{"id":75297,"date":"2021-08-19T10:30:43","date_gmt":"2021-08-19T08:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75297"},"modified":"2021-08-19T14:09:12","modified_gmt":"2021-08-19T12:09:12","slug":"19-august-1991-dem-gescheiterten-august-putsch-in-moskau-folgte-der-durchmarsch-der-russischen-neoliberalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75297","title":{"rendered":"19. August 1991 \u2013 Dem gescheiterten August-\u201ePutsch\u201c in Moskau folgte der Durchmarsch der russischen Neoliberalen"},"content":{"rendered":"<p>Was die Mitglieder des Moskauer Notstandskomitees, die im August 1991 (vor genau 30 Jahren) Panzer in Moskau auffahren lie&szlig;en, genau f&uuml;r Pl&auml;ne hatten, ist bis heute nicht erforscht. Ihr Handeln war so wenig durchdacht wie das Handeln von Michail Gorbatschow, der zwischen Liberalisierung und Zentralisierung hin und her schwankte. Nach Meinung des russischen Linkspolitikers Nikolai Platoschkin tr&auml;gt Gorbatschow mit seiner Anordnung vom Januar 1989, die Betriebe selbst entscheiden zu lassen, was sie produzieren, Schuld an der rasanten Verarmung der Bev&ouml;lkerung. Dass sich die Sowjetunion aufl&ouml;ste, habe aber auch mit den Interessen der sowjetischen Republiks-&bdquo;F&uuml;rsten&ldquo; zu tun, so der Linkspolitiker, der mehrere historische B&uuml;cher schrieb. Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung in Russland, Wei&szlig;russland, der Ukraine und in den zentralasiatischen Republiken habe sich im M&auml;rz 1991 in einem Referendum noch mehrheitlich f&uuml;r den Erhalt einer reformierten Sowjetunion ausgesprochen. Dem gescheiterten Putsch eines Teils der Sowjetf&uuml;hrung folgte der Durchmarsch der russischen Neoliberalen, die unter Anleitung des US-&Ouml;konomen Jeffrey Sachs eine Schocktherapie durchzogen, welche die Armut dramatisch vergr&ouml;&szlig;erte. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<br>\n<!--more--><br>\nAls Nikolai Platoschkin am 19. August 1991 f&uuml;r Eink&auml;ufe in die Innenstadt von Bonn fuhr, sah er Unglaubliches. Der damals 25 Jahre alte Attach&eacute; der sowjetischen Botschaft in Bad Godesberg sah wie gebannt in ein Schaufenster: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Damals stellte man noch Fernsehger&auml;te im Schaufenster zum Verkauf aus. Auf einem Ger&auml;t sah ich pl&ouml;tzlich Panzer auf dem Roten Platz in Moskau. Es war eine Live-Sendung. Ich war nat&uuml;rlich total &uuml;berrascht. Was bedeutete das? In der Sowjetunion war alles nicht nur stabil, es war superstabil. Alles war kostenlos. Die Biographie war vorgezeichnet. Schule, Hochschule, Arbeit. Arbeit gab es in H&uuml;lle und F&uuml;lle. Es war ein bisschen langweilig, w&uuml;rde ich sagen. &Uuml;ber irgendwelche Demonstrationen, Kundgebungen, Staatsstreiche, Kriege berichtete das sowjetische Fernsehen nur aus der westlichen Welt und aus Entwicklungsl&auml;ndern. Und pl&ouml;tzlich Panzer in der Stadtmitte von Moskau.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Gemischtes Bild bei der Abstimmung &uuml;ber eine reformierte Union<\/strong><\/p><p>Die von Michail Gorbatschow 1985 ausgerufene Perestroika (Umbau) leitete in der Sowjetunion einen unkontrollierten Prozess ein. Regionen und Republiken forderten mehr Selbstst&auml;ndigkeit und bald auch die Unabh&auml;ngigkeit von Moskau. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Autonome Gebiet Berg-Karabach forderte 1987 die Herausl&ouml;sung aus der Republik Aserbaidschan und die Vereinigung mit der Republik Armenien. Aserbaidschaner r&auml;chten sich mit Pogromen gegen Armenier 1988 in Sumgait und 1990 in Baku. <\/p><p>Gorbatschow gab den Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen der Leiter der Sowjetrepubliken nach. Am 17. M&auml;rz stimmten die Menschen in der Sowjetunion &uuml;ber den Erhalt einer Sowjetunion als F&ouml;deration &bdquo;gleichberechtigter souver&auml;ner Republiken&ldquo; ab. Sechs der 15 Sowjetrepubliken boykottierten die Abstimmung. Die Abstimmung sei ein klares Signal f&uuml;r den Erhalt der Sowjetunion gewesen, meint Platoschkin, der zahlreiche B&uuml;cher zu historischen Themen geschrieben hat, auch wenn sechs Republiken mit zehn Prozent der Sowjet-Bev&ouml;lkerung, Aserbaidschan, Armenien, Moldau und die drei baltischen Republiken, nicht an der Abstimmung teilnahmen. