{"id":75176,"date":"2021-08-15T11:45:20","date_gmt":"2021-08-15T09:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176"},"modified":"2021-08-15T13:14:06","modified_gmt":"2021-08-15T11:14:06","slug":"verschwoerungstheorien-ein-entgiftungskurs-in-drei-gaengen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75176","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rungstheorien \u2013 ein Entgiftungskurs in drei G\u00e4ngen"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; ist in seinem Gebrauch die Vernichtung seines eigentlichen Wortsinnes. Es transferiert etwas ins Reich weitschweifiger Phantasien und haltloser Spinnereien, was nichts weiter ist als eine notwendige Ann&auml;herung an Formen der Konspiration. Faktisch kontaminiert dieser umgedrehte Begriff den Untersuchenden und sch&uuml;tzt das verdeckt Vorhandene durch ihre offizielle Leugnung. Dies ist der erste von drei Artikeln zum Thema &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo;, es wird dabei auf politische, sprachliche, inhaltliche, historische und aktuelle Aspekte eingegangen. Von <strong>Wolf Wetzel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer kann das Wort noch h&ouml;ren: Verschw&ouml;rungstheorie! Dieses Wort in seiner Nichtbedeutung gibt es schon sehr lange. Es geh&ouml;rt seit Jahrzehnten zum Regierungswerkzeug. Wenn eine andere Meinung, eine Gegenposition nicht genehm ist, wenn sie st&ouml;rt, dann f&uuml;hrt man keine offene Diskussion, sondern denunziert diese &ndash; ohne diese Gegenposition zu Wort kommen zu lassen. Das machen Regierungen aber nicht aus Verzweiflung, sondern gekonnt und sehr geplant. Ein Teil dieses Beitrages wird sich dieser Schlagwortschmiede widmen.<\/p><p>Dem schlie&szlig;t sich ein Teil an, der diesem Schlagwort und seinen Nutzern in Corona-Zeiten nachgeht. Keine Frage, es geht um viel und vor allem um alle, wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht. Wenn man einen Krieg begr&uuml;nden will und daf&uuml;r ein &bdquo;zweites Auschwitz&ldquo; verhindern will, dann sind relativ Wenige davon betroffen, wenn man sie denunziert &ndash; als Salon-Pazifisten oder Sympathisanten eines Diktators (Milo&scaron;evic). Relativ Wenige hat der 1999 angezettelte Krieg gegen die BR Jugoslawien ber&uuml;hrt, noch viel Weniger haben gegen diesen fingierten antifaschistischen Krieg demonstriert. An dem Leben hier hat sich nichts ge&auml;ndert. Der Krieg blieb dort, mitsamt seinen Zerst&ouml;rungen und L&uuml;gen.<\/p><p>Mit der Pandemie und den Ma&szlig;nahmen zu ihrer Eind&auml;mmung ist es jedoch anders. Alle bekommen die &bdquo;neue Normalit&auml;t&ldquo; zu sp&uuml;ren, alle m&uuml;ssen mit massiven Einschr&auml;nkungen zurechtkommen. Zur neuen Normalit&auml;t geh&ouml;rt auch, dass alles zu unserem Schutz, f&uuml;r unsere Gesundheit gemacht wird &ndash; wir also nur uns selbst schaden w&uuml;rden, wenn wir diese gro&szlig;artige Geste nicht ann&auml;hmen. Wer Zweifel an diesem &bdquo;Winter-Sommer-M&auml;rchen&ldquo; hat, wer andere Gr&uuml;nde anf&uuml;hrt, wird als lausiger Verschw&ouml;rungstheoretiker behandelt. Die Corona-Welt ist eindeutig und nicht diskutierbar: Auf der einen Seite stehen all jene (die sonst nie zusammenstehen), die unsere Gesundheit, unser Leben sch&uuml;tzen wollen und ganz besonders solidarisch gegen&uuml;ber den Schwachen, den Schutzbed&uuml;rftigen sind (was sie sonst nie sind). Und auf der anderen Seite sind die Sozialdarwinisten, die Egoisten, die nur an sich selbst denken und mit sachlichen\/wissenschaftlichen Argumenten nicht mehr erreichbar sind. An drei Beispielen soll gezeigt werden, dass dies keine Scheidelinie ist, sondern Potemkinsche D&ouml;rfer, die jene aufgebaut haben, die alle anderen f&uuml;r nicht ganz dicht halten.