{"id":7534,"date":"2010-11-26T09:25:19","date_gmt":"2010-11-26T08:25:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7534"},"modified":"2014-02-17T10:44:18","modified_gmt":"2014-02-17T09:44:18","slug":"die-spd-ist-kein-ernstzunehmender-gegner-fuer-schwarz-gelb-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7534","title":{"rendered":"Die SPD ist kein ernstzunehmender Gegner f\u00fcr Schwarz-Gelb mehr"},"content":{"rendered":"<p>Nicht mehr die SPD, sondern die Gr&uuml;nen seien nun zum Hauptgegner der Kanzlerin geworden, so oder so &auml;hnlich war der Tenor nicht nur der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/merkels-verwandlung-die-kanzlerin-der-attacke-1.1027417\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a> zur Generaldebatte um den Haushalt des Bundeskanzleramtes.<br>\nWenn man sich <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/News\/6328\/20101124_regierungschaos_ohne_ende.html\">die Rede<\/a> des Fraktionsvorsitzenden der SPD, Frank-Walter Steinmeier anh&ouml;rte, dann kann man nur sagen: Die Kanzlerin hat sogar Recht, wenn sie die SPD als politischen Gegner ignoriert. Diese SPD, die Steinmeier mit seinem Debattenbeitrag repr&auml;sentierte, ist wirklich kein ernstzunehmender Gegner f&uuml;r diese schwarz-gelbe Regierung mehr. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><\/p><p>Was Steinmeier in der traditionell als &bdquo;Generaldebatte&ldquo; bezeichneten Aussprache zum Haushalt der Kanzlerin abgeliefert hat, war nicht mehr als bestenfalls verbalradikale Stilkritik, nicht mehr als das Selbstlob der Rolle der SPD in der Gro&szlig;en Koalition und eine peinliche Anbiederung, dass die SPD gegen&uuml;ber der FDP der bessere Koalitionspartner f&uuml;r die CDU\/CSU w&auml;re. <\/p><p>Statt eines alternativen Politikkonzepts bot Steinmeier allenfalls ein &bdquo;So Nicht&ldquo; oder ein &bdquo;Wir machten es besser&ldquo;. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion muss diese Schw&auml;che offenbar sogar selbst gesp&uuml;rt haben: In geradezu peinlicher Weise f&uuml;hlte er sich n&auml;mlich bem&uuml;&szlig;igt, die vorauszuahnende Replik der Kanzlerin vorweg zu nehmen: &bdquo;Der Fraktionsvorsitzende der SPD hat t&uuml;chtig geschimpft, aber er hat nicht gesagt, was die SPD anders machen w&uuml;rde&ldquo;, legte Steinmeier am Schluss seiner Rede der Kanzlerin in den Mund. Das war wohl ironisch gemeint, aber damit hat er in der Tat seine &bdquo;Generalabrechnung&ldquo; mit der Politik der Bundesregierung selbst treffend zusammenfasst. <\/p><p>Die H&auml;lfte seiner halbst&uuml;ndigen Redezeit verplemperte Steinmeier, indem er (f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse verbalradikal) das &bdquo;Regierungschaos ohne Ende&ldquo;, das &bdquo;Durcheinander&ldquo;, die &bdquo;Orientierungslosigkeit&ldquo; der Regierung anprangerte. Schwarz-Gelb habe es an &bdquo;Mut&ldquo;, &bdquo;Verl&auml;sslichkeit&ldquo;, &bdquo;Gewissenhaftigkeit&ldquo;, &bdquo;Pflichtbewusstsein&ldquo;, &bdquo;Fairness&ldquo; und &bdquo;Loyalit&auml;t&ldquo; fehlen lassen. Sie habe der &Ouml;ffentlichkeit ein &bdquo;Trauerspiel&ldquo; geliefert. Der Regierung fehle ein &bdquo;Kompass&ldquo;, es ginge &bdquo;mal H&uuml;, mal Hott&ldquo; und jeden Tag g&auml;be es einen &bdquo;neuen Streit&ldquo;.  