{"id":75331,"date":"2021-08-20T10:42:34","date_gmt":"2021-08-20T08:42:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75331"},"modified":"2021-08-27T10:41:40","modified_gmt":"2021-08-27T08:41:40","slug":"kapital-und-ressentiment-eine-auseinandersetzung-mit-neuen-unternehmerischen-machtformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75331","title":{"rendered":"\u00abKapital und Ressentiment\u00bb &#8211; Eine Auseinandersetzung mit neuen unternehmerischen Machtformen"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge der Corona-Krise fragen sich immer mehr Menschen, wer eigentlich das Sagen hat &ndash; staatliche Institutionen oder eher private Akteure aus der Wirtschafts- und Finanzsph&auml;re. Dabei hat sich sp&auml;testens seit der Finanzkrise 2008 offenbart, dass die Entscheidungsmacht in den H&auml;nden m&auml;chtiger Bankh&auml;user oder Hedgefonds liegt. Die klebrige N&auml;he zwischen Politik und Wirtschaft wird zunehmend offensichtlicher, je mehr man deren Verstrickungen beleuchtet. Vor knapp sechs Jahren tat es der Literatur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A23280912&amp;listtype=search&amp;searchparam=Der%20Souver%C3%A4nit%C3%A4tseffekt\">&laquo;Der Souver&auml;nit&auml;tseffekt&raquo;<\/a>. Darin zeichnete der Berliner Professor in historischer Perspektive nach, wie jene Akteure den Staat mittels Finanzierung in die Logik des Marktes hineinzogen. Auf diese Weise sei ein unkontrolliertes &bdquo;Finanzregime&ldquo; entstanden, das sich sowohl rechtlich als auch institutionell schwer verorten l&auml;sst und der demokratischen Kontrolle entzogen bleibt. Von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/kapital-und-ressentiment.html?listtype=search&amp;searchparam=kapital%20und%20ressentiment\">&laquo;Kapital und Ressentiment&raquo;<\/a> kn&uuml;pft er an diese These an, um anschlie&szlig;end zu zeigen, dass dieses Finanzregime sich mittlerweile zu einem Internet- und Plattformkapitalismus gewandelt hat. Darin gehen Finanz&ouml;konomie und Kommunikationstechnologien eine Fusion ein, die neue Kontroll- und Machtstrukturen bewirkt. Leider bleibt es &uuml;ber weite Strecken so abstrakt, wie es hier formuliert ist. Lebensnahe Beispiele, die dieses schwer zu greifende Ph&auml;nomen unterf&uuml;ttern, findet man nur in Ans&auml;tzen. In einem von ihnen veranschaulicht Vogl mithilfe der Steueroptimierung, inwiefern Tech-Konzerne wie Amazon, Facebook oder Apple gewisse Sonderrechte bzw. einen &bdquo;Minderheitenschutz&ldquo; genie&szlig;en. <\/p><p>Als Pate steht f&uuml;r diese Technik der US-amerikanische Fahrdienstvermittler Uber, der wie viele Plattformunternehmen seiner Art sich gerne in Zonen mit g&uuml;nstiger Steuergesetzgebung niederl&auml;sst. Wer beispielsweise seine App in Belgien nutzt, tritt &bdquo;mit keinem Angestellten oder Vertreter des Unternehmens in Kontakt, vielmehr wird die Zahlung automatisch &uuml;ber eine niederl&auml;ndische Tochtergesellschaft (&hellip;) abgewickelt, die &uuml;ber eine weitere niederl&auml;ndische Schwestergesellschaft (&hellip;) achtzig Prozent des f&auml;lligen Rechnungsbetrags an den Uber-Fahrer weiterreicht.&ldquo; Von den verbleibenden zwanzig Prozent f&uuml;hre Uber 99 Prozent als Lizenz an ein weiteres Tochterunternehmen ab, das mit Hauptsitz auf den Bermudas weder in den USA noch in den Niederlanden steuerpflichtig sei.