<\/p><p>Der letzte Teil geht einem besonderen Ph&auml;nomen nach: Dass Regierungen ihre Kritiker denunzieren, l&auml;cherlich machen und auf vielf&auml;ltige Weise mundtot zu machen versuchen, ist nicht neu. Dass ihnen dabei die staatsnahen Medien, die parlamentarische Opposition (die mit in die Regierung will) zu Hilfe kommen, erstaunt auch nicht wirklich.<\/p><p>Aber was treibt antifaschistische, antirassistische Gruppen und B&uuml;ndnisse dazu, die Regierungspolitik mehr oder weniger gutzuhei&szlig;en und ihre ganze Kraft darauf zu verwenden, gegen jene vorzugehen, die bestimmte Corona-Ma&szlig;nahmen ablehnen und die Einhaltung der Grundrechte betonen? Wie kommt es, dass &bdquo;Querdenker&ldquo; der eigentliche Feind f&uuml;r sie sind, w&auml;hrend man die Regierung f&uuml;r das kleinere &Uuml;bel h&auml;lt? Sind diese Gegen-Gegen-Demonstrationen Teil eines &bdquo;neuen&ldquo; Antifaschismus oder sein Ende?<\/p><p><strong>Teil I: Ein Begriff in seiner Nichtbedeutung<\/strong><\/p><p>Mitten in Corona-Zeiten, wo das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; wie eine Signalkelle bei einer Stra&szlig;ensperre hochgehalten wird, stellte eine Facebook-Nutzerin die Frage:<\/p><blockquote><p>\nWas genau ist eigentlich ein Verschw&ouml;rungstheoretiker?\n<\/p><\/blockquote><p>&hellip; und bekam ein paar witzige und hintersinnige Antworten, die die Bandbreite dessen, was man mit dem Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; assoziiert, ganz gut auf den Punkt bringt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jemand, der vor vielen anderen schon eine Vermutung hat, von dem, was sich sp&auml;ter bewahrheitet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Jemand, der eine These aufstellt, die sich nachher nicht als haltbar erweist. In diesem Fall also bestimmte Personen der Regierung\/ des RKI.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Jemand, der die ganze Welt davon &uuml;berzeugt, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hat, einen Krieg anzettelt, bei dem vermutlich eine Million Menschen sterben, dann aber keine Massenvernichtungswaffen findet!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Ein erfundener Begriff zum Denunzieren der Wahrheit.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Er deckt Verschw&ouml;rungspraktiker auf und wird von Verschw&ouml;rungsleugnern verspottet.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Eine Person, die eine theoretische M&ouml;glichkeit zu einer Verschw&ouml;rung in Erfahrung gebracht haben will. M&ouml;glich ist es, dass die Theorie sich bewahrheitet oder auch nicht. Heutzutage werden solche Theorien, sehr oft ohne genaues Wissen, als Spinnereien erkl&auml;rt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/dagmar.langel\">facebook.com\/dagmar.langel<\/a><\/p><p>Es herrscht ja oft die Meinung, dass sich auf Facebook ganz viel Schwachsinn tummelt. Ich war tats&auml;chlich &uuml;berrascht und erfreut, auf solche Antworten zu sto&szlig;en. Wenn dieses Niveau der Antworten auch innerhalb der Linken zu finden w&auml;re, w&auml;re es einem wohler ums Herz.