{"id":75305,"date":"2021-08-19T12:00:37","date_gmt":"2021-08-19T10:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75305"},"modified":"2021-08-19T12:39:13","modified_gmt":"2021-08-19T10:39:13","slug":"der-fall-von-kabul-und-der-fall-assange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75305","title":{"rendered":"Der Fall von Kabul und der Fall Assange"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen fiel die afghanische Hauptstadt Kabul zur&uuml;ck an die Taliban, die vor fast 20 Jahren von dort durch &bdquo;die Koalition der Willigen&ldquo; vertrieben wurden. Im Juli 2010 ver&ouml;ffentlichte die Enth&uuml;llungsplattform Wikileaks &bdquo;<a href=\"https:\/\/archive.nytimes.com\/www.nytimes.com\/interactive\/world\/26warlogs.html\">Das Kriegstagebuch des Afghanistan-Kriegs<\/a>&ldquo;, bestehend aus geleakten Originaldokumenten der USA. Heute fordern die USA die Auslieferung des Wikileaks-Mitgr&uuml;nders Julian Assange, auch weil durch die Ver&ouml;ffentlichungen Informanten gef&auml;hrdet worden seien. Zurzeit warten tausende afghanische Ortskr&auml;fte, die den westlichen Armeen geholfen haben, am Kabuler Flughafen, der noch nicht von den Taliban kontrolliert wird, darauf, dass ihnen ihre ehemaligen Arbeitgeber helfen und sie in Sicherheit bringen. Von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDurch die Wikileaks-Ver&ouml;ffentlichung wurde sichtbar, wie viele Opfer der Krieg in Afghanistan bis dahin gefordert hatte, dass es sich bei den Opfern oftmals um Zivilisten, viele von ihnen Kinder, handelte. Auch die Einsch&auml;tzung einiger westlicher Milit&auml;rs, dass man den Konflikt nicht gewinnen k&ouml;nne, wurde offengelegt. Die Dokumente waren und sind authentisch und niemals wurden Zweifel an deren Echtheit gehegt.<\/p><p>Gleichzeitig wurde Kritik laut, dass Wikileaks durch die Ver&ouml;ffentlichung Informanten und afghanische Mitarbeiter der Besatzungsarmeen gef&auml;hrdet habe. Julian Assange bestreitet dies bis heute und sagt im Gegenteil, dass Wikileaks ein F&uuml;nftel Originaldokumente zur&uuml;ckgehalten habe und auch versucht habe, die US-Regierung in diesem Zusammenhang zu kontaktieren, um lokale Informanten zu sch&uuml;tzen. Die USA hatten wohl mehr Interesse daran, ihre Prinzipien zu sch&uuml;tzen als ihre afghanischen Mitarbeiter.<\/p><p>Nichtsdestotrotz findet sich auch mehr als 10 Jahre sp&auml;ter kein konkreter Beweis in der US-Anklage, dass durch Wikileaks-Ver&ouml;ffentlichungen Personen zu Schaden gekommen sind. Trotzdem wird dieser Punkt aufrechterhalten, weil die sonstigen Punkte des Auslieferungsbegehrens zumeist Aktivit&auml;ten betreffen, die von vielen Beobachtern als Journalismus betrachtet werden. In einem weiteren Punkt der Anklage geht es um Einbruch in Computer, aber der Zeuge hierf&uuml;r hat k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.wochenblick.at\/das-ende-des-verfahrens-gegen-julian-assange-kronzeuge-hat-gelogen\/\">seine Aussage zur&uuml;ckgezogen<\/a>.<\/p><p>In seinem letzten <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2021\/08\/12\/letter-from-london-worrying-turn-in-assange-case\/\">&bdquo;Letter from London&ldquo;<\/a> beschreibt Alexander Mercouris, wie die USA alle m&ouml;glichen Verfahrenstricks nutzen, um ihr Ziel der Auslieferung Assanges in die USA zu erreichen, und dass sie sich bis jetzt nicht mit einem &bdquo;Nein&ldquo; zufriedengegeben haben.