Der &bdquo;Herbst der Entscheidungen&ldquo; sei eine &bdquo;Woche der Vertagungen&ldquo; gewesen. Er beklagte, dass die Kanzlerin f&uuml;r eine Anzeige Steuergeld verschleudert habe (&bdquo;Sparen Sie erst einmal die Millionenausgaben f&uuml;r diese Anzeigen.&ldquo;) Unser Land werde &bdquo;unter seinen M&ouml;glichkeiten regiert&ldquo;, so Steinmeiers Res&uuml;mee.<br>\nKaum jemand k&ouml;nnte bestreiten, dass diese Stilkritik falsch ist, aber hat die Sozialdemokratie an dieser Regierung nichts Inhaltliches auszusetzen?<\/p><p>Selbst zur FDP f&auml;llt Steinmeier nichts anderes ein, als dieser Partei widerspr&uuml;chliches Verhalten vorzuwerfen. Etwa, dass der derzeitige Wirtschaftsminister gegen alles gestimmt habe, was den &bdquo;Aufschwung begr&uuml;ndet&ldquo; habe, gegen die Kurzarbeit, gegen die Konjunkturprogramme gegen die &bdquo;Br&uuml;cke f&uuml;r die Automobilindustrie&ldquo;. &bdquo;Ich bin froh, dass die FDP nicht in der Regierung sa&szlig;&ldquo;, &bdquo;Warum kettet sich die CDU und ihre Parteivorsitzende an die FDP&ldquo;, &bdquo;f&uuml;r diese Politik gibt es keinen anderen Partner als die FDP&ldquo;,  so buhlte er darum, wieder auf der Regierungsbank neben Merkel sitzen zu d&uuml;rfen und so hoffte der die Verdienste der SPD in der Gro&szlig;en Koalition herausstreichen zu k&ouml;nnen. &bdquo;Dieses Vertrauen&ldquo; der Gro&szlig;en Koalition h&auml;tte die Regierung &bdquo;verschleudert&ldquo;. (Fragt sich nur, warum das Vertrauen der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in die SPD als Mitglied dieser Gro&szlig;en Koalition auf 23 Prozent abgesackt ist und seither in den Umfragen kaum gewachsen ist.) <\/p><p>Seine sch&auml;rfste Kritik an der schwarz-gelben Regierung kulminierte darin, dass sie &bdquo;n&uuml;chterner &uuml;ber b&uuml;rgerliche Tugenden&ldquo; reden m&ouml;ge, dass sie keine Politik des &bdquo;Gemeinsinns&ldquo; betreibe, wenn sie Hoteliers mit Steuerprivilegien, Versicherungskonzerne durch die Privatisierung des Gesundheitswesens &bdquo;schamlos&ldquo; bediene. &bdquo;Gesundheitsreform mit Beitragserh&ouml;hungen, das h&auml;tten auch Andere gekonnt&ldquo;. Wen meinte Steinmeier eigentlich mit den Anderen? <\/p><p>In der Sache hat Steinmeier eigentlich nur dort die Regierung angegriffen, wo er sich auf Entscheidungen seiner fr&uuml;heren Regierungszeit berufen konnte, also etwa auf den Atomkonsens. &bdquo;Sie rei&szlig;en alte gesellschaftliche Gro&szlig;konflikte wieder auf&ldquo;, rief er in den Plenarsaal. <\/p><p>Auch in der europ&auml;ischen Finanzpolitik beschr&auml;nkte er seine Kritik an der Kanzlerin auf deren Umgangsformen. Sie w&uuml;rde von den europ&auml;ischen Partnern &bdquo;nicht mehr verstanden&ldquo;, sie habe es &bdquo;mit den taktischen Spielchen &uuml;bertrieben&ldquo;, die &bdquo;Kleinen&ldquo; w&uuml;rden &bdquo;vor den Kopf gesto&szlig;en, wenn man nicht auf Augenh&ouml;he mit ihnen spricht.&ldquo; Auf dem Weg zu Entscheidungen, seien &bdquo;allzu viele Verletzte hinterlassen&ldquo; worden. So sei der Verdacht aufgekommen, &bdquo;wir h&auml;tten das Interesse an Europa verloren&ldquo;. Er behaupte nicht, dass das stimme &ndash; schob er bes&auml;nftigend nach -, aber &bdquo;wir haben unsere Glaubw&uuml;rdigkeit verloren&ldquo;.