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der Ukraine stimmten 80 Prozent der Menschen f&uuml;r den Erhalt der Sowjetunion, also mehr als in Russland, wo 77 Prozent f&uuml;r die Sowjetunion stimmten. In Mittelasien stimmten 93 bis 97 Prozent daf&uuml;r. Die geringste Zahl derjenigen, die f&uuml;r die Sowjetunion stimmten, gab es in Moskau, weil Jelzin in Moskau sehr popul&auml;r war.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als n&auml;chsten Schritt plante Gorbatschow einen Vertrag, der den 15 Republiken mehr Selbstst&auml;ndigkeit garantieren sollte. Platoschkin, der 2019 in Russland die &bdquo;Bewegung f&uuml;r einen neuen Sozialismus&ldquo; gr&uuml;ndete, erinnert sich: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;90 Prozent der Menschen in der Sowjetunion, zu denen ich auch geh&ouml;rte, meinten, wir sind f&uuml;r den neuen Vertrag, Hauptsache, die Sowjetunion bleibt erhalten. Es gab aber die Unions-B&uuml;rokratie, die sagte, dass dieser neue Unions-Vertrag eigentlich die Aufl&ouml;sung der Sowjetunion bedeutet. Auf dem Papier h&auml;tte die Sowjetunion weiter existiert, aber in dem Vertrag gab es keine Vorrechte f&uuml;r die f&ouml;deralen Institutionen mehr. Die Sowjetunion h&auml;tte mit dem neuen Vertrag praktisch zu existieren aufgeh&ouml;rt. Die Unions-B&uuml;rokratie hatte damals Recht. Ich war im Unrecht.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am 19. August 1991, einen Tag vor der geplanten Unterzeichnung eines Vertrages, der den Sowjetrepubliken mehr Selbstst&auml;ndigkeit geben sollte, holten die Altkommunisten, welche alle der sowjetischen F&uuml;hrung angeh&ouml;rten, zum Gegenschlag aus. <\/p><p><strong>Jelzin wurde nicht verhaftet<\/strong><\/p><p>Um sechs Uhr morgens verk&uuml;ndeten Radio und Fernsehen die Verh&auml;ngung des Ausnahmezustands. Ein Notstandskomitee unter Leitung des damaligen Vizepr&auml;sidenten der Sowjetunion und Gewerkschaftssekret&auml;rs Gennadij Janajew, dem Verteidigungsminister Dmitrij Jasow und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow &uuml;bernahm die Macht in Moskau. 4000 Soldaten und 362 Panzer r&uuml;ckten in Moskau ein.<\/p><p>Abends gaben Vertreter des Notstandskomitees eine Pressekonferenz. Doch die Putschisten zeigten statt Angriffslust Unsicherheit. Walentin Pawlow, Ministerpr&auml;sident der Sowjetunion, konnte wegen Kreislaufproblemen nicht an dem &ouml;ffentlichen Auftritt teilnehmen. Auch der Leiter des Notstandskomitees, Gennadij Janajew, machte keinen entschlossenen Eindruck. Die ganze Welt sah, wie seine H&auml;nde zitterten. <\/p><p>Nach Meinung von Nikolai Platoschkin war Gorbatschow in den Putsch eingeweiht. &bdquo;Mitglieder des Notstandskomitees hatten Gorbatschow einen Tag vor dem Aufruf des Komitees auf der Krim besucht. Sie erkl&auml;rten, wir probieren den Ausnahmezustand einzuf&uuml;hren, wahrscheinlich werden wir dann den Staat kontrollieren.&ldquo; Gorbatschow habe bei dem Gespr&auml;ch erkl&auml;rt: Machen Sie, was Sie wollen. Aber im Falle des Scheiterns z&auml;hlen Sie nicht auf mich. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Viele B&uuml;rger der Sowjetunion meinten damals, dass dieses Komitee einen verfassungsfeindlichen Staatsstreich gegen Gorbatschow durchgef&uuml;hrt hatte. Deshalb gingen damals in Moskau viele auf die Stra&szlig;e, um Jelzin zu verteidigen. Jelzin positionierte sich nicht als Gegner von Gorbatschow, sondern als Verteidiger von Gorbatschow, der auf der Krim im Hausarrest s&auml;&szlig;e.<br>\nDer Vorsitzende des KGB sagte damals, wir m&uuml;ssen das Wei&szlig;e Haus in Moskau, wo Jelzin sich verschanzt hat, st&uuml;rmen, weil Jelzin sich gegen das Notstandskomitee gestellt hat. Aber die Mehrheit des Komitees sagte, wenn wir das Wei&szlig;e Haus st&uuml;rmen, wird es Opfer geben. Das m&ouml;chten wir nicht. Wir m&ouml;chten die Sowjetunion erhalten, aber ohne Blutvergie&szlig;en. Das war der Grund, warum das Komitee scheiterte. Die Leute waren nicht gewillt, Waffen gegen das eigene Volk einzusetzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>KGB-Chef Krjutschkow war schon seit Dezember 1990 auf den Ausnahmezustand vorbereitet. Den auf seiner Datscha in Foros (Krim) weilenden Pr&auml;sidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hatte man zwar unter Hausarrest gestellt, nicht aber dessen Gegenspieler Boris Jelzin. Dieser wurde von der Sondereinsatzgruppe