{"id":75265,"date":"2021-08-18T08:41:45","date_gmt":"2021-08-18T06:41:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75265"},"modified":"2021-08-18T14:41:25","modified_gmt":"2021-08-18T12:41:25","slug":"verdraengte-realitaeten-bis-zum-schluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75265","title":{"rendered":"Verdr\u00e4ngte Realit\u00e4ten bis zum Schluss"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wom&ouml;glich wird es wie beim letzten Mal sein. Da nahmen sie &uuml;ber Nacht Kabul ein&ldquo;, erz&auml;hlte Ahmad Jawed, 30, aus Kabul am vergangenen Samstag. Als die militant-islamistischen Taliban die afghanische Hauptstadt erstmals vor 25 Jahren einnahmen, war Jawed ein kleines Kind. An jenen Morgen kann er sich dennoch gut erinnern. Pl&ouml;tzlich waren die Taliban-K&auml;mpfer da, w&auml;hrend die Vertreter der Mudschaheddin-Regierung, die sich zuvor jahrelang gegenseitig bekriegt hatten, gefl&uuml;chtet waren. Nun, knapp zwanzig Jahre nach Beginn der NATO-Besatzung im Land, k&ouml;nnte sich dieses Szenario wiederholen. &bdquo;Die letzten Tage haben deutlich gemacht, dass sie bald hier sein werden&ldquo;, sagt Jawed. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7752\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-75265-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=75265-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"210818_Verdraengte_Realitaeten_bis_zum_Schluss_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Kurz darauf wurde seine Vorhersage best&auml;tigt. Nachdem die Taliban in den Tagen zuvor alle wichtigen Provinzhauptst&auml;dte erobern konnten, marschierten sie am Sonntag auch in Kabul ein. In vielen F&auml;llen verlie&szlig;en Armee und Polizei ihre Posten bereits, bevor die Aufst&auml;ndischen die Stadt betraten. Zeitgleich fl&uuml;chtete der afghanische Pr&auml;sident Ashraf Ghani mitsamt seiner Entourage und verlie&szlig; das Land Hals &uuml;ber Kopf. Er verhielt sich dabei wie ein neokolonialer Statthalter &ndash; und als solcher wurde er in den letzten Jahren nicht nur von den Taliban bezeichnet, sondern von vielen Afghanen, die nicht von seinem korrupten Staatsapparat profitierten. Einigen Berichten zufolge sollen Ghanis M&auml;nner Taschen voller Bargeld mitgenommen haben. Es war im &Uuml;brigen auch Ghani, der vor wenigen Jahren meinte, keine Sympathien f&uuml;r afghanische Gefl&uuml;chtete zu hegen. Sie w&uuml;rden ohnehin nur als Tellerw&auml;scher im Westen enden. Nach Ghanis Flucht nahmen die Taliban den Pr&auml;sidentenpalast ein und posierten unter anderem vor dessem Schreibtisch. Einer der anwesenden Kommandanten meinte kurz darauf w&auml;hrend einer &bdquo;Pressekonferenz&ldquo; f&uuml;r den katarischen Sender Al Jazeera, dass er einst von den Amerikanern acht Jahre lang in Guantanamo festgehalten und gefoltert wurde. Zufall? Wohl eher weniger. Stattdessen wurde abermals klar, dass der amerikanische &bdquo;War on Terror&ldquo; zahlreiche Menschen in Afghanistan radikalisiert hat &ndash; und dass viele von ihnen das bis heute nicht vergessen haben. <\/p><p>Doch die Ereignisse &uuml;berschlugen sich weiterhin. Massen von Menschen str&ouml;mten zum Kabuler Flughafen, wo amerikanische Truppen mit der Evakuierung ihrer Staatsb&uuml;rger besch&auml;ftigt waren. Auch am Tag darauf fand das Chaos am Flughafen kein Ende. Einige Menschen hielten sich an dem US-Flieger fest, w&auml;hrend dieser abhob, und starben bei dem verzweifelten Fluchtversuch. W&auml;hrenddessen schossen US-Soldaten in die afghanische Menge. &bdquo;Ein Verwandter