<\/p><p><strong>Das Schlagwort des Jahres<\/strong><\/p><p>Das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; ist in die Jahre gekommen und braucht Gehkr&uuml;cken. Denn es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass eine Theorie &uuml;ber Verschw&ouml;rungen eine ganz banale wissenschaftliche Herangehensweise beschreibt. Nicht anders als bei einer <em>Wirtschaftstheorie<\/em>, also eine Theorie dar&uuml;ber, was Wirtschaft ist und wie sie funktioniert. Im schlimmsten Fall ist sie falsch oder wird nicht geteilt, was bei Wirtschaftstheorien &uuml;blich und nicht verd&auml;chtig ist. Es gibt b&uuml;rgerliche Wirtschaftstheorien, es gibt marxistische Wirtschaftstheorien, es gibt (ganz) schlechte.<\/p><p>Nicht anders verh&auml;lt es sich, wenn man &uuml;ber Verschw&ouml;rungstheorien zu urteilen hat. Es gibt wichtige und gute Arbeiten dazu &ndash; gerade auch im Bereich der Wirtschafts- und Kriminalsoziologie. Und nat&uuml;rlich gibt es da auch triviale Analysen. Aber niemand w&uuml;rde auch nur im Traum darauf kommen, dass es den Untersuchungsgegenstand gar nicht gibt.<\/p><p>Das ist auch der Grund daf&uuml;r, dass man in letzter Zeit auch gerne von <em>Verschw&ouml;rungserz&auml;hlungen<\/em>, von <em>Verschw&ouml;rungsphantasien<\/em> und <em>Verschw&ouml;rungsnarrativen<\/em> redet. Man will sich nicht sofort um Kopf und Kragen reden. Mit dieser Begriffsverschiebung will man jedoch nichts an der Pr&auml;misse &auml;ndern, dass es Verschw&ouml;rungen eigentlich gar nicht gibt, au&szlig;er im Kopf derer, die davor warnen. Damit wird klar, dass man damit nicht schlechte Analysen kennzeichnen m&ouml;chte, sondern <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74357\">das Faktum von Verschw&ouml;rungen ins Reich der Fantasie und Fiktion<\/a> verbannen m&ouml;chte.<\/p><p>Auf eine Besonderheit ist hier hinzuweisen: Das Schlagwort von der &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; wird von Linken und Rechten gleicherma&szlig;en verwendet. Dass regierungsnahe und regierungswillige Politiker dieses Denunziationswerkzeug verwenden, ist naheliegend: Man will alles, was Versch&auml;rfungen, Ma&szlig;nahmen und Gesetzesver&auml;nderungen hinterfragt, mundtot machen. Man will einfach an der Macht bleiben.<\/p><p>Aber warum benutzen viele Linke dieses Schlagwort? Sie m&uuml;ssen keine Ma&szlig;nahmen verteidigen, sie m&uuml;ssen keine Regierungskoalition rechtfertigen. Aber vielleicht m&uuml;ssen sie ihre Tatenlosigkeit, die Aufgabe jeglicher Herrschaftskritik verdecken, die Selbstaufgabe einer der elementarsten Essentials einer Linken?<\/p><p><strong>Begriffsbestimmung<\/strong><\/p><p>Verschw&ouml;rungen sind zuallererst keine Phantasien, sondern die notwendige Organisationsform f&uuml;r Handlungen, deren Ank&uuml;ndigung und offene Durchf&uuml;hrung ein solches Vorhaben verhindern k&ouml;nnte und\/oder strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen w&uuml;rde. Sie werden also notwendigerweise konspirativ geplant und gegen&uuml;ber Au&szlig;enstehenden abgeschottet. Der Kreis der Eingeweihten ist nicht beliebig, sondern auf das Notwendigste eingegrenzt. Zum Schutz des Vorhabens vermeidet man Spuren und belastende Indizien. Da die Eingeweihten in aller Regel die Existenz dieser Organisation\/Operation und ihre Teilnahme daran leugnen werden, ist ihre Aufdeckung alles andere als leicht. Wenn wir hier &uuml;ber Verschw&ouml;rungen reden, dann nicht &uuml;ber Kinderbanden, sondern &uuml;ber Verschw&ouml;rungen, die auf die herrschenden Machtverh&auml;ltnisse Einfluss nehmen bzw. diese absichern wollen und k&ouml;nnen.