Alpha nur beobachtet, in seiner Bewegungsfreiheit aber nicht eingeschr&auml;nkt. <\/p><p>Bereits am ersten Tag des Putsches traf Jelzin um neun Uhr morgens vor dem Wei&szlig;en Haus ein, wo er den Widerstand gegen die Putschisten organisierte. Um zw&ouml;lf Uhr mittags hielt er, auf einem Panzer der Taman-Division stehend, seine ber&uuml;hmte Rede, in der er vom Versuch eines Staatsstreichs sprach und zum Widerstand aufrief. <\/p><p>Die Ma&szlig;nahmen der Putschisten wirken im Nachhinein dilettantisch. Die Mitglieder der staatlichen Gewerkschaften wurden nicht zur Unterst&uuml;tzung der Putschisten mobilisiert. Teile der Truppen und KGB-Sondereinheiten verweigerten ihren Kommandeuren die Gefolgschaft. <\/p><p><strong>Putschisten so hilflos wie Gorbatschow<\/strong><\/p><p>Am Morgen des 21. August gab Verteidigungsminister Jasow den Befehl, die Truppen aus Moskau wieder abzuziehen. Drei Tote waren zu beklagen. Es waren junge M&auml;nner, die vor dem Wei&szlig;en Haus unter Sch&uuml;tzenpanzerwagen geraten waren. Einen Schie&szlig;befehl gab es w&auml;hrend des Putsches nicht. Die Panzer gaben keinen einzigen Schuss ab. Und im Nachhinein kann man feststellen, dass die Altkommunisten nicht blutr&uuml;nstig waren. Im August 1991 wurden drei Menschen get&ouml;tet, als Boris Jelzin im Oktober 1993 die Beschie&szlig;ung des Wei&szlig;en Hauses anordnete, mehrere Hundert. <\/p><p>Die Akten &uuml;ber die Vorg&auml;nge beim Augustputsch sind noch nicht &ouml;ffentlich zug&auml;nglich. Vieles liegt noch im Dunkeln. So stellt sich vor allem die Frage, ob man die Ereignisse im August 1991 &uuml;berhaupt als Putschversuch bezeichnen kann. Welches Ziel das &raquo;Notstandskomitee&laquo; eigentlich verfolgte, ist bis heute nicht endg&uuml;ltig aufgekl&auml;rt. Tatsache ist, dass der Augustputsch den marktradikalen Reformern um Jegor Gajdar und Anatoli Tschubais einen m&auml;chtigen Schub verpasste. Zwischen dem 24. August und dem 16. Dezember 1991 riefen alle Republiken der Sowjetunion ihre Unabh&auml;ngigkeit aus oder best&auml;tigten schon fr&uuml;her gefasste Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rungen. Am 31. Dezember 1991 h&ouml;rte die Sowjetunion formal auf zu existieren.<\/p><p><strong>Gorbatschow ohne Plan <\/strong><\/p><p>Es schien, als habe Michail Gorbatschow trotz vieler allgemeiner Worte keine Analyse, keinen Plan und keine Prognose, wie sich politische und wirtschaftliche Reformen in der Sowjetunion auswirken werden. Der Reformprozess war ihm in der zweiten H&auml;lfte der 1980er Jahre aus den H&auml;nden geglitten. Er wirkte als Getriebener und nicht als Jemand, der einen Zug, dessen Bremsen pl&ouml;tzlich nicht mehr funktionieren, noch stoppen kann. <\/p><p>Der August-&bdquo;Putsch&ldquo; der Altkommunisten wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Platoschkin: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nat&uuml;rlich haben die F&uuml;rsten der Republiken den Putsch dann zum Anlass genommen, um sich unabh&auml;ngig von Moskau zu machen. Sie wollten das vorher schon. Der Putsch gab ihnen dann den Anlass.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die Altkommunisten waren durch die Niederlage beim &bdquo;Putsch&ldquo; demoralisiert. Jelzin verbot die Kommunistische Partei. Nun hatten auch die Marktradikalen Jegor Gajdar und Anatoli Tschubais freies Feld, um das volle Programm der Wirtschaftsliberalisierung durchzuziehen. <\/p><p><strong>Verarmung der Bev&ouml;lkerung  begann 1989<\/strong><\/p><p>Nach Meinung von Platoschkin war Gorbatschow mit schuld am Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Denn der Generalsekret&auml;r erlaubte den Staatsbetrieben, die Monopolisten waren, mit einem Gesetz, dass sie nun selbst entscheiden k&ouml;nnen, was sie produzieren und dass sie den Gewinn einbehalten k&ouml;nnen. Dieses im Januar 1989 in Kraft getretene Gesetz f&uuml;hrte zum totalen Chaos in der Lebensmittelversorgung. Platoschkin: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Fr&uuml;her gab es eine festgesetzte Menge an Brot, die an einem Tag produziert werden musste. Die Betriebsf&uuml;hrung sagte nun, wieso sollen wir jetzt Brot f&uuml;r 20 Kopeken produzieren? (die Geh&auml;lter lagen damals im Durchschnitt bei 250 Rubel, UH). <\/p>\n<p>Pl&ouml;tzlich verschwanden Brot und Seife aus den Regalen in den Gesch&auml;ften. Haushalts-Seife kostete in der Sowjetunion zehn Kopeken. Die Fabriken produzierten aber nur noch Seife bester Qualit&auml;t f&uuml;r zwei Rubel. Denn diese Seife brachte der Fabrik den gr&ouml;&szlig;ten Profit. Damals begannen die Bergarbeiter zu streiken, weil sie keine Seife mehr in den Gesch&auml;ften fanden.