<\/p><p>Es erschien immer schon etwas l&auml;cherlich, dass die Milit&auml;rmacht, die Anfang der 2000er Jahre zwei gro&szlig;e Kriege vom Zaun gebrochen hat, die hunderttausende von Menschenleben gekostet haben, jemanden, der ein bisschen den Schleier von diesen Kriegen gezogen hat, bezichtigt, Menschenleben gef&auml;hrdet zu haben, und das dann noch nicht einmal beweisen kann. Unterst&uuml;tzt werden die USA hierbei von ihrem treuen Alliierten, dem Vereinigten K&ouml;nigreich, dessen Beh&ouml;rden seit &uuml;ber 10 Jahren mithelfen, Assange in Unfreiheit zu halten, und ihn nun seit 28 Monaten durch Isolationshaft foltern.<\/p><p>Die Krone wird dem Ganzen nun aufgesetzt durch den komplett unvorbereitet erscheinenden Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan, die dabei tausende ihrer einheimischen Mitarbeiter schutzlos zur&uuml;cklassen. Im Moment wird so getan, als ob der schnelle Vormarsch der Taliban absolut &uuml;berraschend daherkam. <a href=\"https:\/\/thruttig.wordpress.com\/2021\/05\/21\/neues-zum-afghanische-ortskrafte-aufruf-3-die-zeit-drangt-und-reaktion-des-bmi\/\">Kenner der Materie<\/a> warnten allerdings schon seit Monaten vor dieser f&uuml;r ihre afghanischen Verb&uuml;ndeten f&uuml;rchterlichen Perspektive. Und die USA sind in Afghanistan ja schon seit den 1970er Jahren aktiv und haben dort Islamisten im Kampf gegen die Sowjetunion unterst&uuml;tzt und sollten deshalb auch mit den Taliban bekannt sein.<\/p><p>Viele dieser Ortskr&auml;fte haben mitgeholfen bei humanit&auml;ren Projekten und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan. Ob diese von der Mehrheit gewollt war oder nicht, ist eine sehr komplexe Frage, und ob man das von au&szlig;en ansto&szlig;en kann, auch. Darum will ich darauf hier nicht n&auml;her eingehen. Allerdings sollte jeder in Frieden leben k&ouml;nnen und ein Auskommen haben und am besten noch nach ihrer\/seiner eigenen Fasson selig werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Allerdings haben einige Ortskr&auml;fte die Besatzungsarmeen sicher auch bei ihren Gr&auml;ueltaten und bei Morden unterst&uuml;tzt und dies wird m&ouml;glicherweise auch auf Unbeteiligte oder Wohlmeinende zur&uuml;ckfallen.<\/p><p>Die US-Beh&ouml;rden haben ihren Zivilkr&auml;ften bestimmt auch Zusicherungen bez&uuml;glich ihrer Sicherheit gemacht, um an ihre Dienste zu gelangen, und diese Zusicherungen werden jetzt wohl nicht umfassend eingel&ouml;st. Bei den Ortskr&auml;ften der Bundeswehr sieht es &auml;hnlich aus und das wird sich wohl auf k&uuml;nftige Missionen auswirken.<\/p><p>Vielleicht ist dieses sinnlose Ende des sinnlos erscheinenden Einsatzes in Afghanistan ein Anfangspunkt, dar&uuml;ber nachzudenken, wie viel &bdquo;Verantwortung&ldquo; (=Milit&auml;reinsatz) f&uuml;r die Bundesrepublik oder auch andere L&auml;nder wirklich sinnvoll ist. Die Gr&uuml;nderv&auml;ter der BRD hatten sicher keine Milit&auml;reins&auml;tze am Hindukusch oder in Mali im Sinn bzw. sie h&auml;tten daf&uuml;r keine Mehrheit unter den Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg &uuml;berlebt hatten, gefunden.<\/p><p>Dass die ehemalige Friedenspartei &bdquo;Die Gr&uuml;nen&ldquo; mittlerweile offen f&uuml;r R&uuml;stung und damit letztendlich f&uuml;r Krieg eintritt, ist &auml;u&szlig;erst besch&auml;mend und wird im September an der Wahlurne hoffentlich entsprechend quittiert werden.<\/p><p>Man k&ouml;nnte im Zuge des Afghanistan-Debakels auch dar&uuml;ber diskutieren, wie verl&auml;sslich die USA als &bdquo;B&uuml;ndnispartner&ldquo; wirklich sind. Ich w&uuml;rde vermuten, dass das Schicksal Deutschlands der US-Regierung genauso egal ist wie das von Afghanistan oder jedem anderen Land auf der Welt inklusive des Wohlergehens eines Gro&szlig;teils der eigenen Bev&ouml;lkerung. Hiermit stehen allerdings die USA wohl auch nicht alleine da und wir als Bev&ouml;lkerung sollten uns &uuml;berlegen, wie wir selber f&uuml;r Frieden, soziale Gerechtigkeit und das &Uuml;berleben der Menschheit eintreten k&ouml;nnen. Wer sich f&uuml;r Julian Assange und Pressefreiheit einsetzen oder sich weiter informieren will, wird <a href=\"https:\/\/www.freeassange.eu\/#aktionsuebersicht\">hier f&uuml;ndig<\/a>.