<\/p><p>Eine Theorie &uuml;ber Verschw&ouml;rungen zu entwickeln, hei&szlig;t also, sich Begriffe und Merkmale zu erarbeiten, die eine Verschw&ouml;rung definieren helfen. Dazu braucht man keine Phantasie, sondern Akribie, die noch vorhandenen &bdquo;Beweismittel&ldquo; zusammenzutragen, um sie wie ein Puzzle aneinanderzulegen. Zwischen einer Verschw&ouml;rung und ihrer (offiziellen) Aufdeckung liegt demzufolge kein Niemandsland, sondern die Theorie.<\/p><p>Verschw&ouml;rungen (Stauffenberg-Attentat auf Hitler 1944, Die Invasion in der Schweinebucht\/Kuba 1963, Mordanschlag auf John F. Kennedy 1963) k&ouml;nnen sich gegen den eigenen oder einen anderen Staat richten. Sie k&ouml;nnen aber auch von staatlichen Institutionen selbst ins Leben gerufen sein, wenn die amtierende Regierung etwas unbedingt durchsetzen will, aber sich weder der parlamentarischen Zustimmung (einschlie&szlig;lich der Kontrollgremien), noch der Zustimmung innerhalb der Bev&ouml;lkerung sicher ist. Als Beispiele gelten daf&uuml;r der &bdquo;Tiefe Staat&ldquo; in der T&uuml;rkei und die &bdquo;Gladio-Strukturen&ldquo;, die in vieler Hinsicht auch als &bdquo;<em>stay behind<\/em>&ldquo;- Armeen bezeichnet wurden.<\/p><p>In der Organisationssoziologie spricht man in diesem Zusammenhang von &bdquo;<em>brauchbarer Illegalit&auml;t<\/em>&ldquo;.<\/p><p>Wenn man von diesen Realit&auml;ten ausgeht, sind Verschw&ouml;rungen &ndash; ohne jede Blutdruckerh&ouml;hung &ndash; durch eine spezifische Form der (konspirativen, nach au&szlig;en hin abgeschotteten) Organisationsstruktur gekennzeichnet.<\/p><p><em>Verschw&ouml;rungstheorien<\/em> sind also keine brodelnden K&uuml;chenherde, wo Phantasien zusammengehext und -gemixt werden, sondern Theorien, die sich bem&uuml;hen, Strukturen, Handlungen und Intentionen einer solchen Verschw&ouml;rung so nahe wie m&ouml;glich abzubilden.<\/p><p>Theorien zu angenommenen und vermuteten Verschw&ouml;rungen haben sachbedingt keine offenen Archive und herumliegenden Beweise. Sie m&uuml;ssen auf unterschiedliche Weise deren Deckung, Geheimhaltung und offizielle Leugnung umgehen, durchbrechen und &uuml;berwinden. Die einfachste und institutionalisierte ist &hellip; abzuwarten, bis die betreffende Regierung geheim gehaltene Dokumente freigibt. Je nach Staatswohlwollen betr&auml;gt die Frist 10 bis 120 Jahre. Dann bekommt auf einmal das, was jahrzehntelang eine bl&uuml;hende Verschw&ouml;rungstheorie war, ein regierungsamtliches (G&uuml;te-)Siegel, wie im Zusammenhang mit &bdquo;Gladio&ldquo;. Wir werden sp&auml;ter darauf zur&uuml;ckkommen.<\/p><p>So existiert in den USA ein B&uuml;rgerrecht, das die Regierung dazu verpflichtet, nach einer festgelegten Frist Akten der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich zu machen: der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freedom_of_Information_Act\">Freedom of Information Act<\/a> (FOIA).<\/p><p>Hier nur ein Beispiel daf&uuml;r, geduldig zu warten, um ein weiteres Puzzle dazuzugewinnen: Der Mord an John F. Kennedy 1963 w&uuml;hlte viele Menschen in den USA auf. Fast noch mehr aber wurden sie durch die Art der Aufkl&auml;rung aufgebracht, das hei&szlig;t in diesem Fall &ndash; die Sabotage der Aufkl&auml;rung: Akten gehen in Flammen auf, Zeugen sterben oder widerrufen, Beweismittel verschwinden &ndash; sogar das Hirn des Pr&auml;sidenten. Bereits ein paar Jahre sp&auml;ter glaubt fast die H&auml;lfte der US-B&uuml;rger nicht an die Version eines kommunistischen Einzelt&auml;ters und h&auml;lt das Ergebnis der &bdquo;Warren-Kommission&ldquo; f&uuml;r unglaubw&uuml;rdig. <\/p><p><strong>Countering