<\/p>\n<p>Ich kam im Juni 1990 zum Urlaub nach Moskau. In einem gro&szlig;en M&ouml;belgesch&auml;ft wollte ich ein B&uuml;cherregal kaufen. Doch es gab nichts. Es gab kein Defizit, sondern es gab &uuml;berhaupt nichts. In den Lebensmittelgesch&auml;ften gab es drei Liter Birkensaft. Sonst nichts. <\/p>\n<p>Wenn man in ein Lebensmittelgesch&auml;ft kam, fragte man nicht, ob es K&auml;se oder Brot gibt, sondern, ob es etwas zu Essen gibt. Das hatte Gorbatschow in einem Jahr bewerkstelligt. <\/p>\n<p>Im Jahr 1988 war das Leben eigentlich noch normal gewesen. Aber im Sommer 1991 k&auml;mpften die Menschen ums &Uuml;berleben. Sie waren entpolitisiert.<br>\nW&auml;hrend ich in der Sowjetunion aufwuchs, gab es kein einziges Mal eine Ver&auml;nderung der Lebensmittelpreise. Aber 1991 stiegen die Preise um das Zehn- und Zwanzigfache, nicht aber die Geh&auml;lter.<\/p>\n<p>Das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wurden 1991 sogar in Moskau Lebensmittelkarten eingef&uuml;hrt. Denn es gab pl&ouml;tzlich keinen Zucker mehr. Alles wurde rationiert. Sie k&ouml;nnen sich vorstellen, wie die Stimmung in der Bev&ouml;lkerung war.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Schocktherapie in schnellen Schritten<\/strong><\/p><p>Die Marktwirtschaft in Russland begann wie ein schlechter Silvesterscherz. Am 2. Januar 1992 trat eine vom stellvertretenden Ministerpr&auml;sidenten und Finanzminister Jegor Gajdar vorbereitete Freigabe der Verbraucherpreise in Kraft. Nur f&uuml;r einen kleinen Teil der Waren (Brot und Milch) und Dienstleistungen (&ouml;ffentliche Verkehrsmittel) blieb die staatliche Preisfixierung bestehen. Dies war der erste Schritt einer Schocktherapie, mit welcher Gajdar Russland innerhalb kurzer Zeit von einer Plan- in eine Marktwirtschaft &uuml;berf&uuml;hren wollte. Dabei setzte der stellvertretende Premier auf den &Uuml;berraschungseffekt f&uuml;r eine weitgehend unvorbereitete und unwissende Bev&ouml;lkerung. Der Preisfreigabe folgte die Aufhebung des staatlichen Au&szlig;enhandelsmonopols und die Privatisierung der Staatsbetriebe.<\/p><p>Die L&auml;den f&uuml;llten sich nun zwar wieder mit Waren, aber die B&uuml;rger hatten kein Geld, um diese Waren zu kaufen. Der Rubel war durch die Hyperinflation wertlos geworden. Die Inflationsrate kletterte 1992 auf unvorstellbare 2600 Prozent. Damit waren die Sparguthaben der Sowjetzeit entwertet. <\/p><p>Ein Grund f&uuml;r die unglaubliche Inflation war, dass die Regierung 1991 versucht hatte, die Produktion in Industrie und Landwirtschaft durch Kredite anzukurbeln. Die Geldmenge nahm deshalb drastisch zu. Gajdar schob die Schuld f&uuml;r die wirtschaftlichen Probleme bei der Umsetzung seiner Schocktherapie &ndash; dazu geh&ouml;rte nicht nur die Freigabe der Preise, sondern auch die Freigabe der L&ouml;hne und die Legalisierung des Handels &ndash; auf die Kommunisten und die Anh&auml;nger eines staatlich regulierten &Uuml;bergangs zur Marktwirtschaft, welche im Obersten Sowjet &ndash; dem Parlament &ndash; immer noch die Mehrheit hatten. <\/p><p><strong>Jungakademiker &uuml;bernehmen das Ruder<\/strong><\/p><p>Der Verantwortliche der Schocktherapie, Jegor Gajdar, entstammte einer Familie der kommunistischen Elite. 1987 wurde Gajdar Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim Parteiorgan <em>Kommunist<\/em>, 1990 Leiter des Wirtschaftsressorts bei der Parteizeitung <em>Prawda<\/em>. Boris Jelzin, der am 12. Juni 1991 zum ersten Pr&auml;sidenten der russischen-sowjetischen  Teilrepublik (RSFSR) gew&auml;hlt worden war, ernannte Gajdar im November 1991 zum stellvertretenden Ministerpr&auml;sidenten und Finanzminister. <\/p><p>Mit Gajdar zog im November 1991 auch Anatolij Tschubajs in die Regierung ein. Der Jungakademiker, der zuvor den B&uuml;rgermeister von St. Petersburg in Wirtschaftsfragen beraten hatte, wurde Vorsitzender des Komitees f&uuml;r die Leitung des Staatseigentums. Von diesem Schl&uuml;sselposten aus leitete Tschubajs die erste Privatisierungswelle der Staatsbetriebe. <\/p><p>Gajdar und Tschubajs waren nicht die einzigen