie&szlig; es von Willy Brandt: &bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo;. Vor einigen Monaten ver&ouml;ffentlichte die S&uuml;ddeutsche Zeitung einen Artikel mit der provokanten &Uuml;berschrift: &bdquo;Mehr Diktatur wagen&ldquo;. Welche Ver&auml;nderungen in Politik und Gesellschaft sehen Sie im Hinblick auf diese sich gegen&uuml;berstehenden &bdquo;Marschrichtungen&ldquo;? <\/strong><\/p><p>Was sich gegenw&auml;rtig abspielt, w&uuml;rde ich auf die Formel bringen &bdquo;Weniger Demokratie wagen&ldquo;. Wir erleben einen stetigen Abbau von Rechtsstaat, Demokratie, Liberalit&auml;t. Der Druck steigt. Es wird gedroht und verboten, es wird erzwungen und gema&szlig;regelt, es wird bestraft und sanktioniert, es wird geg&auml;ngelt und schikaniert, es wird drangsaliert und denunziert, es wird bevormundet und gecancelt. Nicht einmal auf die Beachtung zivilisatorischer Minimalstandards in Gestalt des simplen politischen Anstands kann man sich noch verlassen. Diese Erosion hat lange vor &bdquo;Corona&ldquo; begonnen, aber die aktuelle Krise wird von der Staatsmacht und den ihr verbundenen gro&szlig;en Konzernen genutzt, um den Abw&auml;rtsprozess zu beschleunigen und zu intensivieren. <\/p><p><strong>Lange vor Corona, sagen Sie. Seit wann l&auml;uft denn dieser Prozess? <\/strong><\/p><p>Schwer zu sagen: Ging es schon los mit Ende des Kalten Krieges? Oder nach 9\/11? Mit dem Finanzcrash 2008? In jedem Fall sind die goldenen Jahre &ndash; sie dauerten von der Mitte der 1960er bis Anfang der 1980er &ndash; in denen man mehr Demokratie wagte, sich ein hohes Ma&szlig; an Liberalit&auml;t und eine beachtliche Diskursbreite leisten konnte, definitiv vorbei. Viele Demokratien, nicht nur die deutsche, befinden sich seit Jahren in einem sich stetig versch&auml;rfenden Krisenmodus, aus dem sie keine Auswege finden. <\/p><p><strong>Manche bef&uuml;rchten, dass sich unsere Geschichte wiederholen k&ouml;nnte&hellip;<\/strong><\/p><p>Sie meinen, dass wir wieder in diktatorische Verh&auml;ltnisse abgleiten k&ouml;nnten? So weit ist es noch nicht und so weit wird es wohl auch nicht kommen, hoffentlich. Dennoch ist die Entwicklung alarmierend. Ich arbeite im Buch ja einige &Auml;hnlichkeiten zwischen den heutigen Verh&auml;ltnissen und den Jahren 1930 bis 1934 heraus, also dem Ende der Weimarer Republik und der beginnenden NS-Zeit. Wer aus der Geschichte lernen will, sollte sich diese entscheidenden Jahre, diese absch&uuml;ssige Bahn genau ansehen.<\/p><p><strong>Was haben Sie bei Ihrer Auseinandersetzung mit dieser Zeit gelernt?<\/strong><\/p><p>Mir wurde klar, dass der &Uuml;bergang von der Republik zur Diktatur ein l&auml;ngerer Prozess war. Die Weimarer Republik hat nicht am Stichtag 30. Januar 1933 geendet und es hat nicht postwendend die Nazi-Diktatur begonnen. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler war zwar ein eminent wichtiges Ereignis, aber sie war nicht die Scheidelinie zwischen Demokratie und Diktatur. Der Macht&uuml;bernahme der NSDAP war eine dreij&auml;hrige Agonie der Weimarer Republik vorausgegangen, in der mit Pr&auml;sidialkabinetten und Notverordnungen regiert wurde. Im Sommer 1932 war die preu&szlig;ische Regierung durch einen Staatsstreich und ohne nennenswerten Widerstand aus dem Amt gefegt worden. Stellt man dies in Rechnung, dann muss man realistischerweise sagen: Die Etablierung der NS-Diktatur kam nicht mit einem Schlag, sie war kein punktuelles Ereignis, sondern ein Prozess, der sich &uuml;ber etwa vier Jahre hingezogen hat. Die Deutschen sind langsam in die Diktatur hineingewachsen. Irgendwann, irgendwo wurde ein point of no return &uuml;berschritten. Danach ging dann alles mit atemberaubender, die Widerstandskr&auml;fte l&auml;hmender Geschwindigkeit. Ich behaupte nicht, dass Deutschland heute in einer gleichartigen Situation sei oder dass sich die Geschichte wiederhole. Aber die Lage ist ernst. Wenn Deutsche eine Lehre aus ihrer Geschichte ziehen k&ouml;nnen, dann lautet sie: Seid wachsam und wehret den Anf&auml;ngen!<\/p><p><strong>Was haben Sie noch gelernt?<\/strong><\/p><p>Mir ist aufgefallen, dass seinerzeit viele Leute, die es besser h&auml;tten wissen m&uuml;ssen, sich in die eigene Tasche gelogen, die Dinge sch&ouml;ngeredet haben, so etwa viele f&uuml;hrende Publizisten des Landes. Um sie herum brannte alles, aber sie waren nicht willens oder in der Lage, eine realistische Lageeinsch&auml;tzung abzugeben &ndash; mit fatalen Folgen. Gerade in schweren politischen Krisensituationen braucht es einen harten Realismus. Der fehlte damals vielen, und der ist auch heute Mangelware.