criticism und Begriffsumkehr<\/strong><\/p><p>Die staatlichen Stellen in den USA waren ersch&uuml;ttert &uuml;ber den Vertrauensverlust und das an einer zentralen Stelle: Wenn die US-B&uuml;rger in ihrer Mehrheit nicht mehr an ihre eigenen Institutionen glauben, wenn sie gar davon &uuml;berzeugt sind, dass selbst ein Mord an einem beliebten US-Pr&auml;sidenten von den eigenen Ermittlungsbeh&ouml;rden vertuscht wird, dann muss man sich etwas einfallen lassen. <\/p><p>Es g&auml;be zwei M&ouml;glichkeiten: Man ermittelt neu, nimmt die Ermittlungen wieder auf, was bei einem Mord kein Problem w&auml;re. Oder man entscheidet sich f&uuml;r eine Strategie, die die Kritiker und Zweifler unglaubw&uuml;rdig macht, denunziert und wie Idioten aussehen l&auml;sst.<\/p><p>Die US-Regierung entschied sich f&uuml;r den zweiten Weg. Das belegt ein CIA-Dokument aus dem Jahr 1967, das zehn Jahre sp&auml;ter freigegeben wurde. Es hat den Betreff: <em>Countering criticism of Warren report<\/em>. Es f&uuml;hrt aus, dass die Zweifel an der juristischen und politischen Aufkl&auml;rung massiv seien, die &Ouml;ffentlichkeit aufbringen, die Glaubw&uuml;rdigkeit der Regierung und des Justizsystems ersch&uuml;ttern, bis hin zu den Geheimdiensten, die darin involviert sind. Um dem zu begegnen, schl&auml;gt der CIA Folgendes vor:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;The aim of this dispatch is to provide material for countering and discrediting the claims of the conspiracy theorists &hellip;&ldquo; (Das Ziel dieser Depesche ist es, Material zur Entgegnung und zur Diskreditierung der Ziele von Verschw&ouml;rungstheorien zur Verf&uuml;gung zu stellen).\n<\/p><\/blockquote><p>Zweierlei ist an diesem Dokument wichtig: Zum einen werden Zweifel und substantielle Widerspr&uuml;che zu &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; zusammengestaucht. Zum anderen belegt dieses Dokument, dass man zur Bek&auml;mpfung der Kritiker gezielte Diskreditierungen eingesetzt hat, indem man die Personen unglaubw&uuml;rdig zu machen versucht, um damit den Inhalt zu treffen.<\/p><p><strong>Semantische Umpolung<\/strong><\/p><p>Wenn man heute den Alltagsgebrauch des Wortes &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; kennt, wei&szlig; man, dass die semantische Umpolung des Begriffs gelungen ist. Man verwendet ihn &ndash; links und rechts gleicherma&szlig;en &ndash; in seiner Entstellung, in der Ausl&ouml;schung der urspr&uuml;nglichen Bedeutung. Und die ist nicht vernachl&auml;ssigbar, sondern von ganz erheblicher Tragweite. So verwendet, gibt es gar keine Verschw&ouml;rungen, sondern nur Hirngespinste und durchgeknallte Phantasien.<\/p><p>Das hei&szlig;t: Das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; ist in seinem Gebrauch die Vernichtung seines eigentlichen Wortsinnes.<\/p><p>Es transferiert etwas ins Reich weitschweifiger Phantasien und haltloser Spinnereien, was nichts weiter ist als eine notwendige Ann&auml;herung an Formen der Konspiration. Faktisch kontaminiert dieser umgedrehte Begriff den Aufdecker, den Untersuchenden und sch&uuml;tzt das verdeckt Vorhandene durch ihre offizielle Leugnung.<\/p><p>Der <em>Wortgebrauch<\/em> frisst also den <em>Wortsinn<\/em> auf. Mit weniger Sprachphilosophie kann man das so erkl&auml;ren: In dieser Logik w&auml;re auch die <em>Wirtschaftstheorie<\/em> eine Verschw&ouml;rungstheorie, vor allem dann, wenn sie feststellt, dass das Wirtschaftsleben nicht von Gleichen, sondern von Klassen- und Interessengegens&auml;tzen gepr&auml;gt ist. <em>Das Kapital<\/em> von Karl Marx w&uuml;rde dann zu einer der ber&uuml;hmtesten Verschw&ouml;rungstheorien z&auml;hlen &hellip; Man sollte nicht zu fr&uuml;h &uuml;ber diesen Vergleich lachen.