Jungakademiker, die Jelzin in die Regierung holte. Der Gro&szlig;teil der neuen Kabinettsmitglieder kam aus einem informellen Moskau-Leningrad-Zirkel von Wirtschaftsreformern, der sich &ndash; initiiert durch ein Treffen von Gajdar und Tschubajs in Moskau im Jahre 1982 &ndash; gebildet hatte und regelm&auml;&szlig;ige wissenschaftliche Konferenzen durchf&uuml;hrte. <\/p><p><strong>Jung-Reformer bereits 1987 f&uuml;r Aufl&ouml;sung der Sowjetunion<\/strong><\/p><p>Die Jung-Akademiker diskutierten auf ihren Konferenzen zun&auml;chst die Erfahrungen der Wirtschaftsreformen in Jugoslawien und Ungarn. Im Laufe der Jahre wurden ihre Konzepte dann konkreter: Bereits 1987 wurde im Leningrader &bdquo;Perestroika-Klub&ldquo; &uuml;ber die Aufl&ouml;sung der Sowjetunion und die Privatisierung des Staatseigentums mithilfe von Vouchern (Anteilsscheinen des Volkes am Staatseigentum, s.u.) diskutiert. Schon damals kamen die Jungreformer zu der Einsch&auml;tzung, dass die Wirtschaftsreformen nur in einzelnen Republiken, nicht aber in der Sowjetunion insgesamt, durchf&uuml;hrbar sei. <\/p><p>Dass die jungen Reformer, die sich 1982 in informellen Klubs zusammenschlossen, zehn Jahre sp&auml;ter bereits die Macht in einem bis dahin festgef&uuml;gten Staat &uuml;bernahmen, scheint auf den ersten Blick erstaunlich. Doch in der Sowjetunion gab es Anfang der 1980er Jahre keine Aufbruchstimmung und keinen revolution&auml;ren Elan mehr, meint der Historiker Platoschkin. <\/p><p><strong>&bdquo;Jungs in rosa H&ouml;schen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dass die Regierung 1991 pl&ouml;tzlich voller junger Akademiker ohne Leitungserfahrungen war &ndash; Gajdar und Tschubajs waren damals beide erst Mitte Drei&szlig;ig &ndash; nutzte die kommunistische Opposition f&uuml;r ihre Agitation. Sie nannte die Wirtschaftsreformer in der Regierung &raquo;Jungs in rosa H&ouml;schen&laquo;. <\/p><p>Die Bezeichnung bedarf einer Erkl&auml;rung. Nach der sowjetischen Tradition sa&szlig;en in der Regierung f&uuml;llige M&auml;nner mit grimmigen Gesichtern, also richtige <em>Muschiki<\/em>, wie die &raquo;harten M&auml;nner&laquo; im Russischen genannt werden. Die jungen Wirtschaftsreformer waren schlanke Intellektuelle. Wie sollte es diesen &raquo;Halbstarken&laquo; gelingen, einen Riesenstaat wie Russland zu lenken, st&auml;nkerte die Opposition. Doch damit nicht genug: Auf den Demonstrationen der stalinistischen Organisation &raquo;Werkt&auml;tiges Russland&laquo; sah man 1993 neben Plakaten, auf denen die Wiederherstellung der Sowjetunion gefordert wurde, Parolen gegen die <em>Schidy<\/em> (Schimpfwort f&uuml;r Juden) in der Regierung. In den Medien zirkulierten zudem Ger&uuml;chte, in der Jelzin-Regierung s&auml;&szlig;en Schwule. <\/p><p><strong>Die &bdquo;jungen Reformer&ldquo; schafften es bis in die Putin-&Auml;ra<\/strong><\/p><p>Dass unter Putin ab dem Jahre 2000 viele ehemalige Geheimdienstler Posten in der Pr&auml;sidialverwaltung und Staatsunternehmen bekamen, f&uuml;hrte im Westen zu der  Meinung, Russland werde von einer Geheimdienst-Clique gelenkt. Tats&auml;chlich war es jedoch ein B&uuml;ndnis von marktradikalen Reformern und Geheimdienstleuten, die ab 2000 Russlands Geschicke lenkten. <\/p><p>Anatoli Tschubajs leitete von 1998 bis 2008 die staatliche Elektrizit&auml;tsgesellschaft EES Rossii und von 2013 bis 2020 das staatliche Technologieunternehmen Rosnano. <\/p><p>Aleksej Kudrin, Mitglied von Tschubajs&acute; Leningrader &bdquo;Perestroika-Klub&ldquo;, wurde 2000 unter Putin Finanzminister. Seit 2018 ist er Chef des russischen Rechnungshofes. Pjotr Awen &ndash; Mitglied des Moskauer &bdquo;Perestroika-Klubs&ldquo; &ndash; wurde im November 1991 Minister f&uuml;r Au&szlig;enwirtschaftsbeziehungen.  Seit 1994 ist Awen Pr&auml;sident der Alfa-Bank. Nach Angaben der Zeitschrift Forbes hatte er im Jahr 2020 ein Verm&ouml;gen von 4,6 Milliarden Dollar. <\/p><p>Andrej Illarionow war w&auml;hrend der Perestroika Mitglied des Leningrader Klubs &bdquo;Sintes&ldquo;. Im Jahre 2000 wurde Illarionow Wirtschaftsberater von Putin. 2005 wurde er entlassen. Illarionow lebt jetzt in den USA, von wo aus er die rechtsliberale russische Opposition unterst&uuml;tzt. <\/p><p><strong>US-Chefberater Jeffrey Sachs steht russischen Reformer zur Seite<\/strong><\/p><p>Den jungen russischen Reformern standen Anfang der 1990er Jahre mit dem damals 38-j&auml;hrigen Jeffrey Sachs ein &auml;u&szlig;ert agiler Wirtschaftsberater aus den USA zur Seite. Sachs hatte schon in Bolivien eine Schocktherapie durchgesetzt.