<\/p><p>Solch lukrative Bedingungen der Kostenvermeidung ziehen wiederum die Aufmerksamkeit finanz&ouml;konomischer Player auf sich, die mit Investitionen in Tech-Konzerne ihr Kapital optimal vervielfachen k&ouml;nnen. Ebenfalls verlockend sind die M&ouml;glichkeiten eines Unternehmens wie Facebook, das sich als gr&ouml;&szlig;ter Lieferant von Informationen und als riesiger Verleger versteht. Allerdings hat dieses Publizieren, wie Vogl schreibt, paradoxe Z&uuml;ge bekommen: &bdquo;Wer ver&ouml;ffentlicht, ist nicht verantwortlich, wer aber Content verantwortet, betreibt keine Ver&ouml;ffentlichung.&ldquo; Sozialen Medien &agrave; la Facebook komme eine Autonomie zu, die sich vor allem darin spiegelt, dass sie &uuml;ber selbstgesetzte Normen verf&uuml;gen. Sie seien weder f&uuml;r die eingestellten Inhalte noch umgekehrt daf&uuml;r haftbar, wenn sie diese aus den einen oder anderen Gr&uuml;nden entfernen &ndash; &bdquo;wie etwa die souver&auml;ne Sperrung pr&auml;sidialer Accounts&ldquo;.<\/p><p>Plattformunternehmen operieren demnach aus einer rechtlich unbestimmten Grauzone heraus, die irgendwo zwischen dem &ouml;ffentlichen und privaten Bereich liegt. Das macht sie nicht nur f&uuml;r die Finanz&ouml;konomie attraktiv, sondern auch f&uuml;r Regierungsinstitutionen. So entstehen Allianzen, mit denen sich die Grenze zwischen Politik und Digitalwirtschaft immer weiter verfl&uuml;ssigt: &bdquo;Die Verflechtungen von Geheimdiensten, Ministerien, Milit&auml;r oder Gesundheitsbeh&ouml;rden mit Plattformunternehmen &ndash; wie Suchmaschinen, sozialen Medien, Versandh&auml;ndlern &ndash; reichen von der Gr&uuml;ndung gemeinsamer Startups &uuml;ber bezahlte Suchauftr&auml;ge, direktes Sponsoring, Datenanalyse und Datenaustausch bis hin zu Vertr&auml;gen &uuml;ber die Nutzung privater Cloud-Dienste und werden durch informelle Absprachen und Arrangements erg&auml;nzt.&ldquo; <\/p><p>Solche S&auml;tze werden heutzutage gerne als Verschw&ouml;rungstheorien gebrandmarkt. Dass sie aber nicht aus der Luft gegriffen sind, wei&szlig; mittlerweile jeder, der auf den genannten Plattformen regelm&auml;&szlig;ig mit Regierungskritik aufgefallen ist. Wer auf YouTube oder Facebook beispielsweise auf Widerspr&uuml;che und Ungereimtheiten der Corona-Politik hinweist, muss damit rechnen, dass sein Account gesperrt wird. Neuerdings flattern kritischen Journalisten oder Filmemachern sogar K&uuml;ndigungen ihrer Bankkonten ins Haus &ndash; ohne Angabe von Gr&uuml;nden nat&uuml;rlich.<\/p><p>Gen&uuml;gend Beweismaterial gibt es allerdings auch aus der Zeit vor Corona. Vogl erinnert an die Verstrickungen des Softwareunternehmens Palantir Technologies, das wie kein anderes die &Uuml;berg&auml;nge zwischen Finanz- bzw. Informationsindustrie, Sicherheitsdiensten und staatlichen Autorit&auml;ten repr&auml;sentiere. &bdquo;Finanziert von Privatinvestoren&ldquo;, schreibt der Berliner Professor, &bdquo;<em>venture capital<\/em> und CIA arbeitet es mit der Finanzbranche und mit Medienunternehmen (wie Thomas Reuters), mit US-Geheimdiensten und Einwanderungsbeh&ouml;rden, mit Gesundheits&auml;mtern in den USA wie in Gro&szlig;britannien, mit Polizeiapparaten von den Vereinigten Staaten bis Hessen oder Nordrhein-Westfalen zusammen und liefert Datenanalysen, die sich u.a. auf Mustererkennung und Softwarepannen, auf die Vorhersage von B&ouml;rsentrends, Kaufverhalten, Epidemien, Terroraktionen oder Straftaten &uuml;berhaupt beziehen.