von mir wurde get&ouml;tet. Er war Arzt&ldquo;, erz&auml;hlte Sangar Paykhar, ein holl&auml;ndisch-afghanischer Journalist und Podcaster, sp&auml;ter. Die afghanisch-amerikanische Autorin und Aktivistin Nadia Hashemi behauptete, dass US-Afghanen teils der Einlass ins Flugzeug verwehrt wurde. Der Grund: Sie seien keine wei&szlig;en Amerikaner gewesen. <\/p><p>Die j&uuml;ngsten Szenen aus Kabul haben st&auml;rker denn je deutlich gemacht, dass der westliche Einsatz in Afghanistan gescheitert ist. W&auml;hrend seiner gestrigen Rede erw&auml;hnte US-Pr&auml;sident Joe Biden, der den Abzug seines Milit&auml;rs vollzog, jene Afghanen, die in den letzten zwei Jahrzehnten durch den amerikanischen &bdquo;War on Terror&ldquo; get&ouml;tet wurden, kein einziges Mal. Stattdessen waren seine Worte abermals von Realit&auml;tsverweigerung und Ignoranz gepr&auml;gt. Die wahren Gewinner des Krieges sitzen nicht im Wei&szlig;en Haus, sondern in Kabul. So stark wie jetzt waren die Taliban noch nie. Allein in den letzten Tagen und Wochen haben sie zahlreiches, hochtechnologisches Kriegsger&auml;t aus amerikanischer Produktion erobert. Abgesehen von der Provinz Panjsher n&ouml;rdlich von Kabul, die stets f&uuml;r ihren Talibanwiderstand bekannt war, kontrollieren die Extremisten nun wieder fast ganz Afghanistan. Hinzu kommt ihre politische St&auml;rke auf der internationalen B&uuml;hne, an der sie in den letzten Jahren arbeiteten. <\/p><p>Zahlreiche Analysen und Prognosen bez&uuml;glich einer Macht&uuml;bernahme der Taliban mussten in den letzten Tagen mehrfach korrigiert werden. Der US-Geheimdienst CIA ging etwa am Samstag noch davon aus, dass Kabul in den n&auml;chsten drei&szlig;ig bis neunzig Tagen  erobert werden k&ouml;nnte. Am Ende geschah alles innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Selbst vielen bekannten US-Analysten in Washington fehlten aufgrund der j&uuml;ngsten Ereignisse teils die Worte. Bill Roggio von der rechtskonservativen US-Denkfabrik &bdquo;Foundation for the Defense of Democracies&ldquo; bezeichnete den erfolgreichen Vormarsch der Taliban als eines der &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten geheimdienstlichen Versagen der letzten Jahrzehnte&ldquo;. Die ausgekl&uuml;gelte Kriegsstrategie der Taliban sei laut Roggio &bdquo;verdammt brillant&ldquo;. Die Extremisten fokussierten sich anfangs auf den Norden des Landes, bevor sie landesweit weitere St&auml;dte einnahmen. <\/p><p>Es gibt mehrere Gr&uuml;nde, warum all dies passieren konnte. Viele von ihnen wurden jahrelang verdr&auml;ngt und ignoriert &ndash; nicht nur, weil man im Westen das eigene Gesicht wahren wollte, sondern weil man Afghanistan nach all den Jahren immer noch nicht kannte. Praktisch alle Distrikte jener Provinzhauptst&auml;dte, die vor Kabul fielen, werden bereits seit Jahren von den Taliban kontrolliert. Die Taliban hatten sich hier festgesetzt und im Schatten agiert und regiert. In diesen l&auml;ndlichen Regionen konnten die Extremisten fr&uuml;h Fu&szlig; fassen, unter anderem aufgrund der massiven Korruption in der Hauptstadt sowie der zahlreichen Milit&auml;roperationen der NATO und ihrer afghanischen Verb&uuml;ndeten. Drohnenangriffe und brutale, n&auml;chtliche Razzien verursachten regelm&auml;&szlig;ig zahlreiche zivile Opfer in den afghanischen D&ouml;rfern. Viele ihrer Hinterbliebenen schlossen sich den Taliban in irgendeiner Art und Weise an. Dies war de facto auch vor den Toren Kabuls der Fall. Lange vor den j&uuml;ngsten Entwicklungen reichte eine zwanzig- bis drei&szlig;igmin&uuml;tige Fahrt