<br>\nDie unter Anleitung von Sachs unter Jegor Gajdars in Russland durchgef&uuml;hrte Schocktherapie f&uuml;hrte zu massiven sozialen Einschnitten und zu einem Wirtschaftschaos, in dem sich Mafiagruppen, Spitzenbeamte und Raubritterkapitalisten ungehindert bereichern konnten. Von 1989 bis 1997 sank die Industrieproduktion um 42 Prozent. 1995 lagen die Realeinkommen um 45 Prozent unter den Einkommen von 1991. In Moskau geh&ouml;rte es in den 1990er Jahren zum Alltag, dass an den Metrostationen junge und &auml;ltere Frauen in langen Reihen stehend alte Kleider, Kocht&ouml;pfe und Billigware verkauften. <\/p><p><strong>Panzer-Attacke gegen die Linksnationalen<\/strong><\/p><p>Unter Gajdar entwickelte sich der Konflikt zwischen dem Kreml und der Regierung auf der einen und der links-nationalen Opposition im Obersten Sowjet (dem damaligen Parlament) und dem Kongress der Volksdeputierten auf der anderen Seite zu einem Machtkampf, der im Oktober 1993 schlie&szlig;lich zum Einsatz von Panzern und zu Blutvergie&szlig;en f&uuml;hrte. Es war die zweite schwere Staatskrise, die Russland Anfang der 1990er Jahre durchmachte. <\/p><p>Der Machtkampf 1993 begann im September mit einer Verfassungskrise. Pr&auml;sident Jelzin und der Oberste Sowjet setzten gegenseitig ihre Beschl&uuml;sse au&szlig;er Kraft. H&ouml;hepunkt der Staatskrise war am 4. Oktober 1993 die Beschie&szlig;ung des Wei&szlig;en Hauses, dem Sitz des Parlaments, durch Panzer. <\/p><p>Nikolai Platoschkin arbeitete im Oktober 1993 im russischen Au&szlig;enministerium, in einem Hochhaus im Zuckerb&auml;ckerstil aus der Stalin-Zeit, nur einen Kilometer vom Wei&szlig;en Haus entfernt. Er berichtet:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jelzin lie&szlig; auf das neue, russische Parlament schie&szlig;en, nicht auf das sowjetische, dass in dem gleichen Wei&szlig;en Haus seinen Sitz hatte, dass Jelzin 1991 okkupierte. Im Zentrum von Moskau gab es hunderte von Toten. Die Kugeln flogen damals bis zum Au&szlig;enministerium. Ich bin damals an die Leitung des Au&szlig;enministeriums herangetreten und habe vorgeschlagen, die weiblichen Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Denn man konnte von einer zuf&auml;lligen Kugel getroffen werden. Das war 1993 Demokratie, als Jelzin das Parlament mit Panzern und Scharfsch&uuml;tzen zusammenschie&szlig;en lie&szlig;.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Westliche Medien bef&uuml;rworteten &bdquo;unvermeidliche Radikalkur&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die westlichen Medien rechtfertigten Jelzins Vorgehen als &bdquo;unvermeidliche Radikalkur&ldquo;. Wer damals in Deutschland die Beschie&szlig;ung des Wei&szlig;en Hauses kritisierte, sah sich h&auml;ufig dem Vorwurf ausgesetzt, dem sowjetischen System nachzutrauern. In der westlichen Medienberichterstattung ging damals v&ouml;llig unter, dass der Pr&auml;sident des Obersten Sowjet, Ruslan Chasbulatow, und der Vizepr&auml;sident Russlands, Aleksander Ruzkoj, beim Putsch der Altkommunisten im August 1991 noch fest an der Seite von Boris Jelzin gestanden hatten. Sie geh&ouml;rten nicht zu den Altkommunisten, traten f&uuml;r einen kontrollierten &Uuml;bergang zur Marktwirtschaft und gegen die Schocktherapie auf. <\/p><p>Nikolaj Swanidse, ein bekannter Journalist, der beim staatlichen Fernsehkanal Rossija arbeitet und h&auml;ufig auch im deutschen Fernsehen zu Wort kommt, verteidigt bis heute die Beschie&szlig;ung des Parlaments als eine notwendige Ma&szlig;nahme, die den Weg f&uuml;r die demokratische Entwicklung Russlands freigemacht habe. Der Widerstand des Parlaments im Oktober 1993 sei &raquo;der letzte, krampfhafte Versuch des reaktion&auml;rsten Teils der Parlaments-Nomenklatura (gewesen), erneut an den hei&szlig; ersehnten Futtertrog zu kommen&laquo;, so der bekannte russische Fernsehmoderator, dessen Gro&szlig;vater Nikolai Samsonowitsch nach der Revolution hoher Parteifunktion&auml;r war.