<br>\nAls einzigen sachlichen Vorschlag zur Europapolitik, mahnte Steinmeier ziemlich unpr&auml;zise einen &bdquo;ernsthaften Versuch zu einer Ann&auml;herung der Steuerpolitik&ldquo; an. <\/p><p>Weniger als Steinmeier in seiner Haushaltsrede kann eine Opposition als inhaltliche Alternativen eigentlich gar nicht anbieten:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Mit uns g&auml;be es diese Gesundheitsreform&ldquo; nicht. (Aber welche Reform g&auml;be es?)<\/li>\n<li>&bdquo;Wir haben Ihnen doch gezeigt, wie man eine Gemeindefinanzreform machen kann, ohne den Gemeinden das Geld weg zu nehmen.&ldquo; (Aber warum ist dann heute ein Gro&szlig;teil der Gemeinden faktisch pleite?)\n<\/li>\n<li>&bdquo;Wir haben eine neue Energiepolitik erst m&ouml;glich gemacht.&ldquo; (Zugegeben, da war der Atomkonsens, aber wurden mit der Abwrackpr&auml;mie Spritfresser nicht genauso gef&ouml;rdert wie Spritsparautos? Wo gab es Schritte zu einer dezentralen Energieversorgung, wurden nicht auch unter Rot-Gr&uuml;n und unter der Gro&szlig;en Koalition die Interessen der Energiemonopolisten bedient?)\n<\/li>\n<li>Mit uns g&auml;be es ein Programm &bdquo;soziale Stadt&ldquo;, das mit Inhalt gef&uuml;llt w&auml;re. (Welcher Inhalt das w&auml;re, hat er aber nicht gesagt.)<\/li>\n<li>&bdquo;Bei uns g&auml;be es die fixe Idee &uuml;ber Steuersenkungen nicht&ldquo;. (Haben aber Sozialdemokraten nicht eine Unternehmensteuersenkung nach der anderen (mit-) durchgesetzt? Musste man nicht geradezu von einem &bdquo;Steuersenkungswahn&ldquo; sprechen?)\n<\/li>\n<li>Bildung und Integration m&uuml;ssten finanziert werden. (Nun ja, wer fordert das nicht?)<\/li>\n<\/ul><p>Das war aber schon Alles an Alternative. Es war nicht mehr als das d&uuml;rftige Angebot eines Oppositionspolitikers, der offensichtlich kaum ein anderes Ziel hat, als die FDP als Koalitionspartner zu verdr&auml;ngen und sich der Kanzlerin wieder ans Bein ihres Hosenanzuges zu h&auml;ngen.<\/p><p>Wo war gerade in einer Haushaltsdebatte die Emp&ouml;rung &uuml;ber das unsoziale &bdquo;<a href=\"\/?p=6631?\">Sparpaket<\/a>&ldquo;. Es gab keine Kritik an der unsinnigen M&auml;r von Schwarz-Gelb, die von dieser Koalition schon durchgesetzten Steuersenkungen (etwa die Hotelierssteuer) schafften Wachstum und Besch&auml;ftigung. Kein Einwand gegen die Fortsetzung einer ausschlie&szlig;lich auf <a href=\"\/?p=4286\">Export orientierte Wirtschaftspolitik<\/a>. Nichts zu einer verfehlten Sparpolitik, die ausschlie&szlig;lich darauf baut, dass &uuml;ber Einsparungen auch <a href=\"\/wp-print.php?p=96\">Sparerfolge erzielt werden k&ouml;nnten<\/a>. Von Verm&ouml;genssteuer oder Spitzensteuers&auml;tzen keine Rede. Das Wort Sozialstaat taucht gar nicht erst auf. Die (wohl verfassungswidrige) Neubestimmung der Hartz IV-Regels&auml;tze oder die Streichung des Elterngeldes f&uuml;r Hartz IV-Bezieher kam mit keinem Wort vor. Kein Vorsto&szlig; gegen die Unt&auml;tigkeit, ja sogar Blockadehaltung der derzeitigen Bundesregierung bei der Bankenregulierung; nur zaghaft wurde angemahnt, dass die Regierung die Finanztransaktionssteuer nicht vorantreibe. Keine Gei&szlig;elung der <a