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten gibt es denn f&uuml;r unsere Gesellschaft, den Entwicklungen entgegenzutreten?<\/strong><br>\n<strong>Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass wir &bdquo;Antipolitiker&ldquo; brauchen. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Mein Buch besteht ja aus zwei gro&szlig;en Teilen. Der erste Teil ist zeitdiagnostisch ausgerichtet und verbreitet, wie ich zugeben muss, wenig Zuversicht. Im zweiten Teil &ndash; er hei&szlig;t &bdquo;Orientierungen&ldquo; &ndash; sieht es etwas anders aus. Da mache ich eine Reihe von Vorschl&auml;gen: Was kann man hier und heute konkret tun? Was brauchen wir? In welche Richtung sollten wir uns bewegen? In diesem Zusammenhang erl&auml;utere ich das Konzept &bdquo;Antipolitik&ldquo;, das ich von dem ungarischen Schriftsteller Gy&ouml;rgy Konr&aacute;d &uuml;bernehme. Antipolitiker wehren sich nicht gegen die Politik als solche, sondern gegen die exzessive Politisierung, nicht gegen den Staat, sondern gegen den Etatismus, sie bauen &ndash; in den Worten Konr&aacute;ds &ndash; &bdquo;D&auml;mme gegen die politische Flut&ldquo;. Sie verteidigen die Zivilgesellschaft oder die kleinen Communities gegen die Anma&szlig;ungen der Politik. Sie wollen nicht in einem herk&ouml;mmlichen Sinn &bdquo;an die Macht&ldquo;, sondern sie entziehen sich dem &uuml;blichen politischen Spiel beziehungsweise setzen ihre eigenen Spielregeln. Ich halte diesen Ansatz f&uuml;r sehr fruchtbar und versuche, ihn mit Inhalt zu f&uuml;llen.<\/p><p><strong>Wie sollten die Antipolitiker weiter agieren?<\/strong><\/p><p>Ich will einen wichtigen Aspekt nennen: Antipolitiker gibt es links, rechts und in der Mitte. Sie sollten sich finden! Und sie tun es bereits. Viele Menschen &uuml;berschreiten zurzeit politische Grenzen und werden sich fundamentaler Gemeinsamkeiten mit anderen Str&ouml;mungen bewusst &ndash; bemerken zugleich grundlegende Differenzen zu Gruppierungen, mit denen sie sich bis dato in &Uuml;bereinstimmung glaubten. Das mag zun&auml;chst irritieren, k&ouml;nnte aber auch politische Impulse setzen. Was sollte gegen Umgruppierungen und neue B&uuml;ndnisse einzuwenden sein? Was sollte staatskritische Konservative, Libert&auml;re und antiautorit&auml;re Linke daran hindern, hier und da gemeinsame Sache zu machen, f&uuml;r gemeinsame Ziele zu streiten? Was sollte sie hindern, die politischen Abstandsgebote zu ignorieren? <\/p><p>Vielleicht bahnt sich hier ja eine Entwicklung an, die in der Zeit &bdquo;nach Corona&ldquo; noch an Bedeutung gewinnen wird: keine festgef&uuml;gten Lager mehr, keine ideologischen Borniertheiten, keine Ber&uuml;hrungs&auml;ngste (also kein &bdquo;political distancing&ldquo;), sondern flexible, &uuml;berraschende, schwer kalkulierbare und immer themenbezogene Kooperationen ganz unterschiedlicher Kr&auml;fte. Man m&uuml;sste sich da auch gar nicht gro&szlig; absprechen &ndash; getreu dem Motto: getrennt marschieren, vereint schlagen. Solche Kreuz- und Querfronten, wie ich sie nenne, k&ouml;nnten eine befreiende Wirkung entfalten, also die etablierte Politik auf Trab bringen &ndash; und eine demokratische politische Kultur revitalisieren.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Die Spekulationen des Interviewten zur Querfront teilen wir nicht und halten sie auch f&uuml;r abenteuerlich.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Lesetipp: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher-mehr\/politische-angst.html\">Politische Angst &ndash; Warum wir uns kritisches Denken nicht verbieten lassen d&uuml;rfen<\/a>. Westend. 26. Juli 2021. 160 Seiten. 16 Euro. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Christin Klose\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politische Angst: Das ist es, was der Journalist und Autor <strong>Ulrich Teusch<\/strong> zum ersten Mal in seinem Leben w&auml;hrend der Corona-Krise versp&uuml;rt hat. Und das hat seinen Grund: &bdquo;Es geht in diesem Land vielfach nicht mehr mit rechtsstaatlichen Dingen zu. 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