<\/p><p>Jelzin habe keine andere Wahl gehabt, so Journalist Swanidse. Er sei gezwungen gewesen, &bdquo;den geschlossenen Kreis verlogener Legitimit&auml;t (gemeint ist das Parlament, UH) zu zerbrechen&ldquo;. Sonst h&auml;tte er das Land &bdquo;durch seine Entschlusslosigkeit zugrunde gerichtet&ldquo;. <\/p><p>Anatolij Tschubajs, der 1992 die Privatisierung der Staatsbetriebe einleitete, erkl&auml;rte in einem <em>Spiegel<\/em>-Interview im Jahre 2007, zum radikalen Wirtschaftsumbau habe es keine Alternative gegeben. Wenn es keine Reformen gegeben h&auml;tte, w&auml;re ein B&uuml;rgerkrieg ausgebrochen. &raquo;Wie so oft in der russischen Geschichte h&auml;tten Hunderttausende ihr Leben gelassen. Das beschreibt den wahren Wert unserer Reformen und nicht, dass Oligarchen heute Milliarden besitzen.&laquo;<\/p><p><strong>Der gro&szlig;e Raubzug<\/strong><\/p><p>In den 1990er Jahre &uuml;bernahm eine neue Klasse die Macht in Russland. Es waren vor allem Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol. Die neuen Akteure in Politik und Wirtschaft waren gebildet, beherrschten Fremdsprachen und verf&uuml;gten &uuml;ber gute Verbindungen, weil sie meist aus Familien der alten KP-Elite stammten. <\/p><p>W&auml;hrend der Perestroika-Zeit hatten die Jungkomsomolzen in den neu gegr&uuml;ndeten Genossenschaften bereits erste Erfahrungen als Unternehmer gesammelt. Zusammen mit dem von Korruption durchsetzten Beamtenapparat &uuml;bernahmen die jungen Kommunisten nun das Ruder. <\/p><p>Niemand hielt sich mehr an Gesetze. Als 1992 das erste Gesetz zur Privatisierung von Staatseigentum in Kraft trat, waren bereits 2000 Betriebe ohne juristische Grundlage privatisiert worden. Zum Zug kamen skrupellose Gesch&auml;ftemacher, Abenteurer und Banditen, welche sich mittels Penetranz, Bestechung und oft auch Gewalt Einfluss auf die Entscheidungstr&auml;ger in den staatlichen Verwaltungen gesichert hatten.<\/p><p>Anatolij Tschubajs &ndash; 1991 Minister f&uuml;r Staatseigentum, 1992 bis 1996 Vizepremier &ndash; leitete 1992 eine erste Privatisierung von Staatsbetrieben &uuml;ber sogenannte Voucher. Da das staatliche Eigentum an den Produktionsmitteln in den Augen der Bev&ouml;lkerung Eigentum des Volkes war, mussten die Wirtschaftsreformer die Privatisierung notgedrungen unter Einbeziehung der B&uuml;rger durchf&uuml;hren. So bekam jeder B&uuml;rger Russlands einen Voucher (Anteilsschein am Staatsverm&ouml;gen) mit einem Nominalwert von 10.000 Rubel, was damals 17 US-Dollar entsprach. Anatolij Tschubajs versprach, der Wert eines Vouchers werde in kurzer Zeit auf 200.000 Rubel ansteigen und dann k&ouml;nne man sich f&uuml;r einen Voucher zwei Limousinen der Marke Wolga kaufen. Doch das war nichts weiter als Betrug. <\/p><p>&Uuml;ber H&auml;ndler, die in den St&auml;dten an Stra&szlig;enkreuzungen und Metroeing&auml;ngen standen, und windige Finanzfirmen in Hinterh&ouml;fen wurden die Voucher bei den B&uuml;rgern aufgekauft. Von dem Erl&ouml;s seines Vouchers konnte sich der ehemalige Besitzer nicht mehr als zwei Flaschen Wodka kaufen. Manchmal bekam man auch nur ein paar Kopeken. Insgesamt wurden 150 Millionen Voucher ausgegeben. Davon gab es 2006 nur noch 40 Millionen Anteilsscheine. Die russischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;hlten sich durch die ganze Aktion betrogen. <\/p><p>1994 begann eine zweite Privatisierungswelle. Der Staat war hoch verschuldet. Die neuen Unternehmer konnten gegen Kredite, die sie dem Staat gaben, Eigent&uuml;mer von weiteren Staatsunternehmen werden, und das meist zu einem sehr g&uuml;nstigen Preis. Ungeachtet ideologischer Differenzen kam es zwischen alten sowjetischen Direktoren und neureichen Abenteurern oft zu taktischen Allianzen. Die Neureichen befanden sich in einer Art Rausch. Es gab keine &ouml;ffentliche Kontrolle. Alles schien m&ouml;glich. Nur selten k&uuml;mmerte es die Justiz- und Sicherheitsorgane, wenn bei Streitigkeiten um die Aufteilung des Staatseigentums Waffen eingesetzt und Konkurrenten durch Auftragskiller aus dem Weg ger&auml;umt wurden. <\/p><p><strong>&bdquo;Neue Russen&ldquo; &ndash; skrupellose Kapitalisten<\/strong><\/p><p>Von 1992* bis 2000 pl&uuml;nderten die &raquo;Nowije Russkije&laquo; (die neuen Russen), wie sie genannt wurden, die gesamten Reicht&uuml;mer des Landes. Der Staat verarmte, weil niemand einen Gedanken daran verschwendete, Steuern zu erheben, geschweige denn, welche zu entrichten. Die Buchhalter der Unternehmen &uuml;berreichten ihren Besch&auml;ftigten den Gro&szlig;teil des Gehalts im Briefumschlag, um Steuern zu sparen, eine Praxis, die bis heute verbreitet