href=\"\/?p=4307\">Luftbuchungen bei der Bildungsfinanzierung<\/a> und dem weiteren Abstieg in eine bildungspolitische Bananenrepublik. Geschweige denn, dass dem Besitzindividualismus und der neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsideologie ein sozialdemokratisches Gegenmodell oder eine alternative besch&auml;ftigungsorientierte Wirtschafts- und Wachstumspolitik entgegengesetzt wurde. <\/p><p>Es g&auml;be aus einer wirklich sozialdemokratischen Sicht noch Vieles mehr, das der Politik einer Regierung vorzuhalten w&auml;re, die die Lasten der Finanz- und Wirtschaftskrise nahezu ausschlie&szlig;lich auf dem R&uuml;cken der kleinen Leute abl&auml;dt.<\/p><p>Aber zu einer wirklichen &bdquo;Generalabrechnung&ldquo; ist Steinmeier gar nicht f&auml;hig. Er ist nicht daf&uuml;r bekannt, dass er jemals eine eigene Perspektive entwickeln h&auml;tte. Er verh&auml;lt sich vielmehr nach wie vor wie ein Karrierebeamter, der nur die Vorgaben anderer sauber umsetzen kann. (Deswegen auch sein Verharren bei der Kritik am Stil der Regierung.)<br>\nVor allem aber ist und bleibt Steinmeier Gefangener seiner eigenen vorausgegangenen Politik. Er reagiert gegen&uuml;ber der Kanzlerin wie das sprichw&ouml;rtliche Kaninchen vor der Schlange, stets in der Angst, sie k&ouml;nnten ihn mit seinem eigenen Tun in der Gro&szlig;en Koalition konfrontieren.<br>\nMit einer so gefesselten F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit ist die SPD in der Tat kein ernst zu nehmender parlamentarischer Gegner dieser Regierung mehr.<br>\nWenn die Sozialdemokratie gerade nach dieser Rede Steinmeiers nicht erkennt, dass sie mit solchen Verwaltern einer zur&uuml;ckliegenden gescheiterten Politik kein neues zukunftstr&auml;chtiges Alternativangebot zur derzeitigen Regierung anbieten kann, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie bald zur drittst&auml;rksten Partei, ja sogar zu einer Splitterpartei absinken wird. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht mehr die SPD, sondern die Gr&uuml;nen seien nun zum Hauptgegner der Kanzlerin geworden, so oder so &auml;hnlich war der Tenor nicht nur der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/merkels-verwandlung-die-kanzlerin-der-attacke-1.1027417\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a> zur Generaldebatte um den Haushalt des Bundeskanzleramtes.<br \/> Wenn man sich <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/News\/6328\/20101124_regierungschaos_ohne_ende.html\">die Rede<\/a> des Fraktionsvorsitzenden der SPD, Frank-Walter Steinmeier anh&ouml;rte, dann kann man nur sagen: Die Kanzlerin hat<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7534\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[163,135,191],"tags":[704,703,702,667,252],"class_list":["post-7534","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-atompolitik","category-finanzpolitik","category-spd","tag-gesundheitsreform","tag-hoteliers","tag-schwarz-gelb","tag-sparpaket","tag-steinmeier-frank-walter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7534"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20730,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7534\/revisions\/20730"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}