&ldquo;<\/p><p>Derartige Formulierungen lassen erkennen, dass der Text aus der Feder eines Wissenschaftlers stammt, der es gewohnt ist, seiner Prosa einen theoretischen Anstrich zu geben. In seinen S&auml;tzen wimmelt es nur so von Substantiven und abstrakten Begriffen, die es nicht unbedingt leicht machen, den Gedankeng&auml;ngen zu folgen. Als Strandlekt&uuml;re eignet sich &laquo;Kapital und Ressentiment&raquo; eher weniger. Wer die darin beschriebenen Zusammenh&auml;nge verstehen will, muss die eine oder andere Passage mehrmals lesen. Aber selbst dann k&ouml;nnte sich das Gef&uuml;hl einstellen, dass noch immer viele Fragen offengeblieben sind. <\/p><p>Angesichts des hohen Abstraktionsgrades erscheint es als unm&ouml;glich, alle L&uuml;cken selbst nach einer Relekt&uuml;re zu schlie&szlig;en. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass man danach mehr Fragen hat als vorher. Aber gerade darin besteht der Reiz dieses Buches, das Denkanst&ouml;&szlig;e liefert, indem es Leerstellen produziert. Die Leistung des Autors kann nicht hoch genug gesch&auml;tzt werden. Auf knapp 180 Seiten nimmt er sich eines Themas an, dessen Komplexit&auml;t eine einfache Darstellung schier unm&ouml;glich macht. Umso beachtlicher ist es, mit welcher analytischen Sch&auml;rfe Joseph Vogl die vielschichtigen Prozesse seziert. Die Ausf&uuml;hrungen bewegen sich auf einem intellektuell beachtlichen Niveau und zeugen von Esprit, der f&uuml;r das eine oder andere Aha-Erlebnis sorgt. <\/p><p>Auf relativ wenig Raum werden neue Machtformen im digitalen Kapitalismus skizziert, zu dessen wichtigster Ressource die Information geworden ist. Als Taktgeber fungieren hier die allbekannten Tech-Unternehmen, deren Macht daraus hervorgeht, dass sie nicht auf M&auml;rkten t&auml;tig sind, sondern sich selbst als M&auml;rkte installieren. Das macht sie zu Monopolisten und versetzt sie in eine Position, aus der sie ihre Nutzer animieren k&ouml;nnen, so viele Informationen wie m&ouml;glich preiszugeben. Vogl spricht hier von &bdquo;Produsern&ldquo;. Solche Sinnzusammenh&auml;nge machen &laquo;Kapital und Ressentiment&raquo; zu einem ungeheuer interessanten Werk, das &uuml;ber g&auml;ngige Auseinandersetzungen mit wirtschaftlichen Entwicklungen hinausgeht. Und auch wenn es in einer objektiven, neutralen Sprache geschrieben ist &ndash; kritische T&ouml;ne sind dennoch deutlich herauszuh&ouml;ren.<\/p><p><em>Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart, C. H. Beck Verlag, 224 Seiten, Hardcover, 18 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Corona-Krise fragen sich immer mehr Menschen, wer eigentlich das Sagen hat &ndash; staatliche Institutionen oder eher private Akteure aus der Wirtschafts- und Finanzsph&auml;re. Dabei hat sich sp&auml;testens seit der Finanzkrise 2008 offenbart, dass die Entscheidungsmacht in den H&auml;nden m&auml;chtiger Bankh&auml;user oder Hedgefonds liegt. 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