ist. <\/p><p>F&uuml;r den Rohstoffexport gr&uuml;ndeten die neuen Unternehmer Offshore-Gesellschaften auf den Kanalinseln und auf Zypern. Erd&ouml;l, Metalle und Holz wurden und werden, um Exportsteuern zu sparen, zum Niedrigpreis an die Offshore-Gesellschaften verdealt und von denen dann zum h&ouml;heren Weltmarktpreis an die Endabnehmer weiterverkauft. <\/p><p>Weil Fabriken, Institute und Schulen in den 1990er Jahren keine Geh&auml;lter mehr zahlten oder die Geh&auml;lter nicht an die rasante Inflation anpassten, waren Arbeiter, Wissenschaftler und Lehrer gezwungen, sich eine andere Arbeit zu suchen oder mehreren T&auml;tigkeiten gleichzeitig nachzugehen. Ehemalige Arbeiter und Angestellte, aber auch Lehrer und Ingenieure wurden mittels <em>learning by doing<\/em> zu <em>Tschelnoki<\/em> (russisch &raquo;Schiffchen&laquo;), das hei&szlig;t fliegenden H&auml;ndler, die mit den riesigen, karierten Taschen und sp&auml;ter Containern Billigware aus Polen, Dubai und China nach Russland brachten und dort auf Freiluftm&auml;rkten verkauften. <\/p><p>Die soziale Unsicherheit ver&auml;nderte das Leben der Menschen radikal. Die Geburtenrate ging zur&uuml;ck, der Alkoholkonsum stieg. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Die Bev&ouml;lkerung in  Russland reduzierte sich von 1989 bis 2009 von 147 auf 141 Millionen Menschen. Der Einbruch war nicht nur auf den ausufernden Alkohol- und Drogenkonsum sowie eine pl&ouml;tzlich kostenpflichtige Gesundheitsversorgung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Wichtiger war noch, dass in den chaotischen 1990er Jahren die Bereitschaft, ein Kind in die Welt zu setzen, stark gesunken war. <\/p><p>Zwei Millionen Stra&szlig;enkinder wurden in den 1990er Jahren gez&auml;hlt. Zehntausende von Frauen gerieten in die Gewalt skrupelloser Zuh&auml;lterbanden und landeten in den Bordellen Europas. Diese Banden konnten gesetzlich in Russland nicht verfolgt werden, denn gegen den Menschenhandel gab es keinen Artikel im Strafgesetzbuch. <\/p><p>Dass Wladimir Putin seit 2000 ziemlich fest im Sattel sitzt, hat vor allem mit den Erfahrungen der Russen in den 1990er Jahren zu tun. Demokratie wurde damals zum Schimpfwort, denn Demokratie bedeutete praktisch Verarmung. <\/p><p>In den 1990er Jahren haben die Russen fast alles verloren, ein gro&szlig;es Land, ihre Sparguthaben, ihre Karrieren, eine leidlich funktionierende Wirtschaft und Stabilit&auml;t. Man sollte die Russen f&uuml;r ihren Konservatismus also nicht zu sehr schelten. <\/p><p>* 19.08.2021 14:10 Uhr: Die Jahresangabe wurde korrigiert.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> Dieser Text ist ein &uuml;berarbeitetes Kapitel aus dem Buch &bdquo;Opposition gegen das System Putin. Herrschaft und Widerstand im modernen Russland&ldquo;, Ulrich Heyden\/Ute Weinmann, Rotpunktverlag 2009<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Titelbild: Konstantin Gushcha \/ Shutterstock<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/532dc1b8fe2a402781808d5de02aad2f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die Mitglieder des Moskauer Notstandskomitees, die im August 1991 (vor genau 30 Jahren) Panzer in Moskau auffahren lie&szlig;en, genau f&uuml;r Pl&auml;ne hatten, ist bis heute nicht erforscht. Ihr Handeln war so wenig durchdacht wie das Handeln von Michail Gorbatschow, der zwischen Liberalisierung und Zentralisierung hin und her schwankte. Nach Meinung des russischen Linkspolitikers Nikolai<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75297\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":75298,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,212,20],"tags":[881,2418,1644,365,2407,233,663,259,2785,776,1203,2147],"class_list":["post-75297","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-landerberichte","tag-armut","tag-bevoelkerungsentwicklung","tag-gorbatschow-michail","tag-inflation","tag-jelzin-boris","tag-marktliberalismus","tag-putsch","tag-russland","tag-sachs-jeffrey","tag-schockstrategie","tag-separatismus","tag-sowjetunion"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/shutterstock_1591967932.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75297"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75314,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75297\/revisions\/75314"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}