<\/p><p>Die meisten der westlichen Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, sind sicherlich zutiefst und ehrlich besorgt um ihre afghanischen Kameraden und tun ihr M&ouml;glichstes, um diesen zu helfen, aber die wirklich verantwortlichen VerteidigungsministerInnen und Regierungschefs tun viel zu wenig und der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Macron scheint sogar schon mal vorsorglich <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2021\/aug\/17\/macron-accused-of-pandering-to-far-right-over-afghan-crisis\">Stimmung gegen Fl&uuml;chtlinge aus Afghanistan<\/a> zu machen.<\/p><p>Die US-Regierung hat &uuml;brigens auch im Falle Assange &bdquo;Zusicherungen&ldquo; gemacht bez&uuml;glich der Haftbedingungen, die ihn in den USA erwarten w&uuml;rden. Wie viele Pfifferlinge man darauf gibt, ist wiederum jedem Beobachter selbst &uuml;berlassen. Wenn befreundete Ortskr&auml;fte allerdings so im Stich gelassen werden, wie im Moment in Afghanistan zu sehen ist, dann fragt man sich, was eine &bdquo;Zusicherung&ldquo; gegen&uuml;ber jemandem wert ist, den man seit &uuml;ber einem Jahrzehnt gnadenlos verfolgt.<\/p><p>Es w&auml;re besser, die Verantwortlichen in den USA w&uuml;rden sich, was die Gef&auml;hrdung von Personen angeht, an die eigene Nase fassen, ihre weltweiten kriegerischen Aktivit&auml;ten &uuml;berdenken und gleichzeitig das Verfahren gegen Julian Assange sofort einstellen.<\/p><p>Freiheit f&uuml;r Julian Assange! Jetzt!<\/p><p>PS: Am Donnerstag, 19. August, findet in Berlin &uuml;brigens wieder eine Mahnwache f&uuml;r die Freilassung von Julian Assange statt. Von 18:00 bis 20:00 Uhr auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor.<\/p><p>Titelbild: monticello\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen fiel die afghanische Hauptstadt Kabul zur&uuml;ck an die Taliban, die vor fast 20 Jahren von dort durch &bdquo;die Koalition der Willigen&ldquo; vertrieben wurden. Im Juli 2010 ver&ouml;ffentlichte die Enth&uuml;llungsplattform Wikileaks &bdquo;<a href=\"https:\/\/archive.nytimes.com\/www.nytimes.com\/interactive\/world\/26warlogs.html\">Das Kriegstagebuch des Afghanistan-Kriegs<\/a>&ldquo;, bestehend aus geleakten Originaldokumenten der USA. Heute fordern die USA die Auslieferung des Wikileaks-Mitgr&uuml;nders Julian Assange, auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75305\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":75306,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,171,161],"tags":[351,681,2163,469,2104,2664,1556,665,2360],"class_list":["post-75305","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-afghanistan","tag-assange-julian","tag-gefaengnis","tag-grossbritannien","tag-kriegsopfer","tag-truppenabzug","tag-usa","tag-wikileaks-2","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/shutterstock_1932351950.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=75305"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75309,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/75305\/revisions\/75309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/75306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=75305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=75305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=75305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}