<\/p><p><strong>Die Nutznie&szlig;er von und die Beteiligten an Verschw&ouml;rungen sind die besten und lautesten Mahner vor Verschw&ouml;rungstheorien und -fantasien<\/strong><\/p><p>Wie wurde diese Depesche angewandt? Man kann dies am Beispiel des damaligen Bezirksstaatsanwalts Jim Garrison, der beharrlich die Aufkl&auml;rung des Kennedy-Mordes betrieb, nachzeichnen. <\/p><p>Er hatte massive Zweifel am offiziellen Ermittlungsergebnis. In seinem 1988 erschienen Buch &bdquo;Wer erschoss John F. Kennedy &ndash; Auf der Spur der M&ouml;rder von Dallas&ldquo; f&uuml;hrt er dazu aus: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als ich versuchte, einige dieser &uuml;beraus unangenehmen Zusammenh&auml;nge ans Licht zu bringen, fielen die Regierung der Vereinigten Staaten und die gro&szlig;en Medien &uuml;ber mich her (&hellip;), weil ich angedeutet hatte, Mitglieder unserer eigenen Geheimdienste h&auml;tten sich zur Ermordung des Pr&auml;sidenten verschworen. Ich wurde in der Presse als publicitys&uuml;chtiger Politiker, Scharlatan und Kommunist verleumdet.&ldquo; (S.12, Bastei-Verlag, 1992).\n<\/p><\/blockquote><p>Man muss vorsichtshalber hinzuf&uuml;gen, dass dieser Bezirksstaatsanwalt alles, nur kein Kommunist war. Wenn man ihn einordnen will, dann war er durch und durch ein Patriot seines Landes und seiner Verfassung. Er war einfach nur das, was man von einem Staatsanwalt erwartet: Er pr&uuml;ft und w&uuml;rdigt die Fakten und unternimmt alles, um die Mordumst&auml;nde, die zum Tod seines Pr&auml;sidenten f&uuml;hrten, aufzukl&auml;ren. Das sollte eigentlich weder merkw&uuml;rdig noch sonderbar sein.<\/p><p>Wohl genau deshalb wurde an ihm all das durchexerziert, was die CIA-Depesche angek&uuml;ndigt hatte: Man unterstellte ihm nicht nur besagte eigenn&uuml;tzige Motive, man setzte Spitzel auf ihn an und schleuste sie als vermeintliche Mitarbeiter in sein Team. Man verweigerte ihm Akten, man setzte seine Zeugen unter Druck, die er f&uuml;r seine Anklage aufrufen wollte. Man untersagte f&uuml;r die Anklage wichtigen Zeugen, Aussagen zu machen. Das Ganze kr&ouml;nte man mit einem Korruptionsvorwurf, der fingiert war und in sich zusammenfiel. Das &auml;nderte jedoch nichts daran, dass seine Ermittlungen bedeutsame Fakten zutage f&ouml;rderten, die der Einzelt&auml;terversion eklatant widersprechen.<\/p><p>Wer vor &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorien&ldquo; wie vor einer Geisteskrankheit warnt, tarnt also vor allem seine eigenen kriminellen Handlungen und Ziele, indem die Aufdeckung solcher Praktiken auf jede nur erdenkliche Weise diskreditiert werden soll.<\/p><p>Titelbild: Atstock Productions\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74357\">Verschw&ouml;rungsleugner: Aggressive Naivit&auml;t oder gezielte Propaganda<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; ist in seinem Gebrauch die Vernichtung seines eigentlichen Wortsinnes. Es transferiert etwas ins Reich weitschweifiger Phantasien und haltloser Spinnereien, was nichts weiter ist als eine notwendige Ann&auml;herung an Formen der Konspiration. Faktisch kontaminiert dieser umgedrehte Begriff den Untersuchenden und sch&uuml;tzt das verdeckt Vorhandene durch ihre offizielle Leugnung. 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