aus, um ins Taliban-Gebiet zu gelangen. <\/p><p>Mit derartigen Realit&auml;ten wollten sich die Verantwortlichen allerdings nicht auseinandersetzen. Stattdessen fand die gro&szlig;e Selbstbeweihr&auml;ucherung statt. Man sprach von den ach so tollen eigenen Werten und fokussierte sich auf vermeintliche Errungenschaften, die seit 2001 in Afghanistan errichtet wurden. Man sprach von Demokratie, obwohl in den letzten zwanzig Jahren kein einziger demokratischer Machttransfer in Afghanistan stattgefunden hat. Dies hatte gewiss nicht mit jenen Afghanen zu tun, die ihr Leben riskierten und tats&auml;chlich zur Wahlurne schritten, sondern in erster Linie mit jenen korrupten Eliten, die in Kabul von den USA an die Macht gebracht wurden. M&auml;nner wie Hamid Karzai oder der gefl&uuml;chtete Ashraf Ghani h&ouml;hlten das neue System f&uuml;r ihre eigenen Zwecke aus und machten stets von Wahlf&auml;lschungen Gebrauch, um an der Macht zu bleiben. &Auml;hnlich verhielten sich auch andere innerafghanische Akteure, darunter etwa zahlreiche bekannte Kriegsf&uuml;rsten und Drogenbarone, die zu den engsten Verb&uuml;ndeten des Westens am Hindukusch wurden. Sie bereicherten sich dank der zahlreichen, ausl&auml;ndischen Hilfsgelder pers&ouml;nlich und schafften Milliarden von Dollar ins Ausland. Gleichzeitig geh&ouml;rten sie auch zu den gr&ouml;&szlig;ten Kriegsprofiteuren, etwa dank privater Sicherheitsunternehmen, die sie selbst schufen, um Anschl&auml;ge auf NATO-Truppen zu fingieren. Im Nachhinein wurden aufgrund der vermeintlichen Terrorgefahr lukrative Vertr&auml;ge unterzeichnet. <\/p><p>Sp&auml;testens seit Ende 2019 ist bekannt, dass man in Washington und anderswo &uuml;ber all diese Fehlentwicklungen Bescheid wusste. Damals wurden von der &bdquo;Washington Post&ldquo; die sogenannten &bdquo;Afghanistan Papers&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, in denen rund 400 hochrangige US-Offizielle ihr Versagen in Afghanistan mehr oder weniger zugaben. Die entsprechenden Details wurden jahrelang unter Verschluss gehalten. <\/p><p>Doch auch dar&uuml;ber will heute niemand sprechen. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Taliban aus dem Nichts heraus Afghanistan und den Westen &uuml;berrumpelt haben. Man habe allem Anschein nach mit bestem Wissen und Gewissen versucht, doch daraus wurde nun leider nichts. Nach einer zwanzigj&auml;hrigen Fehlintervention, die Hunderttausenden von Afghanen das Leben kostete und Millionen von ihnen zu Gefl&uuml;chteten machte und in die Armut trieb, hat der Westen nicht nur sein Interesse an Afghanistan verloren, sondern f&uuml;hlt sich f&uuml;r die Misere nicht mitverantwortlich. &bdquo;Die sind eben so. Das ist nicht unsere Schuld&ldquo;, lautet der kulturrelativistische Tenor. Besonders in diesen Tagen hallt er laut. <\/p><p><em>Am kommenden Montag erscheint das neue Buch zum Thema von Emran Feroz: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/usa\/der-laengste-krieg.html\">Der l&auml;ngste Krieg &ndash; 20 Jahre War on Terror<\/a>&ldquo;, 224 Seiten, Westend Verlag, 23.8.2021<\/em><\/p><p>Titelbild: Karl Allen Lugmayer\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wom&ouml;glich wird es wie beim letzten Mal sein. Da nahmen sie &uuml;ber Nacht Kabul ein&ldquo;, erz&auml;hlte Ahmad Jawed, 30, aus Kabul am vergangenen Samstag. Als die militant-islamistischen Taliban die afghanische Hauptstadt erstmals vor 25 Jahren einnahmen, war Jawed ein kleines Kind. An jenen Morgen kann er sich dennoch gut erinnern. 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